Verbunden in der Hoffnung

Von Hoffnung und ihrer Enttäuschung ist heute zu reden, von Sehnsucht auch und ihrer Erfüllung. Und das anhand eines Textes aus dem Alten Testament, der zu den jüngeren Abschnitten dieses Teiles unserer Heiligen Schrift gehört, des Teiles, den wir mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern gemeinsam haben und deswegen manchmal auch Hebräische Bibel nennen. Hören wir also auf Verse aus dem 62. Kapitel des Buches Jesaja:

6 O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, 7 lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden! 8 Der HERR hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen, 9 sondern die es einsammeln, sollen’s auch essen und den HERRN rühmen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums. 10 Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker! 11 Siehe, der HERR lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! 12 Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.

Was wir hören, klingt sehr hoffnungsvoll. Es spricht ja auch einer, der die Hoffnung unbedingt festhalten will, festhalten auch gegen allen Augenschein. Denn alles, was damals zu seiner Zeit vor Augen war, das war mickrig. Natürlich, die Juden waren aus Babel zurückgekommen, sie hatten die Verbannung hinter sich lassen können, waren nach Juda gekommen mit gewaltigen Hoffnungen auf einen strahlenden Wiederaufbau Jerusalems und des ganzen Landes. Aber das alles zog sich hin, und die bisherigen Ergebnisse waren mehr als bescheiden. Nichts war es mit neuen Palästen und einem riesigen Tempel und einem großen Königreich. Das fiel alles drei Nummern kleiner aus als gehofft. Und daneben verzettelte man sich in nicht enden wollenden Streitereien untereinander und in Auseinandersetzungen mit den Nachbarn.

Kommt uns das nicht schon irgendwie bekannt vor? „Blühende Landschaften“, die doch nicht so einfach vom Himmel fallen? Ewige Stasidiskussionen und fiese Vorwürfe – Ossis gegen Wessis und Wessis gegen Ossis? Alles irgendwie bekannt.

In solcher Situation ist es schon gut, wenn einer Ruhe bewahrt und die Hoffnung festhält, wie hier der Prophet, den wir nur unter dem Namen Jesaja kennen.

Und auch heutzutage ist doch eine Raute allemal besser als eine Faust.

Wir stellen also hier bereits fest: Der Text für unsere Predigt ist zwar mehr als 2000 Jahre alt, seine Entstehungssituation – also das, worum es geht – ist uns aber gar nicht fremd. Und so ist der Text doch auch sehr gegenwärtig.

Und nun muss von der Sehnsucht gesprochen werden, woraus sie sich speist und wie und wo sie sich erfüllt. Darum geht es ja dem Propheten. Um deutlich zu machen, was er meint und wie er gedanklich vorgeht, will ich zunächst von mir erzählen:

Ein Stück östlich von hier, bei Erkner, da liegt die „Mölle“. Das meint den Möllensee und einen der Zeltplätze daran, nämlich den, wo wir viele Jahre lang Dauercamper gewesen sind.

Wie war das schön, dort die Wochenenden zu verbringen, wie wunderbar erst die Ruhe an den Tagen dazwischen! Wasser, in das man zum Schwimmen eintauchte, oder über das man gemächlich paddelte, Schwäne und Enten und springende Fische. Und die Kiefern und die Wildschweine und manchmal auch Dauerregen oder Gewitter und Sturm. Aber vor allem die Menschen ringsum, stets freundlich und hilfsbereit, denn Camper sind überall solidarisch. Und einige von ihnen wurden uns dort an der „Mölle“ zu engen Freunden. Wir trafen uns und treffen uns auch weiterhin, obwohl der alte Zeltplatz nicht mehr existiert und kaum einer aus dem Kreis überhaupt noch Camping macht. Doch egal, ob wir nun durch den Wörlitzer Park schlendern oder am Rhein in einer Weinstube sitzen, es ist dann doch immer wieder die alte „Mölle“ da, weil wir da sind und unsere Erinnerungen und vor allem unsere Erzählungen. Und dann ist es auch heute noch immer so wie früher.

Genau das macht dieser Prophet, der uns im dritten Teil des Jesajabuches begegnet. Er erinnert an zuvor Gesagtes. Er lässt seine Zuhörer eintauchen in die Gottesdienste, wie sie einst waren, und in Prophetenworte, die längst schon gesagt wurden. Er nimmt sie dabei als Worte für sein und seiner Zuhörer Heute und für die Zukunft und untermauert damit seine Worte der Hoffnung. Erinnerung ist nicht bloß ein Rückblick, sie wird zur Quelle der Hoffnung.

„Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg!“ ruft er den Menschen entgegen und versetzt sie auf diese Weise zurück in die alten Tempelgottesdienste. Er zitiert nämlich inhaltlich Psalm 24: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!“ Hier im Gottesdienst ist Gott gegenwärtig, hier wird erinnert und hier erfüllt sich die Sehnsucht. Das hält der Prophet fest, denn es gilt aber für jeden Gottesdienst, egal, wie prächtig oder wie bescheiden das Gotteshaus oder die Liturgie gerade sind – damals wie heute.

Erinnert wird durch den Propheten auch an die Worte des anderen, des zweiten Jesaja aus dem 40. Kapitel des heutigen Jesajabuches. Nach dem bekannten „tröstet, tröstet mein Volk“ geht es dort ja weiter: „In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden.“ Freie Bahn für das Heil! Dann, so schildert es der Prophet, kommt Gott mit seiner Macht: „Siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her. Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.“

Gott kommt, und die Seinen werden aufatmen. Und so lesen wir es auch im heutigen Schriftabschnitt: „Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker! Siehe, der HERR lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her!“

Es ist dabei immer die gleiche Grundaussage: Von Gott dürfen wir etwas erwarten.

Das heißt aber: Ein alter Text ist das den wir da hören, ein Text für Israel damals und doch auch unser Text.

Das nun ist ein Gedankengang, der so recht zum heutigen 10. Sonntag nach Trintatis passt, der u.a. das Verhältnis der Kirche zu Israel zum Thema hat. Unendlich viel ist darüber nachgedacht und geschrieben worden. Lassen Sie mich’s darum kurz und ganz schlicht sagen: Israel als eine Glaubensgemeinschaft und die Christenheit gehören zusammen. Ganz einfach und ganz selbstverständlich, denn:

Durch Jesus von Nazareth sind wir Christen in die Abrahamskindschaft und die damit verbundene Erwählung hineingeholt worden.
Gemeinsam haben wir eine Heilige Schrift, die wir lieben und um deren Verständnis wir ringen. Gemeinsam haben wir in dieser Schrift die Psalmen, die wir beten.
Gemeinsam vertrauen wir dem einen Gott und Vater.
Gemeinsam beten und arbeiten wir darum auch für den Frieden im Heiligen Land und in Jerusalem.
Gemeinsam vertrauen wir schließlich darauf, dass uns gesagt ist: Siehe, dein Heil kommt.

Für die Juden kommt das Heil aus dem Bund Gottes mit Abraham, für uns Christen kommt es von Jesus. Doch Jesus war Jude und sein Name bedeutet „Heil“. Sein Name bedeutet, was er ist und wir durch ihn erfahren, nämlich das Heil. So schließt sich der Kreis.

Und was bleibt zu tun? Dass wir uns einreihen in die Schar auf den Mauern und Zinnen, von der unser Text heute spricht, die wacht und betet für den Frieden des Gottesvolkes, das noch mehr umfasst als nur Christen und Juden, denn wie sagt der Rabbi und Apostel Paulus in seinem Brief an Timotheus: „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ Amen.

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