17. Juni 1953 und die Normerhöhungen in Ägypten

Ein 9-jähriger Junge schreibt auf, was er am 17. Juni 1953 in Sangerhausen erlebt hat.* Der Junge heißt Einar Schleef. Er wird malen, fotografieren, Stücke schreiben, inszenieren, anecken, die DDR verlassen und doch zeitlebens an Sangerhausen kleben. Mit dem 17. Juni 1953 beginnt er, Tagebuch zu schreiben. Der 17. Juni gräbt sich tief in den 9-jährigen ein und wird zum Schlüsselerlebnis, das er mehrfach wiederholt und noch Jahrzehnte später ergänzt, umarbeitet, nebeneinanderstellt.
Wer später im Osten „1953“ sagte, dachte vieles mit, was in den Monaten und Wochen drumherum passierte. Bauersfamilien wurden massiv in die LPG gedrängt, Tausende fliehen in den Westen. Selbständige bekommen keine Lebensmittelkarten mehr. Im April werden die Preise für Fleisch erhöht. An der Ostseeküste läuft die Aktion „Rose“: Flächendeckend werden Hotelbesitzer unter verschiedensten Vorwänden enteignet und ihre Häuser in FDGB-Heime umgewandelt. Der Staat beschlagnahmt Schloß Mansfeld, die Neinstedter Anstalten, die Pfeifferschen Stiftungen. Christliche Jugendliche werden in der Schule unter Druck gesetzt, Junge Gemeinden gelten als Spionagezentralen. In Sangerhausen wird Lehrer Paulsen von der Oberschule geworfen. Im Mai kündigt die SED eine 10%-ige Erhöhung der Arbeitsnormen an. Der DDR-Gewerkschaftsbund FDGB unterstützt die Normerhöhung. Das bringt das Faß zum Überlaufen. In Berlin und im ganzen Land protestieren Menschen. Panzer rollen. 1953 – Bedrückung und Widerstand.

Die Normen werden erhöht. Die Bibel erzählt, wie einst mit Zwangsarbeit und Normerhöhung den Israelit*innen in Ägypten das Leben schwergemacht wurde (2. Mose 1 + 5**). Die Parallelen sind frappierend. Die Israelit*innen müssen sich selbst um Stroh kümmern und dennoch die gleiche Anzahl von gebrannten Ziegeln abliefern. Sie sollen sich also ihr Arbeitsmaterial selbst beschaffen. Der Pharao setzt die Normerhöhung als Unterdrückungsmaßnahme ein. Die Israelit*innen sollen so ausgepreßt werden, daß ihnen keine Kraft zum Widerstand bleibt. Wenn sie von der Freiheit träumen, von einem Land, in dem Milch und Honig fließen, sind sie nicht ausgelastet und müssen mehr arbeiten, so die Logik des Pharao. Sie sollen hierbleiben, statt das Land gen Osten zu verlassen. Ausführlich erzählt die Bibel, wie Pharao erst den Aufseher und Vorarbeitern seine Anweisungen erteilt und wie diese sie dann dem Volk weitergeben.
Die Lage der israelitischen Vorarbeiter ist besonders verzwickt. Sie wurden von den ägyptischen Aufsehern eingesetzt. Sie müssen dafür geradestehen, daß das Soll erfüllt wird. Sie müssen also den Druck nach unten weitergeben an ihre Landsleute. Wenn der Plan nicht erfüllt wird, schlagen die Aufseher sie zusammen. Die israelitischen Vorarbeiter sind es auch, die den Widerstand wagen. Sie verabreden sich, sie tun sich zusammen und beschweren sich gemeinsam beim Pharao. Sie kämpfen für sich und ihre Landsleute. Vergeblich. Die Macht bleibt unbeugsam. Ihre Aktion hat keinen Erfolg. Am Ende machen sie Mose und Aaron dafür verantwortlich, daß ihre Lage sich so verschlimmert hat – Gott möge die beiden überwachen und bestrafen. Auch Mose und Aaron resignieren.
Der Versuch des Widerstands hat nicht nur keinen Erfolg. Er endet mit Schuldzuweisungen, Entzweiung und Verbitterung auf allen Seiten. Die brüchige Solidarität zerbricht. Die Unterdrückten wenden sich gegeneinander.
Auch Gott kommt in dieser Geschichte ins Hintertreffen. Er steht als der Unruhestifter da, der alle aufgewiegelt hat und für noch härtere Unterdrückung und größeres Leid verantwortlich ist. Die nächsten Kapitel erzählen, wie schnell der Hoffnungsfunke bei den Gedemütigten erlischt und wieviel Überzeugungskraft Gott einsetzen wird, um den Widerstandsgeist zu schüren, auch bei Mose und Aaron.

