Das Programm gegen die Angst (1.Korinther 7, 29-31)

Sie hatten gerade erfahren, dass sie wieder ein Kind erwarten und die Freude war riesengroß, auch wenn noch einige Monate vergehen sollten bis das Kind das Licht der Welt erblickt. Es braucht ja seine Zeit, damit das Kind wachsen und werdende Eltern alles für das Kind vorbereiten können. Wenig später kam bei einer Routineuntersuchung ein schlimmer Verdacht: der Befund an der Schulter könnte bösartig sein. Die wenigen Wochen bis zur endgültigen Diagnose zogen sich ewig hin und die Fragen bohrten hartnäckig: werden wir gemeinsam unsere Kinder aufwachsen sehen, werden sie Mutter und Vater haben, werden wir gemeinsam alt werden und uns am Leben freuen können? Wie groß war die Erleichterung als die Entwarnung von den Ärzten kam und mit einem Mal lang dann das wunderbare Leben wieder wie ein unendlich weites Land vor ihnen und sie konnten gar nicht aufhören sich in den schönsten Farben auszumalen, was sie erwartet. Sie fühlten ein wenig Ewigkeit inmitten ihrer Endlichkeit und sich unglaublich gesegnet.

Er dagegen wusste vielleicht am Tag der Hochzeit schon, dass ihm und seiner kleinen Familie nicht mehr so viel Zeit bleibt. Erzählt hat er seine Ausweg- und Perspektivlosigkeit jedenfalls nicht. Man sah ihm sein todbringende Krankheit auch nicht gleich an. Er zeigte  nicht, was in ihm vor sich ging. Denn heute wollte er feiern: das Leben, das er jetzt noch hatte, die Liebe, die er jeden Tag spürte, die Freunde, die er alle eingeladen hatte, das Kind, das ihm schon geschenkt war und das er ein winziges Stück Weg – immerhin – mit begleiten konnte. Hochzeit und damit „Hoch“-zeit kurz vor dem tiefen Fall in den Tod feierten er und seine Frau mit einem rauschenden Fest. Er hatte nicht nicht mehr viel Zeit, aber in der wollte er lieben, Leben teilen, heiraten, feiern, Freunde treffen, vielleicht auch trauern und weinen – morgen, nicht heute -, das bisschen Leben in sich spüren. Die Zeit war kurz, zu kurz um sie mit Nichtstun zu vergeuden.

Beide Betroffenen durfte ich kennenlernen und ein Stück weit begleiten. Und an sie muss ich heute dankbar denken!

Die Zeit ist kurz“ schreibt der Apostel Paulus. Er hat wahrscheinlich nicht die Lebenszeit damit gemeint. Was ist da kurz oder lang? Am Anfang eines Lebens ist alles lang, am Ende ist die Zeit verflogen, viel zu kurz, „soll das dann schon alles gewesen sein?“ fragen auch altgewordene Menschen. „Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt, sagt die Welt, dass er zu früh geht.Wenn ein Mensch lange Zeit lebt, sagt die Welt, es ist Zeit.“ sangen die Puhdys und so einfach scheint es zu sein. Immer schon!

Die Zeit ist kurz, dann ist es vorbei, glaubt der Apostel und er denkt an die Welt- , nicht an die Lebenszeit. Er hatte wie viele seiner Zeit das Gefühl kurz vor dem Ende der Geschichte, der bekannten Welt zu stehen. Er teilte allerdings nicht die Angst, dass dann alles vorbei wäre, sondern dass etwas unvorstellbar Neues beginnt: Gottes Reich, der Himmel auf Erden, eine Welt ohne Angst, ohne Schmerz, ohne Tränen und ohne, voller Frieden und Gerechtigkeit, kein Fragen mehr nach Gott und seiner Liebe, keine auswegloses Verteidigen mehr der eigenen Überzeugungen, wenn doch alles gegen Güte, Barmherzigkeit und Liebe, Vernunft und Einsicht zu sprechen schien. 

Dieses Gefühl kommt immer wieder, in unterschiedlicher Gestalt, immer wieder mächtig und das Ende scheint dann unausweichlich. Die Zeichen der Zeit gaukeln vor, eindeutig zu sein. Die eigene Welt bricht zusammen, die äußeren Feinde scheinen übermächtig, Krankheiten wüten ungehindert und löschen unzählige Menschenleben aus, die Natur erhebt sich, die Zukunft verdüstert sich. Die Zeit wird kurz, die Zeit ist kurz… Resignation wäre die eine Antwort darauf, Zynismus oder Maßlosigkeit die andere, frei nach dem Motto: heute leben wir und morgen sind wir tot  – was soll es also!

