Rom! (Röm 9, 1-5.31 – 10,4)

Liebe Gemeinde!

Ich habe hier Dein Bewerbungsschreiben, Paulus. 

Du hast damals in Kleinasien christliche Gemeinden gegründet; bei uns heißt das heute Türkei bzw. Griechenland. 

Und bist immer weitergezogen. 

Du hast Kontakt gehalten zu diesen Gemeinden über Briefe. 

Immer gab es Fragen, Konflikte. Wie das eben so ist in menschlichen Gemeinschaften. 

Dann wolltest Du nach Rom. 

ROM….

Die Hauptstadt der damaligen Welt rund um das Mittelmeer. 

ROM. 

Dort gab es eine christliche Gemeinde. 

Und Du hast geschrieben, was Dich bewegt. 

Dein Lebenswerk in 15 Kapiteln. Den Römerbrief. 

Du machst es persönlich. 

Du bist Jude gewesen. 

Ein sehr konservativer. Du hast christliche Gemeinden verfolgt. 

Du warst, ich sage es offen, ein Fundamentalist. Ein Radikaler.

Bis, bis, ja – bis irgendwas passiert bist. Du hast erzählt: Du bist kurz vor Damaskus dem auferstandenen Christus begegnet. 

Nun ja. Es war Einschnitt in Deinem Leben. Danach warst Du ein anderer. 

Und so wie Du vorher versucht hast, das Judentum rein zu halten – radikal – hast Du nachher als Christ gesagt – genauso radikal: 

Der Gott der Juden, Der Gott Israels hat sich ALLEN Menschen gezeigt in Jesus Christus. 

Was Du vorher radikal abgelehnt hast, hast Du nachher entschieden verteidigt. 

Du warst kein Mensch für den Kompromiss.

Du hast Dir gewünscht: dass alle Juden diesen Weg gehen. Und auch sagen: „Der-Allmächte-gepriesen-sei-sein Name“  ist nicht mehr nur der Gott Israels, sondern der ganzen Welt. 

Das ist nicht passiert. 

Du schreibst dazu in dem Teil des Römerbriefes, der heute Predigttext ist: 

Ich bin wirklich sehr traurig, ja, mir schmerzt regelrecht das Herz (Röm 9,2)

Es ist aber eben DEIN Schmerz. 

Fast finde ich es ein wenig peinlich, so etwas Persönliches zu lesen. 

So als wenn man aus Versehen einen Blick in ein Tagebucheintrag oder einen persönlichen Brief wirft. 

Es ist nicht unsere Frage, liebe Gemeinde. Nicht unser Schmerz.

Paulus fragt sich: Wie geht das?

Dass sich für ihn der Gott Israels für die Welt geöffnet hat – und für die meisten Juden nicht. 

Dass für ihn Jesus der Gesandte, der Messias ist – und für die meisten seiner jüdischen Schwestern und Brüder nicht. 

Drei Kapitel lang beschäftigt er sich mit der Frage; die ihn umtreibt. 

Und er findet drei theologische Antworten: 

1. Gott hat Israel nicht verlassen. Punkt. 

2. Der Weg zu Gott ist, Jesus Christus als den Messias für die Welt zu glauben. Im Moment hat Israel diese Botschaft nicht angenommen. 

3. Am Ende werden doch alle zu Gott kommen. Paulus schreibt in Kapitel 11 (Röm 11,26): Ganz Israel wird gerettet werden. Punkt. 

Das ist das persönliche Ringen von Dir, Paulus. Wie das jetzt sein kann. Dass es zwei Wege gibt. 

Und Du hast in einer anderen Zeit gelebt. 

Das römische Reich war ein Verwaltungsstaat. Offizielle Religion war der Kaiserkult, die Anbetung des Kaiser. Und die Anbetung der Ahnen. 

Wenn man eine andere Religion hatten, musste man beantragen, sie ausüben zu dürfen.

Juden unterschieden sich nun von allen anderen Religionen dadurch dass ihr Gott nicht sichtbar war.  Es gab nur zwei große Steintafeln mit insgesamt zehn Geboten das war alles was man von diesem Gott sehen konnte.  Selbst sein Name, vier Buchstaben JHWH wurden nicht ausgesprochen. 

Alle anderen hatten Götterstatuen und  großartige Tempel und wohlklingende Namen. Der Gott der Juden auch noch einen für die damaligen Zeiten bescheidenen Tempel.  und wenn man nun wissen wollte, wer dieser Gott ist?

