Zur Ehrenrettung des Neides (Galater 5, 25-6,10)

Wie Donnerschläge und Gewitterhagel prallen Worte auf den Jungen nieder, er wird ganz klein und stumm und. Ich sehe Eltern, die nicht mehr aufhören können, ihm vorzuhalten, was nicht sein darf, im Supermarkt, auf dem Spielplatz, im Kinderzimmer… Ich spüre tiefe Hilflosigkeit . Sie wissen nicht mehr, was sie tun oder sagen sollen. Und das Kind zieht Kopf und Schultern ein, um sich vor dem Rede- und Wortschwall zu schützen. Es macht dicht.

Finde ich mich solchen Redefluten ausgeliefert, denke ich: „Alles richtig, alles wahr“ – „ aber so läuft das nicht“. Ich gebe mir ja Mühe, das richtige zu tun.  (einen schlimmeren Satz kann es in einem Zeugnis gar nicht geben als die Aussage, er oder sie habe sich bemüht, …es hat halt nicht gereicht!) Werde ICH zugetextet, dann weiche ich aus, suche Ausflüchte und rede lieber über Belanglose statt mich den Vorwürfen zu stellen, selbst wenn sie nur in Form von gutgemeinten Ratschlägen daher kommen. Denn „gut gemeint“ ist eher das Gegenteil von „gut“ und Ratschläge sind am Ende auch Schläge.

All das will ich dem Apostel nicht unterstellen. Er redet ja nicht aus einer Laune heraus oder impulsiv, sondern formuliert mit Abstand sehr genau, was seiner Meinung nach in einer konkreten Situation unbedingt gesagt werden muss. Er will nicht zutexten, ist alelrdings oft sehr engagiert, hat doch nicht wirklich Abstand.

Bei Texten, in denen Ermahnung auf Ermahnung folgt, bin ich oft versucht, abzuschalten, aus einem Gefühl der Hilflosigkeit heraus: alles so richtig und so einleuchtend, aber ich kann am Ende all dem nicht gerecht werden. Ich will deswegen heute einmal eine Verteidigungsrede halten für die gescholtenen schlechten Angewohnheiten. Wenige Augenblicke, wenige Apostelworte reichen da schon aus, um damit anzufangen zu können. Es geht unverfänglich und geistlich los: „Lasst uns im Geist leben, lasst uns im Geist wandeln“, aber dann…, kommt es schon: „trachtet nicht nach eitler Ehre, fordert einander nicht heraus, beneidet einander nicht.

Darum also gehts, aber geht es ohne? Was ist denn der Motor und das Schmieröl im Leben, in der Gesellschaft und in der Wirtschaft: Konkurrenz, Wettstreit und Wettbewerb. In Kindergarten, Schule und Beruf lernen wir nicht nur Sozialverhalten, sondern auch Durchsetzungsvermögen und Selbstvertrauen, Einsatz für eigene Interessen, Widerstandsfähigkeit und Streitbereitschaft, also Lebenstüchtigkeit.  Konsum, Kaufverhalten, Umsatz, Geschäfte, Rendite…das geht nicht ohne ein Mindestmaß an Konkurrenz der Menschen untereinander, ohne einen gewissen Neid, der Bedürfnisse und damit Begehrlichkeiten weckt: das gefällt mir, das möchten ich auch haben…. Gefährlich wird es erst dann, wenn dies um jeden Preis so sein muss.

Wenn alle gleich wären und gleich lebten, es gar keine Unterschiede mehr gäbe, keine Konkurrenz, keinen Wettkampf, wäre die Welt dann eine bessere? Oder führt die Gleich-gültigkeit aller zu Gleichgültigkeit aller; Gleichwertigkeit ist das eine, absolute Gleichheit etwas ganz anderes. Gleichheit wäre das Ende aller Persönlichkeit und Individualität. Einmaligkeit führt aber zu Verschiedenheit und Buntheit.

In der Zeit gab es eine  Kolumne zum Thema Neid, die begann mit der Feststellung: „andere schreiben Bestseller über Verdauung, haben eine Traumwohnung oder Millionen auf der Bank. Und ich? Habe nur meinen Neid. Der ist aber eigentlich ganz in Ordnung“

Die Autorin weiß, dass sie damit Widerspruch provoziert. Neid hat eine schlechte Presse. Neid macht keinen Spaß, Neid macht Bauchweh, Neider sind schwache Menschen (so die vorherrschende Meinung – alles Zitate!). Neid ist mächtig. An ihm zerbrechen Familien, Neid stürzt Regierungen, schafft Revolutionen und, so Ronja von Roenne, „Neid bringt einen Donald Trump ins Amt, Neid kann Kunst sein und Ungerechtigkeit aufzeigen. Neid befeuert Religion und Politik, schafft Fortschritt und behindert ihn“ Er ist also ganz privat und hoch politisch. Er ist die Urkraft, zu der keiner steht. Er kann genau zeigen, wo Ungerechtigkeiten empfunden werden und ungeheure Sprengkraft, Zorn und Aggression sich entwickeln (können). 

