Was mich groß macht… (1.Johannes 1,5-2,6)

Zehn Jahre war er alt und konnte nicht mehr sagen, was ihn eigentlich dazu gebracht hatte: für einen kurzen Augenblick war die Versuchung im Laden so groß, dass er zugriff, das Kartenspiel in die Hosentasche steckte, und prompt – erwischt wurde. Strafrechtlich konnte man noch nichts machen. Nach Haus gebracht und den Eltern übergeben zu werden war allerdings in diesem Augenblick schon Strafe genug.  Er wusste ja nicht, was ihn zu Hause erwartete. Ein Jahr Hausverbot erhielt er noch dazu und hat sich auf den Tag genau daran gehalten, so als ob man ihm ja schon beim Betreten des Kaufhauses ansehen würde, dass er gar nicht da sein dürfte. Das Verbotene getan zu haben, war das eine, mit sich, den Eltern und der Umwelt nicht im Reinen zu sein, die Schuld beinahe wie ein Mal auf der Stirn zu tragen das andere, viel schmerzlichere. Das eine war irgendwann als Kindersünde abgetan, das andere hätte er gerne aus der Welt geräumt.

So wie in diesen Augenblick als ihm sein Fahrrad gestohlen wurde, weil er es nicht angeschlossen hatte und sich aus Angst vor der Strafe kaum nach Hause traute. Auch da hatte er Gefühl: sie sehen eh auf die Stirn geschrieben gleich, was los ist. Und da am Ende große Erleichterung, als er zu Hause gebeichtet, seinen Fehler eingestanden und seine Eltern dennoch nicht aufgehört hatten, für ihn da zu sein und das Leben anders als erwartet doch weiterging..

Eine Lektion hat er gelernt: es geht im Leben viel daneben,  da sind Fehler und Dummheiten, Unrecht, Lügengebäude, Irrtümer… aber Verschweigen und Verdrängen hilft nicht! Wohl aber hilft es, unbequeme Wahrheiten, eigenen Schwächen und Fehler, eigenes Versagen und eigene Schuld einzugestehen. Das befreit. Denn: keiner ist frei davon.

Keiner ist frei von Schwächen und Fehlern, keiner leidet nicht unter seinen Grenzen.  Alle tun oft das Gegenteil von dem, was sie eigentlich wollen. Keiner ist völlig frei von Allmachtsphantasieen oder Egoismus auf Kosten anderer. Keiner ist frei von düsteren Gedanken egal gegen wen… Oder wie Jesus so entlarvend direkt und schnörkellos einmal sagt: wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein… Und einer nach dem anderen schlich betreten davon.

Und dennoch ist es so unsäglich schwer zu sagen: das war mein Fehler, ich trage die Verantwortung und stehe dazu. 

Es ist leichter die ganzen Entschuldigungen zur Hand zu haben, warum es so und nicht anders kommen musste.

Manche Schwächen zaubern vielleicht ja noch ein kleines Lächeln ins Gesicht und über das, was Kinder oft anstellen, können wir, nachdem wir kurz die Stirn in Falten gelegt haben, getrost hinwegsehen.

Aber es dauert auch nicht lange, da erstarrt das Lächeln und alle rufen empört nach der vollen Härte des Gesetzes, nach Strafe und Vergeltung, damit der Rechtsfrieden wieder hergestellt wird: nach Attentaten, Gewaltverbrechen, wenn Unschuldige zu Tode kommen, wenn die Gesellschaft wie gelähmt in Angst verfällt, wenn die Opfer vor lauter Verständnis für die Täter in Vergessenheit zu geraten scheinen.

Das Zusammenleben der Menschen braucht eine Ordnung, es braucht verbindliche Regeln, es braucht Sanktionen bei Verstößen, es braucht Gericht und Strafe, weil  Moral und Verantwortung allein nicht reichen, nicht wirken. Spielregeln müssen durchgesetzt und Verstöße geahndet werden. Aber das reicht nicht, daraus wächst kein Frieden, keine Zukunft. Es braucht auch die Dimension der Barmherzigkeit. Es braucht die zweite und dritte Chance, auch wenn das manchmal schwer auszuhalten ist. Es braucht den liebevollen Blick auf den Menschen, auch wenn das Menschliche gerade verschüttet zu sein scheint. Ich frage mich manchmal auch, wo hinter dem Attentäter, dem Mörder, dem Fanatiker, dem Streitsüchtigen, dem Egoisten der empfindsame, anrührbare, leidensfähige und damit liebenswürdige, also auch liebesbedürftige Mensch bleibt. Die Regenbogenpresse ist schnell dabei, jemanden zum Monster zu machen.  Aber auch das ist nur eine Form von Gewalt und Brutalität ist (übrigens die Urgestalt des Monsters Frankenstein sucht in dem gleichnamigen Roman nichts anderes als ein Gegenüber, das ihn so liebt, wie er ist und wird nur aus Enttäuschung den Menschen gefährlich). Es kann verdammt schwer sein, vor sich einen Mensch zu sehen, mit einer Geschichte, Hoffnungen und Träumen, aber auch Abgründen, die keiner ausmalen kann. Mitten unter uns gibt es die Realität des Bösen, die Macht des Bösen, die verführt, die zerstört, die tötet, die Chaos anrichtet. Es gibt die Herrschaft der Lüge und des Scheins, der Täuschung, es gibt das Unrecht und die Ungerechtigkeit. Keine Ordnung, keine Gesellschaft hat dieses Dilemma bisher auflösen können. Aber es sind Menschen, selbst wenn sie alle Menschlichkeit fahren lassen. Die Bibel ist da ganz realistisch und nüchtern und versteht uns Menschen auf der einen Seite als liebenswürdige Geschöpfe Gottes und  zugleich als erlösungsbedürftige Sünder.

