Frei vom Ich, frei für dich!

(Der Predigt voraus ging ein Anspiel mit drei Personen in Erinnerung an Luthers Aufenthalt in Jena auf der Reise nach Wittenberg am 3. März 1522. Erhältlich beim Autor unter jmusiolik@aol.com)

Der eben gezeigte Begegnung von Martin Luther, ritterlich gekleidet bzw. verkleidet,  mit anderen Reisenden in Thüringen  hat sich wirklich so zugetragen. Im März 1522 droht in Wittenberg die Reformation zur Revolution umzuschlagen. Luther entschließt sich, die Wartburg zu verlassen, auf eigene Faust. Dort hatte er sich versteckt gehalten, denn sein Leben war in Gefahr nach der Verurteilung auf dem Wormser Reichstag. Nun verlässt er die sichere Burg auf eigene Verantwortung Richtung Sachsen. Im Gasthof Schwarzer Bär zu Jena kehrt er für 2 Nächte ein. Danach hat er eine Woche lang täglich in Wittenberg gepredigt und die Wogen geglättet.

Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ war damals der Renner. Darin schildert er den Gläubigen als eine Art Chamäleon. Er kann sich einerseits ganz viel heraus nehmen in christlicher Freiheit, niemand untertan. Andererseits kann er sich unterordnen und anderen dienen, freiwillig jedermann untertan.

Wie ist das möglich? Nur Jesus macht das möglich. Ohne Jesus gelingt das nicht. Im Gegenteil werden wir niedergehalten von der Laune und der Macht anderer. Zusätzlich werden wir befeuert und gesteuert von  unseren eigenen Gelüsten und schlechten Gewohnheiten.

Luther hat gelitten darunter. Er wollte frei werden davon. Aber wie? Mit Absicht habe ich für das Titelbild vom Programmblatt die Szene gewählt, wie bei Stotternheim der junge Martin, Student im ersten Semester, auf  dem Heimweg bei Stotternheim in ein Gewitter gerät. Direkt neben ihm kracht der Blitz in den Baum, wirft ihn zu Boden. In Todesangst schreit Luther: „Hilf, heilige Anna, ich will Mönch werden!“

Damit wollte er die Hilfe ergreifen, die die Kirche allen anbot, die Gutes tun wollen. Die Gott gefallen wollen. Die in Angst leben angesichts ständig drohender Gefahren wie Krankheit, Krieg, raschem Tod. Ohne die Gewissheit, finde ich dann Aufnahme im Himmel oder muss ich in der Hölle erst mal meine Raten abzahlen.

Wie kann ein Christ hier Frieden finden? Luther war verzweifelt. Die Entsagungen des Klosterlebens halfen ihm nicht weiter. Die Wallfahrt nach Rom, zu Fuß im Winter über die Alpen, half ihm nicht weiter. Erst über dem Lesen der Heiligen Schrift, speziell von Abschnitten im Römerbrief wie hier Kapitel 7, schloss sich ihm das Rätsel auf: Woran es liegt, dass wir immer wieder scheitern im Leben trotz unserer guten Vorsätze. Er fand die Lösung. Wir nennen diese Sternstunde das Turmerlebnis. Die Wittenberger Studenten, die bei Dr. Martin Luther im Hörsaal saßen, merkten schnell: Da ist einer im Herzen getroffen und verwandelt.

Jetzt mag jemand sagen: Ist das denn wirklich so schlimm? Dieses Auseinanderfallen von Theorie und Praxis. Das kennen wir doch alle aus der ersten Januarwoche. Wenn wir mit guten Vorsätzen ins neue Jahr starten und nach einigen Wochen ist wieder alles beim Alten. Der Mensch ist schwach, er ist ein Gewohnheitstier, so what?

Dabei gibt es einen Ausweg. Luther hat ihn entdeckt. Paulus hat ihn entdeckt. Und du darfst auch durch diese Tür gehen, die in die Freiheit führt.

