Reframed Euer Leben!

Liebe Gemeinde,

ja früher, da platzten die Gemeinderäume hier noch aus allen Nähten. Hunderte von Konfis in einem Konfirmandenjahrgang, Mutter-Kind-Gruppen und Kindergottesdienst, vielfältige Aktivitäten der erwachsenen Gemeinde. Da hat die Kirche den Menschen noch etwas bedeutet. Es war selbstverständlich, dass man sein Kind taufen ließ und zum Konfirmandenunterricht schickte. Und überhaupt galten christliche Werte noch etwas. Da wäre keiner auf die Idee gekommen, an Karfreitag ein Tanz- und Saufparty zu veranstalten.

 

Ja, so könnte ich jetzt stundenlang weitermachen und den vergangenen Zeiten hinterhertrauern. Die natürlich auch nicht Gold waren. Aber damals litt die Kirche noch nicht unter ihrer völligen Bedeutungslosigkeit in einer materialistischen Welt.

 

Stopp, sagt Jeremia.

Bzw. Stopp, schreibt Jeremia.

Im Namen Gottes schreibt er seinen Volksgenossen einen Brief. Und zwar an diejenigen, die nach einer militärischen Niederlage gegen das Großreich Babylon aus Israel nach Babel verschleppt worden waren. Das waren eher die oberen Zehntausend: Priester, Handwerker, Gebildete. Also diejenigen, denen es in der Alten Heimat echt gut gegangen war. Dass man den Krieg gegen Babylon verloren hatte, verstanden die Israeliten als Strafe Gottes, hatte man doch die Wege des Glaubens verlassen.

Aber warum auch immer: Der Schlamassel war da.

Alles zurückgelassen: Heimat, den Tempel als Wohnort Gottes, Freunde und Kultur, Gerüche und Landschaft…

Grund zum Heulen, so wie es in Psalm 137 heißt: An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion, die alte Heimat, dachten.

Ich persönlich glaube, dass die allermeisten von uns das überhaupt nicht nachempfinden können, was das bedeutet: Die Heimat zu verlieren. Das können diejenigen, damals und heute, die ihre Heimat hinter sich lassen mussten und müssen, wegen Krieg, Hunger, Verfolgung. Die Entwurzelung, die solch ein Verlust bedeutet, die Wunde im Herzen, die Vertreibung und Flucht reißen, können wir anderen nur versuchen, uns auszumalen.

Und verstehen, dass Menschen, die alles verloren haben, in tiefe Trauer oder Wut verfallen.

 

Nichts da, sagt Jeremia. Gott will etwas anderes für Euch. Ihr sollt nicht zurückschauen, Ihr sollt nicht hadern, Ihr sollt nicht Eure Wunden lecken, Ihr sollt nicht anfangen zu hassen.

Nein: Ihr sollt leben!

Und er zählt das auf, was unser Leben ausmacht:

Häuser bauen, lieben, Familien gründen, arbeiten, pflanzen und ernten, Euch für das Gemeinwohl einsetzen.

Beten.

Im Grunde sagt Jeremia, im Namen Gottes, versteht sich:

INTEGRIERT EUCH.

Macht aus der Situation das Beste, es ist die einzige, die Ihr habt.

 

Die moderne Therapie hat für diesen Zugang zu einem Unglück ein Wort.

Es lautet: REFRAMING.

Also aus dem Englischen. FRAME bedeutet „der Rahmen“.

Also: Gib deinem Leben einen neuen Rahmen, eine andere Lesart. Das Bild an sich kann ich nicht ändern, aber den Rahmen, und das kann alles verändern.

Ein simples Beispiel: Im Schaufenster sehe ich ein Paar Schuhe, das mir richtig gut gefällt. Ich gehe rein und erfahre von der Schuhverkäuferin: Tut mir leid, in Ihrer Größe haben wir den Schuh leider nicht mehr.

Ich kann aus dem Schuhladen gehen und mich ärgern, dass es erstens in meiner Größe – 41 – sowieso kaum schicke Schuhe gibt und dass sie zweitens immer schon ausverkauft sind. Oder ich gehe und denke: Ach, was soll’s. Eigentlich habe ich doch genug Schuhe, also: Geld gespart, super!

Mit welcher Einstellung fahre ich wohl besser?

 

Oder bezogen auf unsere Gemeinde. Klar kann ich darüber jammern, dass früher alles besser war. Ich kann aber auch die Chancen für heute sehen. Z.B.: Die Menschen, die heute kommen, denen ist die Gemeinde wirklich wichtig. Oder der Gegenwind, den wir heute erfahren, gibt uns auch die Gelegenheit uns neu darauf zu besinnen, wer wir als Kirche wirklich sein wollen.

 

Jeremia sagt zu den Israeliten:

Reframed Euer Leben. Seht es als eine Chance, ein erfülltes gutes Leben zu führen. Die Israeliten sollen nicht in Hass verfallen auf das starke Babylon, nein, sie sollen sogar für die ehemaligen Feinde beten: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie.“ Im Grunde genommen sollen die Menschen aus einer bösen Situation eine gute machen. Damit tun sie das, was auch unser Wochenspruch sagt:

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Und die Israeliten lernen gleich noch etwas über Gott, im Grunde genommen zwei Dinge:

Erstens: Gott lebt nicht nur im Tempel in Jerusalem. Er ist auch in der Fremde nahe und hat Gedanken des Friedens über seine Menschen. Er geht mit ins Exil.

Und zweitens: Der lebendige Gott ist nicht der, der sich im Krieg als der stärkere erweist. Das sind die Kriterien von Menschen. Die Stärke unseres Gottes erweist sich gerade in der Schwachheit. Er ist da, wenn wir am wenigsten wissen, wer wir sind. Ihn kümmert nicht, was die anderen denken, er muss sich nicht als Oberboss profilieren.

Und gerade deswegen kann er mir helfen, aus einer schlimmen Situation das Beste zu machen.

 

Was ich besonders schön finde an unserem heutigen Predigttext: Gott erwartet von seinem Volk nicht, dass sie ihre Träume aufgeben. Sie dürfen weiterhin hoffen und sich sehnen nach der Rückkehr ins geliebte Heimatland. In 70 Jahren wird es geschehen, sagt er. Und so ist es wirklich geschehen.

Und auch ich darf weiter träumen.

Die Kranke darf davon träumen, gesund zu werden.

Der Mann, der seine Frau verloren hat, hofft darauf, sie eines Tages wieder zu sehen.

Der entwurzelte Mensch hofft darauf, eines Tages wieder anzukommen und zu Hause zu sein.

Wie genau das aussehen wird?

Ich weiß es nicht.

Aber ich kann wissen, dass Gott Gedanken des Friedens über mein Leben hat und nicht des Leides. Vielleicht muss ich lange suchen und harren und hoffen, aber er will sich finden lassen – auch in meinem Leben. Auch in der Situation, in die ich hineingestellt wurde: das Beste draus machen, mit Gottes Hilfe.

Amen.

Und der Friede Gottes…

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