Vom Loslassen

Predigt 1. Mose 12,1-4, 5. Sonntag nach Trinitatis, Predigtreihe IV, von Pfarrer Johannes Taig

1 Und der HERR sprach zu Abraham: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.
2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.
3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.
4 Da zog Abraham aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm.


Liebe Gemeinde,

„Wir müssen uns auch in der Liebe immer wieder loslassen, um uns neu zu finden. Lust erneuert sich erst über den Ver-Lust. Loslassen heißt oft nur, sich einzuschwingen in den Rhythmus des Lebens, es bewusst und freiwillig zu tun, um nicht zum Objekt des Geschehens zu werden. Irgendwann geht mir sonst unfreiwillig, widerwillig verloren, was ich nicht loslassen will.“ So schreibt eine Auslegerin zu unserem heutigen Predigttext. (Dr. Brigitte Seifert, GPM 2/2006, Heft 3, S. 324)

Das scheint eine allgemeine Lebensweisheit zu sein, die allein schon wert wäre, wieder einmal bedacht zu werden. Unser Leben ist im Fluss und unsere Welt ist es bekanntlich auch schon immer. So unternehmungslustig wir auch sein mögen, ein paar Dinge sollen schon immer so bleiben, wie sie sind. Das, was uns Halt gibt: Familie, Freunde, ein Zuhause, ein guter Beruf, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit. Das soll immer so bleiben. Was tun wir dafür?

Angst macht das allgemeine Angstgeschrei, das dieser Tage in der Politik regiert und hektische Maßnahmen mit dem Kopf durch die Wand durchsetzen will. Wo doch abzusehen ist, dass man gerade dann Gefahr läuft, das unfreiwillig zu verlieren, was man zu verteidigen vorgibt. Der Schriftsteller Botho Strauß schreibt in seinem letzten Buch: „Ohne eine feindliche Kultur zu entdecken und abzuwehren, scheint die eigene kaum jemandem gewärtig zu sein. Die feindliche suche man aber nicht zuvörderst in einer fremden, etwa der religiösen oder der sittlichen des Islam, sondern in der auftrumpfenden Banalität, den oberflächlichsten politischen Bekundungen, mit denen man die Identifikation der eigenen betreibt.“ (Der Fortführer, Rowohlt E-Book, S.178)

Diese Probleme hatte Abraham nicht. Als Vater und Vorbild des Glaubens sehen ihn bis heute Juden, Christen und Muslime. Und deshalb kann er nicht in eine allgemeine Lebensweisheit verschwinden. Martin Luther zur Stelle: „Dieses ist ein sonderlicher, vortrefflicher Text und einer aus den vornehmsten der ganzen heiligen Schrift. Darum soll man ihn nicht leichtsinnig und obenhin berühren und überlaufen, sondern fleißig ansehen, sorgfältig auseinanderwickeln und erklären. (…) Freilich: Man muss diesen Text nicht einmal fleißig ansehen, um zu bemerken, dass von keinem Glaubenswagnis, von keiner Entscheidung, keinem Risiko, keiner Mutprobe und keinem Gehorsam eines Menschen die Rede ist. (…) Das ist die Sicht einer säkularisierten Welt, in der das Gehorchen oder Glauben das Besondere geworden ist. (…) Dass Abraham geht, wie Gott ihm geboten hat, ist das Normale und das Natürliche; Wagnis und Risiko wären es für Abraham, wenn er nicht ginge.“ (Christian Möller GPM, 2/1988, Heft 3, S. 316)

Sorgfältig auseinandergewickelt: Ist uns schon aufgefallen, dass es hier eigentlich nur am Rande um Abraham geht, vor allem aber um das, was Gott sagt und tut? Am Anfang des 1. Mosebuches ruft Gott die Schöpfung und die Menschen vom Nichts ins Sein. Was dann folgt sind die Geschichten, in denen Gott auf die Bosheit der Menschen reagiert. Sündenfall, Brudermord, Sintflut und der Turmbau zu Babel. Mit Abraham fängt etwas Neues an. Gott ruft einen Menschen dazu auf, das Gewohnte, das Schützende, das Geliebte zu verlassen. Er ruft ihn scheinbar aus dem Sein ins Nichts.