Wie viele haben nach ihr gesucht. Wie jener beliebte Londoner Arzt Dr. Jekyll, von dem Robert Lewis Stevensons Novelle erzählt. Musikalisch vertont im Musical Jekyll and Hyde. Ein Stück daraus haben wir am  Anfang des Gottesdienstes gehört. Der Arzt Dr. Jekyll forscht in seinem Laboratorium. Niemand darf dabei sein, er schließt sich stets ein. Sein Assistent hört unheimliche Geräusche aus dem Labor und vermutet Einbrecher. Aber der böse Eindringling kommt nicht von außen. Es ist Dr. Jekyll selber, der einen Trank gebraut hat, mit dem er das Böse im Menschen bekämpfen will. Er probiert das Serum an sich selber aus. Er will die böse Komponente isolieren und so beseitigen. Jekyll nimmt das Serum ein und verwandelt sich in den gewissenlosen lasterhaften Mr. Hyde. Hyde zieht nachts durch die Straßen und macht die Stadt unsicher. Am frühen Morgen kehrt er heim, nimmt das Gegenmittel. Aus dem Strolch wird wieder der biedere Arzt. Mit der Zeit braucht es eine immer stärkere Dosis für die Rückverwandlung, für die Befreiung aus der Macht des Bösen.

In dem anfangs gehörten Stück aus dem Musical ist dieser Kampf der beiden Wesensarten anschaulich, ja beklemmend eingefangen. Jekyll singt sozusagen Tenor und Bass abwechselnd. Immer wieder wird er unterbrochen von seinem zweiten Ich. Das droht ihm und kündigt ihm an, es lasse sich nicht eindämmen. Es werde ihn in den Abgrund ziehen.

Viele Künstler haben diese Tragik, diese Zerrissenheit eingefangen. Goethe, Faust: ,  „Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust, die eine will sich von der anderen trennen“. Die Künstler bringen uns diese Not nahe mit einem Drama, einem Roman, einem Gemälde. Wir sehen es und leiden mit. Wir kennen die Bilder von Vincent van Gogh, oder die Queen Klassiker mit Freddy Mercury, und haben das Schicksal der Autoren vor Augen. Scharf und treffen und viel ehrlicher, als es sich Christen zu sagen trauen, decken die Künstler die Laster, die Sünden der Welt auf. Sie enthüllen das Problem messerscharf. Aber sie nennen keine Lösung. Denn sie kennen keine Lösung.

Die Bibel schon. Auch in der Bibel begegnen uns Schicksale von zerrissenen Menschen, gespaltenen Persönlichkeiten. Die einen sind gescheitert, andere erlebten Befreiung.

Da ist König Saul. Zu großem berufen. Der Prophet Samuel kürt ihn zum Anführer. Saul hat Erfolg. Aber er ist ein Alphatier, duldet keinen neben sich mit gleichen Qualitäten. Saul ist impulsiv und unbeständig.  Der biblische Erzähler blickt noch tiefer (1Sam 16,14-19+23 lesen). So kommt David an Sauls Hof als Musiktherapeut. Eine Job mit hohem Berufsrisiko: (Kap 18,10-15 lesen). Sauls Leben endet tragisch. Auf dem Schlachtfeld, und vorher hat er sich von einer Wahrsagerin die Toten befragen lassen.

Wir sehen: Das Hin und Her, das jeder von uns kennt im Alltag, das Auseinanderfallen von bester Absicht und kümmerlicher Ausführung. Das ist nicht einfach typisch menschlich und verzeihlich. Es kann zu einem Gefälle kommen, jekyllmäßig, saulmäßig.

Ähnlich bei Simson. In der Zeit der Bedrückung Israels durch die Philister nimmt er es als einziger mit diesen Gegnern auf. Zwar sind sie meist  in der Überzahl. Trotzdem schlägt er sie in die Flucht. Ein Kraftprotz, ein Haudegen. Vor einer Keilerei muss er nicht lange überlegen, und vor einem Flirt auch nicht. Kein Philister und keine schöne Frau ist vor Simson sicher, wenn er wieder einen Testosteronschub kriegt. Delila wickelt ihn um den Finger. Ihr vertraut er sein Geheimnis an. „Meine Kraft ist nicht einfach angeboren. Sie hängt zusammen mit meinem Glauben, mit dem Glauben seiner Vorfahren. Ich bin ein Geweihter des Herrn. Durch ein Gelübde meiner Eltern, ich darf keinen Wein trinken und die Haare nicht schneiden lassen. Sonst weicht Gottes Schutz und Kraft voin mir. Delila steckt das den Philistern. Die verpassen Simson einen Kurzhaarschnitt, und seine Kraft ist dahin.

