Wenn „alle“ „für alle“ „zu allem“ eine Meinung haben (zu 1.Korinther 6, 9-14.18-20)

Marvin ist ein beeindruckender und talentierter Schauspieler, ganz zerbrechlich und verletzbar, der seine eigene noch ganz junge Lebensgeschichte auf die Bühne bringt. Das Theater war ihm nicht in die Wiege gelegt. Er wurde in eine eher arme, bildungsferne Familie hineingeboren, wuchs unter rauen Brüdern in ebenso rauer Umgebung auf, in der nicht so viel gelesen und dafür laut geredet wurde. Mit Gefühlen und Empfindungen kannten sich die Jungen und Männer  in seiner Nachbarschaft nicht so gut aus. Marvin war anders. Er war ein stiller, empfindsamer Beobachter, einer dessen Talent von einer Lehrerin in der Schule entdeckt und gefördert wurde, der aber ansonsten in der Schule einen schweren Stand hatte. Marvin fiel in seiner Klasse auf. „Tussi“ beschimpften ihn die Mitschüler, „Schwuchtel“. Sie hänselten ihn, sie verprügelten ihn verächtlich und von allen geduldet. Aber er war, was er war und er blieb sich treu:  emotional und ausdrucksstark, weich und zerbrechlich, an Männern und nicht an Frauen interessiert, in dieses Leben hineingeboren und so herausgefordert, seinen ganz eigenen persönlichen Weg zu suchen und zu finden.

Jonathan hatte es als Aufgabe empfunden, für seinen krebskranken Vater dazu sein. Nach dem freiwilligen Tod der Mutter hat der Vater ihn allein großgezogen. Diese Vater-Sohn-Familie war nicht immer einfach. Der kranke Vater wurde auch nicht pflegeleichter mit fortschreitender Erkrankung. Erst eine ganze Weile, nachdem ein alter Freund des Vaters auf dem letzten Stück Lebensweg dazugestoßen war, begriff er, dass dieser Freund die eine große Liebe seines Vater war, die er auch für seinen Sohn aufgegeben hatte, weil das Kind ein ebenso großes Glück wie die Liebe seines Lebens war und der nun wenigstens eine kurze Zeit noch geschenkt wurde. Es war für Jonathan nicht leicht, diese Rolle als Sohn eines schwulen Vaters anzunehmen, der Schwester des kranken Vaters gelang es nicht, das Leben und die Entscheidungen ihres Bruders zu verstehen. Das gehörte sich alles ihrem Empfinden nach nicht.

Das sind zwei Lebensgeschichten, die in autobiografischen Filmen mit den Namen der Protagonisten im Titel erzählt werden: Marvin und Jonathan. Keiner von beiden hat sich die Umstände seines Lebens ausgesucht, aber jeder von ihnen musste lernen, sein Leben anzunehmen, und begreifen, dass manche Dinge nicht von persönlichen Entscheidungen, vom Wollen oder Sollen abhängen, sondern schicksalhaft gegeben sind und untrennbar zur eigenen Person dazugehören und sie ausmachen, sie auch liebenswert machen. Da ist es egal, was Andere denken, was in ihren Augen gut und richtig, falsch oder verwerflich ist. 

Manchmal befremdet das. Denn wir sind alle zusammen Teil dieser stillen Übereinkunft von selbstverständlichen Gewissheiten und Überzeugungen. Wir wissen, was sich gehört und was nicht, und hinterfragen diese Gewissheiten im Allgemeinen nicht. In der Bibel finden sich solche Überzeugungen oft in Tugend- oder Lasterkatalogen.  Da werden die Selbstverständlichkeiten unkritisch und unhinterfragt einfach zitiert. Man ist sich im Grunde einig, dass Dinge immer schon galten und deswegen zeitlos gültig sind.

Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer und Räuber sind keine Vorbilder, sie stehen außerhalb der Norm, verstoßen mit ihrem Leben gegen die guten Sitten. Daran kann doch kein Zweifel herrschen.  Diebstahl, Gewalt oder Lüge stören das Zusammenleben der Menschen und machen es am Ende unmöglich. 

Schnell machen dann aber auch Menschen mit „gesundem Empfinden“ solche Aufzählungen ausfindig, um zu unterstreichen, dass z.B. die Ehe für alle, die es in unserer Gesellschaft und in unserer Kirche mittlerweile gibt, wenn Männer Männer und Frauen Frauen lieben, doch nicht sein darf: Es steht doch in der Bibel gleich neben den Ehebrechern, Dieben und Trunkenbolden. Sie verlassen sich auf ihren vermeintlich gesunden Menschenverstand und ihr Empfinden und vergessen, wie auch das Volksempfinden, das meist das Empfinden privilegierter Gruppen ist, sich täuschen kann. Vergessen scheint die Zeit der, in der Schwarze und Juden nicht dazugehörten, weil sie ja kulturlos oder Untermenschen waren, oder sie vergessen die jahrhundertelang tradierte Rolle der Frau, die sich unterzuordnen habe, wie es  schon immer war und weil es  alle (vor allem die, die das fordern) doch so empfinden.

Natürlich braucht es im Leben Regeln und braucht jede Gesellschaft für das Zusammenleben der Menschen eine Verständigung über Grenzen und Freiheiten. Es gibt gut und böse, richtig und falsch. Aber die Trennlinie ist nicht immer so eindeutig.