Die Bibel räumt der Normerhöhung, ihren Folgen und dem Widerstand dagegen erstaunlich viel Platz ein. Sie sind keine Randbemerkungen. Es ist ihr wichtig, daß darüber informiert und gesprochen wird. Und sie schönt nichts, auch nicht die Konflikte zwischen den Beteiligten. Und dennoch schildert sie eindeutig, daß allein Pharao verantwortlich ist. Sie benennt die Normerhöhung klar als das, was sie ist: Teil der Unterdrückungsmaßnahmen gegenüber den Fremden im Land. Sie ergreift damit Partei und stellt sich auf die Seite der Abgehängten.
Die, die Normerhöhungen anordnen, stellen das freilich anders dar. 1953 sprach das Neue Deutschland von einer freiwilligen Selbstverpflichtung der Werktätigen anläßlich des Geburtstags von Walter Ulbricht am 30. Juni 1953.

Und heute? Aufsichtsräte kündigen Effizienzsteigerungen an, Optimierung der Betriebsabläufe oder Erhöhung der Produktivität und verstecken geschickt, daß es um Normerhöhungen geht. Wenn der Mindestlohn um ein paar Cent steigt, müssen die Reinigungskräfte in der gleichen Zeit einfach ein paar Räume mehr sauber machen. Betriebe sparen Stellen ein, die Aufgaben müssen die Restlichen mitbewältigen. Bei den Werkstätten für behinderte Menschen klopfen zunehmen seelisch Angeknackste an, die diesem Arbeitstempo nicht mehr gewachsen sind. Den größten Druck bauen internationale Konzerne über Zulieferbetriebe im globalen Süden auf. Näherinnen dürfen nicht auf die Toilette. In Südchina haben sich allein im Frühjahr 2010 zwölf junge Leute, die Apple-Geräte zusammengeschraubt haben, aus den Fenstern ihrer Fabriken gestürzt, weil sie es nicht mehr schafften. Die Normerhöhungen heute fallen nicht so ins Auge, weil sie vor allem Menschen betreffen, die sowieso im Schatten stehen. Die Bibel macht sie sichtbar.

Der Pharao wollte mit den Normerhöhungen eine klar umgrenzte Gruppe treffen: die eingewanderten Israelit*innen. Er heizte die Stimmung gegen die Fremden im Land an und wollte sie vergraulen. Die DDR machte 1953 Stimmung gegen alle, die nicht in das sozialistische Raster paßten. Für den 9-jährigen Einar Schleef und für viele andere war 1953 ein Schlüsselerlebnis, wie schnell jemand als „feindliches Element“ hingestellt und dransaliert werden konnte. Annemarie Hoyer wurde das Abitur verweigert. Der Sangerhäuser Kantor saß wegen einer an den Haaren herbeigezogenen Äußerung ins Gefängnis. Vielen ist der Schreck in die Glieder gefahren und sie haben sich jahrelang nicht mehr getraut, den Mund aufzumachen. Trotzdem haben Einzelne über all die Jahrzehnte hinweg standhaft ihre Meinung vertreten und sich mutig für Veränderungen eingesetzt. Andere waren gleichgültig, sind mit dem Strom geschwommen und haben es sich in ihrer Nische eingerichtet. Aber warum sind auch 1953 junge Leute öffentlich als Scharfmacher z.B. gegen christliche Schüler*innen aufgetreten? Die FDJ hat in Sangerhausen in der „Neuen Welt“ eine Versammlung zusammengetrommelt, über die die „Freiheit“ am 30. April berichtet. FDJ-Kreissekretär Gerhard Bornemann hat sie organisiert, anwesend war Herrn Wappel, der CDJ-Kreissekretär. Die Oberschülerin Mai forderte „Weg mit der illegalen Organisation der ‚Jungen Gemeinde‘“. Dieter Heinrichs vom Thomas-Müntzer-Schacht, ein Jungarbeiter Lippold von der Mafa, Horst Nolde und Dieter Stuß von der Mifa – wer waren sie, und warum haben sie ohne Not die Stimmung aufgeheizt, gehetzt und beschuldigt? Was ist aus ihnen geworden, aus Gerhard Bornemann und aus den vielen anderen, die sich bis 1989 hervorgetan haben, Leute als Feinde des Sozialismus hinzustellen, ihnen das Leben schwerzumachen, ihre Laufbahn zu zerstören? Und wer waren die 9 Oberschüler*innen, die sich nicht einschüchtern ließen und deshalb in der Zeitung schlechtgemacht wurden, und was ist aus ihnen geworden?

