Es kommt nicht immer gut an…oder: wenn Gott spricht (Jeremia 23, 16-29)

Irgendwann im Wechsel vom 7. zum 6.vorchristlichen Jahrhundert :im Staate Juda macht sich ein Prophet außerordentlich unbeliebt mit dem, was er im Namen Gottes predigt. Hochpolitisch greift er in unsicheren Zeiten die Herrschenden an, kritisiert ihre Bündnispolitik und ihre Taktiererei, mehr noch ihr sich darin ausdrückendes mangelndes Vertrauen zu Gott, dem sie weniger als ihren Bündnissen zutrauen; der Prophrt prangert die religiösen Führer an, die das Volk in falscher Sicherheit wiegen und lässt kein Zweifel daran, dass sich auch ein Gottesvolk der Nähe und der Unterstützung seines Gottes nicht sicher sein kann. Bundeslade und Tempel seien kein magischer Schutz in Krisenzeiten. Ehe man sich versieht,  sei Gott fern statt nah und sein Wort, man spürt es im Munde des Propheten, ist Macht, die nicht nur die Feinde des Gottesvolkes, sondern eben auch Juda erschüttern kann. Der Untergang Israels im Norden vor etwa einhundert Jahren hätte eigentlich Warnung sein können. „Ist nicht mein Wort wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“

Nun war Gottes Gebot und Gesetz, der Glaube an seine universale Herrschaft damals im Alltag Israels allgegenwärtig: Trennung von Staat und Kirche, besser von Staat und Tempel, gab es nicht. Aber diese oppositionelle Politisierung der Staatsreligion und der Angriff der eigenen Identität kam nicht gut an bei den regierenden und ihren Funktionären. Übrigens Jeremia hieß der Politprophet.

1968 war ein bewegtes Jahr nicht nur in der alten Bundesrepublik. Vertrautes wurde radikal in Frage gestellt, die alten Werte und die alten gewendeten Vertreter der Gesellschaft, die Väter und die Mütter, meist noch in der Zeit des dritten Reiches sozialisiert, wurden von der jungen Generation an ihre Vergangenheit gemessen. In Vietnam tobte zur gleichen Zeit ein erbitterter Krieg, in der CSSR gab es für kurze Zeit den Traum eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz. In den USA kämpfte die Bürgerrechtsbewegung um die Gleichberechtigung der Schwarzen. Der Baptistenprediger Martin Luther King wurde ein Gesicht dieser Bewegung und im April  1968 ermordet. Auf dem Katholikentag in jenem Jahr in Essen wollte eine Gemeindegruppe aus Köln zu einem politischen Gebet einladen. Basierend auf den vier Grundpfeilern Information, Meditation, Diskussion und Aktion, also politisch, demokratisch und aktivierend, sollten die drängenden gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart Thema der Liturgie werden. Die Veranstaltung wurde von den Katholikentagrepräsentanten auf 23.00 Uhr gelegt, in der Hoffnung, dass sie so unbemerkt vorüberginge. Es war der Beginn der politischen Nachtgebete um Dorothee Sölle und Mitstreiter in Köln, die als Bewegung nach einem Verbot durch Kardinal Frings in die evangelische Antoniterkirche umzogen, allerdings auch im evangelischen Raum nicht geliebt. Der rheinische Präses Joachim Beckmann soll bedauert haben, nicht wie Kardinal Frings in seiner Kirche durchgreifen zu können, weil es die Autonomie der Ortsgemeinde in Frage gestellt hätte. So politisch revolutionär wollte man die Kirche nicht. Dabei waren die früheren Hirtenworte der Bischöfe zu den Wahlen mit Aufrufen christlich-demokratisch zu wählen und nicht links, nicht wirklich unpolitisch. 

Worum ging es den jungen wilden Christen? Im Glaubensbekenntnis aus der Liturgie der politischen Nachtgebete (wohl gemerkt kein zeitloses Dokument, sondern eines aus dem brodelnden Jahr 1968) bezeugen sie unter anderem:

Ich glaube an Jesus Christus
der aufersteht in unser Leben
dass wir frei werden
von Vorurteilen und Anmaßung
von Angst und Hass
und seine Revolution weitertreiben
auf sein Reich hin
Ich glaube an den Geist
der mit Jesus in die Welt gekommen ist
an die Gemeinschaft aller Völker
und unsere Verantwortung für das
was aus unserer Erde wird:
ein Tal voll Jammer Hunger und Gewalt
oder die Stadt Gottes
Ich glaube an den gerechten Frieden der herstellbar ist
an die Möglichkeit eines sinnvollen Lebens
für alle Menschen
an die Zukunft dieser Welt Gottes.

Präses Beckmann blieb überzeugt: anders als der einzelne Christ darf die Kirche nicht politisch Stellung beziehen. Die politischen Nachtgebete, obwohl sie nicht lange währten, polarisierten nachhaltig. Aber kann prophetische Rede überhaupt anders als polarisieren?

