Realitätssinn

Predigt Jesaja 49,1-6, 17. Sonntag nach Trinitatis, Predigtreihe IV, von Pfarrer Johannes Taig

1 Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war.
2 Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt.
3 Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.
4 Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.
5 Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem HERRN wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke -,
6 er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.


Liebe Gemeinde,

„Eine ‚kaiserliche Botschaft‘ hat Franz Kafka eine der kleinen, so prägnanten Erzählungen in dem Erzählband ‚Ein Landarzt‘ genannt. Der Kaiser – so heißt es – hat dir, dem Einzelnen, dem jämmerlichen Untertanen, dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne geflüchteten Schatten, gerade dir hat der Kaiser von seinem Sterbebett aus eine Botschaft gesendet. Er hat den Boten niederknien lassen, hat ihm die Botschaft ins Ohr geflüstert und hat ihn auf den Weg geschickt. Der Bote ist ein kräftiger, unermüdlicher Mann. Er schafft sich Bahn durch die Menge, findet Widerstand, boxt sich durch. Aber die Menge ist zu groß, die Wohnstätten nehmen kein Ende. Öffnete sich freies Feld, wie würde er fliegen und bald wohl hörtest du das herrliche Schlagen seiner Fäuste an deiner Tür. Aber er kämpft sich durch, die Höfe nehmen kein Ende, und stürzte er endlich aus dem äußersten Tor – aber niemals, niemals kann es geschehen -, liegt erst die Residenzstadt vor ihm, die Mitte der Welt, hochgeschüttet voll ihres Bodensatzes. Niemand dringt hier durch und gar nicht mit der Botschaft eines Toten. – Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie dir, wenn der Abend kommt.“ (zitiert nach Hans Werner Dannowski, GPM 3/2000, Heft 4, S. 427)

Ein Ausleger schreibt: „Ist die Geschichte Kafkas von der kaiserlichen Botschaft nicht an meiner Erfahrung näher dran, als Jesaja 49? In einer ruhigen Stunde, in der ich mein Leben überdenke, am Abend eines Tages vielleicht, träume ich der großen, entscheidenden Botschaft des Lebens entgegen. Ja, ich ahne, sie ist unterwegs. Ja, ich habe es ja auch erfahren, dass ich – ähnlich wie der (…) Prophet es ausdrückt – gewollt, geliebt bin. Ich habe einen Namen, mit dem ich gerufen, durch den ich anerkannt bin, bin nicht ein zufälliges Stück Materie, das von irgendwo herunterfällt und wieder eingeschmolzen wird. Aber eine eher individuelle, eine isolierte, auch eine sehr bedrohte Erfahrung ist das doch. ‚Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz‘: Das kann ich voll und ganz nachempfinden. Dass ich eingegliedert bin in einen guten Sinn einer Geschichte, die auch alle anderen meint, dass das Leben von Menschen zum Spiegel der Herrlichkeit Gottes wird und dass das Heil bis an die Enden der Erde reicht: Das ist doch eher ein Traum. Den ich nicht verwerfen will, sonst träumte ich ihn nicht. Aber irgendetwas scheint die Realisierung aufgehalten zu haben, im Dickicht der Weltgeschichte steckt die gute Botschaft fest.“ (Hans Werner Dannowski, a.a.O., S. 427f)

Im Dickicht der Weltgeschichte, im Dickicht der Kirchengeschichte, im Dickicht der persönlichen Geschichte, steckt die gute Botschaft wirklich allzu oft fest. Wer so spricht, beweist Realitätssinn. Und der ist das Schlechteste nicht. Denn sonst wird aus dem Traum ein gefährlicher Traum. Glaube darf an der Realität leiden und verzweifeln, aber sehen muss er sie. Er darf wie der Prophet Jeremia sogar an Gott verzweifeln (vgl. Klagelieder Jeremias, Kap 3). Aber Glaube, der die Realität nicht mehr wahrnimmt, wird zur realitätsfernen Schwärmerei. Er wird verrückt.

„Der Lyriker Kurt Drawert, der aus Brandenburg stammt und bis 1993 in Sachsen gelebt hat, hat in einem seiner Gedichtbände eine Rede veröffentlicht, die er 1994 bei der Verleihung des Uwe-Johnson-Preises gehalten hat. In dieser Rede hat er eindrucksvoll das Gefühl von Unwirklichkeit beschrieben, das er aus den kommunistischen Systemen des Ostens kennt. Eine Unwirklichkeit, die wohl aus der säkularisierten Idee von der Erlösung stammt, die diese Systeme getragen hat, und die die Realität immer nur aus dem Abstand des Anspruchs an das Reale zu sehen und zu bewerten vermochte. ‚Also das, was das System von sich wahrnahm, war nicht, was es vorfand, sondern was es über sich dachte‘. Eine in Wahrheit abgeschaffte Wirklichkeit war die Folge, ein ‚permanenter Blick auf das Leben aus der Perspektive einer angenommenen Vollkommenheit‘. Ein entsprechendes System von Verwaltung und Macht sorgte dafür, die Welt nach diesem angeblichen Wissen um die Wahrheit zu ordnen. Die Realität floss einem dabei aus den Fingern, die Scheu vor Konflikten führte zur Handlungsarmut, und die eigentliche Krankheit ist die Verweigerung von Krankheit und führt endlich zur Verrücktheit.“ (Hans Werner Dannowski, a.a.O., S. 424)