Geschichte „bewältigt“ sich nicht von selbst. Vor allem heilt sie nicht, indem wir Gras über sie wachsen lassen. Die Verletzungen und Brüche der Vergangenheit wirken ja im Leben weiter, bewußt und unbewußt. Oft werden sie an die folgenden Generationen weitergegeben. Wir kommen voran, indem wir Licht hinein bringen, was damals eigentlich gewesen ist, und aufklären, wie es dazu kam und wer die Fäden gezogen hat. Vielleicht gelingt es heute, 65 Jahre später. Die in die Enge gedrängten Jugendlichen erzählen, vielleicht zum ersten Mal seit Jahrzehnten, wie sie sich in diesem Tribunal gefühlt haben, welche Angst sie hatten, was ihnen Kraft und Mut gegeben hat. Und die anderen könnten aussprechen, warum sie sich für die Propaganda haben instrumentalisieren lassen, daß sie vielleicht die Folgen nicht bedacht haben oder daß es ihnen heute leid tut. Beide könnten so ihre Würde finden. Das gilt nicht nur für 1953. Und alle, die die Zeit nicht erlebt haben, könnten besser erfahren, wie es damals war, wie bedrückende Strukturen die Menschen deformieren und wie kostbar Freiheit ist. Die Bibel nimmt sich für solche verwickelten Prozesse Zeit. Und sie macht deutlich: sie steht auf der Seite der Opfer.

Gott hat die versklavten Israelit*innen aus Ägypten befreit. Es hat noch viel Mühe gekostet. Immer wieder mußten Mose und Aaron sich überwinden und zum Pharao gehen. Noch oft mußten sie mit ihm diskutieren und ihm Versprechungen abringen, die er dann doch nicht eingehalten hat. Sie haben sich beschimpfen und abwimmeln lassen. Zehn Plagen mußten erst über das Land kommen, das die Fremden, die einst in hohem Ansehen standen, als potentielle Gefahr diffamiert und versklavt hat. Aber dann durften sie gehen. Gott hat sie begleitet auf dem langen Weg in die Freiheit. Gott möge auch uns begleiten, und mögen auch wir Wege zu Freiheit und Gerechtigkeit suchen.

Weitere Predigten von Margot Runge: www.queerpredigen.com
Predigten in der Trinitatiszeit: hier

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“ 17. Juni
Auf der Straße Panzer. Vor dem Gaswerk, auf dem Bahnhof, vor der Post, auf dem Marktplatz, an den Ausfallstraßen, vor der Maschinenfabrik, vor dem Fahrradwerk MIFA, auf dem Schacht. In unserer Straße. Überall Panzer: Wo kommen die vielen Panzer her?
In unserer Straße einer hinter dem anderen. Die Weiber liegen in den Fenstern, die Kinder spielen Verstecken oder Kriegen, immer um die Panzer. Hoch klettern dürfen wir nicht.
Die Post kommt. Mutter geht zur Haustür. Ein gelber Brief wird unter der Tür durchgesteckt … Grüner Stempel: Sowjetische Kommandantur. Mutter … legt den Brief ins Herrenzimmer auf den runden Tisch.“ (S. 9)
„Tante Litti ist aufgeregt, Onkel Max ist weg. … Leute rennen zum Marktplatz, ich hinterher, alles abgeriegelt. Jemand schreit. Polizisten schlagen Männer zusammen, Blut vorm Rathaus. Frauen schlagen die Polizisten. Ein Junge rennt weg. Alle schreien: Auf den Schacht! Vom Marktplatz geht’s zum Schacht, alle Kinder mit, es wird schon dunkel. Was brennt da? Auf dem Busplatz sind die Bergarbeiter, von Eisleben kommen welche rüber. Die Polizei will eine Sperrkette machen … “ (S. 10)
„Ich renne nach Hause, die Panzer stehen vor der Tür. Soldaten mit der Knarre. …
Onkel Max ist immer noch nicht zu Hause. … Herr Reinicke von gegenüber auch nicht da. Bettina, die Enkelin, verbrennt ihr Pionierhemd. Oder die Fahne? Sie kriegt Dresche. …
Jahre später erzählt Mutter nur ungern: Der Brief, den bekamen fast alle wie Vater und dann sind sie auf die Kommandantur und nie zurückgekommen …“ (S. 11)
Einar Schleef: Tagebuch 1953 – 1963. Frankfurt/Main 2004

