Sex and Drugs and Rock’n Roll

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn und Bruder Jesus Christus. Amen.
Das zurückliegende Jahrhundert, liebe Gemeinde, ist voller Musik. Und Musik, so meine ich, ist ein guter Indikator für das Lebensgefühl jener vergangenen Generationen. Wenn Sie an die 1920er-Jahre denken, hören Sie im Geist die Comedian Harmonists „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das schönste, was es gibt auf der Welt.“ oder ihr Gehirn legt Ihnen einen flotten Charleston auf den inneren Plattenteller. In den 1930er-Jahren kommt faschistisches Kampfgetöse auf, Marschrhythmen und Durchhalteparolen. Die Nazis verbieten alles, was sie frivol finden oder anders irgendwie Spaß macht, jüdische Musiker belegen sie mit einem Auftrittsverbot – was bleibt, ist kalte und lieblose Musik. Unerwünscht war auch der zarte Widerspruch zweier Liebender gegen das Massensterben, das weltumspannend zum Sehnsuchtslied geschwundener Soldaten wurde. „Vor der Kaserne, vor dem großen Tor, stand eine Laterne und steht sie noch davor“.
In den 1950er-Jahren werden hier Conny Froebess und Catharina Valente berühmt, während auf der anderen Seite des Ozeans wie ein Stern Elvis Presley aufsteigt. Unbändige Lebensfreude überall, aber mit dem Rock’n Roll beginnt der Protest gegen das Etablissement, der Aufstand gegen die Eltern und das Aufbrechen von Regeln -einhergehend mit großer Unvernunft. In den 1960er-Jahren erobern die Beatles, die Doors und die Rolling Stones die Bühnen. Moral wird zum Schimpfwort, Love and Peace ist angesagt, Sex and Drugs and Rock’n Roll, und viele, viele große Künstler verlieren ihren Weg aus den Augen, verlieren sich selber aus dem Blick, inszenieren sich in Skandalen und sterben viel zu früh einen einsamen Tod vor den Augen der Öffentlichkeit.
Der Apostel Paulus hätte an ihnen keinen Gefallen gehabt.

„Wisst ihr nicht“, schreibt Paulus im 1. Korintherbrief, „dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder noch Diebe noch Habgierige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.“

In den 1970er-Jahren, als die Rock- und Popkultur ihren Höhepunkt hatte, war ich ein Mädchen und wuchs in einem kleinen Dorf im Osten von Bredstedt auf. Wir guckten als Familie zusammen Die Deutsche Hitparade mit Dieter Thomas Heck. Meine große Schwester kaufte sich von ihrem ersten Lehrlingsgehalt einen Ghetto-Blaster mit Kassetten-Deck – die Kassette war damals eine technische Revolution! – wenn ich nett zu ihr war, ließ sie mich die Beatles-Cover-Versionen hören, die sie bei Fundgrube billig geschossen hatte. Was da draußen in der richtigen Welt vor sich ging, das bekamen wir nur am Rande mit, Vietnam und Pershing II, der heiße Herbst und die Friedensbewegung – wir waren Kinder auf dem Land, und ein Spielplatz war die Welt. Mit meinen Bredstedter Schulfreunden traf ich mich manchmal heimlich im „Trichter“ in Niebüll – meine Eltern mochten das nicht, da wurden angeblich Drogen verkauft. Ich habe nie welche gesehen und kannte auch niemanden, der jemanden kannte – ich hab das Gefühl, heute weiß jede Zwölftjährige, wie man an Marihuana kommt.
1977 sang Ian Dury das Lied vom Sex and Drugs and Rock’n Roll, das so gut zum Predigttext passt. Paulus zählt verschiedene Arten von Unzucht und Lasterhaftigkeit auf, Trunksucht war schon damals weit verbreitet, Klein- und Großkriminalität gab es natürlich auch in der Antike. Paulus warnt vor einem ausschweifenden Leben – genau wie Ian Dury. Es müsse im Leben mehr geben als Sex, Drogen und Musik – sagte er, der seine Künstler-Kollegen an ihrem Lebenswandel siechen und sterben sah.

Paulus mahnt zur Mäßigung. Manche meinen, er sei ein rechter Moral-Apostel gewesen. Viele halten Paulus für einen lust- und lebensfeindlichen Prediger, sie unterstellen ihm Zwanghaftigkeit und Rechthaberei. Texte wie dieser haben dazu geführt, dass die Kirche sich zur moralischen Instanz erhob und dass Menschen, die sich nicht in gesellschaftliche Ordnungen fügen können oder eine andere sexuelle Orientierung haben, durch die Kirche großes Leid erfuhren. Es ist aus heutiger Sicht befremdlich, dass Paulus Ehebrecher, Kinderschänder und Taschendiebe in einem Atemzug nennt.
Er meint einen ausschweifenden, ungesunden, egoistischen Lebensstil. Mit einem ausschweifenden Lebensstil kann es kein gelingendes Leben und kein seliges Sterben geben, sagt Paulus. Mit Unzucht und Lasterhaftigkeit kann man zwar die Bildzeitung und die Bunte beglücken – im Himmel lässt sich damit kein Blumentopf gewinnen. Ausschweifendes, selbstsüchtiges Leben und christlicher Glaube – das passt nicht zusammen.