Die Attentäter des 20.Juli 1944 nahmen den Tod von Menschen in Kauf, um Leben zu retten. Familien sagten die Unwahrheit, um Juden ihrer Umgebung vor dem Abtransport in die Gaskammern zu retten. Mütter oder Kinder stahlen in Hungerzeiten, was sie brauchten, um die Familien vor dem Tod zu retten. Und – um beim Lasterkatalog zu bleiben: – wissen wir heute nicht besser als damals, dass Alkoholismus eine Krankheit und keine Willensschwäche ist, ich ihr also nicht mit moralischer Empörung begegnen kann?

Aber natürlich teilen wir wie Paulus selbstverständlich Grundüberzeugungen und können sie nicht permanent hinterfragen und problematisieren, aber wir können uns davor schützen, sie automatisch als zeitlos gottgewollt und gottgegeben hinzunehmen.

Paulus zeichnet mit seinem Lasterkatalog ein eindrückliches Bild der bunten, schrägen und sonderbaren Alltagswelt seiner Zeit in Korinth. Das ist die Welt, aus der die Christen seiner Gemeinde kamen, ein Leben, das sie mit ihrem Christsein hinter sich gelassen hatten. Etwas muss mit dem Glauben an Jesus Christus anders geworden sein: Ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht, ihr seid reingewaschen, sagt Paulus.  Das heißt aber nicht: ihr seid besser, moralisch überlegen und könnt auf die anderen herabschauen. Ihr habt es besser, weil Licht und Schatten, Gut und Böse, Stärken und Schwächen, alles was euer Leben ausmacht, aufgehoben und angenommen sind in Gottes Liebe. Ihr habt es besser, weil ihr Gott habt, aber  nicht, weil ihr besser und damit anderen überlegen seid.

Natürlich teilen wir wie Paulus Grundüberzeugungen und können sie nicht permanent hinterfragen.

Aber Paulus selbst ist, wie mir scheint und  ohne es selbst zu merken, schon einen Schritt weiter. Er weiß, woran sich am Ende wirklich entscheidet, was gut und was richtig ist, was für mich und meinen Leben, und was für das Zusammenleben aller Menschen untereinander entscheidend und unendlich wichtig ist: Freiheit – auch von überkommenen moralischen Ansprüchen auf der einen Seite und Verantwortung und Achtsamkeit für das eigene Leben auf der anderen Seite. Alles ist mir erlaubt, sagt er und stellt damit in Frage, was vorher gültig und richtig war. Zieht euch nicht zu schnell zurück hinter Positionen, die sich damit begründen, dass etwas schon immer so war oder eben so ist. Sondern bewahrt euch Kritikfähigkeit und Wachheit, die weiterfragt: was nützt es, welchen Vorteil bringt es, oder  – wie Luther Paulus übersetzt hat: frommt es,  also erbaut es, stärkt es, schenkt es Halt und Zuversicht, Stärke und Glaubwürdigkeit, Liebe und Entschiedenheit im Leben? 

In Korinth waren alle schnell mit Verboten zu Gange: da galt es, kein Fleisch  zu essen, dass aus heidnischen Tempeln stammt, sich nicht länger mit anderen Religionen zu beschäftigen und auch was die Sexualmoral angeht, erschöpfte sie sich wohl vor allem in Verboten.

Paulus lebt dagegen in einer großen Freiheit: alles ist an und für sich erlaubt. Aber Hand aufs Herz: nützt dir alles, tut dir alles gut, frommt alles? 

Ich glaube darüber lohnt es sich zu streiten und diese Frage hinter allen Alltagsfragen zu stellen! Wenn es eine übergeordnete und zeitlose Wahrheit geben kann, dann doch nur das Doppelgebot der Liebe, aber keine Verbote, die  ausgrenzen. „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das ist das Maß aller Dinge: Gottes-, Nächsten- und auch Selbstliebe. Was für eine hohe Kunst, Gott, unbekannt und doch vertraut, den Nächsten, so fremd und anders, und sich mit allen Stärken und Schwächen und Eigenheiten anzunehmen und zu lieben.

Eigentlich müsste ich es sogar umdrehen: Gottes- und Nächstenliebe fangen bei mir an, in dem ich mich annehmen lerne, so wie mich Gott geschaffen hat. Erst dann bin fähig, den Nächsten als meinen Nächsten zu sehen und Gott nicht länger als Bedrohung, sondern als Freund und mir liebevoll zugewandten Begleiter zu erfahren. Nur so kann ich lernen, mich auch in meiner Geschöpflichkeit und Leiblichkeit, in meiner Endlichkeit und Verletzbarkeit, auch mit meinen Fehlern und Schwächen, anzunehmen und Mensch zu werden und zu bleiben, wie Marvin, der sensible, verletzbare junge Schauspieler oder Jonathan als Sohn seines Vaters.

Ich darf herausfinden, wer ich bin. Dazu darf ich mich entdecken,  wie mich Gott gewollt und gemeint hat. In diesem meinem Leben will er doch zu Hause sein. Dort darf ich ihn beherbergen und Tempel des Heiligen werden. Ich darf ihm gehören – und so werde ich mich finden. Darum bleibt eins vor allem: alles ist erlaubt, auch wenn nicht alles zu meinem Vorteilen ist,  mir nützt  oder frommt. Gott aber möge in mir und bei mir bleiben und mich aus meiner Lieblosigkeit ihm, dem Nächsten und mir gegenüber immer wieder herausrufen und befreien.. Denn dann habe ich alles, was mein Leben reicht macht und bin ganz bei mir angekommen.         Amen 

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