Wer nur den lieben Gott lässt walten… (zu Jeremia 1, 4-10)

Die Schule war aus und die beiden Jungs waren im Bus auf dem Heimweg. Wie jeden Tag saßen sie zusammen und redeten – über Gott und die Welt, eben wie die Großen – denn sie fühlten sich groß und erwachsen in diesem Augenblick,  sie hatten zu allem etwas zu sagen und glaubten die Welt zu verstehen. Wenn sie sich aus der Rückschau zwanzig Jahre später noch einmal hören und sehen könnten – sie würden aus dem Schmunzeln, vielleicht sogar aus dem verschmitzten Schämen gar nicht mehr herauskommen. Sie wollten groß sein und waren doch nur Teenager ( glücklicherweise Teenager; ist es doch wunderbar jung zu sein und das Leben aller Voraussicht noch vor sich zu haben.)

Die beiden Mädchen waren gerade aus der Schule zu Hause angekommen, hatten in jeder freien Minute zusammengehockt und geklönt, mussten aber sofort wieder ans Handy, als hätten sie sich Wochen nicht gesehen und unendlich viel zu erzählen. Auch sie fühlten sich groß und machen es die Großen nicht auch so, dass sie viel reden ohne etwas zu sagen, alles kommentieren, als wären sie die besseren Politiker oder Trainer – mit dem einzigen Unterschied , dass die alten ja nichts verstehen von Mode und Musik, von den neuen Trends und von dem was cool ist.

Als er 18 wurde, war ihm klar, dass er sich nun nichts mehr sagen lassen wollte. Er war volljährig. Er durfte Autofahren, er durfte wählen, er durfte so lange ausbleiben wie er wollte und vor allem Essen und Trinken, wie es ihm gefiel. Schluss die Zeit der Bevormundung – dachte er. Als es Ärger mit der Polizei und mit der Schule gab, als das Taschengeld nicht mehr reichte und der Job neben der Schule nicht so funktionierte, war er nach anfänglichem Zögern  dann doch froh, dass die Eltern einsprangen, zu ihm hielten, ihm halfen und Verantwortung abnahmen. Erwachsen ist man nicht, erwachsen wird man. Der eine früher, der andere später. War die Jugend früher ein kurzer Abschnitt zwischen Konfirmation und Berufsausbildung, ist es heute eher ein ganzes Jahrzehnt und mehr bis zum Ende des Studiums und der ersten Festanstellung in einem gut bezahlten Beruf. In die Verantwortung für ein Leben muss ich erst hineinwachsen und Hand aufs Herz: das Wachstum hört auch für den Rest des Lebens nicht auf und kann auch im fortgeschrittenen Alter noch ganz schön schmerzhaft sein. Der Volksmund sagt zwar: „was Hänschen nicht lernt, lernt der Hans nimmermehr“. Aber ich glaube das nicht. Wie viele Menschen müssen nicht nur im Beruf ständig dazu- , sondern im Leben auch ganz neu lernen. Nach fünfzig Ehejahren, wenn die Kinder längst aus dem Haus sind, mit einem Mal nach dem Tod des Partners allein sein, will gelernt werden; nach 45 Jahren im Beruf mit einem mal im Ruhestand nicht mehr gebraucht zu werden und mehr Freizeit zu haben, als nötig ist, um alles zu Hause neu zu sortieren und aufzuräumen, fällt einem nicht in den Schoß und hat wahrscheinlich keiner geübt.

Wofür bin ich eigentlich zu jung oder zu alt?

Ich war zu jung um Halbwaise zu werden, war es aber mit einem Mal. Ich war eigentlich zu jung, um alle wichtigen Entscheidungen meines Lebens allein treffen zu können, musste es aber schon mit 14 oder 15 tun. Ich bin daran gewachsen, während andere daran zerbrechen und später mildernde Umstände zugesprochen bekommen. Das Jugendstrafrecht beurteilt zu Recht anders als das Erwachsenenstrafrecht.

Kinder werden Eltern und müssen auf einmal Verantwortung für dritte tragen. Männer und zunehmend auch Frauen werden im Großelternalter noch einmal Eltern und müssen auch im Alter jung sein für ihre Kindern und haben keine Zeit alt zu sein. 

Wofür also bin ich zu alt und wofür zu jung?

Zu alt zum Neuanfang und zum Leben? Zu jung für große Aufgaben und große Verantwortung? DAS ist alles manchmal keine Frage der eigenen Entscheidung und der eigenen Einschätzung.

Ich wollte mit 14 oder 15 noch nicht ins Pfarramt, mit 16 dann schon, aber nicht, weil ich mich der Aufgabe mit einem Mal und endlich gewachsen sah, sondern weil ich das Gefühl hatte, dass Gott es wollte.

