Allgemein empfohlen: eine wirksame Therapie (1.Korinther 14, 1-3.20-25)

Die Diagnose gefällt dem Patienten ganz und gar nicht. Er will lieber noch eine zweite Meinung einholen, vielleicht liegt ein Irrtum vor. Nur: der zweite Gutachter kommt anhand der Symptome zu genau der gleichen Diagnose. Da hilft kein Verleugnen und Verdrängen. Es muss nach der richtigen Therapie gesucht werden – hoffentlich mit der Aussicht auf Besserung oder Heilung! Die Krankheit ist gut beschrieben und erforscht. Das immerhin macht Hoffnung.

Die erste Diagnose lautet: (akute) protestantische Geschwätzigkeit – und das das in der Kirche des Wortes: eine harte, eine sehr unangenehme Diagnose. Ich kann verstehen, dass der Patient sie nicht gerne hört. Die Anzeichen der Krankheit sind allerdings nicht zu übersehen, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder Gemeinden im Augenblick allerdings ganz zufällig und nicht beabsichtigt. Ein Beispiel bei einer Konfirmandenvorstellung: Zwei Pfarrer agieren, ziehen mit den Konfirmanden in die unruhige Kirche ein, grüßen winkend hier und grüßen da, einer trägt Talar, einer Albe, die Kirche ist mit Werken der Konfirmandenzeit wie Wunschbäumen, Collagen, Bildern geschmückt, beide Pfarrer begrüßen für sich die Gemeinde, das Tagesgebet ist selbstgeschrieben und eine erste kleine ermahnende und erinnernde Predigt, bei der Konfirmandentaufe werden die Familiengeschichten ausführlich ausgebreitet, der Ritus ebenso ausführlich erklärt, damit es auch alle verstehen, und dann werden noch Wollknäule durch die Kirche geworfen und ein Friedensnetz geknüpft, die Gemeinde spielt, die Pfarrer versuchen dagegen zu predigen. Es gelingt nur mäßig. Am Ende sind viele Worte gemacht und manche fragen sich: was wurde eigentlich gesagt? Ganz ähnlich wurde es schon vor längerer Zeit in einer anderen Krankengeschichte beobachtet und ein  Gottesdienstbeginn dokumentiert: „Seien sie herzlich begrüßt am ersten Sonntag nach Trinitatis. Übrigens wussten sie schon, dass das, was sie heute morgen tun, unmittelbar ihrer Gesundheit zugute kommt? Gläubige Christen erholen sich schneller von Operationen, Religion hat therapeutische Wirkung, Christen wüssten etwas besser Bescheid über das, was Menschen trennt und Menschen eint, seien daher etwas besser und besser dran. Und darum  feiern wir diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen“

Der Gutachter schreibt nichts darüber, in welchem Stadium der Erkrankung wir uns befinden. Aber ich habe den Verdacht: die protestantische Geschwätzigkeit ist hier schon weit fortgeschritten,  gar eine chronische Erkrankung geworden.

Der zweite Gutachter hält sich nicht lange mit klangvollen Namen für die Krankheit auf, er malt lieber drastisch ein Bild vom Ausgang dieser Erkrankung und stellt fest: Am Jargon der Betroffenheit, an ihrer Sprache wird die Kirche verrecken, weil  es niemand mehr hören will: die Frage nach dem Sein und dem Sinn, wer ich bin und werden könnte, wenn ich denn zuließe, dass ich werde, was ich schon längst war…

Der Patient zuckt zusammen. Wie kann man nur so unsensibel einen Kranken auf sein Schicksal vorbereiten? 

