Wenn einer eine Reise tut… (Apostelgeschichte 8, 26-39)

Ein ganzes Land ist in Bewegung. Endlich Ferien…Sommer 2018: Wandern in den Bergen, Sonnenbaden auf den Balearen oder Sandburgen an der Ostsee, Freizeit mit Gärtnern und Grillen auf der Datsche, mit dem Fahrrad an Seen und Flüssen entlang. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen von heißen Tagen und kühlen Abenden und das Leben an überfüllten Stränden, verstopften Autobahnen oder vollen Zügen genießen.

Wenn einer eine Reise tut…vielleicht war es zur Jahrtausendwende, ich weiß es  nicht mehr genau, aber der Zug war voll und ich froh über den Sitzplatz im Abteil, den ich ergattert hatte. Eine zeitlang konnte ich mein Gesicht erfolgreich im Buch verstecken, dass ich mir zum Lesen eingepackt hatte. Aber sechs Stunden am Stück Lesen ist selbst für eine Leseratte, wie ich es manchmal bin, eine Herausforderung; die Augen die ganze Zeit zum Reiseschlaf schließen war auch nicht sehr glaubwürdig, dem Redebedürfnis der Mitreisenden konnte ich also nicht wirklich ausweichen und war irgendwann Teil des Gespräches und ich weiß nicht mehr warum, irgendwann war raus, dass da ein Berufsgläubiger mit an Bord ist, einer der sich auskennt in Fragen zu Gott und der Welt und alle wollten schließlich schon lange einmal zum Thema Kirche etwas sagen, loswerden oder einfach nur fragen. Die Gelegenheit war günstig, ging man doch spätestens am Zielbahnhof getrennte Wege und sah sich nach menschlichem Ermessen nie wieder. Wie hältst du es mit der Religion? Die Anwesenheit eines Pfarrers, einer Katechetin oder einer Kirchenmusikerin, irgendwie im 21.Jahrhundert allem Anschein recht exotische Vertreter der Gattung Mensch, provoziert alle möglichen Versuche, sich zum eigenen Umgang oder zur eigenen Gleichgültigkeit Gott und dem Glauben gegenüber zu äußern, gar zu rechtfertigen. Und manchmal kommen ganz ernste Fragen und Erinnerungen zur Sprache: wie schön es im Konfirmandenunterricht war, dann aber bei der Beerdigung der Großmutter alles schief ging, was nur schief gehen konnte, wie der Pfarrer bei der Hochzeit die Namen verwechselt hat oder wie in den schlimmsten Krisen sich keiner fand, der ein offenes Ohr und einen Augenblick Zeit hatte. Ein stumme halbe Stunde, ein verständnisvoller Blick, ein gemeinsames Vaterunser hätten ja vielleicht geholfen. Manchmal wird auch von der Taufe erzählt und wie der Pfarrer es den Kindern so erklären konnte, dass auch die Erwachsenen endlich verstanden, worum es ging und sichtlich berührt und bewegt in den Tag gingen und noch lange davon erzählten.

Manchmal kommt es also unterwegs zu erstaunlichen Gesprächen. Da kann ich von meinem Lebensweg erzählen und erfahre viel über die Lebensgeschichte, die Hoffnungen und die Ängste eines Mitreisenden. Da kann man Missverständnisse aufklären, die eigenen Antworten auf Lebensfragen präsentieren, einen anderen Eindruck, eine neue Ernsthaftigkeit erleben lassen, ohne zu wissen, was daraus wird. Ich kann Begegnungen haben, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen, selbst wenn sich die Wege hinter her wieder und endgültig trennen…

Wenn einer eine Reise tut… vielleicht unterwegs ist auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostella oder einem der vielen wiederbelebten kleineren Pilgerwege in Deutschland, weil ja nicht jeder ans Ende der Welt wandern kann, oder ins Heilige Land, so wie wie der äthiopische Finanzbeamte, von dem Lukas erzählt…

