Untertan war, Mitbürger ist!

Liebe Gemeinde,
eine Gefängniszelle in Berlin. Ein Geistlicher in Untersuchungshaft. Rechtmäßig inhaftiert, weil er bewusst gegen Gesetze verstoßen hat. Er würde es jederzeit wieder tun. Ein unbelehrbarer Krimineller, eine Gefahr für Staat und Gesellschaft. Er macht unmissverständlich klar, dass er in der aktuellen Form mit beiden nichts anfangen kann.

Was tun mit so Einem und der Religion, die er repräsentiert? Diese Frage bewegt die Außenstehenden, sowie auch die eigenen Glaubensgenossen. Alle sind ratlos!

Reflexartig wird dann auf die Religion verwiesen. Sie könne ja nichts für ihre Vertreter. Außerdem, in der Schrift gibt es doch klare Anweisungen. Und tatsächlich,

im Römerbrief lese ich, 13. Kapitel, Verse 1-7.

Der beschriebene Geistliche kannte den Text.

Welches Bild baute sich auf Grund der Inhaftierung und des Textes bei Ihnen auf? Hatten Sie jemand mit dunklerer Haut, Fusselbart oder exotischer Kopfbedeckung vor Augen? Falsche Epoche!

Dies war 1937, der Inhaftierte war Pfarrer Martin Niemöller. Seine Gegner die Nazis, denen kam er in die Quere. Im Gefängnis lief ihm ein Pastor über den Weg. Dieser fragte ihn entsetzt: „Bruder, wie kann es sein, dass du im Gefängnis sitzt?“ Niemöller stellte eine Gegenfrage: „Bruder, wie kann es sein, dass du nicht im Gefängnis sitzt?“

„Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet.“

Niemöller konnte und wollte nicht glauben, dass das Dritte Reich von Gott eingesetzt wurde. Im Gegenteil, es war dazu angetreten Gott abzuschaffen. Dann gilt die Anweisung: „Sei ein Untertan der von Gott gewollten Obrigkeit“ natürlich nicht mehr. Und im Rückblick, wer würde ihm darauf heute widersprechen wollen?!

Keine Regel ohne Ausnahme, ließe sich jetzt vermuten. Aber Vergleiche mit dem Dritten Reich verbieten sich immer. Sie denken vielleicht, außerhalb von Extremsituationen hat die Mahnung des Römerbriefs ihre Berechtigung. Dies glaube ich nicht.

Zwei deutsche Revolutionen jähren sich in diesem Jahr, 2018. Beide wären nicht zustande gekommen, wenn jedermann der Obrigkeit untertan geblieben wäre. Nur weil dies angeblich von Gott angeordnet wurde.

Die eine Revolution war 1918, als der Kaiser seine Autorität verlor und aus Untertanen Bürger wurden. Die andere 1968, als alle Autoritäten infrage gestellt und teilweise abgeschafft wurden.

Konsequenterweise war einer der Vorwürfe gegen die damaligen Revolutionäre: Gottlosigkeit. Nicht verwunderlich, es wurde doch in nur 50 Jahren zerschlagen, was jahrtausendelang lang galt! Der Staat kümmerte sich um die öffentliche Ordnung. Die Kirche diktierte was ordentlich oder unordentlich ist. Die Religion schrieb den Menschen vor, wie sie zu leben hatten. Sehr oft sogar bei Dingen, die den Glauben nicht betrafen. Und der Staat, setzte dieses Diktat dann auch noch durch.

Könige und Kaiser beanspruchten gern im Titel „von Gottes Gnaden“, eingesetzt zu sein. Allerdings, wollte auch immer mal wieder Einer aus dem Spannungsfeld „Kirche – Staat“ in dem Machtbereich des Anderen spielen. So etwas ging nicht lange gut.

Das Täuferreich in Münster wollte Glauben und öffentliche Macht gemeinsam. Die Überlieferungen sind höchst unterschiedlich, je nachdem welchen Quellen Sie trauen. Die einen sagten, daraus resultierte eine Dauerparty fröhlicher und freier Menschen. Andere sagen, eine Schreckensherrschaft wie in einem modernen Kalifat des IS. (Bekanntlich kennen sie auch keine Trennung von Glaube und Politik).

Nicht immer scheiterten solche Versuche so schnell und spektakulär wie bei den Täufern oder den modernen Kalifen.

Auf den ersten Blick hat sich der Predigttext aus dem Römerbrief nach dem dritten Wort erledigt. Er begann: „Jedermann sei untertan …“. Die damaligen finsteren Zeiten haben wir weitestgehend überwunden. „Untertanen“ gibt es fast nicht mehr.