Der Arzt hat das Krankheitsbild übrigens nicht nur bei Protestanten festgestellt. Vielleicht scheut er deshalb einen Namen. Aber er macht kein Hehl daraus, dass für ihn die Diagnose feststeht,  wenn wieder einmal belanglose Kettensätze aneinander gereiht werden nach dem Motto: „Jesus lädt dich ein: Ja, er lädt sich ein zum gemeinsamen Mahl. Ein Mahl, wie er es mit seinen Jüngern immer gefeiert hat, zusammen an einem Tisch, alle beieinander.“ Viel Text, wenig Aussage, so sein Fazit. und lässt ein anderes Beispiel von Predigtlyrik folgen: Neulich ging ich im Herbstwald spazieren, da prangte ein voller Ahornbaum unvergleichlich wunderschön in sonnig hellem Gelb. Aber da! Was soll ich sagen? Ach mein Herz pochte ganz überwältigt. Da sah ich ein Blatt, ein einziges Blatt, und das war rot, ganz feuerrot. Warum ist es anders als all die anderen Blätter? Manche würden ein Foto machen und dieses Foto posten, mir aber kam Jesus in den Sinn…

So plätschert dann die Predigt wohlgefällig in den Ohren und wallt dahin, gefühliges Leben und am Ende schöne irische Segensworte, Postkartenidylle von der grünen Insel, natürlich im Sonnenschein.

Sie schmunzeln vielleicht. Das klingt doch alles ganz harmlos, nicht schlimmer als ein Schnupfen, der ein bisschen quält, aber ganz von allein ohne Nachwirkungen wieder vergeht. Und hat nicht gerade Paulus als wirksame Therapie empfohlen, verständlich zu reden, nicht über die Köpfe und den Verstand der Menschen hinweg oder in einer Sprache, die keiner mehr versteht, sondern direkt ins Herz hinein? Anderswo benennt er doch als sein eigenes Konzept „den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche“, also den Naturverbundenen ein Naturromantiker und den Erlebnispädagogen ein Spieletrainer, meinetwegen auch im Gottesdienst. 

Wie soll denn so etwas gefährlich werden? 

Der eine Fachmann sagt: weil es in die Banalität führt. Und was banal ist, lassen Menschen irgendwann uninteressiert links liegen. Wenn aber Herzen überführt, Geheimes offenbar, Verkehrtes entlarvt, Übermächtiges entmachtet, Streit versöhnt und Trauer getröstet werden soll, wenn das Leben den Tod und Vergebung die Schuld überwinden soll, wenn es also um nicht weniger als alles geht, dann gelingt das nicht mit einer Ansammlung von Banalitäten, also Oberflächlichkeiten.

Dann muss der Weg von der Oberfläche in die Tiefe führen. Die Therapie,  so der Gutachter, kann nicht darin bestehen im Gottesdienst bei der Predigt Basketball zu spielen, um mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Welcher Jugendliche unterhält sich beim Basketball über Gott? Warum äffe ich andere nach und gebe mich, wie ich eigentlich gar nicht bin? Ich könnte doch auch wie mit meinen Freunden reden, alltagstauglich, ehrlich und (ein Zauberwort:) authentisch?

Der andere Gutachter hat Angst vor dem Verlust des Heilgen und der Stille. Beides unterbricht heilsam unseren Alltag und bricht machtvoll in unser Leben ein. Deswegen wünscht er sich Schwarzbrotgottesdienste, in denen eine Gemeinde konzentriert ist, die Gebete einfach sind, viel gesungen wird und die Pfarrer und Pfarrerinnen nicht mehr sagen, als sie sagen müssen.

Der erste empfiehlt eine einfache und wirksame Therapie:

Macht´s wie der Chef. Jesus hat sich doch auch Mühe gegeben, verständlich zu sein. Nicht immer mit Erfolg, aber immerhin hat er versucht, etwas mit Bildern und Begriffen zu erklären. Seine Zuhörer konnten mit Samaritern und Senfbäumen etwas anfangen.

Sprecht doch einfach über Gott, wie ihr bei einem Bier sprecht. Dann ist das vielleicht noch nicht modern, aber immerhin mal wieder menschlich, nah und nicht zuletzt verständlich.

