Mitten im Getümmel der Stadt (Jakobus 2,1 -13)

Ich lade sie ein zu einem kleinen gedanklichen Phantasie-Ausflug in das pulsierende Zentrum Berlins.  Es geht allerdings nicht auf den Kudamm, wo das alte Westberliner Herz wieder kräftig schlägt, auch nicht zum Boulevard „Unter die Linden“, wo sich tief unter der Straße die Bohrer durch den Untergrund für eine neue U-Bahnlinie fressen oder gar in die Friedrichstraße, wo Touristen entlang der Schaufenster an Nobelgeschäften entlang flanieren. Wir machen uns auf in die Nähe des Hermannplatzes, Stadtbezirk Neukölln:

Dort herrscht immer buntes Treiben: viele kleine Geschäfte neben einigen großen Kaufhausketten prägen das Straßenbild. Jung und alt sind unterwegs, arm und reich, junge Frauen mit vielen Kindern im Schlepptau, mal mit Kopftuch, mal ohne Kopftuch, junge Männer, mal halbstark, mal vorlaut, mal ganz still und bescheiden, aber auch Touristen, die abseits der Besucherströme diese besondere Atmosphäre, geprägt von vielen Menschen mit Migrationshintergrund, und damit z.B.orientalischen Flair suchen und genießen. Es gibt auch Probleme mit Bandenkriminalität und Straßendiebstählen, die dann durch die Presse gehen, während im Umfeld des Kudamms vielleicht eher die Steuerfahndung nicht ganz so öffentlichkeitswirksam unterwegs sein könnte, was aber keinen interessiert.

Es ist schon ein besonderer Kiez, in dem vor etwas mehr als hundert Jahren die Martin-Luther-Kirche mitten in der Straßenflucht in der Fuldastr. errichtet wurde. Menschen werden um sie gewissermaßen herumgespült, angetrieben von der Hektik und der Lebendigkeit der Großstadt. Und diese Kirche will sich auch für alle Menschen, egal woher und wohin sie gehen, öffnen und da sein, nicht nur mit Gottesdiensten, sondern mit allen Angeboten, die den Alltag durchziehen. Keiner kann mehr ganz genau sagen, wieviele Gruppen sich aus wie vielen Ländern in wie vielen Sprachen  dort unter der Woche treffen. Ruhe kehrt jedenfalls erst in den ganz späten Abendstunden ein.

Manchen macht das Angst, sie wünschen sich mehr Übersichtlichkeit und Gemütlichkeit, mehr Heimatgefühl, andere finden gerade diese Weltoffenheit und Weltneugierde faszinierend. Manche rümpfen die Nase, verdrehen die Augen, schimpfen wütend, andere engagieren sich, knüpfen Kontakte, gewinnen neue Freunde…

Der Kirchsaal hat 1984 erstmals ein Altarbild bekommen, von der Berliner Künstlerin Monika Sieveking  gestaltet. Ein dreiteiliges Bild, man könnte es als Abendmahlsgemälde lesen, muss es aber nicht. I Es trägt einfach den Titel „unsre Stadt – Stadt Gottes“. Im Mittelteil des Bildes haben sich unterschiedlichste Menschen aus allen Teilen der Welt, jung und alt, mit Kopftuch oder mit Kippa, unter einem Baum niedergelassen. Auf einer Decke liegt alles, was man zu einem Picknick braucht: Brot, Obst, Gemüse, Getränke, Besteck. Am Bildrand ist ein Junge zu sehen, der sich ein Brot schnappt und davonläuft.

Ein Dieb oder ein Kind, das einfach nur spielt?

Tauben, die an Friedenstauben erinnern, fliegen in den Himmel.

Eine Liedzeile kommt mir in den Sinn, die ich vor mir her summe: „Komm, bau ein Haus, das uns beschützt, pflanz einen Baum, der Schatten wirft, und beschreibe den Himmel der uns blüht.

Ein Platz im Vordergrund des Bildes ist freigehalten: für mich und sie, als Betrachter des Bildes.

Das Bild sagt viel darüber aus, wie wir das Abendmahl als Erinnerung an die Mahlgemeinschaft Jesu mit unterschiedlichsten Menschen und jeweils ungewöhnlichen Geschichten feiern; es sagt aber auch viel darüber aus, wie die Kirchengemeinde mitten in Berlin für alle ohne Ansehen der Person, ohne Blick auf die Vergangenheit, Abstammung oder den sozialen Staus ein offenes Haus sein will und zugleich lebendige Predigt ist. Das ist jeden Tag eine große Herausforderung. Denn Gruppen, auch die christliche Gemeinde und die Kirche, leben davon, dass sich Menschen mit gleichen Interessen und Ansichten in ihnen treffen, sich auch abgrenzen, damit sie unterscheidbar oder erkennbar bleiben, und sich gegenseitig in ihren Gemeinsamkeiten, die sie von anderen unterscheiden, bestärken.