Manche hören das nicht gerne, sie bagatellisieren die Rede von der Sünde und fragen, ob etwa Liebe Sünde sein kann, oder gestehen, dass sie gestern wegen des dritten Stückes Sahnetorte mit Blick auf den Zuckertest beim Arzt oder dem Blick auf die Waage doch ein wenig gesündigt hätten.

Andere klagen, wir Christen sollten endlich mit dieser pessimistischen und leibfeindlichen Sicht des Menschen aufhören. Er sei doch entwicklungs- und kulturfähig, zu Schönem und Gutem in der Lage und das Miesepetrige würde einem doch die ganze Lust auf das Leben rauben. Der Theologe und Schriftsteller Klaas Huizing hat das auf den Punkt gebracht mit seiner Forderung „Schluss mit der Sünde“ und sagt: 

„Die Vokabel „Sünde“ besitzt eine dunkle Kraft. Sie macht klein und sorgt dafür, dass man sich schmutzig fühlt.“

Ich glaube ja,  dass nicht die Vorstellung und der Begriff der Sünde den Menschen klein machen. Wir bleiben uns und anderen, egal wie, immer etwas schuldig. Dieser unlösbare Konflikt, dieser Zwiespalt in uns, oder theologisch gesprochen die Sünde, nicht als Summe aller unserer Fehler und Taten, sondern als Grundbedingung unserer Existenz, macht uns  nur dann klein, wenn wir uns ihr nicht stellen. Eugen Drewermann, Theologe und Psychologe, hat die Situation so beschrieben: wir sind unentrinnbar in den Strukturen des Bösen gefangen, sind  uns unseres Ungenügens bewusst und bestimmt von der Angst: Angst vor der eigenen Minderwertigkeit und dem Versagen, Angst vor dem strafenden Gott, Angst vor der Vergänglichkeit und dem Nichts. Und der Mensch versucht gegen diese Angst vorzugehen und gerät immer tiefer in sie hinein… Das ist es, was die Bibel Sünde nennt.

Aber weder Gott noch meine Minderwertigkeit oder meine Vergänglichkeit an sich machen mich klein! Ich habe es immer als ungemein befreiend empfunden, eigene Grenzen erkennen und annehmen zu dürfen. Aus dem Teufelskreislauf der Angst komme ich doch nur heraus, wenn ich meine Grenzen und meine Unvollkommenheit annehmen lerne und spüre, dass mich Gott gerade mit ihnen liebevoll anschaut, ich dennoch und so sein Geschöpf, sein Kind, viel mehr noch sein Partner sein darf, den er geschaffen hat zu seinem Bilde, um Gemeinschaft mit ihm zu haben. Das macht mich  groß!

Gibt es befreienderes, als das Lob der Unvollkommenheit gerade in einer Welt der Optimierung und der falschen, uns überfordernden Idealvorstellungen? Ich muss nicht makellos sein, denn ich bin Mensch und Geschöpf, Kind Gottes, so wie ich bin.

Gibt es befreienderes, als Ehrlichkeit im Blick auf die eigenen Grenzen und Möglichkeiten, um dann festzustellen, dass uns alle dies miteinander verbindet?

Gibt es etwas befreienderes, als einzugestehen, Fehler zu haben und Fehler zu machen und zu entdecken, dass wir gerade dann respektiert werden, wenn wir dafür  Verantwortung übernehmen.

Freundschaften, Beziehungen, Familien, Eltern-Kind-Beziehungen, Gemeinden, Gesellschaften leben davon und funktionieren nur, wenn   Schwäche und Fehler eingestanden werden und Barmherzigkeit das letzte Wort haben darf. Offen mit Fehlern und den eigenen engen grenzen umzugehen ist Stärke! Eltern, die sich zu ihren Fehlern den Kindern gegenüber bekennen, sind stark. Genauso wie Politiker und Manager, die im Rückblick feststellen sich geirrt zu haben und die Konsequenzen daraus ziehen. Ideologien sind nicht lernfähig. Auch Menschenverachtung, Neid und Hass sind nicht lernfähig. Aber wir müssen keine Angst haben vor dem, was ans Licht kommt oder wie andere die Wahrheiten unseres Lebens begreifen. Angst entsteht nur da, wo ich etwas verbergen oder im Dunkeln lassen will. Und  da macht es mich am Ende auch krank. Aber Gottes Blick auch in meine Dunkelheiten hinein ist keine Drohung, sondern eine Angebot. Der 1.Johannesbrief bringt es mit einem Merksatz auf den Punkt: wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.

Er lädt damit zu nicht weniger ein als zum Menschsein vor Gott, der uns barmherzig und liebevoll anschaut, so wie Eltern ihren Kindern hoffentlich auch begegnen, wenn sie gerade etwas ausgefressen haben. 

Damit es auch noch etwas zu Schmunzeln gibt. Das Gottes Blick auf mein Leben liebevoll sein will, ist Eugen Roth wahrscheinlich durchgerutscht, als er dichtete:

Ein Mensch, der recht sich überlegt, / daß Gott ihn anschaut unentwegt, / fühlt mit der Zeit in Herz und Magen / ein ausgesproch’nes Unbehagen / und bittet schließlich Ihn voll Grauen, / nur fünf Minuten wegzuschauen. / Er wolle unbewacht, allein / inzwischen brav und artig sein. / Doch Gott, davon nicht überzeugt, / ihn ewig unbeirrt beäugt.

Ein Unbehagen hat doch  nur der, der immer noch etwas verbergen will.

Wir dürfen Gott ruhig auch in unsere unaufgeräumten Ecken hineinschauen lassen. Vielleicht schmunzelt er nach einem kurzen Stirnrunzeln dann ja auch befreiend

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