Vermutlich sind Ihnen so wie mir Ausschweifungen wie die des Rock’n Roll relativ fremd. Ein Glas zu viel getrunken, das gibt es schon mal, aber im Großen und Ganzen sind wir Christenleute doch eher normale, anständige Bürger, die rücksichtsvoll und verantwortungsbewusst ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen. Wir haben die Mahnungen des Paulus verstanden und längst in unserem gemeindlichen Alltag umgesetzt.
Ich finde uns manchmal ein bisschen arg brav. Wenn Christenleute begeistert klatschen, dann klingt das eher norddeutsch-verhalten – frenetischen Jubel hört man in Gottesdiensten überausaus selten. Wenn wir tanzen, brauchen wir dafür nicht mehr als einen halben Quadratmeter, wenn wir uns umarmen, achten wir drauf, dass wir uns auch ja nicht zu nahe kommen. Ich meine das nicht böse, ich glaube bloß, dass wir, die wir nicht so verloren sind wie die verlorenen Menschenkinder des Rock’n Roll, nur schwer die Tiefe dieses Predigttextes verstehen können.

„Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten“, schreibt Paulus weiter. „Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich. Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, sind außerhalb seines Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.“

Alles ist erlaubt, aber nicht alles frommt – so übersetzt es Luther. Sex and Drugs and Rock’n Roll – Elvis Presley, Janis Joplin, Jimi Hendrix, Buddy Holly, Marilyn Monroe, Jim Morrison und viele, viele mehr – sie alle sind an ihrem ausschweifenden Lebensstil zugrunde gegangen. Und das sind nur ein paar Namen aus den 1970ern. Vincent van Gogh, Hans Fallada, Georg Trakel – nicht nur die Musikgeschichte, auch die Kunst- und Literaturgeschichte ist voller schicksalhafter Gestalten, denen genug nie genug war. Und hinter den Geschichten dieser Toten stehen die Geschichten ihrer Angehörigen, Geschichten von Müttern und Vätern, die um ihre Kinder bangten, von Ehepartnern, die die Egozentrik nicht mehr ertragen konnten, von Kindern, die im Leben ihres Vaters oder ihrer Mutter immer nur an zweiter Stelle standen.

Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Nichts soll Macht über mich haben, schreibt Paulus und dann konzentriert er sich auf die Hurerei als das schlimmste Übel. Moderne Prostitution macht aber nicht bei Bettgeschichten halt: Es prostituiert sich jeder, der seinen Körper oder seine Seele preisgibt und sich abhängig macht von Geld oder Ruhm, Anerkennung oder Suchtmitteln. Es prostituiert sich, wer seinen Körper willentlich und wissentlich schändet. Und es prostituiert sich, wer seinen Intellekt, seinen Geist und seine Kraft an den Mainstream verschwendet, wer mit den Wölfen heult, wer nicht den Widerstand wagt, wenn Menschenwürde in diesem Land auf dem Spiel steht, wenn Hass, Rassismus und Gewalt wieder hoffähig werden. „Euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes“, mahnt Paulus – und ist auf einmal meilenweit vom Moral-Apostel entfernt. „Ihr seid teuer erkauft – werdet nicht der Menschen Knechte“ sagt er an anderer Stelle. Und plötzlich wird der 1. Korintherbrief in unseren Händen zum Liebesbrief Gottes, und seine Worte klingen wie Musik in unseren Herzen. „Ihr seid so wunderbar, jedes einzelne von euch“, so könnte man Paulus übersetzen. „Jeder von euch ist eine Kathedrale, ein Gotteshaus, wie sie kein menschlicher Meister schöner bauen könnte, Geschöpfe Gottes, so unendlich geliebt, dass er in jedem von euch wohnen möchte. Ihr seid teuer erkauft, händeringend erfleht, von Christus am Kreuz um euer Leben ringend – werft euer Leben nicht weg. Das bitte ich euch von Herzen um Jesu Christi willen.“
„Menschenkind, geliebtes,“ sagt Gott durch den Apostel, „bitte, gib auf dich Acht. Gib Acht auf deinen wunderschönen Leib, den ich dir leihe auf Zeit. Gib Acht auf deine unsterbliche Seele, die ich eines Tages heimbringen will. Ich hab dich lieb, und ich brauche dich für meine Welt.“

Das vergangene Jahrhundert ist voller Musik, so hatte ich angefangen, und jede Musik spiegelt ein Lebensgefühl. Wir kommen hier in der Kirche zusammen, und jeder und jede trägt in sich die Melodie seines Lebens. Es sind traurige und fröhliche Stücke, mutige und verzagte Tonfolgen. Unsere Lebensmelodien sind nie nur in sanftem Moll geschrieben, in jedem wird es auch scharfe Disharmonien geben, schräge Akkorde, gebaut nicht von Könnern der Komposition, sondern von den Misstönen des Lebens. Der Rock’n Roll – er hat nicht richtig Fuß fassen können unter uns Kirchenmenschen hier im Norden – auch in seinem übertragenen Sinne als exzessive Lebenslust nicht. Vielleicht ist das auch ganz stimmig so. Wir lieben Bach oder Brahms, kräftige Posaunenchormusik und gerne auch mal sanfte Flötentöne. Es gibt Lieder, die Sie beim Abschied von einem geliebten Menschen begleitet haben, andere, die Sie Ihren Kindern vorsangen zu Nacht. In Ihrem Herzen klingt vielleicht das Lied der eigenen Mutter an Ihrem Bettchen weiter wie Musik aus einer anderen Welt. Es ist gut, wie es ist. Es dient dem Guten. Wir sind teuer erkauft, Christus gab sein Leben für uns. Und wenn Sie oder ich, ein gelingendes Leben leben, dann singen wir unser Lebenslied – einerlei ob in Dur oder Moll – dem Lobe Gottes. Und er hört es und freut sich, und nimmt Wohnung mitten unter uns. Amen

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