Er war wohl auf religiöser Entdeckungsreise, interessiert an der Frömmigkeit anderer Länder und Kulturen, neugierig und offen für andere Erfahrungen, die den eigenen Horizont weiten, Lernender, der nicht nur beim Vertrauten bleiben wollte. Vielleicht von anderen misstrauisch beäugt, ob denn der eigene, überlieferte Glaube der Väter und Mütter mit den Psalmen Israels am Tempel in Jerusalem zusammengehen können, so wie heute manche christliches Gebet und fernöstliche Meditationspraxis miteinander verbinden und argwöhnisch dabei betrachtet werden. Vielleicht hat ihn die Zeit in Jerusalem auch gesprächsfähiger, zumindest aber neugierig gemacht, zu hören, wie andere über das denken und das empfinden, was ihn gerade umtreibt. Da kann ein Weggefährte, eine Zufallsbekanntschaft von unterwegs schon engelsgleich daherkommen, wie Philippus, den der Zufall – oder Gott – oder Gott mithilfe des Zufalls in Gestalt eines Engels – auf die gleiche Straße schickt. Auf den ersten Blick ist dabei die Reiselektüre des Kämmerers ungewöhnlich, selbst wenn Bert Brecht auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch geantwortet haben soll: sie werden lachen, die Bibel. Der Prophet Jesaja ist keine klassische Reiselektüre, auch kein Pilgerhandbuch, aber vielleicht war er in Erinnerung an die Pilgerfahrt das Studium der religiösen Schriften jener Menschen, mit denen man eben noch gemeinsam unterwegs war, in der Hoffnung dem Geheimnis der tiefen Faszination auf die Spur zu kommen. Und so entwickelt sich das klassische Reisegespräch zwischen dem Eingeweihten und dem Suchenden, zwischen dem religiösen Fachmann und dem interessierten Laien, zwischen dem Kirchenmenschen und dem punktuell religiös Bewegten. Und Lukas macht es dann in seinem Bericht auch nicht unter den zentralen Fragen christlichen Glaubens, die immer kommen müssen (!) wenn es um das Leiden und den Tod eines Unschuldigen geht. Denn dann ist man schnell bei der Frage, was es mit dem Kreuz auf sich hat. Nicht nur, ob man es aufhängen soll als Zeichen der eigenen Kultur, sondern was das für ein Gott ist, der sich im Zeichen des Kreuzes zeigt, der am Kreuz stirbt oder sterben lässt, überhaupt, ob sich die Frage nach Gott angesichts der Gequälten und Gefolterten, angesichts der Barbarei und der Kriege, die eine Blutspur durch die Geschichte ziehen, nicht selbst erledigt.

Da landet irgendwann jedes Gespräch, dass ernsthaft nach Gott fragt: Gott und Leid, Gott und Tod, wie geht das zusammen? Wie kann ich mir einen Gott vorstellen, den ich dann noch gut oder Vater oder meinen Gott und meinen guten Hirten nenne, wenn ich selbst an der Güte und Barmherzigkeit des Lebens verzweifle, wenn meine Lebenswaage sich nur ins Negative neigt, das Lachen und die Freude längst vergangen sind.

Philippus kann  nicht anders, ich könnte es auch nicht anders, als dann von Jesus zu erzählen. Er beantwortet nicht die Frage nach dem warum (worüber ich sehr froh bin, denn ich bin misstrauisch allen gegenüber, die immer genau wissen warum und wozu!), sondern erzählt, dass Gott nicht über dem Leiden thront und sich das Schauspiel und Drama unter Menschen anschaut, sondern sich dem Drama aussetzt. Er stirbt am Kreuz, er leidet an der Seite der Schmerzerfüllten, der Verlassenen, der Schuldigen, der Versager und der Einsamen. Er, Jesus, lebt und stirbt die Botschaft: du bist nicht allein. Ich, Gott bin an deiner Seite, wenn alle dich längst vergessen haben. 

Mehr muss man von Jesus eigentlich gar nicht wissen und verstanden haben.

Es geht also buchstäblich um alles in diesem Gespräch. Mich hat immer die Frage umgetrieben, was mein Leben wert ist, wenn ich nicht mithalten kann in der äußerlichen Welt der Erfolgreichen und Wohlhabenden und ich habe begriffen: unendlich viel bin ich wert, wenn Gott sich an meine Seite stellt.

Ich muss an Menschen denken, die kaum Zukunft zu erhoffen wagen, weil die Gegenwart ihnen alles genommen hat und denke mir, wenn wir heute und morgen in Gottes Hand bleiben, dann kann uns doch eigentlich nichts und niemand alles nehmen, dann kann ich wirklich nur in Gottes Hand und nicht ins Bodenlose stürzen, um dort dann alles wiederzufinden.

Ich muss auch an Menschen denken, die wirklich Wunder erlebt haben und mit ihrem Glück nicht wissen wohin, denn das lang ersehnte und erhoffte, aber irgendwann nicht mehr erwartete Kind, war und ist das größte Glück ihres Lebens und sie möchten, dass dieser Jesus auch Freund ihres Kindes sei und lassen es taufen. Das alles sind Begegnungen und Gespräche, die man nicht mehr vergisst.

Der Kämmerer und Philippus werden ihre kurze Begegnung auch nicht so schnell vergessen haben. Der Fremde jedenfalls war so bewegt, dass er gleich ernst machen wollte mit dem Glauben an Jesus und sich deshalb spontan taufen ließ. Mich beeindruckt dabei die Voraussetzungslosigkeit, die anscheinend überhaupt nichts stört. Wir würden ja erst fragen, ob denn alle Voraussetzungen erfüllt sind: Kirchenzugehörigkeit der Paten, Glaubensbekenntnis der Eltern, das Versprechen, Kinder zur Christenlehre zu schicken, der Zweifel, ob Taufe und Kirchenzugehörigkeit nur Vorteile sichern sollen und und und… Bedenken vortragen können wir allemal besser als fröhlich zu wagen und festzustellen: was hindert es eigentlich noch

Wie gut, dass Gott nichts und niemand hindert, auch wir nicht und dass der Geist weht, wo er will. Das macht Hoffnung: auch auf überraschende Begegnungen auf den Reisen des Sommers und bleibende Eindrücke oder unerwartete Antworten auf die wesentlichen Fragen des Lebens. Deshalb wünsche ich auch uns auf der Höhe des Sommers und am Anfang der Ferien, dass wir fröhlich unsere Straße ziehen! Amen

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