Der große Gott und meine kleine Welt (Jesaja 49, 1-6)

Die Welt ist klein geworden. Treibt mich das Fernweh, die Sehnsucht, dem stressigen Alltag zu entkommen, bin ich buchstäblich „reif für die Insel“, dann habe ich die freie Auswahl:  Ibiza, Lanzarote, Teneriffa, Fuerteventura oder gar Madeira.

Vielleicht auch nur die ostfriesischen Inseln, Helgoland, Rügen, Usedom als Berliner Badewanne, oder – Hiddensee, wobei: was heißt hier „nur“. Lutz Seiler in seinem preisgekrönten Roman „Kruso“ erzählt ja, wie Edgar in der Zeit kurz vor der Wende auf der Insel Hiddensee in innerdeutscher Emigration und mit einer ungeheuren inneren Freiheit lebt, als Republikflüchtiger – zwar im Land, dafür auf dieser Insel. Als Tellerwäsche im Klausner, ohne polizeiliche Anmeldung, als „Schwarzinselbewohner“ erlebt er seine ganz eigene grenzenlose Freiheit ohne Ausreise. Eine Freiheit, die ihm hilft, endlich zu sich zu finden. Reif für die Insel, dann muss es nicht Mallorca sein, das manche für das 17.Bundesland der Bundesrepublik halten, fest in der Hand von jährlich ca. 4,5 Mio deutschen Touristen.

Die Welt ist klein geworden. Die Freiheit einer Insel und die Weite der Berge ist nicht mehr unerreichbarer Wunschtraum und Sehnsuchtsort, sondern selbstverständlicher Teil unseres Alltags , nur wenige Stunden mit dem Auto oder dem Flieger entfernt – und sei es nur für ein verlängertes Wochenende.

Wie klein die Welt geworden ist, mag aus der Perspektive der Weltraumreisenden noch einmal ganz anders erscheinen. So klein, so zerbrechlich, so zauberhaft schön, aber auch so bedroht und gequält erlebt der deutsche Astronaut Alexander Gerst gerade seinen Heimatplaneten, auf dem viele mittlerweile nicht mehr wissen, wo sie einen geschützten Platz zum Leben in Frieden und Sicherheit für sich und ihre Familien finden können. Klima- , Kriegs- und Hungerflüchtlinge sind keine Touristen, auch keine Träumer.

Die Welt ist klein geworden. Entfernungen spielen keine Rolle mehr. Um sich im Exil wiederzufinden, muss ich auch nicht aus meinem Land und meiner Stadt vertrieben werden. Manche haben sich von ihren Sorgen, ihren Ängsten und ihrer Wut heute schon vertreiben lassen, andere fühlen sich in den Zwängen des beruflichen und privaten Alltags nicht mehr zu Hause und wissen überhaupt nicht, wohin das Leben sie treibt oder wohin sie sich fliehen möchten.

Man möchte meinen: da wäre die Sehnsucht nach Gott besonders groß.

Wenn ich im Leben schon nicht mehr zu Hause sein kann, wenn Familie, Freunde und Beruf keinen Halt mehr bieten, dann muss doch der Glaube eine Heimat sein, etwas, wo ich noch Wurzeln schlagen kann, um den Lebensstürmen standhalten zu können. Aber die Menschen fragen nicht so nach Gott und wir können von ihm anscheinend nicht so reden und unseren Glauben so leben, dass sie begreifen, wie ER die Antwort auf alle ihre Fragen und ihr Sehnen ist:

Liebe, die mich ansieht, mich annimmt und zum Verzeihen in der Lage ist; Liebe, die dem Leiden und dem Sterben standhält und dem Leben allemal mehr als dem Tod traut; Liebe, die im Nächsten nicht einen Konkurrenten, sondern einen Bruder, eine Schwester sieht. Da ist also ein Gott, der mir zutraut, das Gesicht dieser Welt für den einen oder anderen Menschen freundlicher zu machen – also Zutrauen und Zumutung !

Je kleiner die Welt wird, desto ferner und unwirklicher scheint Gott. Verbirgt er sich?

Damals, als die Israeliten sangen, als der Knecht von Gott redete, als das Volk von der Heimat träumte und das Exil in der Ferne als Alltag annehmen musste, da fingen sie an Gott größer zu denken und zu glauben als ihre Väter und Mütter. Sie merkten: wir können auch in der Fremde und in der Verbannung, im Exil und auf der Flucht, in der Gefangenschaft und in der Einsamkeit seine Nähe spüren, ohne Tempel und ohne Heimaterde. In unseren Liedern und Gebeten, aber auch in unseren Träumen und in unsren Tränen beugt er sich ganz tief zu uns herab. Und doch ist er groß, größer als unsre Welt, die immer kleiner wird; er ist Schöpfer des Himmels und der Erde, auch aller Menschen, die sich anmaßen, groß zu sein, Macht über Leben und Tod, Krieg und Frieden, Rettung oder Untergang zu haben. 