Man kann viel über den Neid, sein Wesen und seine nützliche Funktion lernen. Er „ist aber eigentlich ganz in Ordnung“. Regt sich bei Ihnen Widerspruch. Kann ich über den Neid und vom Neid etwas lernen und dem Geist Gottes dabei auf die Spur kommen?

Ronja von Roenne findet Neid in Ordnung, weil er noch nicht per se Missgunst ist, sondern zunächst Ausdruck eigener Sehnsüchte. Ich entdecke, wie in einem Spiegel, was ich mir auch wünsche, was mir das Leben schön, angenehm und reizvoll machen kann. Wünsche zu haben ist nichts verbotenes, wenn ich lerne, dass nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen (können). Kinder sollen zu Geburtstagen und zu Weihnachten ruhig lange Wunschzettel schreiben und lernen, dass Wünsche manchmal in Erfüllung gehen…manche wohlgemerkt, nicht alle. Auch wir Erwachsenen können übrigens lernen, uns an dem Wunder zu freuen, dass mancher Wunsch sich erfüllt, statt immer unzufrieden zu sein.

Bleiben wir also neugierig, offen und gespannt auf das Leben und werden dabei sensibel für die Schwachstellen und Probleme unserer Gesellschaft. Spüren wir die Ungerechtigkeiten auf, die der Neid so schmerzhaft vor Augen führen kann. Dann lässt sich sein Aggressionspotential eindämmen. Ein Beispiel: Menschen fühlen sich offensichtlich im reichen Wunderwirtschaftsland Deutschland zurückgelassen und benachteiligt. Verschließt die Gesellschaft davor die Augen, wird sich dies, gerade weil Gefühl und Wirklichkeit nicht immer übereinstimmen, in solch irre Vorstellung verkehren, in unserem Land würden z.B. Flüchtlinge in Villen hausen, während Arbeitslose auf der Straße landen. Noch schlimmer: Neid wird dann ausgenutzt, instrumentalisiert und missbraucht. Real ist die immer größer werdende Schere zwischen arm und reich. diese Schere ist kein Neid, sondern Ungerechtigkeit und Sprengstoff. Und die Migration ist nicht die Mutter dieser Probleme. Fazit: „Eine Gesellschaft, die (so) Neid offen zugibt, wäre eine sehr ehrliche und verzeihende. Es gibt es wohl nichts Menschlicheres, als sich selbst ungenügend zu finden, mit anderen zu vergleichen und die Ungerechtigkeit des Lebens zu erkennen. Wer Neid eingesteht, macht auch seinem Gegenüber ein Kompliment. Und führt sich selbst nicht in Versuchung, sich zu verstellen oder Anerkennung zu heucheln. Neid ist ein Schmerz, aber wenn man ihn sich eingesteht, schwindet er schon ein wenig.“ Ich finde diese Ehrlichkeit und Feinfühligkeit ohne moralische Überheblichkeit wohltuend. Das Wort Neid kommt eigentlich von dem germanischen Wortstamm „Nid“, was Anstrengung und Wetteifer meint. Ein guter fairer Wettkampf ist nichts verwerfliches – wenn ich meinen Mit-streiter oder Mit-kämpfer im Blick behalte.

Frage: Ob es uns gelingt mit Paulus eine Brücke zu schlagen, einen geistlichen Umgang mit Neid zu finden? Womöglich ja dadurch, dass wir aus der gesunden Konkurrenz, aus dem Vergleich, aus dem Wettstreit,  aus der akzeptierten Verschiedenheit und Ungleichheit heraus, weil jeder einmalig und unverwechselbar ist, dazu kommen, nicht länger nur Konkurrenten im Sinne von Streitpartnern zu sein. Wir könnten doch Wettbewerber sein und wenn es dann drauf ankommt am Ende auch Lastenträger werden. Wettstreit kann ich nicht allein. Aber im Wettkampf muss der Unterlegene nicht auch der Verlierer sein, sondern bleibt doch Mitbewerber. Damit wäre viel gewonnen, Neid ein wenig rehabilitiert. Zieht dieser neuer Geist in unseren Herzen und Köpfen ein, der auch den Plazierten am Ende einen Platz auf dem Podest einräumt, verändert sich viel: Sieg und Platz, Lastenträger und Freuden- bzw. Gabenteiler, gleiche Würde ohne Gleichmacherei unter Ersten und Zweiten. Dazu helfe uns Gottes Wort und Christi Geist. Amen

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