Es ist alles eine Frage der Perspektive (1.Timotheus 4, 4+5)

„Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird;  denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“

Es ist alles eine Frage der Perspektive:

Die Sonne lacht seit Wochen mehr oder weniger ununterbrochen vom strahlend blauen Himmel. Die Temperaturen sind nach einigen kühlen und ein wenig feuchten Tagen wieder angestiegen. Die Natur hat sich herbstlich gewandelt, alles leuchtet, ganz besonders intensiv jetzt im warmen und goldenen Sonnenlicht. 

Was für ein Pracht und was für eine Schönheit. Eigentlich kann da keiner unberührt dran vorbeigehen. Man muss stehenbleiben, schauen, den Augenblick aufsaugen und festhalten, das Licht und die Wärme speichern und die Schönheit des Lebens bewundern. Wer dies wie ein Schwamm aufsagt und in sich aufnimmt, kann bestimmt auch durch einen langen, grauen, nassen oder kalten Winter kommen und noch lange die Wärme dieser Herbsttage spüren

Herbstgefühle, so ambivalent sie können, zwischen letztem strahlenden Aufbäumen und wehmütigem Abschied, ganz dicht bei Rainer Maria Rilke:

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. 

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, 

und auf den Fluren laß die Winde los. 

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; 

gib ihnen noch zwei südlichere Tage, 

dränge sie zur Vollendung hin und jage 

die letzte Süße in den schweren Wein. 

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. 

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, 

wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben 

und wird in den Alleen hin und her 

unruhig wandern, wenn die Blätter treiben

Es ist alles eine Frage der Perspektive:

Die Sonne hat die Felder ausgedörrt, die Flüsse ausgetrocknet, der Mais stand eher spärlich, die Sonnenblumen wollten sich gar nicht richtig zum Himmel strecken, dem Sonnenlicht entgegen. Das Futter für das Vieh mag im Winter knapp werden. Der zweite oder dritte Schnitt ist vielerorts ausgefallen.

Während die vollen Strände an den Badeseen Zeichen für das Glück der Urlauber waren , ist der traurige Blick auf die kargen Felder für viele Zeichen der Enttäuschung, dass die Arbeit nicht immer die erhofften Früchte bringen wird. Ein wenig können die Entschädigungszahlungen vielleicht auffangen. Futter wird eingekauft werden. Das Brot in den Regalen wird nicht verschwinden, zumal ca. 17 % aller Backwaren weggeworfen werden, da sie nach etwas Zeit als nicht mehr verkaufbar gelten (Brötchen nach drei Stunden!). Das heißt doch, dass wir also nicht wirklich Mangel leiden!

Die Sonne hat die Felder ausgebrannt, die Äpfel , die Pflaumen, die Kirchen und den Wein aber kräftig und süß wachsen lassen.

Es ist alles eine Frage der Perspektive:

Wir sind reich beschenkt, aber nicht wunschlos glücklich.

Alles was Gott geschaffen hat, ist gut – nichts ist verwerflich?

In Indonesien hat die Erde wiederholt gebebt und Hunderte vielleicht Tausende sind beim folgenden Tsunami oder an seinen Folgen gestorben. Die einen fragen nach Gott, die anderen fragen gar nicht mehr. In der „Welt“, einer großen Tageszeitung konnte man als Glosse lesen: Am Dienstagabend wurden 1200 Tote gemeldet, am Mittwochmorgen 1350, und während dieser Text entsteht, werden mehr als 1400 Tote gemeldet. Noch lange haben die Helfer nicht das ganze Erdbebengebiet erreicht. Sie werden noch weitaus mehr Opfer bergen müssen. Irgendwann könnten es mehr als 4000 sein.“ Und der Autor fragt sich, wen das heute oder morgen noch interessiert und stellt schließlich aber nicht abschließend anhand der Abrufzahlen dieser Meldung fest: „Dann wären mehr Menschen tot, als sich Leser für das Unglück interessiert haben.“ ( denn die Meldung wird kaum noch angeklickt) .Es ist alles eine Frage der Perspektive:

Die Bilder der Katastrophe kommen gestochen scharf in HD – Qualität und zeitnah ins Wohnzimmer, bleiben aber Bilder auf dem Fernsehschirm, als reale Bilder nicht unterscheidbar von den fiktiven Bildern der Katastrophenfilme, die uns erregen und unterhalten.

