Identität

Predigt Galater2,16-21, 11. Sonntag nach Trinitatis, Predigtreihe IV, von Pfarrer Johannes Taig

Paulus schreibt:

16 Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht.
17 Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, auch selbst als Sünder befunden werden – ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne!
18 Denn wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wieder aufbaue, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter.
19 Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt.
20 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.
21 Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.


Liebe Gemeinde,

in Antiochia muss es zwischen Petrus und Paulus so richtig gekracht haben. Als Paulus den Brief an die Gemeinden in Galatien schreibt, hat er längst bis 20 gezählt und viele Nächte darüber geschlafen. Und dennoch merkt man seinen Zeilen die Schärfe noch an: „Als aber Kephas nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn es war Grund zur Klage gegen ihn. Denn bevor einige von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus dem Judentum fürchtete. Und mit ihm heuchelten auch die andern Juden, sodass selbst Barnabas verführt wurde, mit ihnen zu heucheln. Als ich aber sah, dass sie nicht richtig handelten nach der Wahrheit des Evangeliums, sprach ich zu Kephas öffentlich vor allen: Wenn du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst und nicht jüdisch, warum zwingst du dann die Heiden, jüdisch zu leben?“

Kephas, Petrus, der Fels, auf den Christus seine Kirche baut, erweist sich nicht zum ersten Mal als Feigling und Paulus muss ihm – von ehemaligem Juden zu ehemaligem Juden wohlgemerkt – die Meinung sagen. Der historische Streit, der letztendlich zugunsten des Paulus entschieden wurde, entzündete sich an der Frage, ob Juden, die Christen wurden, sich weiterhin an die Reinheitsgebote des Alten Testaments halten müssten, oder nicht. Nach diesen Reinheitsgeboten hatte die Tischgemeinschaft mit Heiden zur Folge, dass man selbst unrein wurde.

Das alles war für Petrus eigentlich kein Problem, hatte sein Herr Jesus doch selbst mit Sündern und Zöllnern Tischgemeinschaft gepflegt und ihnen das Reich Gottes gepredigt. Andere freilich sahen das anders. Und als die Leute des Jakobus kamen, der in der ersten Kirche als leiblicher Bruder Jesu nicht irgendwer war, und die Nase rümpften, fiel Petrus um. Und nicht nur er. Wir haben es hier mit einem klassischen Fall von Heuchelei zu tun, mit der man ein negatives Urteil anderer vermeiden und sich die Anerkennung anderer sichern will, um den Preis, die eigene Überzeugung hintanzustellen und gehörig zu strapazieren. Im Deutschen gibt es dafür das Wort „Arschkriecherei“.

Vor diesem Hintergrund entfaltet Paulus seine Gedanken, die uns Lutheranern unter dem Stichwort „Rechtfertigungslehre“ bekannt sein sollten: Wir werden vor Gott gerecht allein durch den Glauben an Christus und nicht durch die Werke des Gesetzes. Ich habe keine Predigtmeditation gefunden, in der der Prediger nicht davor gewarnt wurde, das Wort Rechtfertigungslehre überhaupt in den Mund zu nehmen. Das sei eine Lehre, mit der moderne Menschen überhaupt nichts anfangen könnten, weil sie Antwort auf Probleme gäbe, die heutige Menschen gar nicht mehr hätten. Ach wirklich?

Mag schon sein, dass heute niemand mehr wie Luther fragt: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Das hängt aber damit zusammen, dass der moderne Mensch nicht mehr in den Himmel, sondern ins Fernsehen und all die anderen Medien kommen möchte, die er für den Himmel hält. Einmal in der Tagesschau erwähnt werden; einmal groß in der Zeitung stehen; einmal so viel Facebookfans haben wie Heidi Klum; einmal einen Nachruf im Spiegel kriegen – aber bitte nicht den kleinen auf der vorletzten Seite, sondern eine Seite extra. Neulich schrieb mir ein Kollege, ich sollte nicht meinen, er halte sich für was Besseres, nur weil er über 1000 Followers bei Twitter und Co hätte, die seine Beiträge interessant finden. Wie kommt er nur drauf? Weil sich die Identität eines Menschen, die Frage, ob ein Mensch recht, richtig, wertvoll – kurz gerechtfertigt – ist, heute in ungekanntem Ausmaß daran entscheidet, welche mediale Aufmerksamkeit er erlangt und welche Spuren er dort hinterlässt! Und natürlich wird da auch gelogen, geschönt, geschleimt und gekrochen für möglichst viele „Gefällt mir“ – Angaben. Umgekehrt gibt es mittlerweile Beispiel genug, wie schnell und gnadenlos Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens medial auf den Müll befördert werden können – als Mensch wohlgemerkt.

