Richtiges Leben im Falschen

Predigt über Jer 29, 1-14

  1. So n. Trititatis, Rhe IV, 21.10. 2018

 

 

Die Gnade Jesu Christi

Und die Liebe Gottes

Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

Sei mit uns allen.

  1. Kor 13, 13

 

Liebe Gemeinde,

wann haben Sie das letzte Mal einen Brief bekommen, einen richtigen Brief?

Keine Rechnung, keine Werbung … auch keine Urlaubskarte oder einen Geburtstagsgruß?

Sondern einen richtigen Brief?

Bei mir ist es schon ein Weilchen her.

Und ich muß gestehen, daß auch ich schon länger keinen Brief mehr geschrieben habe. Eher schreibe ich E-Mails oder WhatsApp Nachrichten, oder ich telefoniere. Briefeschreiben ist ziemlich out.

Das finde ich schade, denn Briefe haben eine Qualität, die die meisten anderen Mitteilungsweisen, die ich eben genannt habe, vermissen lassen. Briefe werden oft mit Bedacht geschrieben. Den Füller oder Kugelschreiber über das Papier zu führen braucht mehr Zeit als in die Tasten schlagen. In Briefen scheint zudem oft die Persönlichkeit ihres Autors oder ihrer Autorin auf. Und: Briefe können überdauern. Sie werden aufgehoben und weitergegeben. Man kann sie immer wieder lesen.

Anfang des Monats war ich in einer Lesung mit Hannelore Hoger[1], in der sie u.a. Briefe vorgetragen hat. Liebesbriefe, vor allem Abschiedsbriefe. Briefe von Marlene Dietrich und Simone de Beauvoir, von Alma Mahler-Werfel und Paula Modersohn-Becker. Es war nicht nur der Vortrag dieser Schauspielerin, der diese Briefeschreiberinnen lebendig werden ließ, sondern auch die Gedankengänge und Wortwahl der Briefe.

Als Predigttext hören wir heute einen Brief, der noch wesentlich älter ist als die eben genannten, nämlich 2600 Jahre alt. Der Prophet Jeremia hat diesen Brief geschrieben und an eine Gruppe von Juden geschickt, die während des Krieges aus Jerusalem verschleppt wurden und nun in Babylon sind, im Feindesland. Sie sind verzweifelt, abgeschnitten von ihren Familien und Nachbarn, abgeschnitten von dem Tempel in Jerusalem, wo Gott verehrt wird.

An diese Menschen schreibt Jeremia. Doch eigentlich führt Gott ihm die Feder. Und eigentlich ist es ein Liebesbrief, sage ich, den er da schreibt. Kein Liebesbrief, in dem die Schönheit des oder der Geliebten beschworen wird und er oder sie über den grünen Klee gelobt und in den Himmel gehoben wird. Auch kein Liebesbrief, in dem das Unmögliche versprochen wird: Der Mond und die Sterne und daß es rote Rosen regnen soll. Und doch ein Liebesbrief, der auch die Enttäuschung der Liebenden übereinander nicht ausspart … ein ehrlicher Liebesbrief also.

Doch hören Sie selbst:

 

Predigttext verlesen

 

Der Brief beginnt mit einer Reihe von Befehlen, die den Alltag betreffen. Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. (V 5f)

Richtet euch ein in der Stadt, in die ihr gegen euren Willen gebracht wurdet. Richtet euch auf Dauer ein. Lebt nicht in Zelten oder Baracken, sondern in Häusern. Pflanzt Gärten, nicht nur mit Radieschen und Salat, schnell gesät, geerntet, verzehrt, sondern mit Bäumen, die eine Weile brauchen bis sie blühen und Früchte tragen. Bäume, die sich einwurzeln in das Land, in dem ihr nun leben müßt. Bäume, die auch Wurzeln schlagen in euren Herzen, in deren Schatten ihr sitzen werdet, und deren Schatten euch dann so vertraut sein wird wie die Form eurer Hände.

Und bringt selber Frucht. Heiratet, habt Kinder und zieht sie groß. Auch das wird euch verwurzeln in diesem fremden Land. Einem Land, das ihr euch nicht selbst ausgesucht habt.

Man könnte jetzt sagen: Dieses Schreiben ist ein Aufruf zur Integration.

Doch es geht ja noch weiter in diesem Brief.

Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. (V 7).

Nochmals: Werdet heimisch. Lebt nicht im Feindesland und als fünfte Kolonne, sondern bringt euch dort ein im Guten, dann geht es auch euch gut. Und: Betet für die Stadt, für den Ort, an dem ihr jetzt lebt. Betet zu Gott. Und Gott wird sich finden lassen. Denn Gott ist nicht zurückgeblieben. Gott geht mit, auch in die Fremde.

Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, (V13, 14a)

Ihr findet Gott im hier und heute, nicht in der Vergangenheit, die sich bei manchem verklärt: Der schöne Tempel auf dem Zionsberg. Die wunderbaren Feste, die wir dort jahrein, jahraus gefeiert haben.

Oder für uns: die lebendige Jugendarbeit, die vollen Gottesdienste und die tollen Gemeindefeste damals, als wir jünger waren und der Pastor hier in M. wohnte – oder wir einen Diakon in F. hatten.

Ihr findet Gott im hier und heute. Ihr findet Gott in den Verhältnissen, wie sie sind, nicht wie wir sie uns wünschen.

 

„Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ – vielleicht kennen Sie diesen Spruch des Philosophen Theodor W. Adorno. Auch er war im Exil, als er diesen Satz schrieb.

„Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ Damit beschreibt er die Schwierigkeit, sich irgendwo häuslich einzurichten, wenn man einmal entwurzelt wurde, gehen, ja fliehen mußte. Das kleine, private Glück in einer Welt voll Unrecht und Gewalt – das gibt es nicht, meint Adorno.

„Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ – für manche ist dieser Satz ein Ansporn sich aufzulehnen gegen Unrecht. Es ist ein Aufruf aufzustehen gegen Gewalt und Lüge. Und ein solcher Aufstand – wie wir ihn in den letzten Wochen gesehen haben in München und in Berlin[2] – ein solcher Aufstand ist doch nötig, wenn Menschenverachtung salonfähig wird, die Sprache verroht und die Art, wie wir miteinander umgehen den Bach runter geht.

 

„Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ –

Jeremias Brief widerspricht dem, meine ich. „Es gibt richtiges Leben, auch im Falschen.“, schreibt er. Man kann sich einrichten im Falschen. Einrichten, aber nicht bequem und satt werden und die Augen verschließen, vor allem jenseits der eigenen Haustür. Sondern einrichten und der Stadt Bestes suchen. Sich für das einsetzen, was gut ist: was dem Miteinander dient und dem Frieden. Dadurch verwandelt sich dann die Stadt, der Ort, an dem man lebt, selbst wenn man ihn sich nicht ausgesucht hat, selbst wenn er nicht das Rechte ist, wenn es nicht immer gerecht zugeht.

 

Ich habe euch an diesen Ort bringen lassen“ (V 7), teilt Gott mit. Das muß ein Schock sein für die Verbannten in Babylon. Nicht der böse Feind, König Nebukadnezar, war hier am Werke und verschleppte sie aus ihrer Heimat. Sondern Nebukadnezar war nur ein Werkzeug, ein Werkzeug Gottes.

Der Brief fährt fort: Lasst euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager nicht betrügen, und hört nicht auf die Träume, die sie träumen! Denn sie weissagen euch Lüge in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt, spricht der Herr. Denn so spricht der Herr: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. (V 8b-10)

Schon in Jerusalem ließen sie sich in Irre führen von Propheten, die Großartiges verkündeten: Sieg und Ruhm und daß Gott an ihrer Seite sei und sie deshalb gewinnen würden gegen Nebukadnezar und sein Heer. Heute sind es nicht Propheten, die Großartiges versprechen, sondern so manche Politiker und Präsidenten. Wie großartig sie sind und wie großartig ihre Pläne sind. Und wie sie das Land voranbringen, indem sie andere kleinmachen, klein halten.

Doch Gott läßt sich nicht vereinnahmen für unsere Wünsche und Träume von Größe und Macht. Trotzdem verläßt er sein Volk nicht, auch wenn sie falschen Propheten gefolgt sind und fatale Entscheidungen getroffen haben.

Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.(V 11)

Frieden, Zukunft und Hoffnung – darum geht es Gott. Und nicht nur für sein Volk, sondern für alle Menschen. Nicht nur damals, sondern auch heute.

Frieden, Zukunft und Hoffnung – dieses Versprechen gilt auch uns heute.

Frieden, Zukunft und Hoffnung – dafür sollen wir uns auch heute einsetzen, hier, an dem Ort, an dem wir leben.

Amen

 

Und der Friede Gottes,

der höher ist als unsere Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinnen

in Christus Jesus.

 

Predigtlied: LW 91 Laßt uns den Weg der Gerechtigkeit gehen

 

[1] 3.10.2018 im Schauspielhaus Hannover

[2] „Ausgehetzt“, 22.9.2018 in München. „Unteilbar“-Demo in Berlin, 13.10.2018.

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