Himmlische Postwurfsendung

Liebe Gemeinde,
es klopft an der Tür! Ich öffne. „Ja, Bitte?“ „Sie haben Post!“ „Oh, von wem?“ „Eine Einladung für Sie!“ „Oh, danke!“ „Die anderen hier, verteile ich noch in der Nachbarschaft“ „Eine Einladung für alle hier? Sie machen mich richtig neugierig.“ „Halt! Ehe sie gehen, eine Frage noch. Von welcher Firma kommen sie? Sie sind doch ein besonderer Bote, oder? Sie schauen aus, als wenn sie von der Kirche kommen? Macht die Kirche jetzt auch Briefdienste?“ „Das geht alles aus dem Schreiben hervor!“ „Gut, ich werde es gleich lesen.“

Postwurfsendungen und Werbung sind bei mir eigentlich die Klassiker für den „kurzen Dienstweg“. Das ist die Strecke vom Briefkasten zum Papierkorb. Aber, lesen wir ihn ruhig einmal.

Liturg öffnet den „Brief“ und liest ihn auf der Kanzel vor.
(Predigttext: „Gute Nachricht“ Philipper 2,1-4;
selbst gewählte Überschrift: „Gebet für ein Leben in Güte und Frieden“).

„Gebet für ein Leben in Güte und Frieden.“ Seltsamer Titel für einen eigenartigen Brief. Was soll ich davon halten? Warum bekommen ausgerechnet wir diesen Brief? Ist diese Ecke hier so verrufen, dass man uns solche Texte zustellen muss?
„Tröstet ihr euch gegenseitig in Liebe?
Seid ihr im Heiligen Geist verbunden?
Gibt es unter euch Barmherzigkeit und Mitgefühl?“

Penetrante Fragerei! Wer sind wir denn, dass man uns so kommt?!

Diese Fragen erinnern mich an die Sätze, die wir Kinder an unserer Mutter so gehasst haben. „Sei schön artig!“ Schrecklich, dieser verbal verhängte Maulkorb. Als wäre ich eine Bestie die ohne Bewachung gleich bisse.

Und Papa dann gleich noch einen oben drauf: „Benimm dich und blamiere uns nicht!“ Die Demütigung war komplett. Diese Ermahnungen, brav, gut und lieb zu sein, sind ab einem gewissen Alter extrem lästig. Als konnte ich mich nicht benehmen.

Belehrungen verärgern, warum? Da kommt uns jemand von oben herab, der sich scheinbar für etwas Besseres hält. Allerdings, ist diesem Jenigen entgangen, dass wir alle „Dreck am Stecken“ haben.

Mein Blick bleibt nochmal an der Überschrift des Briefes hängen: „Gebet für ein Leben in Güte und Frieden“. Ich halte diese Zeilen in Händen und ein Gedanke ploppt spontan auf. Wenn dieser Brief als Postwurfsendung über Israel herab regnen würde. Und im gesamten Nahen Osten dies gelesen, verstanden und beherzigt würde. In Länder in denen Prediger der Versöhnung als Verräter gelten, hier wären diese Fragen doch besser angebracht.

Tröstet ihr euch gegenseitig in Liebe? Seid ihr im Heiligen Geist verbunden? Gibt es unter euch Barmherzigkeit und Mitgefühl?

Aber, werden wir erstmal bescheiden und kehren vor der eigenen Tür. Eigentlich brauchte nur die letzte Frage gestellt zu werden. Wie sähe es aus, wenn sie öffentlich und politisch beantwortet und gemeinsam gelebt würde. „Gibt es unter euch Barmherzigkeit und Mitgefühl?“

Was verdeutlichte sich am Anfang? Ach ja: Belehrungen verärgern. Aber wie ist es mit Gebeten? Gebete bleiben wohl empfunden.
Gebete, dass Menschen zum Frieden finden und Barmherzigkeit wachsen möge. Gebete, dass Mitgefühl stärker sein möge als Hass.
Gebete, als Einladung in guter Gemeinschaft zu leben.
Gebet öffnet eine Tür im Himmel. Und wenn diese offen ist, kann sich hier auf Erden vieles ändern.

Seltsam wie anders dieser Brief wirkt, wenn ich ihn als Gebet verstehe, anstatt als hochnäsige Belehrung.

