Ich bin dabei ! (Phil 2,1-4)

Für ihn gab es in seiner Freizeit nichts größeres, –  als sich zu bewegen… das konnte er gut alleine, zum Beispiel an den Abenden nach einem anstrengenden Arbeitstag. Aber er wollte Sport auch in Gemeinschaft treiben und so schloss er sich vor langer Zeit einem Verein an, der bis heute zu seinem Leben dazugehört und in dem er die meisten seiner besten Freunde kennengelernt hat. Fragt man ihn nach seiner Motivation würde er wohl antworten, dass dies eine willkommene Abwechslung zum Berufsleben, etwas für die Gesundheit und eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung und Aktivität sei. Recht hat er! 

Sie war immer schon geschichtlich interessiert, forschte zur Lokalgeschichte und gründete in ihrer Heimatstadt einen Geschichtszirkel, der sich zunächst mit dem bevorstehenden Stadtjubiläum, später auch mit all den anderen Geschichten der Menschen und Familien vor Ort beschäftigte. Sie sammelte Gleichgesinnte um sich und gemeinsam setzten sie sich für die Region ein,  der sie sich verbunden fühlten. 

Das Gemeinwesen lebt von solchen Menschen, die sich in Heimatvereinen, Sportvereinen oder in der freiwilligen Feuerwehr engagieren. Ich möchte mir nicht ausmalen, was passieren würde, wenn es sie nicht mehr gäbe. Das Gemeinwohl lebt vom Einsatz Ehrenamtlicher und Ehrenamtliche finden Gleichgesinnte, Mitstreiter, Freunde. Sie erleben, wie ihr Einsatz Sinn macht und Sinn gibt. Sie finden Anerkennung und hoffentlich Ansehen, wenn andere sehen, was sie nicht nur für sich, sondern für die Allgemeinheit tun.

Manche halten unsere Gemeinden ja auch für Vereine… und gewisse Ähnlichkeiten sind nicht zu leugnen: Ohne Ehrenamtliche geht nichts:  kein Sommerfest, keine Weihnachtsfeier, kein Arbeitseinsatz auf dem Friedhof, keine Kirchensanierung, keine Kinder- und Jugendarbeit, keine Gemeindeleitung oder Musik – wenn das nur die beruflichen Mitarbeiter stemmen müssten, würde nicht mehr viel gehen. Wer sich in seiner Kirchengemeinde engagiert, liebt den Kirchturm in der Mitte seines Dorfes oder seiner Stadt, weiß, wie wichtig diese Gemeinschaft und diese Orte für die Allgemeinheit und damit für das Zusammenleben sind und spürt, dass es Freude macht und erfüllt, wenn man sich für eine Sache engagieren und einbringen kann. Sie arbeiten buchstäblich für Gotteslohn, um Gott zu dienen. Sie zeigen, dass Gottesdienst eben nicht nur die Feier am Sonntag morgen ist, sondern auch die Arbeit im Alltag an, mit Menschen oder für Menschen, dass auch der Beruf mehr als nur Broterwerb sein will. Es ist, wie die Reformatoren betont haben, Gottesdienst im Alltag der Welt –  auch der Einsatz in der Freizeit für eine gemeinsame Sache!

Meist denken wir dabei gar nicht über unsere Beweggründe nach: es ist selbstverständlich sich einzusetzen. Vielleicht hat es in der Familie Tradition, vielleicht ist jemand einfach hineingewachsen und nach der Konfirmation dabei geblieben, vielleicht hat sich jemand dafür entschieden, weil er sich berufen fühlt und empfindet, von Gott an einen solchen Platz, in eine solche Aufgabe gestellt worden zu sein. Es ist wichtig und richtig, sich zu engagieren, weil das Zusammenleben nicht gut gehen kann, wenn jeder nur bei sich bleibt und an sich denkt. Und es darf auch gut tun. Es darf ein gutes Gefühl sein, sich einzusetzen und einzubringen. Es darf auch Dankbarkeit spürbar werden für all die Menschen, die sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich einsetzen.

Beweggründe sind zunächst nebensächlich:  der Sportler kann auf seine Gesundheit verweisen, der Heimatforscher auf die regionale Identität und Heimatverbundenheit – und wir? 

Paulus bietet auch eine ganze Reihe von Gründen an, warum es sich lohnt, in der Gemeinde seinen Glauben mit anderen zusammen zu leben. Er denkt ziemlich groß von dem, was in einer Gemeinde passiert und was dort erlebbar ist, und braucht dazu keine großen Kirchengemeinden. In seiner Zeit , der Zeit des Anfanges waren es alles nur kleine, aber engagierte Hausgemeinden, oft nur wenige Familien, die aber weit über die Grenzen des eigenen Hauses wirkten…

Die Wirkungen, ganz ohne Risiken und Nebenwirkungen, waren für ihn schlichtweg: Ermahnung in Christus, Trost der Liebe, Gemeinschaft des Geistes und Barmherzigkeit.

Oft genug werden wir ja mit Erwartungen von außen konfrontiert, denen gerecht zu werden unter menschlichen Verhältnissen schwer ist. Hier aber spricht Paulus mehr von Erfahrungswerten als von Erwartungshaltungen, benennt also Dinge, die es in der Gemeinde gibt und nicht so sehr von seinen Anforderungen an ein funktionierendes Gemeindewesen.