Ende der achtziger Jahre hätte es in der ehemaligen DDR die Montagsdemonstrationen ohne die lange Tradition der Friedensgebete im Zeichen von Schwerter zu Pflugscharen nicht gegeben. Im Schutz der Kirchen und der gottesdienstlichen Friedensandachten konnte sich eine oppositionelle Bürgerbewegung entwickeln, die in den Kirchen die Friedensfrage, die Umweltproblematik, Fragen der Geschlechtergerechtigkeit, Demokratie und weltweite wirtschaftliche Solidarität zum Gegenstand der Diskussionen und Gebete machte. Nicht nur die Staatsführung tat sich schwer damit und begleitete die Friedensgebete mit ihren Sicherheitsdiensten intensiv und eng, auch die Kirchenleitungen fühlten sich nicht wirklich wohl in dieser Gesellschaft. Man wollte eigentlich lieber in Ruhe leben und nicht in ständiger Anspannung und Auseinandersetzung mit der Obrigkeit. Gott sei Dank ließen sie aber die Friedensbewegten gewähren.

Weihnachten 2017 nun twitterte am Rande einer Christvesper in Berlin der Welt-Chefredakteur Poschardt: „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den #Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?“

Eine Politikerin twitterten zurück: „Dann sollte ich tatsächlich mal wieder in eine Christmette gehen. Hört sich gut an. Und Einmischung brauchen wir mehr denn je bei #Ungleichheit, #Abschottung, #Klimakrise.“

Der Pfarrer hatte in seiner Aktualisierung der Weihnachtsgeschichte den Bogen vom Amerika Donald Trumps 2017 über die Türkei Erdogans 2017 bis zur Ansprache des Papstes über die kritischen Zustände im Vatikan geschlagen und deutlich gemacht, dass eine Predigt nie anders als öffentlich und damit politisch sein kann. Seit dem 7.vorchristlichen Jahrhundert bis in die Gegenwart hinein zeigt dies eigentlich zeitlos:  „Bin ich nur ein Gott, der nahe ist,.., und nicht auch ein Gott, der ferne ist?“(Vers 23) Gott bringt immer noch, wo er ins Spiel kommt, wo in seinem Namen nach Frieden und Gerechtigkeit gerufen und um Versöhnung gebeten wird, Unruhe unter die Menschen. Dieser Gott ist manchen dabei dann nahe und manchen ferne. Nahe ist er denen, die auf einmal merken: er steht an meiner Seite, an der Seite der Schwachen und Ohnmächtigen, an der Seite derer, die auf eine zweite Chance warten und gerne Versöhnung erleben würden, auf der Seite derer, die sich vom Leben vergessen und in ihrer Gesellschaft nicht beheimatet fühlen.

Aber manchen ist er auch fremd und ferne, weil sie sich nicht stören lassen wollen in ihren gewohnten und vertrauten Gedanken und Lebensweisen. Ferne kann er auch denen sein, die ihn zwar in ihren Reden, aber nicht in ihrem Herzen und in ihrem Leben haben. Ferne ist er nicht nur den Zweifelnden und vom Leben geschlagenen, die verzweifelt mit Christus nach ihm rufen, sondern auch den Satten und Zufriedenen, die keine Unruhe und keine Veränderung wünschen. Nähe und  Ferne liegen nicht nur an Gott, sondern auch durchaus an uns.

Zeitlos ist aber auch die Erfahrung ( und das ist durchaus etwas wunderbares): „Ist mein Wort nicht wie ein Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert?“(Vers 29)

Das heißt doch nichts anderes, als das Gottes Wort nicht folgenlos bleiben kann. Wo Gott spricht, da verändern sich Menschen und Verhältnisse. Und wir wissen: Gott bleibt nicht stumm. Sein Wort geschieht. Es gibt keinen Unterscheid zwischen privater, persönlicher, auf die Seele und ihre Angelegenheiten bezogener Predigt und politischer Predigt. Gott trennt nicht zwischen Menschen und Verhältnissen, zwischen Individuum und Welt. Seine Verheißung gilt dem Einzelnen und der ganzen Schöpfung. Seine Mahnung gilt allen Menschen in allen Lebenslagen und Lebensaufgaben.  

DieLiturgie der  politischen Nachtgebete endete mit dem Wunsch:

Möge Gott dich segnen mit Unbehagen gegenüber allzu einfachen Antworten, Halbwahrheiten und oberflächlichen Beziehungen,

damit Leben in der Tiefe deines Herzens wohne.

Möge Gott dich mit Zorn segnen

gegenüber Ungerechtigkeiten, Unterdrückung

und Ausbeutung von Menschen,

damit du nach Gerechtigkeit und Frieden strebst.

Möge Gott dich mit Tränen segnen,

zu vergießen mit denen, die unter Schmerzen,

Ablehnung, Hunger und Krieg leiden,

damit du deine Hand ausstreckst, um sie zu trösten

und ihren Schmerz in Freude zu verwandeln.

Und möge Gott dich mit Torheit segnen,

daran zu glauben, dass du die Welt verändern kannst,

indem du Dinge tust,

von denen andere meinen,

es sei unmöglich, sie zu tun.

So segne euch Gott mit der Geistkraft des Mutes

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