Freilich steht dem dreifachen Verlust ein dreifacher Segen gegenüber. Und der ist für den Erzähler dieser Geschichte nicht Nichts. Im Gegenteil. „Gegenüber diesem Segen, wie ihn Abraham empfängt, müsste man eher das Vaterland, die Sippe und das Vaterhaus ein Nichts nennen. Man kann wohl am ehesten sagen, dass Abraham durch Gottes Segen aus dem Haben ins Sein gerufen wird, ein Sein vor Gott, das ein Sein im Werden ist und sich unendlich vermehrt.“ (Christian Möller aaO., S. 317)

Lassen wir den mittelalterlichen Meister Eckhart erklären: „Nur deshalb lässt der getreue Gott zu, dass seine Freunde oft in Schwachheit fallen, damit ihnen aller Halt abgehe, auf den sie sich hinneigen oder stützen könnten. Denn es wäre für einen liebenden Menschen eine große Freude, wenn er viele und große Dinge vermöchte, sei‘s im Wachen, im Fasten oder in anderen Übungen, sowie in besonderen, großen und schweren Dingen. Dies ist ihnen eine große Freude, Stütze und Hoffnung, so dass ihnen ihre Werke Halt, Stütze und Verlass sind.

Gerade das aber will unser Herr ihnen wegnehmen und will, dass er allein ihr Halt und Verlass sei. Und das tut er aus keinem anderen Grunde als aus seiner bloßen Güte und Barmherzigkeit. Denn Gott bewegt nichts anderes zu irgendeinem Werke als seine eigene Güte. Nichts taugen unsere Werke dazu, dass Gott uns etwas gebe oder tue. Unser Herr will, dass seine Freunde davon loskommen, und deshalb entzieht er ihnen solchen Halt, auf dass er allein ihr Halt sei.

Denn er will ihnen Großes geben und will‘s rein nur aus seiner freien Güte. Und er soll ihr Halt und Trost sein, sie aber sollen sich als ein reines Nichts erfinden und erachten in all den großen Gaben Gottes. Denn je entblößter und lediger das Gemüt Gott zufällt und von ihm gehalten wird, desto tiefer wird der Mensch in Gott versetzt, und umso empfänglicher wird er für Gott in allen seinen kostbarsten Gaben, denn einzig auf Gott soll der Mensch bauen.“ (Reden der Unterweisung Nr. 19, Quint S. 82)

Loskommen, loslassen, finden, was wirklich Halt gibt. Darum geht es in dieser Abrahamgeschichte und im Glauben überhaupt. Warum, fragt Meister Eckhart, hängen die Menschen an den Dingen als hinge ihr Leben davon ab? Woran Du Dein Herz hängst, das ist Dein Gott, formuliert Martin Luther. Warum sollte unser Herz an Dingen hängen, die nicht Gott sind? Warum klammern wir uns an Dinge, die vergänglich sind, wo in Gott doch alle Dinge sind? Die eigenen Dinge loslassen und in Gott alle Dinge geschenkt bekommen, das ist nach Meister Eckhart der Handel, den Gott uns anbietet. Wer sich so allein an Gott hält, der steht im Segen Abrahams.

Dazu muss man kein Migrant werden, wie Abraham. Der wird ein Fremder bleiben in dem Land, das Gott ihm zeigt. Was Gott ihm verheißt, hat er selbst nicht mit eigenen Augen gesehen. Das Fleckchen Erde, das er sich von den Hethitern erbittet und das ihm am Ende gehört, ist sein Grab in Hebron. Sein erster Sohn Isaak wird der Stammvater der Juden und Christen. Seine späten Söhne schickt er nach Osten ins Morgenland. Ismael wird zum Stammvater der Araber und Muslime. Das ist das Erbe des Abrahamsegens, in dem nach dem Willen Gottes alle Geschlechter auf Erden gesegnet sein sollen. Was haben spätere Generationen bis auf den heutigen Tag daraus gemacht? Es wird Zeit, dass wir uns angesichts des religiösen Analphabetismus und der theologischen und spirituellen Verwahrlosung wieder darauf besinnen und zur Besinnung kommen. Wenigstens zum Gespräch über das gemeinsame Erbe.

Denn wer den Segen des Abraham fürs eigene Volk, fürs eigene Vaterland, für die eigene Partei oder die eigene Kirche pachten will, dem sagt der Christus im Matthäusevangelium unmissverständlich: „Denkt nur nicht, dass ihr bei euch sagen könntet: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken.“ (Matthäus 3,9) Es ist doch einfach nicht wahr, dass die fremde Kultur, der fremde Glaube, die andere Lebensart das Bedrohliche ist. Bedrohlich ist für uns immer der Verlust der eigenen Kultur, die eigene Oberflächlichkeit, die eigene Gleichgültigkeit, die eigene Lauheit, der eigene Unglaube. „Von Abraham ist zu lernen, dass Segen nur im Ausziehen, im Gehen, im Weitergeben zu bewahren ist: Da zog Abraham aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm.“ (Christian Möller, aaO., S.322)

Die Predigt zum Hören

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