Aber der Apostel ist weder Pessimist noch Zyniker, er ist auch kein Fatalist, sondern Hoffnungsmensch! Christen sind Hoffnungsmenschen!

Es geht um Grundhaltungen und Prioritäten im Leben.

Der eine freute sich über die zweite Chance, die ihm geschenkt wurde, als die Ärzte Entwarnung gaben. Da gab es kein Anrecht drauf, aber um so mehr Dankbarkeit hinterher. Der andere kostete den Augenblick aus, denn er hat keinen zweiten und begriff, dass er nur diesen Augenblick leben kann, nicht einen x-beliebigen, der irgendwann kommen mag, Irgendwann gab es für ihn im Leben nicht mehr.

Was also lebe ich heute und morgen?

Mir scheint fast, Paulus zitiert aus einer Umfrage eines Meinungsforschungsinstitutes nach den Prioritäten und Wünschen an das Leben: Familie, Freude und Spaß, Glück, Konsum, Wohlstand und Gesundheit…so als ginge es immer, unendlich weiter… 

Er ist kein Spaßverderber, der uns das alles verbieten will, aber einer, der die Verhältnisse klar rückt: Was zählt für euch? Woran hängt ihr euer Herz? Was lasst ihr euch im Leben etwas kosten? Wofür kämpft ihr und setzt euch ein? Wann fangt ihr an zu leben, immer erst morgen oder lebt ihr schon den Augenblick?

Habt ihr dabei nur euch im Blick, ganz egoistisch oder narzistisch – dazu neigen immer mehr Menschen – oder seid ihr bereit, euer Leben mit anderen zu teilen, euch im Leben für andere einzusetzen?

Das ist kein moralisch erhobener Zeigefinger erheben, sondern die ehrliche Frage nach dem Kompass und der Richtung für das eigene Leben.

Ich trage Verantwortung für mein Leben, die mir keiner abnimmt, auch Gott nicht. Im Gegenteil: er traut mir zu, dass ich verantwortlich mit der Zeit meines Lebens umgehe, egal ob sie kurz oder lang ist. Nicht die Länge, sondern die Qualität der Zeit, der Reichtum der Augenblicke, das Bewusstsein für die Einmaligkeit sind entscheidend. Ein kurzes, bewusstes Leben kann ebenso erfüllt und  gar reicher sein, als ein langes, aber verflossenes Leben, dass ich nur durchgestanden habe. Reich macht mein Leben der bewusste und gelebte Augenblick und die Begegnung mit anderen Menschen, die überraschende Erfahrung ein Gegenüber entdeckt und einen Augenblick Zeit mit ihm geteilt zu haben. Das ist das Geheimnis jeder Beziehung, also jeder Partnerschaft, jeder Freundschaft, aber auch jedes sozialen Engagements. Fragt man Menschen, die sich in sozialen und gesellschaftspolitischen Initiativen engagieren, erzählen sie genau davon: Bei den Tafeln, bei der Obdachlosen- oder Kältehilfe, die bald wieder gefragt sein wird, bei den Flüchtlingsinitiativen und den Patenschaften, die sie vermitteln, beim Besuchsdienst oder dem vermittelten Oma- und Opadienst, ist der kostbarste Dank und Lohn die Begegnung mit Menschen, die Erfahrung Herz und Seele berührt zu haben, das Staunen hinter den geschundenen Geschichten auch wunderbare Persönlichkeiten, liebenswerte Menschen entdeckt zu haben.

Unsere Kirche wirbt unter jungen Leuten wieder um Teilnehmer für Freiwilligendienste in anderen Ländern. Und frühere Teilnehmer erzählen, wie ihr Leben bereichert und verändert wurde, wie sie angefangen haben ihr Prioritäten im Leben ganz anders zu setzen. 

All das zusammen ist das beste Programm gegen jede Form von apokalyptischer Zukunftsangst, Resignation angesichts der Umbrüche und Bedrohungen, die wir sehen, gegen Hass und Ausgrenzung von anders Aussehenden, anders Lebenden oder anders Denkenden Menschen. Es ist die überzeugendste Verkündigung unserer Hoffnung, dass alle Zeit und jedes Leben in Gottes Hand liegt und keiner tiefer als in diese Hände fallen kann.

Die Zeit ist kurz, Gott aber ist barmherzig, geduldig und von großer Güte und seine Barmherzigkeit währt von Ewigkeit zu Ewigkeit. In dem Horizont muss keine Form von gefühlter oder realer Kürze schrecken. Alles  und Jeder ist aufgehoben in Gottes Weite und Ewigkeit. Amen

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