Ich habe mich mit 26 dann bei den ersten Schritten im Pfarramt noch als Vikar  gefragt, ob ich nicht für die Menschen, mit denen ich zu tun habe, zu jung sei, weil mir Lebenserfahrung fehlt, und habe entdeckt, dass mein bisheriges Lebens und meine bisherigen Erfahrungen auch zählen. Heute könnte ich fragen, ob ich nicht für manches zu alt bin und der Generationenkonflikt durchschlägt, weil ich anders denke, anders fühle, anders lebe als Jugendliche, auch wenn ich mich jung fühle, und entdecke, dass es erst dann zu einem Problem wird, wenn ich versuche den Lebensstil einer anderen Generation nachzuahmen und nicht mehr Ich selber mit meinem Lebensalter und meiner Lebenssituation bin. Wenn ich Unterschiede verwische, werde ich unglaubwürdig, wenn ich authentisch und ehrlich bleibe, gelingt der Brückenschlag. Es braucht junge und alte und ein gutes Miteinander. es braucht die Neugierde und Offenheit der Generationen füreinander. Es braucht das gegenseitige Lernen und Begleiten. Es braucht die Lebensphasen und Wachstumsringe. Und nur wer ohne Ziel und ohne Hoffnung unterwegs ist, gerät in Panik, wenn die Tage weniger und die Zeit knapp wird.

Gott braucht ganz unterschiedliche Menschen, er braucht sie zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten mit ganz unterschiedlichen Gaben.

Viel mehr noch scheint es so zu sein, dass Gott mit jedem und für jeden einen Plan hat. Aber Pläne gelingen im Allgemeinen nur, wenn sie nicht von einem gegen den andern durchgesetzt werden müssen, sondern gemeinsam realisiert werden.

Dabei schient Gott planmäßig immer auf Widerstand zu stoßen.

Man denke an Mose, dem die Ausreden nicht ausgingen und Gott immer wieder kontern musste.

Aber auch Jeremia lässt sich nicht einfach einspannen und hat vielleicht Pläne, bei denen keine Rolle spielte, ob sie mit Gottes Vorhaben identisch seien. Was mich zu der Frage bringt, ob die Frage nach Gottes Willen überhaupt noch eine Rolle im menschlichen Alltag und an den Bruchstellen des Lebens spielt.

Noch einmal der Volksmund: „der Mensch denkt – Gott lenkt.“

Ich richte meine Pläne eigentlich eher an meinen Wünschen und Bedürfnissen aus, nicht so sehr an dem, wasGottes Plan mit mir vorhaben mag.

Ich müsste wie Jesus im Garten Gethsemane beten lernen: aber nicht meine Wille geschehe, sondern dein Wille.

Manchmal gelingt es mir, Dinge ganz in Gottes Hand zu legen. dann habe ich eine Entscheidung getroffen, einen Wunsch ausgesprochen, ein Bedürfnis angemeldet, etwas gewagt und überlasse den Rest ganz getrost Gott: Wenn es sein Wunsch und sein Wille ist, dann wird es so kommen oder es bleibt eben, wie es ist. Daraus kann eine wunderbare Gelassenheit entstehen. Manchmal entdecke ich sie und komme ins Staunen, was passiert, was Gott mit vor hat, welche Türen sich öffnen, welche Möglichkeiten sich bieten, wie sich Dinge wunderbar und überhaupt nicht geplant fügen.

Es müssen nicht immer so beutende Dinge sein wie beim Propheten Jeremia, der über Könige und Königreiche gesetzt werden soll. Die große Karriere, die große Öffentlichkeit, der große Einfluss kann nicht allen vorbehalten sein und ist auch kein Lebensziel an sich – als ob nur großes Aufsehen und großes Ansehen meinem Leben einen bleibenden Wert gibt. Bei Gott gibt es gar kein groß und klein. Da zählt der König nicht mehr als der Bettelmann. Deshalb reden wir über Gerechtigkeit auch anders als es eine Welt tut, in der die Großen, Reichen und Mächtigen das Sagen haben. Bei Gott gibt es nur das Ansehen, das entsteht, weil Gott Menschen ohne Unterschied ansieht, wahrnimmt und mit ihnen etwas vorhat. Deshalb machen wir keine Unterschiede  (mehr) nach Geschlechtern, Herkunft , sexueller Orientierung oder Religion.

Die Ansage an den Propheten, das Wortereignis ( Luther übersetzt nicht umsonst: das Wort des Herrn geschah zu mir !): ich kenne dich von Anfang an,  ich meine dich schon lange, ich habe etwas mit dir vor, was kein anderer übernehmen kann, hat sich ja zu einem Grundbekenntnis gläubiger Existenz entwickelt, angstfrei und hoffnungsspendend , auch in einer Zeit, in der Menschen durchsichtig und berechenbar  gemacht werden, um sie wirtschaftlich handhabbarer zu bekommen.: Gott missbraucht sein Wissen und seine Einsicht nicht, Gott bietet mir sein Verständnis und seine Einsicht, sein Wissen und sein Mitgefühl an, damit ich mich bei ihm bergen und schützen kann. Alles bleibt bei ihm gut aufgehoben und geschützt, von Jugend an bis ins hohe Alter hinein, egal ob als Prophet oder als Ruheständlerin, als Krankenschwester oder als KFZ-Mechatroniker, als Pfarrer oder als Konfirmand: HERR, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. (Psalm 139)

Und ich ergänze: ich lasse mich darauf ein und lasse mich in Gottes Hand fallen. Amen

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