** Aus 2. Mose 5
1 Mose und Aaron gingen zum Pharao und sagten zu ihm: So spricht Gott: „Lass mein Volk gehen, damit sie mir in der Wüste ein Fest feiern können.“ 2 Pharao erwiderte: „Wer ist Gott, dass ich ihm gehorchen müsste? Ich weiß nichts von Gott und will auch Israel nicht ziehen lassen. 4 Warum wollt ihr das Volk von seiner Arbeit abhalten? Macht euch fort, an eure Fronarbeit! 5 Sie sind schon zahlreicher als die Einheimischen, und ihr wollt sie von der Arbeit befreien?“
6 Sofort bestellte Pharao die Aufseher und Vorarbeiter zu sich und wies sie an: 7 „Ihr sollt den Leuten kein Stroh mehr liefern, das sie für die Ziegel brauchen. Sie sollen es sich selbst besorgen. 8 Doch die Zahl der Ziegel, die sie bisher gemacht haben, sollt ihr aber weiter fordern. Ihr dürft das Soll nicht ermäßigen. Denn sie sind einfach faul, darum schreien sie: ‚Wir wollen weggehen und unserem Gott Opfer bringen!‘ 9 Lasst sie schwerer arbeiten, damit sie beschäftigt sind und nicht auf leeres Gerede hereinfallen.“
10 Aufseher und Vorarbeiter gingen davon und sagten dem Volk: „So hat Pharao gesprochen: ‚Ich stelle euch kein Stroh mehr zur Verfügung. Ihr müsst es euch selbst suchen, wo immer ihr es findet. Trotzdem wird euch nichts von eurer Leistungsnorm erlassen.“
12 So durchstreiften die Leute ganz Ägypten, um Häcksel für ihre Ziegel zu finden. 13 Die Aufseher aber trieben sie an: „Erfüllt weiter euer Tagessoll, genau wie in der Zeit, als euch das Stroh gestellt wurde.“ 14 Die Vorarbeiter – sie waren Israeliten, von den Aufsehern Pharaos eingesetzt – bekamen Prügel und wurden angeschrien: Warum habt ihr nicht auch heute euer festgesetztes Tagessoll erfüllt wie bisher?
15 Die israelitischen Vorarbeiter riefen in ihrer Not Pharao an: „Warum behandelst du uns so schlecht? Wir bekommen kein Stroh mehr, doch sollen wir Ziegelsteine machen. Wir werden sogar geschlagen, dein Volk macht sich schuldig.“ 17 Er entgegnete: „Faulpelze seid ihr … Macht, dass ihr fortkommt, schuftet. Ihr bekommt kein Stroh mehr, ihr müsst aber euer Soll an Ziegeln erfüllen.“ 19 Da sahen die israelitischen Vorarbeiter, wie schlimm es um sie stand …
20 Auf dem Heimweg von Pharao trafen sie Mose und Aaron, die auf sie warteten. 21 Sie sprachen die beiden an: „Gott bestrafe euch! Denn ihr habt uns bei Pharao und seinen Untergebenen in Verruf gebracht. Ihr habt ihnen eine Waffe geliefert, mit der sie uns umbringen.
22 Mose wandte sich wieder an Gott: „Warum quälst du dieses Volk so sehr? Warum hast du mich überhaupt hierher geschickt? 23 Seitdem ich bei Pharao gewesen bin, um in deinem Nahmen mit ihm zu reden, geht es uns schlechter als vorher. Und du hast nichts getan, um dein Volk zu retten.“ (Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache, Einheitsübersetzung)

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