Wer einmal in einer wirklichen Minderheitensituation war, wer sich fragen lassen musste, warum er eigentlich noch oder überhaupt evangelisch sei, in einer katholischen oder religiös ganz entfremdeten Umgebung, im religiös andersartigen Ausland, der wird  den Wert einer Gruppe, die ein geschützter Raum ist und ihm eine Identität gibt, indem sie sich nach außen abgrenzt, zu schätzen wissen. Man muss es sich nur klar machen und darum wissen, um auch vor den Gefahren geschützt zu sein, aus der Abgrenzung in die Überheblichkeit zu fallen, aus der Besonderheit in die Eitelkeit einer gefühlten oder geglaubten Elite.

Nur wer anders ist, ist noch nicht besser.

Aber ebenso gilt: nur weil wir anders sind, sind wir nicht von vornherein schlechter!

Verschiedenheit als Vielfalt ist etwas wunderbares.

Eine Sicht auf Unterschiede, die Andersartigkeit abwertet,  diskriminiert dagegen und ist gefährlich, weil sie  zu Rassismus und politischer,  religiöser oder sozialer Intoleranz führt.

Gerade in der Verschiedenheit der Ansichten, Abstammungen oder Lebensentwürfe braucht es natürlich verbindende Werte und eine Grundkonsens, damit das Zusammenleben so vielfältig gelingt-

Und genau darum geht es dem Jakobusbrief:

Es müssen nicht alle gleich sein. Aber  keiner steht deshalb über einem anderen.

Der Begriff der „Gleichgültigkeit“ ist nicht umsonst doppeldeutig.

Gleichgültig bedeutet manchmal egal, leidenschaftlos, unwichtig und zu vernachlässigen oder aber: gleich-gültig, also gleich viel wert und gleich wichtig trotz und mit allen Unterschieden.

Die Gleichheit vor dem Gesetz und auch vor Gott kommt aus eben dieser Gleich-wertigkeit und Gleich-wichtigkeit.

Während wir Menschen immer wieder ganz unterschiedlich, misstrauisch oder neugierig, jedenfalls ganz schnell abschätzend ansehen, schaut Gott alle gleichermaßen als seine Geschöpfe, als Menschen- und damit als Gotteskinder an und lädt sie an seinen Tisch ein, oder unter seinen Baum und in sein Haus.

Mir ist in den letzten Tagen wieder bewusst geworden, wie wichtig dieser Satz und diese Erfahrung für mich in meinem Leben war und ist: ich habe Ansehen, weil Gott mich ansieht und nicht weil, ich Mann, weiß, evangelisch, mit (klein)bürgerlicher Herkunft, studiert und mit auskömmlichem Einkommen ausgestattet bin, sondern weil mein Wert und meine Würde, meine Bedeutung und meine Unverwechselbarkeit in diesem Blick und in dem einmaligen Gedanken Gottes, der ich bin, begründet liegt.

Wo Gott ansieht, wo Gott also auch hinsieht, muss ich ja nicht mehr schief dreinschauen, die Nase rümpfen, hinter vorgehaltener Hand tuscheln, einteilen in würdig oder unwürdig, drinnen oder draußen, gewollt oder abgelehnt, Glück- oder Pech gehabt, sondern darf staunen über die Vielfalt des Lebens, über die überraschende überhaupt nicht vorhersehbare Fülle des Lebens, die mir tagtäglich begegnet, nicht nur wenn ich in den Urlaub fahre und exotische Fremde genieße, sondern direkt vor meiner Haustür.

Ich weiß wie schwer das ist:

Ich sehe etwas und er oder sie gefällt mir nicht.

Ich kann jemanden überhaupt nicht riechen.

ich fühle mich in der Umgebung von manchen Menschen einfach unwohl – und egal wie sehr ich mich anstrenge, ändert sich daran nichts.

Ich muss allerdings auch mit niemandem befreundet sein, den ich nicht mag.

Ich muss niemanden von Herzen lieben, der mir fremd bleibt. 

Aber ich kann jedem würdig und respektvoll begegnen und ihn/sie spüren lassen, dass er/sie nicht weniger wert ist, als ich.

Das gilt übrigens wirklich für alle Menschen, auch für straffällig Gewordene.

Deswegen lehne ich aus Überzeugung und tiefen Glauben als ein Beispiel die Todesstrafe ab und finde, dass jeder Mensch zunächst einmal, wenn er nicht dauerhaft eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt, das Recht und die Chance auf Wiedereingliederung, also Resozialisation, verdient hat.

Wir sind alle Sünder , das heißt wir leben alle in engen Grenzen  und  zwischen dem, was möglich ist und uns am Ende gelingt oder mißlingt.

Wir sind alle erfolgreich und gescheitert, wir sind alle schön und kennen  unsere Schmuddelecken.

Wir sind Sünder und gerechtfertigt. Gott sei Dank!

Diese Erfahrung befreit uns und bewahrt vor einer säuerlichen Moral und Überheblichkeit und bringt uns in eine gelassene, offene und neugierige Demut.

Barmherzigkeit nennt der Jakobusbrief diese Haltung und zwar Haltung aus der Perspektive Gottes. Barmherzig ist er mit uns, barmherzig schaue ich mich also um. Wir haben einen barmherzigen Gott – ist das nicht wunderbar?      Amen

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