Der kritische Blick nicht nur in die Zukunft (1.Petrus 1, 8-12)

Wie in jedem Jahr herrscht auf dem Jahrmarkt dichtes Gedränge. Neue Fahrgestelle verheißen in schwindelerregender Höhe und atemberaubenden Tempo den ultimativen Nervenkitzel. Da sitzt das Geld gleich locker. Zwischen Fressbuden und Schießstand liegt ein buntes Zelt und die vorübergehenden Besucher werden lautstark aufgefordert, mutig einen Blick in die eigene Zukunft zu wagen. Die Linien in Handflächen, die unbestechlichen Karten, die gelegt werden können, oder aber  auch der Blick in die Glaskugel, die noch getrübt auf dem Tisch ruht, dann aber vielleicht einen klaren Blick in die Zukunft frei geben kann, versprechen Aufklärung. Hereinspaziert, hereinspaziert: wird es noch die große Liebe geben, Erfolg im Beruf und Glück im Lotto?

Wir alle ahnen, dass das nicht funktionieren kann, aber es können doch so viele der Aufforderung nicht widerstehen, dass das Geschäft immer noch läuft und Jahr für Jahr das Zelt wieder auf dem Jahrmarkt aufgestellt wird. Selbst eingefleischte Harry Potter Fans wissen, dass die Wahrsagerei die unsicherste Zunft der Magie in der Welt von Hogwarts ist. Aber tief in uns lebt anscheinend der Wunsch, einmal einen Blick in die Zukunft werfen zu können. Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich all das wissen möchte, was ich dann sehen könnte. Da werden ja nicht nur Triumphe und Erfolge offenbar, auch Niederlagen, Enttäuschungen, Fehler, Verluste, Krankheiten und am Ende gar der frühe und nahe Tod. Keiner garantiert mir, dass ich mit diesem Wissen über das Morgen heute gut  umgehen oder gar besser leben kann.

Man müsste ein Prophet sein? Wissen, wer im Juli in Russland im Endspiel der Fussball-WM das glücklichere Ende auf seiner  Seite hat?

Ich bin kein Prophet: ich weiß nicht, ob alle mein Pläne und Wünsche in Erfüllung gehen, sich realisieren lässt, was sich in meiner Phantasie so gut ausmacht, ob die zwei, die sich so gut verstehen, zueinander finden, ob die Behandlung der Ärzte anschlägt oder die Examensfragen sich mit dem decken, was ich mühsam gelernt habe.

Ich weiß nicht, wer sich auf die ausgeschriebenen Stellen bewirbt und ob die Entscheidung für den einen Kandidaten oder die eine Kandidatin zukunftsträchtig ist….

Und überhaupt: bekanntermaßen gilt der Prophet nichts in seiner eigenen Stadt, in seinem eigenen Land: keiner will auf ihn hören. Im Gegenteil, viele schimpfen immer: „ du und dein Pessimismus „oder „ du unverbesserlicher Optimist“ und machen dann, was sie wollen.

Jetzt können sie entscheiden, worin sie sich ein wenig wiederfinden:

in der Sehnsucht nach einem bisschen Erleuchtung, was die Zukunft angeht, in der positiven oder eher skeptischen Grundhaltung dem Leben und der Zukunft gegenüber?

Die Bibel hat ihr ganz eigenes Verständnis von Prophetie, denn sie erzählt die Geschichten vieler Propheten. Es sind vor allem kritische Stimmen, die da zu hören sind. Sie prangern Ungerechtigkeiten an, werfen den Mächtigen und Reichen vor, die Gebote und Weisungen Gottes zu ignorieren, sie machen sich zum Sprachrohr der Schwachen und Benachteiligten, bevorzugt der Witwen und Waisen, sie werden zu Kritikern der Realpolitik, die sich nur auf die Bewahrung des „status quo“ konzentriert und sich dabei für alternativlos hält, Sie weiß von Menschen, die Gutes und Heilvolles verkünden, auch von Menschen, die das sagen, was gerne gehört wird, man könnte auch sagen, die nach dem Munde reden, und beäugt sie dann kritisch. Prophetie dient nicht vorrangig einem Wohl- und Sicherheitsgefühl. Gottes Propheten halten den Menschen schon einmal ihren Egoismus und ihre Prunksucht vor, ihren Materialismus und ihre Gedankenlosigkeit, wenn es um die Zukunft und die Grenzen des eigenen Lebens geht. Sie halten schmerzvoll die allgegenwärtige Gottvergessenheit vor Augen und warnen, dass Gott sich schmerzvoll in Erinnerung bringen könnte, wenn er immer links liegen gelassen wird. Ähnlichkeiten mit Erfahrungen der Gegenwart sind natürlich nicht wirklich zufällig.