In den letzten Jahren ist auch in der Kirche die mediale Präsenz zunehmend zum Qualitätsmerkmal, sprich zur Rechtfertigung kirchlicher Arbeit geworden. Was gut ankommt und Aufmerksamkeit weckt, ist eben einfach gut, auch in der Kirche. Kirche muss sich wieder an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. Sie muss den Menschen wieder zuhören, um herauszufinden, was sie wollen.

Wohlgemerkt, auch Paulus wollte den Juden ein Jude sein, den Schwachen ein Schwacher. „Ich bin allen alles geworden“, schreibt er im 1. Korintherbrief (9,19 ff.). Aber er tut das nicht für die „Gefällt mir“- Angabe, nicht, um den Beifall möglichst vieler zu erhalten. Er macht sich mit niemand gemein im Modus der Arschkriecherei. Er sucht den Anknüpfungspunkt, um Menschen für das Evangelium zu gewinnen. Deshalb widersteht er einem Petrus in diesem Punkt ins Angesicht. Denn hier gilt: Eine Kirche, die sich den fremden Konventionen und den Rechtfertigungszusammenhängen der sie umgebenden Welt ergibt, um den Beifall, die Anerkennung und die Aufmerksamkeit möglichst vieler zu erhalten – eine solche Kirche hört auf, Kirche Jesu Christi zu sein!

Deshalb dürfen wir mit Paulus den Artikel nicht vergessen, mit dem die Kirche steht und fällt. Wir dürfen mit Paulus nicht vergessen, dass unsere Identität und Rechtfertigung darin besteht, dass jeder einzelne von uns in die Geschichte des Christus eingeschrieben ist. Deshalb gilt: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.“ Weitere „Gefällt mir“- Angaben sind entbehrlich.

Und da sind wir genau an dem Punkt, wo sich das, was theologisch so sperrig „Rechtfertigungslehre“ heißt, auch heute praktisch bewährt und in die Freiheit führt. Wenn der Sohn Gottes mich geliebt und sich selbst für mich dahingegeben hat – was bleibt dann noch übrig von dem Rattenrennen um die eigene Wichtigkeit und Richtigkeit? Wem muss ich denn dann noch etwas beweisen und welchen Shitstorm und welche üble Nachrede soll mir denn dann noch Angst machen? Im Glauben werden wir durch Christus den Begründungs- und Rechtfertigungszusammenhängen unserer Welt entnommen und ins Himmelreich gepflanzt. Dass diese Botschaft auf Widerstand stößt, liegt auf der Hand. Sie ist zu allen Zeiten eine Beleidigung des selbstbewussten Ich, das so gerne autonom sein eigener Schöpfer und Erhalter sein will und sie ist eine Gefahr für alle Mächte und Menschen, die uns in den Griff bekommen wollen. Sie ist gleichzeitig Grundlage der Kritik an Kirchenreformen, die den einzelnen Christen und die Kirchengemeinden unter Erfolgsdruck, Effizienzdruck und andere Rechtfertigungszusammenhänge unserer trostlosen alten Welt setzen wollen.

Wir haben offenbar ein paar einfache Wahrheiten vergessen: Wir bringen uns nicht selbst zur Welt. Wir erhalten uns nicht selbst am Leben. Wir lernen fast alles, was wir können müssen von anderen. Was wir denken, knüpft fast immer an Gedanken an, die andere vor uns gedacht haben. Es gehört zur Grundstruktur der Welt, das alles mit allem verknüpft ist und nichts ohne das andere leben kann. „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ In der Tat: Paulus empfindet es mit vielen Mystikern, wie Meister Eckhart, als ausgesprochene Wohltat, wenn das eigene Ich in Christus irgendwann ganz verschwindet. Das führt nicht zum Rückzug aus der Welt und der kirchlichen Arbeit, aber wie viele Egotrips blieben dann auch der Gemeinde erspart!

Für die Arbeit der Gemeinde bedeutet das: „Nicht wir, unsere Synoden, Bischöfe, Projektgruppen, Fachabteilungen sind es, die die Kirche ‚entwickeln‘, ‚bauen‘, in die Zukunft führen können. Der Sohn Gottes ist es, der seine Kirche ‚versammelt, schützt und erhält‘. Unser Tun ist an anderer Stelle gefordert. Wie der Sämann in den Gleichnissen Jesu sollen wir das Wort aussäen. Für das Wachsen und Gedeihen ist dagegen ein anderer zuständig. Dies zu wissen und zu glauben, ist eine große Entlastung für alle, die ‚im Weinberg des Herrn‘ tätig sind.“ (Gisela Kittel, Das Kirchenverständnis der Reformatoren, gegründet in den Zeugnissen des Neuen Testaments, Korrespondenzblatt Nr. 6/2018, S. 144)

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