Baut Häuser und pflanzt Gärten!

Predigt am 21. Sonntag nach Trinitatis am 21.10.2018
Predigttext: Jeremia 29, 1.4-7.10-14

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde!
Baut Häuser und pflanzt Gärten! Der heutige Predigttext ist wie geschaf-fen für das Ammerland. Als wäre er extra für die Menschen hier in der Region geschrieben. Baut Häuser und pflanzt Gärten! Das tun die Ammerländerinnen und Ammerländer doch sehr gerne! So ein handfester, alltagsnaher Predigttext!

Ich werde ihn einmal im Zusammenhang vorlesen, und dann werden wir schauen, was es auf sich hat mit dem Hausbau und der Gartenarbeit. Der Predigttext steht beim Propheten Jeremia im 29. Kapitel.
– Vorlesen-

Der Predigttext hat so viele Parallelen zu den Menschen im heutigen Am-merland.
Seine Zeit ist das 6. Jahrhundert vor Christus. Sein Ort ist Babylonien, der heutige Irak. Der babylonische König Nebukadnezar hatte mit seinen Truppen Jerusalem besetzt und die Oberschicht der Israeliten nach Baby-lonien deportiert.
Ein Psalm erzählt davon, dass die Israeliten daraufhin an den Flüssen in Babylon sitzen und weinen. Die Älteren von Ihnen erinnern sich vielleicht noch an das Lied von Bonny M. „By the rivers of Babylon“, das genau davon erzählt. Die Israeliten klagen über ihr Schicksal. Sie sehnen sich nach ihrem alten Leben.

Und genau in diese Situation hinein ist der Brief des Propheten Jeremia geschrieben. Er sagt: Erst in 70 Jahren wird sich etwas verändern, nicht heute und nicht morgen, nicht bei Euren Kindern und Enkeln, sondern wohl erst bei Euren Urenkeln. Und Jeremia rät dazu: Denkt nicht nur, wie es wäre, wenn alles anders gelaufen wäre. Sondern: Lasst Euch auf Euer Leben ein. Findet Euch damit ab, wie das Leben jetzt ist. Stellt Euch auf das ein, was Euch begegnet. Versucht nicht, dem zu entfliehen, sondern lebt mit dem, was ist. So sei es Gottes Wille, sagt er. Und er fügt hinzu, wie die Umsetzung des göttlichen Willens aussehen könnte: Nämlich Häuser zu bauen und Gärten zu pflanzen.

Im Ammerland erlebe ich es tatsächlich sehr oft, dass der Garten nicht nur Hobby ist, sondern auch eine Medizin. Gartenarbeit kann den Kopf freimachen. Sie kann von Sorgen ablenken. Die Bewegung im Garten kann dem Körper gut tun. Die frische Luft kann den ganzen Menschen erfrischen. Der Aufenthalt im Garten kann dazu beitragen, innerlich geer-det zu sein .
Ich glaube nicht, dass der Prophet Jeremia den Garten in dieser Weise als
Medizin und Wohltat verstanden hat. Aber die Häuser und die Gärten sind sein Bild geworden für das Sesshaftwerden, für das Ankommen in der Realität und in der Gegenwart. Und in dieser Weise gelten die Bilder von Haus und Garten heute immer noch.

Die Situation der Israeliten im Exil war eine absolute Krisensituation. Sie waren rausgerissen aus allem, was für sie vertraut war. Alles war anders. Ich stelle es mir vergleichbar vor mit dem, was geflüchtete Menschen er-leben. Der Heimat entwurzelt zu sein, muss eine schwerwiegende Erfah-rung sein. Als wäre der Boden unter den Füßen weggezogen.
Ich verstehe die Erzählung vom babylonischen Exil aber auch im übertra-genen Sinne für alles, wo wir nicht im Einklang sind mit uns selber. Alles, das uns in unserem eigenen Leben und in dieser Welt fremd sein lässt.

Mag sein, dass Sie selber schon einmal die Erfahrung gemacht haben, wie das ist, wenn man aus allem Vertrauten herausgerissen wird. Das, was bisher getragen hat, trug auf einmal nicht mehr. Da gab es eine Krankheit, Unfrieden, Sorgen, Tod.

Erlebnisse, die in bestimmter Weise doch etwas gleich haben mit der Le-benskrise der Menschen in Babylonien: nämlich plötzlich dazustehen ohne alles, was bisher Beheimatung und Geborgenheit geboten hat.
Das sind ja Situationen, in denen einem weder für einen selber noch für andere kluge Ratschläge in den Sinn kommen und in denen man ahnt, dass Aktionismus eher schaden könnte.

Umso beeindruckender ist es dann, wenn man erleben darf, wie Menschen es schaffen, sich auch nach Krisen stückweise ein bisschen Alltag zurück-zuerobern. Oder wenn man das sogar selber schafft. Und zu diesem Weg gehört eben im Ammerland nicht selten die Gartenarbeit. Das Umziehen in eine andere Wohnung oder sogar der Hausbau, von dem im Predigttext die Rede ist, sind dann schon sehr große Schritte des Neuanfangs. Aber das Arbeiten im Garten ist vielen Menschen eine Hilfe, mit dem, was im Leben schwierig ist, umzugehen. Das haben mir schon oft Leute hier im Ammerland erzählt.

Jeremia verkündet Gottes Wort: Baut Häuser und pflanzt Gärten! Heiratet und gründet Familien!
Gemeint ist: Gebt nicht auf! Lebt! Habt Anteil am Leben! Gestaltet es mit! Setzt darauf, dass es weiter geht!

Jeremia macht Mut, den neuen Wegen im Leben zu vertrauen. In der Trauerarbeit habe ich gelernt, dass man gerade in Krisenzeiten auf das zurückgreifen soll, was einem auch im normalen Alltag gut tut. Jeder und jede weiß am besten selber, was das für sie ist: Der Garten, das Lesen, die Musik, Teilnahme am Gottesdienst, Gäste einladen und andere besuchen, Arbeit. Niemand kann für andere sagen, was gut für sie ist. Wir als Kirche sollten alles unterstützen, was nach Neuanfang aussieht, nach Hoffnung und Vertrauen. Niemand sollte über mutige Anfänge spotten oder sie schlecht reden. Und wenn wir uns selber auf den Weg machen, dürfen wir Gott an unserer Seite wissen.

Jeremia sagt: Betet für euren Ort und für euer Land zu Gott, dass es allen Menschen dort gut gehen soll. Mit dem Beten fangen wir an, unser Ver-trauen auf Gott zu setzen. Er kann die größte Last zum Guten wenden im Kleinen und im Großen. Jeden Sonntag wenden wir uns deshalb hier im Gottesdienst mit unserem Gebet an Gott.
Ich finde es sehr schön, dass unser Predigttext zwei Seiten zusammenfügt: Das Gebet, das wir brauchen und unsere Fürbitte, die andere brauchen . Etwas, was oft still und unsichtbar geschieht und wirkt. Und dann das Sichtbare, das sich in konkreten Schritten zeigt. Deshalb sagt Jeremia: Vertraut den neuen Wegen! Vertraut Gottes Gnade!
Baut Häuser und pflanzt Gärten! Nicht nur in Babylonien, sondern auch im Ammerland! Amen.

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