Ich schaue zu, aber es geht mich nicht wirklich etwas an.

Der Sommer war sehr groß“: in Schweden und Finland wurden Temperaturrekorde gebrochen, die Wälder brannten, am nördlichen Polarkreis war es mitunter genauso warm und noch wärmer als in Deutschland.

Wir wissen längst: das ist von Menschenhand gemacht und kann auch nur von Menschenhand gestoppt werden, denn die Folgen eines wirklichen Klimawandels werden wir kaum beherrschen können. Manches, was der Mensch geschaffen hat, macht das Leben schön und leichter, verlängert das Leben oder eröffnet völlig neue Lebenschancen und Lebensräume. Aber nicht alles von Menschenhand  geschaffene ist gut. Die Natur und Kreatur, Feld, Wasser und Lebewesen, Mitgeschöpfe werden zu Waren des täglichen Bedarfs für den, der es sich leisten kann, oft genug auf Kosten der Natur und vieler Menschen. Wir schaffen ebenso Techniken des Tötens.

Es ist eben  alles eine Frage der Perspektive. Und wir liebe Gemeinde, feiern Erntedank.

Den Herbstzauber der Natur, die gespeicherte Lebenskraft und Wärme der Sonne und ihr Leuchten, die Früchte des Feldes und der menschlichen Arbeit, haben wir in die Kirche hineingeholt und feiern den Tag dankbar und mit allen Sinnen – eben weil dies unsere Perspektive auf diese Welt ist.

Sie ist ein Gottesgeschenk.

Sie ist Lebensraum.

Sie trägt und sie nährt uns.

Sie erzählt in allem und trotz allem von Gottes Güte, Barmherzigkeit und seiner Geduld mit uns.

In ihr ist nicht alles einfach gut: Uns geht es gut. Anderen aber nicht.

Uns geht das Wasser nicht aus, andere brauchen neue und tiefere Brunnen. Wir halten die Nase in den Wind, anderen zerstört der Sturm die Lebensgrundlagen.

Aber diese schöne, bedrohliche und bedrohte Welt ist uns Heimat. Sie ist Garten und Haus zum Wohnen, Bebauen und Arbeiten, zum Pflanzen und zum Ernten, zum Geboren werden, aufwachsen und am Ende auch zum Sterben.

Nichts an ihr, sagt der Predigttext, ist verwerflich. Das ist der positive  und optimistische Grundton. Und ich ergänze, damit er recht behält: selbst wenn  nicht alles  verständlich und erklärbar ist.

Aber aus der Perspektive des Glaubens kann ich alle Lebenschancen und Lebensräume dankbar, das heißt als Aufgabe und Herausforderung, als Angebot und Auftrag, annehmen und anpacken.

„Mit Danksagung empfangen oder mit Gottes Wort und Gebet heiligen“ – das kann ich als Grundhaltung des Erntedankfestes einüben.

Dann  danke ich Gott für jeden Augenblick des Lebens, sie lassen mich wachsen und reifen; ich danke ihm für die Bewahrung und halte ihm in den Momenten der Gefährdung  und in den Augenblicken wo ich mehr Fragen als Antworten habe, sein Wort vor, immer wieder neu und beharrlich: „du hast gesagt: fürchte dich nicht, ich bin mit dir!“

Dann bete ich laut und leise, stumm und schreiend „Sei und bleibe also bei mir jetzt und allezeit du guter Gott.Lass mich deine Barmherzigkeit aufs neue entdecken. Und tu mir am Ende die Tür zu deinem Reich der Barmherzigkeit und Güte weit auf.“

Denn das ist die eigentliche und letzte Perspektive des Glaubens, das ich einmal schaue und sehe, was ich bis dahin immer geglaubt und gehofft habe.

So ist die Welt, das Leben und auch der Erntedank nicht immer eindeutig, oft zwei- und mehrdeutig. Aber die eine Wahrnehmung aus dem Blickwinkel des Glaubens ändert viel: Dankbar, im Vertrauen auf Gottes Hand, lebt es sich anders und erwartungsvoll.

Es ist alles eine Frage der Perspektive.

„Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird;  denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“

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