Dann erzählte man  Geschichten, von Auszug aus und Aufbruch. Aus Ägypten, aus dem Chaos, aus der Mutlosigkeit. Singt Psalmen. Und zeigt auf die Schöpfung „wenn du willst wissen wie sich Gott anfühlt dann fasse einen Baum an. Dann schaue ein Tier an. Dann berühre einen Menschen. Da erfährst du wer Gott ist und wie er sich anfühlt.“

Die Römer hatten tatsächlich entschieden: ja, man darf diese Religion ausüben.

Das Christentum aber nicht. Das galt als jüdische Sekte. 

Ach, Paulus!

Als das Christentum schließlich sogar Staatsreligion wurde, hat die Kirche 2000 Jahre lang Deinen Text benutzt, um Juden abzuwerten. 

Haben Dein persönliches Ringen benutzt, um Verfolgung zu rechtfertigen. 

Haben den Text vereinfacht und in Feindschaft gegen die Juden umgedreht – Wir gegen Die. 

Anstatt wie Du, Paulus, zu ringen: 

Was heißt denn das: „Durch Jesus Christus gerettet zu werden?“

Was heißt denn „glauben“, wenn es nicht das Nachsprechen von Formeln ist?

Was heißt das denn, dass Juden und Christen wie an einem Baum die gleichen Wurzeln haben – nämlich die Beziehung von diesem Gott zu Abraham, zu den Vätern und Müttern im Glauben an diesen Gott?

Paulus, Du ringst, Du denkst –  in Argumentationen und Bildern. 

Du sagst am Schluss – das ist ja das dritte Argument – am Schluss werden doch alle zu Gott kommen. 

Und Du merkst gleichzeitig an dieser Stelle: 

Dein Kopf kommt nicht weiter. Wie geht das denn alles?

Du würdest Dich im Kreis drehen, wenn Du weiter schreibst. 

Denn: Alle Argumente sind gesagt. 

Und deshalb wie an anderer Stelle in deinen Briefen gibst Du das Denken auf:

33 O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! 34 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen«? (Jesaja 40,13) 35 Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm zurückgeben müsste?« (Hiob 41,3) 36 Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen. (Röm 11,33-36)

Wie ist das mit Gott?

Gibt es Gott?

Wer kommt zu Gott?

Wer ist Erbe Gottes, wer ist Kind Gottes? Und wer nicht?

Spannende Fragen. Ich habe deshalb einmal Theologie studiert. 

Aber die bleiben hier oben, im Kopf. 

Am Ende ist das Staunen. 

Über das Leben selbst. Wie wunderbar es ist. 

Wie heilig. 

Wie schön. 

Wie verrückt. 

Es ist nicht egal wie wir dieses Heilige nennen – Ob „Jesus“, „Buddha“, „Mohammed“, „Natur.“ 

Es ist nicht egal. 

Es ist wie mit der menschlichen Sprache. 

Es gibt keine menschliche Sprache auf dieser Welt, die besser ist. Deutsch ist nicht besser als Arabisch, Englisch nicht besser als Bantu. Vietnamesisch nicht besser als Russisch, Französisch nicht besser als Farsi. 

Und doch ist eines meine Muttersprache. 

Für uns Christen ist die Bibel mit ihren die Erzählungen von diesem Gott die Muttersprache – Altes und Neues Testament und die vielen anderen Geschichten. 

Und dann auch zuletzt immer: Unsere Geschichte. 

Und daneben so viele andere Götter, Wege, soviel Vertrauen, Liebe, Hoffnung, diese drei –  in so vielen Muttersprachen. 

Das kann man bedenken, studieren wie Du, Paulus. 

Versuchen, das alles ins Verhältnis zu setzen. 

Aber ich möchte mit Dir, Paulus , heute einfach staunen. 

Du bist mir in vielem fremd, Du, der vor 1950 Jahren einen Brief an eine Christen in Rom geschrieben hat. 

Und nah – 

weil Du staunst über die im wahrsten Sinne unfassbare Schönheit der Schöpfung. Über die Schönheit Gottes. Über die Schönheit des Heiligen. 

33 O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! 34 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen«? (Jesaja 40,13) 35 Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm zurückgeben müsste?« (Hiob 41,3) 36 Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! (Röm 11,33-36)

Amen.

Ja, Amen, Paulus, dazu. 

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