Manche Behörde wird noch so geführt, auch einige wenige Firmen. Ein Sonnenkönig oder -königin regiert, darunter viele kleine Unter-Sonnenroyals. Diese Hierarchie traut den weiter Untenstehenden nichts zu. Glücklicherweise werden diese beschriebenen Dinosaurier auch untergehen.

Ein Roman war lange Zeit Pflichtlektüre an Schulen. Er beschreibt das Problem ebenso süffisant wie treffend. In „Der Untertan“ von Heinrich Mann wird die Geschichte eines solchen Menschen des Kaiserreichs erzählt. Ein Mitläufer, der Schwächere tyrannisiert und sich obrigkeitshörig Stärkeren unterordnet. Er hat weder Zivilcourage noch Mumm.

Das Buch endet mit einer vorhersagbaren Katastrophe. 1914 wurde es geschrieben und nahm den kommenden realen Untergang vorweg. Ein System, das Untertanen voraussetzt, ist nicht trag- und überlebensfähig.

Interessant: Jesus hatte keine Untertanen. Jünger und Apostel, Mitarbeiter auf Augenhöhe. Kein Verhältnis König – Untertan. Und das Reich Gottes? Dort sind wir auch keine Untertanen. Sondern, wie es in der Schrift heißt: „Bürgerinnen und Bürger“.

Warum hat die organisierte Religion, seit ihren Ursprüngen, Angst quer zum Staat und seinen Repräsentanten zu liegen?

Das Alte Testament sieht das ganz sachlich, unaufgeregt. Da gibt es gute Könige, mittelmäßige und schlechte. Aber damals meinten sie, besser ein furchtbarer, ungerechter und untragbarer König als garkeiner.

Anarchie und der Rückfall zum Faustrecht scheinen die einzigen, schlechteren Alternativen gewesen zu sein. Die Propheten hatten keine Scheu, Königen und Untertanen Gottes Strafe und ihren Untergang wegen ihrer Taten anzusagen. Allerdings wären sie nie auf die Idee gekommen, die Herrschenden abzusetzen.

Im Neuen Testament mag Paulus auch nicht an bestehenden Ordnungen rütteln. Einem Sklaven empfiehlt er, schleunigst wieder zu seinem Besitzer zurückzugehen.

Dieses Tun war von Angst geprägt. Das Christentum war noch jung und könnte ein schnelles Ende nehmen. Also durfte es von den Mächtigen nicht als Konkurrenz und Gefahr erkannt werden. Ausrottung wäre die Folge gewesen.

Auch bei Martin Luther war es wohl so. Er hatte sich nicht auf die Seite der ausgebeuteten, versklavten und nun aufrührerischen Bauern gestellt. Er hat sogar gegen sie geschrieben.

Als Überlebensstrategie hat es sich bewährt, „jedermann sei untertan der Obrigkeit“. Ob es auch richtig war, lässt sich aus der zeitlichen Distanz nicht beurteilen. Ich traue mir darüber kein Urteil zu.

Die Zeiten ändern sich und damit auch die Bedeutungen, die die Texte für uns haben. Vor 2000 Jahren konnten es sich die Menschen vorstellen, dass Obrigkeiten von Gott eingesetzt waren. Für uns heute erscheint dies absurd. Genauso unmöglich ist es zu erwarten, dass die Inhalte der antiken Schriften 1:1 auf heute übertragbar wären.

Ersetzen wir das Wort „Untertan“ durch „Bürger“. Heute haben wir zwei Jahrtausende mehr Erfahrung als Paulus. Und plötzlich ändert sich erheblich, dass was er damals schrieb.

Jetzt passt die Formulierung auch in unseren christlichen Glauben: „Jedermann sei Bürger der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.“

Zwei Dinge wären dann berücksichtigt. Erstens hat der Staat nicht nur eine Verpflichtung gegenüber seinen Bürgern, sondern auch die Bürger gegenüber ihrem Staat. Zweitens, viel wichtiger: Das Evangelium wird erst durch seinen radikalen Situations- und Weltbezug zum Evangelium.

Der Mensch ist nur in seinen Beziehungen zu anderen Menschen beschreib- und verstehbar. Also gibt es da draußen keine große, böse Welt und daneben, hier drin, eine Parallelwelt des Glaubens. Glauben gibt es nur mit meinen Mitmenschen, wie die Bibel es nennt: meinen Nächsten.

Glauben findet nicht im Himmel statt, sondern auf der Erde. Und egal unter welcher Obrigkeit auch immer. Das Reich Gottes ist mitten unter uns angebrochen. Wir brauchen keinen Rückzugsort mehr an dem andere Gesetze gelten. Wir können unseren Glauben offen leben.

Gott sei Dank!

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Sebastian Kuhlmann.)

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