Und was ist heute los in unserem Land? Besorgte Bürger wollen mit der Realität, dem Dickicht der Weltgeschichte nichts mehr zu tun haben und träumen von Ruhe und Frieden im Kreise der eigenen Volksgenossen. Auch der Rechtsradikalismus hat seine säkularisierte Idee von Erlösung. Mögen die fremde Welt und ihre fremden Menschen draußen bleiben oder sofort wieder gehen – und alles wird wieder gut. Schmeißt die Bösen raus, dann bleiben die Guten übrig. Wohin solche falschen Träume, solche Schwärmerei und solcher Realitätsverlust führen, sollten wir aus der Geschichte des Nationalsozialismus und des Kommunismus gelernt haben. Ihre Verbrechen und deren Opfer schreien noch heute zum Himmel. Deshalb brauchen wir heute Politiker, die Realitätssinn besitzen und unser Land mit Vernunft, ruhiger Hand und Augenmaß durch das Dickicht unserer Weltgeschichte führen, allen Aufgeregtheiten, allem kleinlichen Gezänk und aller lautstarken Hysterie zum Trotz. Das würde genügen!

Fromm tun oder fromm sein, müssen sie deshalb nicht. Aber gerade wenn sie es sind, sollten sie wissen: Heil nur für das eigene Volk und der Rest der Welt soll schauen, wo er bleibt? Nicht einmal der Gott des Alten Testaments träumt solche Träume. Er entgrenzt dem Propheten sein Versprechen des Heils für sein Volk Israel zum Heil für die ganze Welt. Da muss der Prophet eigentlich noch verzagter werden. War seine Mission zum eigenen Volk schon von gefühlter Vergeblichkeit, wie soll er da zum Heil der ganzen Welt antreten?

Aber Gott sei Dank hat Gott uns und allen, die im Dickicht der Weltgeschichte scheinbar so vergeblich arbeiten nicht nur den Propheten zur Seite gestellt. Die Christen haben dieses Gottesknechtslied aus dem Jesajabuch als Hinweis auf Jesus, den Christus gelesen. Denn zu seinem Leben passt in besonderer Weise, was Jesaja beschreibt. Er hat auf besondere Art von Gott gepredigt. Auch er wusste sich zuerst zu den Schafen Israels gesandt, bis Gott ihm seinen Auftrag entgrenzte. Auch sein Weg war nach weltlichen Maßstäben ein Weg des Scheiterns. Er endete im Verbrechertod am Kreuz. Aber am Ostermorgen lässt Gott nicht zu, dass dieser Weg der Gewaltlosigkeit und Liebe beerdigt wird. Am Ostermorgen setzt Gott das Evangelium, die frohe Botschaft von Jesus dem Christus für immer in Kraft.

Im Sommerurlaub saß ich in der evangelischen Kirche in Zingst auf den Bänken, auf denen auch Dietrich Bonhoeffer im Sommer 1935 öfter gesessen war. Bald war sein alternatives Predigerseminar in Zingst und Finkenwalde verboten. Bald war das Attentat auf Hitler gescheitert, bald landete er im Gefängnis und am Galgen in Flossenbürg. Als Vaterlandsverräter galt er bis 1998. Heute wird er als „Evangelischer Heiliger“ (Wolfgang Huber) gefeiert. War sein Leben nicht auch ein Scheitern? Ein Scheitern, das Bonhoeffer mit klarem Realitätssinn gesehen hat? Wie alles andere auch! Während seine Kirche geblendet die falschen Träume der Nazis mitträumte. Was würde er heute einer Kirche sagen, die aus Angst vor dem eigenen Untergang, einen Traum nach dem anderen von einer besseren, interessanteren Kirche träumt und sie mit einem Reformprogramm nach dem anderen ins Werk setzen will? Er hätte ihr gesagt, was der Hebräerbrief fordert und was ihm allein Kraft und Halt für seinen Weg gab: „Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.“ (Hebräer 12,2)

Schließen wir mit dem Glaubensbekenntnis Bonhoeffers von 1934:

Ich glaube,

dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube,

dass Gott uns in jeder Notlage
so viel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst
vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube,

dass Gott kein zeitloses Fatum ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Darauf sagen wir Amen!

Die Predigt zum Hören

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