Gefangen, verstrickt, erlöst

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen
Liebe Gemeinde, lassen Sie mich heute mit einer Geschichte predigen.
Es geht um Michael Detlefs. Michael ist 54 Jahre alt, verheiratet ist er mit Anja. Die beiden Kinder, Lena und Bosse, sind inzwischen erwachsen und gehen eigene Wege. Michael ist Verfahrenstechniker in einer großen Automobilfirma in München, er kennt sich gut aus mit Maschinen und mit Computertechnologie, trägt Verantwortung, bildet aus. Er ist seit fast 30 Jahren in der Firma, das Häuschen am Stadtrand ist so gut wie bezahlt, er ist Mitglied im Golf- und im Lionsclub. Michael steht fest im Leben, alles läuft nach Plan.
Das heißt: Alles lief nach Plan. Sechs Monate ist es nun her, dass er in die oberste Etage zitiert wurde. „Die letzte Entlassungswelle hat den Aktienkurs der Firma ordentlich in Schwung gebracht“, erklärte man ihm. Stimmt, dachte Michael bitter, sein Kollege wurde damals gefeuert – ohne Angabe von Gründen. „Die Gesellschafter erwarten von uns weitere Kündigungen.“ Und Michael dachte: Von mir kriegen sie keine Namen, ich opfere keinen meiner Mitarbeiter. Aber da ahnte er es auch schon. „Tut mir leid, Herr Detlefs, wir müssen uns von Ihnen trennen.“
Seitdem belügt er seine Frau. Jeden Morgen geht er um 7 Uhr im Anzug aus dem Haus und kommt gegen 18 Uhr zurück. Streift durch die Straßen. Gibt Acht, dass er keine Bekannten trifft. Schlüpft manchmal in einer Kirche unter. Da kann man zwei Stunden sitzen, ohne dass es jemanden stört.

An diesem Tag nimmt er eine der Bibeln in die Hand, die dort für Besucher ausliegen. Blättert wahllos. Sein Blick ist leer geworden in den vergangenen sechs Monaten, er kann sich nicht mehr konzentrieren. Das Lügenleben frisst seine ganze Kraft. Er schlägt das Buch an irgendeiner Stelle auf und lässt es auf dem Schoß liegen. Da fällt sein Blick auf die Apostelgeschichte, Kapitel 12.

Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert. Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen.
Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote. Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Abteilungen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Passafest vor das Volk zu stellen.
So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott. Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis.

„Herodes sah, dass es den Juden gefiel, da nahm auch Petrus gefangen …. das ist ja mal ein Ding“, denkt Michael. Automatisch fühlt er sich mit diesem Petrus verbunden. Der war ja auch ein Bauernopfer, denkt Michael. Den hats auch einfach so getroffen, ohne Grund, weil es den Mächtigen gefiel. Und er sieht auf seine Hände, die zwar nicht in Ketten liegen und doch zum Nichtstun verdammt sind. Die endlosen Tage des Umherstreifens – sie sind so sinnlos, so leer, so vergebens. Und die Lügen, die er Anja erzählt, jeden Morgen, jeden Abend – er hat sich ein Gefängnis aus Lügen aufgebaut, aus dem er keinen Ausweg sieht.

Er weiß nicht, dass Anja es längst ahnt. Sie spürt: Da stimmt etwas nicht. Sie kann ihn nicht mehr spüren, da ist keine Freude mehr. Es ist, als wäre sein Licht erloschen, ganz leise und von niemandem bemerkt. Und Anja betet um ihre Ehe. Sie betet für ihren Mann. Sie betet am Arbeitsplatz, sie betet beim Kochen, sie denkt an nichts anderes als an ihren Michael, und sie verzehrt sich in Sorge.

Michael ist eingeschlafen in der Kirchenbank. Sein Kopf fällt ihm auf die Brust. Die Kirchenwächterin sieht es, aber sie lässt ihn gewähren. Auch sie spürt, dass Michaels Leben in die Schieflage geraten ist.
Und wir hier in dieser Kirche? Ich kenn das Gefühl, aus dem Leben gekickt zu sein. Da draußen, da läuft alles weiter wie jeden Tag, aber meine Welt ist aus den Fugen geraten. Das merkt mir keiner an, nach außen bin ich ganz normal. Aber sobald die Stille kommt, grüble ich dumpf vor mich hin und kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Kennt ihr das auch? Die nagende Sorge um die Gesundheit, die quälenden Gedanken an das Enkelkind, das den Weg nicht findet, die Sehnsucht nach einem Menschen, der nicht mehr da ist?

