Reisen ins Leben

Liebe Gemeinde, pasend zum Ferienanfang ist für diesen 6. Sonntag nach Trinitatis eine Reisegeschichte als Predigttext vorgesehen. Eigentlich erzählt sie sogar gleich von mehreren Reisen.

Als erster reist Philippus. Ein Engel schickt ihn auf eine eisame Wüstenstraße. Und er macht sich auf den Weg.

Was so einfach als Einstieg in die Erzählung berichtet wird, ist ein Bild für viele spannende Stationen im Leben. Ich denke, viele von Ihnen kennen das auch: Das Leben gerät aus dem gewohnten Trott. Überraschend findet man sich in einer lebensfeindlichen Umgebung wieder. Die Engel, die uns dorthin schicken heißen vielleicht Krankheit, Trauer, Trennung oder Arbeitsplatzwechsel. Abgeschnitten von Familie, Freunden und Gewohntem gilt es, manchmal sehr plötzlich, sich auf eine neue Situation einzustellen. Orte in solchen Lebenswüsten suche ich mir nicht freiwillig aus. Wenn ich die Wahl habe, gehe ich leiber anderswohin. Und doch gehören sie zum Leben dazu. Philippus fragt nicht lange nach was das soll. Als Missionar wäre er ja vielleicht in einer Großstadt mit vielen Menschen viel besser aufgehoben. Voller Gottvertrauen bricht er auf. Da wo Gott mich in meinem Leben hinschickt, wird ein Platz für mich sein. Ein Erfahrung, die Sie vielleicht auch schon gemacht haben? Gerade in den schweren Zeiten, die das Leben bereit hält, spüre ich Gotes Nähe ganz besonders. Da, wo ich eigentlich nie hinwollte erlebe ich Gott, meine Mitmenschen und meist mich selbst ganz besonders intensiv.

Eine zweite Reise wird erzählt. Ein wohlhabender Tourist war in Jerusalem. Im fernen Ägypten hatte er sich vom Glauben an Gott anstecken lassen. Neugierig war er nach Jerusalem gekommen, um mit eigenen Augen den Tempel zu sehen und mehr über den jüdischen Glauben zu erfahren. Auch in diesem Reisenden entdecke ich mich wieder. Gerne bin ich unterwegs. Und gerne sehe ich mir auf Reisen Kirchen und Gebetshäuser an anderen Orten an. Viele dieser Häuser strahlen etwas von der in ihnen gelebten Frömmigkeit ab. So wie in unserer Stiftskirche kann ich den Nachklang der Gebete vieler Generationen wahrnehmen. Inschriften, Bilder, Geruch und Licht erzählen davon, wie Menschen an diesem Ort durch ihr Leben kommen. Viele Menschen nutzen den Urlaub für den Besuch von Kirchen. Lassen sich für einen Moment aus dem Trubel, der auch den Urlaub beherrscht, entreißen und kommen zur Stille. Ein Hauch von Gottesbeziehung wird möglich, wenn ich vor den alten Bildern stehe und überlege welche biblischen Geschichten hier erzählt werden. Manches ist sehr vertraut, manches überraschend anders gewichtet. Vieles muss ich in Kirchenführern nachlesen.  Auch wenn ich nicht an Magie glaube, spüre ich doch, wie solche Räume auf mich wirken. Sie berühren mich, sie verändern mich, selbst wenn das oft schon beim Verlassen der Kirche wieder zu Ende ist. Und wie der Äthiopier möchte ich dann Erinnerungen davon mitnehmen. Ich tue das in Form von Fotos. Und auch da geht es mir wie dem Finanzminister: Wenn ich mir später diese Erinnerungen ansehe, ohne den wirkmächtigen Raum, ohne erklärende Worte, dann frage ich mich oft, warum ich diese Fotos gemacht habe. Aus dem Kontext gerissen, verlieren sie oft ihre Aussage.

Die Schriftrolle mit dem Jesajabuch wird den Reisenden ein Vermögen gekostet haben. Eines der dicksten Bücher der Bibel, von Hand abgeschrieben und nach jüdischer Tradition Buchstabe für Buchstabe auf Richtigkeit überprüft, das konnte sich damals fast niemand leisten. Das ist nicht das kleine Mitbringsel für Nachbarn oder die Familie. Das ist ein teures Stück Erinnerung. Und nun sitzt er auf seinem Wagen und schon wenige Tage nach dem Aufbruch aus Jerusalem, fragt er sich, was er denn da erstanden hat. Ein Prophetenwort, das ihm aber eigentlich gar nichts sagt.

Und nun treffen die beiden Reisenden aufeinander. Philippus auf den Finanzminister. Der mittellose Missionar trifft einen der Superreichen. Und die beiden kommen über soziale und kulturelle Grenzen hinweg ins Gespräch. Auch das ist vielleicht nur auf Reisen möglich.

Philippus, der sich sicher nie eine Schriftrolle der Bibel leisten konnte, hat den richtigen Schlüssel, um die Worte zu deuten. Obwohl er sicher auch den historischen Hintergrund der Jesajaworte aus dem Exil kannte, deutet er die Worte auf Jesus. Jetzt aktuell in unserer Zeit, os erklärt er, sind diese Worte lebendig geworden. Es geht nicht um alte Dinge, sondern um dein und mein Leben. Schuld kann vergeben werden. In Jesus hat Gott alle Schuld auf sich geladen, damit wir frei leben können. Philippus erschließt dem Finanzminister, dass Glaube nicht abstraktes historisches Wissen ist, sondern sein Leben betrifft. Es geht um dich, und deine Chance, dein Leben neu zu gestalten.

Und dann verbinden sich die beiden Reisen zu einer dritten: Der Finanzminister, der eigentlich mehr über den jüdischen Gott erfahren wollte, lässt sich von Philippus taufen. Er hat begriffen, dass es um ihn und sein Leben geht und er lässt sich darauf ein. Bis heute ist diese Geschichte beispielhaft für alles, was wir in der Taufe tun: Gottes Geist, der Menschen zusammenführt, die Taufe mit Wasser, das eigene Verstehen und das Bekenntnis zu Jesus Christus. Deshalb schließt die Konfirmation das Taufgeschehen ab. Mit der Taufe kleiner Kinder betonen wir zusätzlich, dass die Taufe ein Geschenk ist. Ich muss mir diese Zusage Gottes zu meinem Leben nicht verdienen. Ich muss nicht deas Geld eines Finazministers haben. Ich muss keien große Familienfeier ausrichten. Gott kommt auf mich zu. Das gilt schon bevor ich iregendetwas leisten kann. die Taufe ist Gottes Ja zum Leben.

Sie alle haben dieses Ja Gottes zu Ihrem Leben irgendwann zugesprochen bekommen. Können Sie sich noch an ihren Taufspruch erinenrn? Gottes persönlichen Zuspruch zu Ihrem Leben? Ich habe mir meinen vor einigen Jahren aus dem Stammbuch heruasgesucht und auf eine Karteikarte geschrieben. Gottes Ja zum Leben begleitet mich auf den Reisen meines Lebens. Amen.

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