In einem ähnlichen Zwiespalt lebt auch der junge Martin Luther. Die Kirche seiner Zeit wusste um die Not des Menschen., Und sie besaß die Lösung, in der Bibel angeboten. Aber das war in Vergessenheit geraten. Es war ja viel bequemer die alten Lehrbücher in den Klöstern nachschreiben lassen als sich selber neu an Hand der Bibel orientieren. Außerdem, der Laden lief ja.

Statt also die göttliche Medizin darzureichen, braute die Kirche ihr eigenes dünnes Wässerchen. Davon hat Martin Luther getrunken und sein Durst wurde immer größer.

Bald wird ihm deutlich: Die Kirche hat sich Jahrhunderte lang unterlassener Hilfeleistung schuldig gemacht. Ihre Lösung lautete: Tu Gutes, streng dich an. Reicht es nicht, dann eile zum Altar, zu den Sakramenten. Da kriegst du Vergebung., Natürlich unter Auflagen: Spenden, gute Werke tun, eine Wallfahrt unternehmen.. So scheuchte die Kirche die Leute hin und her, und sie fanden keinen Frieden. Keine Gewissheit.

Jetzt könnte jemand sagen: Na ja, das ist vielleicht ein spezielles Problem von Leuten die Gott suchen. Eine religiöse Neurose. Sie möchten Gott gefallen und kriegen es nicht gebacken.

Aber seien wir ehrlich: Dieser Widerspruch, das was einem innerlich klar ist, doch nicht sagen, doch nicht tun, das kennen wir alle. Ihr Konfis habt bisher brav gemacht oder machen müssen was Vati und Mutti erwarten. Und nun erwacht euer eigener Wille, eure eigene Persönlichkeit. Was ist richtig, was will ich selber? Wem gestatte ich Einfluss auf mich? Bei euch im Teeniealter ist die Zerrissenheit eigentlich normal und gesund. Irgendwann ist man dann damit durch. Aber auch als Erwachsene erleben wir immer noch diese inneren Widersprüche. Nur wir haben sie domestiziert, eingepreist. Immer noch schwanken wir zwischen guter Absicht und dann doch der Versuchung erliegen, aber das bringt uns nicht aus dem Gleichgewicht.

Wir sagen dann: Okay, hat mal wieder nicht hingehauen mit dem Diätplan, als ich auf der Fete am kalten Buffett mit den leckeren Häppchen vorbei kam. Okay, eigentlich wollte ich im Internet nicht auf diese Seiten gehen. Aber dann bin ich doch wieder auf ihnen gelandet. Und habe einen Haufen Geld verspielt.

Aber na ja, das tun wahrscheinlich alle. So dachte auch Levi, der Zöllner bei der Schranke am Stadttor. Mit schlechtem Gewissen sitzt er da und drückt den Stempel mit dem römischen Wappen auf den Passierschein. Gegen fette Gebühr. Als Jude lässt er sich von den Besatzern einspannen gegen seine Überzeugung, gegen seine Mitbürger. Seine Überzeugung ist geprägt von den 10 Geboten. Von seinem Glauben. Aber er schafft es nicht, im Alltag danach zu leben. Und wenn er den Job nicht macht, tuts ein anderer. Aber Levi hat eine Familie zu ernähren.