Ich glaube ja, wenn ich Paulus richtig verstehe, dass die Heilung vor allem in der Botschaft liegt, die zu hören sein muss und wieder durchscheinen will durch die gewaltigen oder blumigen Worte. Das darf durchaus auch einmal direkt und herzhaft sein, aber nicht gekünstelt.

Eine Praktikerin lebt diese radikale Therapieform mit ihrer Gemeinde, eine lutherische Pfarrerin aus Amerika, voller Tatoos und allein deshlab schon gewöhnungsbedürftig, die von manchen als „Patrix“ beschimpft wird. „Patrix“ : das ist manchmal eine beleidigende Bezeichnung für Frauen im Pastorenamt sein oder, wie sie es lieber sieht, eine weibliche Kirchenheldin (gewissermaßen – obwohl ich davon jetzt nichts verstehe – eine Trinity aus Matrix mit Beffchen) und vor allem könnte es der wunderliche, wunderbare Glauben einer heiligen Sünderin sein. Denn sie ist ein Mensch mit Vergangenheit. Und die kommt in ihren Predigten vor. „Ich klaue die ganze Zeit bei Luther“ sagt sie von sich. Sie redet von Sünde, aber moralisiert nicht, als ob wir die Sünde mit Moral überwinden könnten. Sie wird nicht müde zu betonen, dass wir gerechtfertigt sind und Sünder bleiben, oder ganz einfach: der Teufel wühlt in Gottes Mülleimer. Er hält uns immer wieder Vergehen vor, die uns Gott längst vergeben und längst entsorgt hat.

Sie sagt, sie findet Gott in Dingen, die sie wütend machen und will eine Pastorin der Ausgestoßenen sein.

Sie redet ganz traditionell von Sünde und Vergebung, von Tod und Auferstehung. Das ist christlicher Markenkern, Evangelium, oder mit ihren Worten, die ins Herz treffen: Gott greift immer wieder mit seiner Hand in die Gräber hinein, die wir uns selbst ausheben, und zieht uns heraus, gibt uns neues Leben, mal auf dramatische, mal auf unspektakuläre Weise. Und dann fängt sie an zu erzählen, wie genau das in ihrem Leben ihrem Alltag und bei denen, für die sie da ist, aussieht.

Warum erzähle ich das uns als Gemeinde und nicht vor allem dem Pfarrkonvent? Weil schon Paulus nicht nur an die berufenen Prediger dachte als er Verständlichkeit und Klarheit erbat, sondern wusste, dass wir alle  zusammen Zeugen dieser Botschaft sind, aus der wir leben.

Das Evangelium ist nicht banal. Es unterbricht den Alltag und führt in die Stille. Es heilt, denn es entlarvt die Sünde und enthüllt dem Sünder Gottes Liebe und, weil wir davon etwas verstehen, wahrscheinlich mehr als vom Basketball oder ähnlichem: Evangelisch, also dem Evangelium entsprechend ist die Erkenntnis, dass wir so wie wir sind – so wie wir sind! – mit Gott leben dürfen. es braucht keine geistlich-religiöse Dressur, damit Gott uns liebt Aber Gottes Geist treibt uns hoffentlich dazu. Er ist für die Kirche Jesu Christi die einzig wirksame Therapie! Eine süße Medizin, die uns verordnet wird: Wissen sie, solange die Gnade im Mittelpunkt steht, besteht kein Grund dafür sich zu schämen, manchmal ein Arschloch zu sein. Niemand muss seine Abgründe verbergen. Weil die Gnade zählt, nicht Regeln oder ein bestimmter Weg zum besseren Leben. Sich gegenseitig Sünder zu nennen ist unsere Art der Zärtlichkeit!

 

(Dick gedruckte direkte und indirekte Zitate stammen von Fulbert Steffensky, Erik Flügge und Nadia Bolz-Weber)

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