Wem könnten wir diesen Brief, dieses Gebet, noch zustellen?
Die Ermahnung zur Bescheidenheit: „Seid nicht selbstsüchtig; strebt nicht danach, einen guten Eindruck auf Andere zu machen, sondern seid bescheiden und achtet die Anderen höher als euch selbst.“

Ich nehme an, er wäre auch im Bereich des Sportes und der Wirtschaft gut angelegt. Nicht als Belehrung, wohl aber als Erinnerung an Ehrlichkeit. Wenn Ehrlichkeit im Sport fehlt, wird der gute alte Wettkampf zum ehrlosen Spektakel. Und in der Wirtschaft geht es nicht anders zu.

Eigentlich wäre es auch in Politik, Verwaltung und kirchlichen Gremien und Dienststellen gut den Text zu kennen und zu beherzigen: „Tröstet ihr euch gegenseitig in Liebe? Seid ihr im Heiligen Geist verbunden? Gibt es unter euch Barmherzigkeit und Mitgefühl?“

Ich erkenne, Gebete werden aufgehoben, sie werden wiederholt gesprochen und nicht weggeworfen.

Gerade fällt mir ein, an welch ungewöhnlichem Platz ich Mitgefühl und Barmherzigkeit erkennen durfte. In einem „Bierzelt“ auf der Baumblüte in Werder und auch beim Kirsch- und Ziegelfest in Glindow.

Zwölf Menschen drängen sich auf den acht Plätzen von zwei Bierbänken, trotz Hitze. „Hock da hin, Paul“, hieß es. „Rutsch ma, da is noch Platz.“ Hören sie den Unterton?

Einer ruft: „Jetzt trinken wa!“. Ein Anderer protestiert: „Jeht nich, Paul hat noch nüscht!“. Alle warten bis die Bedienung Paul etwas bringt. Oder man schenkt ihm, sollte er schon Besitzer eines leeren Bechers sein, etwas ein. Tagtäglich passiert das, was ich eben beschrieben habe.

„Er hat noch nichts. Wir fangen erst an, wenn alle etwas haben.“ Erkennen sie den Unterton?

Im Gebet heißt es: „Gibt es unter euch Barmherzigkeit und Mitgefühl? Dann macht doch meine Freude vollkommen, indem ihr in guter Gemeinschaft zusammenarbeitet, einander liebt und von ganzem Herzen zusammenhaltet.“

Stört es Sie, dass ich diese Zeile in einem Bierzelt platziere? Oder irritiert Sie die Pointe, die auf unser normales Leben abzielt?

Den eingangs erwähnten Brief könnten wir als belehrenden Angriff abtun. „Kurzer Dienstweg“, und ab dafür. Wir sind gute Menschen, Nachfragen überflüssig.

Allerdings haben wir heute gelernt, ihn als Gebet zu verstehen! Nun wüssten wir sicherlich spontan noch tausend andere Adressaten.

„Sie haben Post“, mit dieser Zeile hatten wir begonnen.
Wir stellten fest, Belehrungen mögen wir nicht. Für Andere beten, das machen wir. Und Hand aufs Herz, das „Bierzelt“ akzeptieren wir mit ein wenig „Wenn und Aber“ als gleichnishaftes Bild.

Eine Idee: wie wäre es, wenn wir unsere Postwurfsendung „Für ein Leben in Güte und Frieden“ als Such-, als Erinnerungsspiel erkennen würden?
Was habe ich in den letzten Tagen an Güte, an Frieden, an Barmherzigkeit und Mitgefühl erlebt. Ich suche, erinnere mich daran und halte es hoch.
Ich suche nach erlebter, erfahrener „ guter Gemeinschaft, Liebe und Zusammenhalt.“ Ich überprüfe mich, wo ich Liebe und Zusammenhalt gegeben habe.

Ich hinterfrage mich, ob ich selbstsüchtig aufgetreten bin. Wo habe ich meine Angelegenheiten zurückgestellt und interessiert am Leben derer um mich teilgenommen. Ich suche mit Freude und Eifer, wie ich als Christin und Christ leben könnte und kann.

Das Ergebnis könnte auch ein Gebet sein:
Ich glaube Herr, hilf meinem Unglauben. Bitte zeige mir, wo ich Handlungsbedarf habe.

Der Friede Gottes der höher ist als alle Vernunft, weise uns den Weg zu Barmherzigkeit, Mitgefühl und Liebe. Und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Jürgen Zinck)

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