Tut mir auf die schöne Pforte

Heiligabend sitzt manchmal ein Bettler vor der schönen Kirchentür der Stadtkirche. Und er sieht aus, wie man sich einen Bettler vorstellt. Die Kleidung ist verschlissen, der Blick ist gesenkt. Er bettelt nicht aggressiv, aber trotzdem stören sich manche Besucher daran. Andere nehmen den Mann wahr, wiederum andere geben ein paar Cent in die ranzige Mütze, die er den Leuten hinhält.

Die Menschen, die am Heiligenabend aus der Kirche, aus der schönen Pforte strömen, sind auf dem Weg nach Hause. Sie wollen in ihre Wohnungen. Wollen was Essen oder zur Feier des Tages einen guten Tropfen aufmachen. Viel haben der Bettler und die herausströmende Gemeinde nicht gemein. Und als müsse das noch unterstrichen werden sitzt der Bettler extra muros, er gehört nicht dazu.

Außerhalb der Mauern sitzen ist Mist. Das weiß auch der Mann, der seit einer Ewigkeit vor der schönen Pforte des Tempels sitzt. Vierzig Jahre alt ist er und so lange er lebt, solange ist er auch schon auf die Hilfe anderer angewiesen. Vierzig Jahre Leben bedeuten für ihn vierzig Jahre Abhängigkeit. Keine gleichwertige Partnerschaft, keine Begegnung auf Augenhöhe. Seit vierzig Jahren hat der Mann seinen Platz zugewiesen bekommen. Das ist eine halbe Ewigkeit.

Dass es so nicht weitergehen kann ist klar. Irgendwann muss man doch mal diesen Kreislauf durchbrechen. Irgendeiner muss ihm doch mal die schöne Pforte auftun? Aber da ist schon so lange niemand, keiner weit und breit, der das tun würde.

Und dann geschieht etwas, das den trostlosen Alltag durchbricht.

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Endlich aufstehen. Nach vierzig Jahren Kraft in den eigenen Beinen. Von unten nach oben kommen. Und das völlig unerwartet.

Vierzig Jahre hat man den Mann hin- und hergetragen. Vor die schöne Pforte gesetzt und ihn den Blicken der vorbeilaufenden Gemeinde ausgesetzt. Wenn er schon nichts machen kann, dann soll er wenigstens ein bisschen Kapital aus seinem Elend schlagen. Damals galt, wer nicht auf eigenen Beinen stehen kann, der darf auch nicht zu Gott getragen werden. Die schöne Pforte bleibt verschlossen für die, die eben nicht schön sind.

Da der Tempel also verschlossen war, blieb dem Lahmen nichts anderes übrig als vor dem Tor zu betteln. Und das war nun seine ökonomische Nische.

Nach vierzig Jahren vor dem Tempel kennt man sich: Die Gemeinde und der Lahme. Auf dem Weg zum Gottesdienst kommen die Gläubigen vorbei und erfüllen ihren Dienst indem sie ihm Almosen geben. Nehmen die Menschen den anderen Menschen noch wahr?

Petrus anscheinend schon. Ob er zum ersten Mal hier vorbei kommt oder nicht ist doch unwichtig. Wichtig ist, dass er das Blatt wendet, als sich die beiden Männer begegnen und Petrus den Mann, der da vor der schönen Pforte sitzt auf seinem Weg zum Gottesdienst wahrnimmt. Der Lahme ist plötzlich nicht mehr irgendeine Elendsgestalt, die auf einem ausgebreiteten Pappkarton sitzend einen leeren Kaffeebecher in der Hand hält und durch seine bloße Anwesenheit das Einkaufserlebnis am Samstag empfindlich stört. Petrus weicht nicht aus.

Leider hat der Apostel überhaupt kein Geld dabei und wahrscheinlich würde er das Geschäftsmodell des Lahmen auch gar nicht bedienen wollen. Die Situation des Lahmen  vergolden? Das kommt dem Apostel überhaupt nicht in den Sinn. Vielleicht weil er denkt, Geld zu geben schadet oft mehr, als es hilft. Wer sagt mir denn, dass der sich davon nicht gleich die nächste Flasche Schnaps kauft? Das sagen auch Menschen, die hauptberuflich mit Bettlern zu tun haben und weisen darauf hin, dass es viel wichtiger sei , für gerechte Strukturen zu sorgen anstatt Armut mit dem Almosenprinzip zu bekämpfen. Das führt nämlich eher dazu, so die Experten, dass die Situation des Oben und Unten zementiert wird.

Ob Petrus gewusst hat, dass Almosen nicht aus der Not hinaus führen und kein unabhängiges, selbstbestimmtes und würdevolles Leben ermöglichen? Er hat eben keine Münzen dabei. Der Lahme mag ihn in diesem Moment ungläubig anschauen. Kein Geld? Was kommt stattdessen? Ein vorwurfsvoller, aber gut gemeinter Vortrag über die Möglichkeiten und Chancen, die ich trotzdem habe? Der Lahme ist verunsichert. Vielleicht beschimpft mich dieser fremde Mann auch nur und geht dann weiter? Der Lahme hat das alles schon erlebt, die Beschimpfungen, die Ablehnung, die gutgemeinten Ratschläge, die ihm nicht helfen und natürlich all die mitleidigen Blicke.

Was kommt jetzt?

Petrus will mehr. Er will nicht nur kurzfristige Hilfe, er will eine grundlegende Veränderung der Situation. Und er bietet dem hilflosen Mann Hilfe an, die weit über das hinausgeht, was Gold und Silber kaufen könnten. Petrus stellt den Lahmen auf eigene Füße und das tut er „im Namen Jesus Christi von Nazareth.“

Gut gemacht Petrus! Nun, liebe Gemeinde, wir sind in einer anderen Situation. Im Gegensatz zu Petrus haben wir Gold und Silber und das müssen wir, auch in Zeiten sinkender Kirchensteuereinnahmen, in Jesu Namen einsetzen um den Armen, Kranken, Schwachen und Bedürftigen zu helfen. Nicht zuletzt weil davon in dieser Welt auch unsere Glaubwürdigkeit abhängt. Worte, ob nun ermahnend oder aufmunternd reichen da doch nicht. Wie bei Petrus müssen Wort und Tat zusammenkommen. Und im Mittelpunkt unseres Handelns muss der Gedanke stehen, dass jeder Mensch ein Recht auf Teilhabe an menschlicher Gemeinschaft hat.

Und der Bettler draußen vor der schönen Kirchentür? In der Kirche glauben wir, dass es Gottes Wille ist, dass allen Menschen geholfen werde. Und dabei, davon bin ich überzeugt, spielt es keine Rolle, welche Religion oder Kultur, welche Hautfarbe, welches Geschlecht, welche Behinderung oder Begabung jemand hat. Und an diesen barmherzigen und lebendigen Gott, der den Menschen durch Wort und Tat die schöne Pforte öffnen will glaube ich.

AMEN!

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