Das gilt doch heute wie damals, egal ob die Menschen ihn glauben oder nicht. Ich kann leben und sterben als ob es ihn nicht gibt, aber das sagt über Gott nicht mehr aus, als das er uns auch unsere innere Emigration lässt, uns nachschaut, auf uns wartet und uns – hoffentlich freundlich – am Ende zur Vollendung unseres Lebens erwartet.

Ich möchte auf Gott nicht bis zum Ende meines Lebens warten. Ich möchte Liebe, Vergebung, Hoffnung, Ermutigung, Sinn und Ziel heute schon erleben, egal was andere sagen oder denken, wie sie mich belächeln.

Ich weiß, dass Gott und wir als Christen hier in unserem Land nicht verfolgt, manchmal aber mitleidig belächelt werden. Aber was der Glaube mir in meinem Leben an Tiefe und Kraft geschenkt hat, wie er mir auch zur Klarheit meines Denkens und meiner Überzeugungen verholfen hat, wie er mir klarer Kompass im Alltag ist und mich nicht resignieren lässt, auch wenn die Zukunftsprognosen düster sind, das weiß ich ebenso klar.

Ich will gar nicht Schwert oder spitzer Pfeil Gottes sein.

Ich glaube, dass eine Kirche, die sich als Sauerteig in der Gesellschaft oder als Licht und Salz unabhängig von ihrer Größe und ihrer Reputation versteht, genauso ihrem Auftrag und ihrem Wesen gerecht wird. Aber diese Wesensbestimmung können wir nicht preisgeben, wenn wir Kirche Jesu Christi bleiben wollen. Wir können nur bekennende Kirche sein, die sich nicht ausschließlich ins private zurückzieht und Gott damit klein macht. Das Private ist politisch und das Politische ist privat  und Gott ist der Schöpfer des Himmels und der Erde, er lässt sich auf keine Insel und zu keinem ferne Volk verbannen, sondern ist und bleibt mit und bei uns – immer mittendrin. Ob alle ihn sehen, ob alle ihn hören, ob alle ihm vertrauen, liegt dabei nicht in unserer Hand.

Aber die Dauerklage, dass die Menschen ja ihre eigene Gottvergessenheit mittlerweile vergessen haben und sich in ihrem praktischen Alltagsatheismus wohlig eingerichtet habe, die sollten wir nicht auch anstimmen, sondern eher kollektives Gedächtnis und mahnende Erinnerung an Gott, seinen Zuspruch und seinen Anspruch, sein.

Mich beeindruckt immer wieder die Klarheit des Bekenntnisses von Barmen 1934: Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. 

Das haben unsere Väter und Mütter dann auch mit allen Konsequenzen bekannt!

Heute klingt das vielleicht so wie in dem erst wenige Tage alten gemeinsamen Bekenntnis evangelischer Bischöfe in den USA, das den Titel trägt: Jesus zurückgewinnen.

I. WIR GLAUBEN, dass jedes menschliche Wesen als Gottes Bild und Gleichnis gemacht ist 

Deshalb wenden wir uns gegen das Wiederaufleben von weißem Nationalismus und Rassismus in unserem Land an vielen Fronten, einschließlich der höchsten Ebenen der politischen Führung. 

II. WIR GLAUBEN, dass wir ein Leib sind. In Christus gibt es keine Unterdrückung aufgrund von Rasse, Geschlecht, Identität oder Klasse.

Deshalb wenden wir uns gegen Frauenfeindlichkeit, Misshandlung, Missbrauch von Gewalt, sexuelle Belästigung und Angriff auf Frauen, der in unserer Kultur und Politik, einschließlich unserer Kirchen, und der Unterdrückung eines jeden anderen Kindes Gottes weiter offenbart wurde

III. Wir GLAUBEN, wie wir die Hungrigen, die Durstigen, die Nackten, die Fremden, die Kranken behandeln, auch die Gefangenen, so behandeln wir  Christus selbst. 

Deshalb wenden wir uns gegen die Sprache und die Politik politischer Führer, die die verletzlichsten Kinder Gottes erniedrigen und fallen lassen. Wir bedauern zutiefst die zunehmenden Angriffe auf Zuwanderer und Flüchtlinge, die zu kulturellen und politischen Zielen gemacht werden, und wir müssen unsere Kirchen daran erinnern, dass Gott die Behandlung der „Fremden“ unter uns zu einer Prüfung des Glaubens macht.“

Ob es gehört wird, weiß ich nicht. 

Ob wir es auch so sagen können und müssen, gehört unter uns diskutiert. Aber der Knecht Gottes hat nicht den Auftrag zu schweigen. Er darf reden und leuchten bis zu den fernen Inseln auf dieser klein gewordenen und mir dennoch so lieben Welt.

Die Welt ist klein geworden, die Sorgen dafür manchmal groß.

Und unser Glaube und unser Bekenntnis?

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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