Michael ist aus seinem Leben herausgefallen. Damit muss er alleine klarkommen. Denkt er. Lässt sich nichts anmerken, und macht sich doch selbst etwas vor. Ihm und uns lesen wir, wie die Apostelgeschichte weitergeht.

Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir! Und er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen.
Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Gasse weiter, und alsbald verließ ihn der Engel.

Halbwach halbschlafend hört Michael uns durch die Zeiten. Träumt von Engeln und von Licht. Wirr und nicht recht fassbar. Schreckt kurz hoch, meint, dass die Kirchenwächterin ihn geweckt habe. Läuft endlose Gänge im Traum. Steht vor verschlossenen Türen. Sieht seinen alten Arbeitsplatz. Das Büro. Die Computer. Hört das Sirren der Ventilatoren. Riecht die Druckerfarbe vom Kopierer. Erwacht schließlich gerädert und verzweifelt. Anders als Petrus.

Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete. Und als er sich besonnen hatte, ging er zum Haus Marias, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus, wo viele beieinander waren und beteten.

Aber auch Michael macht sich auf den Weg. Schluss mit den Lügen, denkt er. Ich kann das nicht mehr. Egal, was passiert, ich gehe jetzt nach Hause. Und er zieht die Reißleine. Wagt Vertrauen. Geht zu Anja und klopft an die Tür ihres Arbeitszimmers.

Als er aber an das äußere Tor klopfte, kam eine Magd mit Namen Rhode, um zu horchen. Und als sie die Stimme des Petrus erkannte, tat sie vor Freude das Tor nicht auf, lief hinein und verkündete, Petrus stünde vor dem Tor. Sie aber sprachen zu ihr: Du bist von Sinnen. Doch sie bestand darauf, es wäre so. Da sprachen sie: Es ist sein Engel. Petrus aber klopfte weiter an. Als sie nun aufmachten, sahen sie ihn und entsetzten sich.

„Da bist du“, sagt Anja, nachdem sie sich minutenlang in die Augen gesehen haben. „Da bist du ja endlich.“ Sie stellt keine Fragen, nimmt ihn in den Arm. Kocht ihm einen Tee, hält seine Hand. Bis Michael anfängt zu weinen und ihr dann stockend alles erzählt. Erzählt von den schrecklichen Tagen in der Kälte. Von verschlossenen Türen und verschlossenen Herzen. Vom Gefängnis seiner Lügen. Von der Leere und der Dunkelheit. Von der Einsamkeit und von der Angst.

Nun sind es zwei Geschichten geworden, liebe Gemeinde, die des Petrus von vor 2000 Jahren und die von Michael Detlefs, wie sie heute passiert sein könnte und auch geschieht. Es sind Geschichten von Gefangenschaft und Todesangst, von Verlust und Einsamkeit, von Irritation und von Gottes Führung, die manchmal so eigenwillige Wege mit uns geht.
Es sind Geschichten von Extremsituationen. Nicht jeder muss so etwas durchmachen, das sind keine Allerwelts-Erfahrungen, nicht jeder Schicksalsschlag endet in so einem Desaster.

Und dennoch: In diesen Geschichten klingt etwas an, und es möge in Ihnen weiterklingen. In diesen Momenten, wenn die Wirklichkeit sich verdunkelt, wenn du am liebsten verschwinden würdest im Nichts, wenn du weder Lust noch Kraft fühlst, den nächsten Schritt zu gehen, in diesen Momenten, wenn du gar meinst, sterben wäre besser als leben zu müssen, dann bist du nicht allein. Da sind Menschen, die sich um dich sorgen und die für dich beten – auch wenn du es nicht weißt. Und ihre Gebete rufen Gottes Engel herbei. Gottes Engel nehmen dich an die Hand, wenn du selbst zu keinerlei Willen mehr die Kraft hast, es sind Engel, die dich durch das Dunkle und die langen Korridore deiner Angst führen. Sie halten dich bei der Hand, auch wenn du es nicht merkst. Am Ende ist Licht, für Petrus und für Michael. Für dich und für mich und für jedes Menschenkind in Not – auch wenn du es jetzt noch nicht siehst.
So sei es. Das bedeutet Amen.

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