Und so sind wir alle im Alltag gefangen in Widersprüchen, in Gesetzmäßigkeiten, denen wir nicht entrinnen können. Unser Notgroschen auf der Bank oder die Altersversorgung bei der Lebensversicherung destabilisiert vielleicht gerade den Euro. Für dein Handy haben vielleicht chinesische Frauen unter miesen Arbeitsbedingungen geschuftet. Den Stein für unsere Grabplatte haben indische Kinder für einen Hungerlohn zurecht gehauen. Das Hähnchen auf dem Teller hat in seinem kurzem Leben kein Tageslicht gesehen und obendrein für Keime gesorgt, gegen den immer mehr Antibiotika machtlos sind. Wir wollen das alles nicht, und sind doch gefangen in diesen Gesetzmäßigkeiten. Und dann sitzt da ein netter Landwirt und sagt: Ich liebe meine Küken. Aber wir richten uns doch nur nach dem Markt. Und der Verbraucher, also du, will das doch. Ihr wollt das doch! Ihr seid alle Komplizen.

Das ist das Problem, von dem Paulus schreibt. Und er beruhigt sich nicht damit, dass das doch alle tun. Er endet mit dem Aufschrei: Ich elender Mensch! Wer holt mich da raus. Wer befreit mich davon, sehenden Auges immer mehr Schaden anzurichten und mich am Ende daran zu gewöhnen?

Zum Glück kennt Paulus einen Ausweg, der auch uns offen steht: „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn!“ Der kann uns aus diesem Dilemma rausreißen, wie er den Levi rausgeholt hat. Und viele andere: Den Zachäus, Maria Magdalena und wie sie alle heißen. Hat sie weggeholt aus den Bindungen und Abhängigkeiten, aus denen sie sich alleine nicht mehr befreien konnten. Komm mit mir, sagt er zu Levi, ich zeige dir ein neues Leben ohne diese alten Verstrickungen. Jesus zeigt neue Wege, wo alle behaupten, es gäbe keine. Er sagt: Ich bin da. Folge mir. Komm mit. Werde ein ganzer, ein klarer, ein aufrechter Mensch ohne verborgene Hintergedanken. Der sich jeden Morgen mit Freude im Spiegel ansehen kann. Werde ein Mensch des Lebens. Ich bin da. Folge mir. Komm mit auf meinen Weg.

Der Levi hat diesen Aufbruch  richtig gefeiert. Hat seine Kollegen eingeladen, und die ganze Hütte war voll mit sehr gemischtem Publikum. Und Jesus samt Jüngern mittenmang: (Lk 5, 27-30) lesen.

Genau: „Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen“ Jesus ist ein Freund der Sünder. Gott liebt den Sünder!

Vorher dachte Luther wie seine Zeitgenossen: Gott hasst die Sünde, also hasst Gott mich, den Sünder. Jetzt hat er entdeckt: Gott verneint die Sünde, aber mich, den Sünder, liebt er.

Luther hat heraus gefunden: Jesus bringt totale Befreiung. Nicht nur Vergebung der Sünden. Die Antwort auf das Problem der Sünde ist nicht bloß: Vergebung. Das Kreuz zeigt nicht nur die Gabe der Sündenvergebung. Es ist das Zeichen wirksamer Erlösung, und im Gefolge davon die Vergebung.

Auf den Lutherporträts siehst du diese Verwandlung. Da ist die Zeichnung als Mönch, eine hagere, ernste Gestalt. Verbissen versucht er noch härter gegen sich zu sein als die andern Novizen. Auf den späteren Bildern sieht er entspannt aus. Frei vom ich, frei für dich, Gott.

So darfst du  leben. Auch als Bekehrter, als gläubiger Christ musst du nicht mehr ängstlich fürchten: Wird mich Gottes Geist irgendwann verlassen wie den Saul, wie den Simson. Zieht Gott sich zurück, weil ich schon wieder versagt habe, weil ich nicht treu genug war? Nein, er bleibt an meiner Seite, geht mit durch dick und dünn.

Confrontation, das Stück aus Jekyll und Hyde haben wir am Anfang des Gottesdienstes gehört. Diese Konfrontation bleibt, die schlechten Gewohnheiten in dir, arge Gedanken, Unlust, Verzagtheit. Du musst nicht warten, bis das Gute wieder siegt. Das Gute siegt nie! Aber der Gute, Christus, hat schon gesiegt, hat überwunden am Kreuz. Ihn wollen wir ehren und rufen: Danke Herr, nun bin ich frei vom Ich, frei für dich!

drucken