Propheten tun das nicht, um am Ende recht zu behalten. Sie leiden unter ihrer eigenen Botschaft, wären lieber Friedensengel als Gerichtspropheten. Auch der ständige Pessimist hat keine Freude an seinem Pessimismus, sieht sich nur leider in seinen schlimmsten Befürchtungen jeweils bestätigt. Das mag mit Blick auf den Ausgang einer Fussball-WM verschmerzbar sein. Da ist es letztlich egal, ob die Optimisten oder Pessimisten die Oberhand behalten. Aber in all den Frage des gesellschaftlichen Zusammenhaltes, einer gerechteren Weltwirtschaftsordnung, bei der Bekämpfung von Fluchtursachen und einem menschlichen Umgang mit denen, die dennoch bei uns Zuflucht gesucht haben, im Umgang mit den diffusen Ängsten weiter Teile der Bevölkerung und der aggressiver werdenden Auseinandersetzung verschiedener politischer Lager, bei der steigenden Skepsis religiösen Menschen und ihrem Glauben gegenüber, in einer älter werdenden Gesellschaft und angesichts der Klimaveränderung, von der Forscher sagen, dass sie nicht mehr aufzuhalten sei oder einfach nur bei der Frage, ob mein Leben im angesicht des Todes Bestand hat und am Ende vor Gott bestehen kann, hängt eine Menge davon ab. Propheten waren oft Unheilsproheten, nicht weil sie Lust am Leiden anderer hatten, sondern weil sie einen Weckruf starten wollen, weil sie begriffen, dass aus dem Schlaf falscher Sicherheit geweckt werden muss, wenn es Aussicht auf Hoffnung geben sollte. Schönreden macht noch nichts schön, aber der Wahrheit ins Auge zu schauen, kann der Klarheit dienen. Es geht nicht um Kinderspiele aus dem Zauberkasten oder in einem bunten Zirkuszelt, sondern immer um Fragen einer guten Zukunft für alle, für die wir mit unserem Tun Verantwortung tragen.

Johannes der Täufer ist einer dieser Propheten, der in unserer christlichen Tradition durch seine Stellung zu Jesus eine besondere Rolle spielt. Er wird als der Vorläufer, als der Wegbereiter verstanden, als Fingerzeig Gottes. Er wurde manchmal mit dem Heilsbringer verwechselt. Aber so sah er seine Aufgabe wohl nicht. Er wollte zunächst nicht mehr, als den Menschen die Konsequenzen ihres Lebens und Handelns aufzeigen und ihnen klar machen, dass nur sie es in der Hand hatten und haben, etwas zu ändern.

Kein großer Zampano, kein Zauberer, kein starker Mann, der alles für alle richtet und oder mit einer Zaubershow oder Kartenspielertricks für Aufmerksamkeit sorgen will, sondern ein Warner und Mahner, ein Rufer, nein der Weckruf in Person : Jeder einzelne kann durch sein Leben und sein Tun die Wende herbeiführen. „Tut Buße“, „denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“ war die ganze Botschaft des Täufers. Sie ist das ganze Gegenteil dieses Ohnmachtsgefühls, nichts   tun zu können. „Viel kannst du bewegen“ hätte er vielleicht erwidert, „wenn alle den Ernst der  Lage begreifen“.

Seine Botschaft scheint angekommen zu sein. Sie kamen, sie ließen sich zum Zeichen ihrer Sinnesänderung und ihres Neuanfanges, ihres Richtungswechsel taufen und hofften so der Zukunft eine positive Richtung geben zu können. Das lag vielleicht auch daran, dass Johannes ein Freund klarer und unmissverständlicher Worte war. Diplomatie war nicht seine Stärke, aber auch nicht seine Aufgabe. Ausgewogenheit war auch nicht sein Ziel, dafür prägnante und eindeutige Provokation. Er hatte keine Angst, Mächtigen gegenüberzutreten oder Anhänger zu verprellen. Er gab der Wahrheit Raum um der Wahrheit willen und nicht dem Formelkompromiss um des Friedens willen. Am Ende hat er es mit seinem Leben bezahlt.

Er wollte nicht die Zukunft voraussagen, sondern die Gegenwart ändern, auch wenn es dadurch für ihn keine Zukunft mehr gab.

Verständlich, dass da der Prophet oft im eigenen Land nichts gilt.

Am Ende aber auch einleuchtend,  dass er nicht einfach nur Zukunft voraussagt: Könnte er dies, wäre sie für uns Menschen unentrinnbar, gäbe es nichts mehr zu entscheiden, zu verändern oder gar zu gestalten. Aber Gott ist kein Schicksal, dass schon für alle in aller Ewigkeit entschieden hat. Er lässt uns Zukunft mitgestalten, begleitet uns dabei mit seinem Wort und seinem Rat.

Propheten sind Wegweiser, Hinweiser. Sie weisen auf die Schwachstellen des eigenen Lebens und mischen sich auch in das Zusammenleben, in die Gesellschaft ein, zeigen die Wege, die zu uns zurück führen oder Menschen wieder zusammenführen, sie weisen auf Gott hin, bei dem wir heil werden können und mit dem die Welt heil werden kann, denn einer Welt ohne Gott geht es  nicht gut. 

Johannes ist der Wegweiser hin auf Christus, Gottes Kommen in die Welt, gerade, wenn es dunkler wird.

Mit dem Johannistag werden die Tage kürzer, es scheint als würde die Dunkelheit stärker, aber symbolträchtig genau sechs Monate später feiern wir Weihnachten, Gottes Kommen in alle Dunkelheiten. Das ist die einzige Zukunft, von der zu wissen uns gut tut. Christus ist Gottes Ja in allem Nein, Gottes Licht in aller Dunkelheit, Gottes Trost in aller Trauer, Gottes Heil in aller Verwundung , Gottes Wort des Lebens, wo überall nur gestorben wird, Gottes Fingerzeig des Friedens, wo Menschen unversöhnt streiten. Und die Begeisterung dafür will wie ein Feuer auflodern. Propheten sind gewisser Brandstifter für die Begeisterung Gottes mit dem Ziel Leben und Welt zu erneuern. Gut, dass Gott sich unter uns sehen und hören lässt. Wir brauchen eine prophetische Kirche und prophetische Menschen in ihr um der Gegenwart willen und um zur Zukunft fähig zu sein! Amen

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