Ihm fällt zunächst „Ermahnung in Christus“ ein, wobei der Urtext  eher vom Trost, von der Ermunterung und dann von der Ermahnung spricht. Der Glaube an Jesus Christus hat etwas tröstliches, weil er in die Hand und ins Herz verspricht, dass Gott in jeder Lebenslage an meiner Seite bleibt. Er stellt mir Jesus vor Augen, der Menschen nicht nach Äußerlichkeiten beurteilt hat, sondern immer mit Gottes Augen liebevoll angeblickt hat. Jesus zeigt mir einen Gott, bei dem Vergebung und Heilung für Seele und Leib wichtig war, der Menschen in ihrem Leiden, in ihren Tiefen, in ihren Abgründen aufgesucht und abgeholt hat, der in den Tod hineingegangen ist, um dann den Sieg des Lebens offenkundig zu machen. Deshalb ist für mich der Glaube vor allem  der Trost im Auf und Ab des Lebens, weil er mir zeigt, dass ich nie allein bin, dass es keine Gottlosigkeit geben kann, weil ich Gott nie los werde Er bietet mir Orientierung, weil ich diesen Jesus befragen kann in den Herausforderungen und Entscheidungen meines Lebens. Martin Niemöller z.B. hat sich in kritischen Situautionen immer wieder einfach und schlicht gefragt: was würde Jesus dazu sagen… Das mag dann ein Stück weit Spekulation sein, es ist aber vor allem die Einladung,  in schwierigen Situationen einmal die Perspektive zu wechseln und mit Gottes Augen Situationen, Begegnungen, Entscheidungen anzuschauen. Das reicht vom Streit in der Familie bis zu den Konflikten in der Gesellschaft, von der vermeintlichen Unversöhnlichkeit unter Geschwistern bis hin zum Umgang mit Flüchtenden in unserm Land. Wie wäre da Gottes Blick auf diese Situation?

Da kommt der zweite Aspekt ins Spiel,  der Trost oder der Zuspruch der Liebe. Das ist kein Gefühl, sondern eine Haltung des Glaubens. Eine Haltung, die anderen Würde und Respekt zuspricht, nicht zerstört, nicht klein macht, nicht schmäht, sondern Raum gibt und Leben lässt. 

Ich muss nicht alle lieben und mich zu ihnen hingezogen fühlen. Wer das behauptet, macht sich lächerlich, wie der alte Mann, der verwirrt als Vertreter des alten Unterdrückungsapparates  in der Wendezeit stammelte : aber ich liebe euch doch alle. Aber ich kann alle respektvoll behandeln. Selbst ein Täter verliert nicht seine Würde als Mensch, selbst wenn er diese Würde anderen abgesprochen und geleugnet hat. Gemeinde ist der Ort, wo Menschen respektvoll und würdevoll miteinander umgehen, weil Gott jedem Menschen seine Würde lässt und ihn als solchen anschaut.

Ich glaube, dass Gott uns dazu immer wieder Augen, Ohren und Herzen öffnet, uns anrührt, bewegt und verbindet. Deswegen sind wir nicht nur gemeinsam mit einer Idee unterwegs, teilen vielleicht die Leidenschaft für ein Hobby, oder sind eine durch Ideologie eingeschworene Gemeinschaft, sondern sind durch Gottes Geist, der selber Tröster und Ermahner ist, verbunden. Die Einheit kommt nicht aus uns heraus, sondern ist ein Geschenk Gottes, ist ein unsichtbares von Gott geknüpftes Band. „Hier weht ein anderer Geist“ könnte das eigentliche Kompliment lauten. Nicht Eitelkeit und Arroganz, nicht Egoismus oder Partikularinteressen, sondern Liebe und Versöhnung, Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit, Hoffnung auf Ewigkeit, entfacht durch Gottes Geist, am Ende wie ein Lauffeuer weitergegeben von Generation zu Generation, von Mensch zu Mensch, nicht nur unter Freunden, sondern von Volk zu Volk, welt- und zeitumspannend!

Ein anderer Geist, der eigentlich nur ein einziges Kriterium kennt, einen Maßstab, den einzigen, mit dem Gott messen und gemessen wissen möchte: Barmherzigkeit.

Es tut gut, nicht immer nach Leistung beurteilt zu werden, nach Vermögen, nach sichtbaren Ergebnissen und Erfolgen, sondern auch nach den nicht entdeckten Möglichkeiten, den Chancen, die Gott in uns sieht. Er definiert mich nicht nur über das, was ich tue, sondern liebt vor allem, was ich sein und werden kann. Das ist sein barmherziger Blick auf mich und einen jeden von uns. Wer sich so angeschaut fühlt, schaut auch seine Mitmenschen anders an.

Paulus kommt nicht mit dem moralischen Zeigefinger, wie wir sein sollen. Er traut uns einfach zu, dass wir als Gemeinde Orientierung und Trost in Christus erfahren und weitergeben, von Liebe bewegt, ein Band des Respektes und Menschenwürde knüpfen und Barmherzigkeit zum Maßstab unseres Lebens machen. Er philosophiert nicht, wie schön es wäre, solche Ideale zu leben, sondern sagt, dass Gemeinde Jesu Christi genau so funktioniert und konstatiert, dass genau diese Medizin der Welt gut tut! Das ist seine, das ist Gottes Freude.       

Amen

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