Wach werden!

Predigt Jeremia 23,16-29, 1. Sonntag nach Trinitatis, Predigtreihe IV, von Pfarrer Johannes Taig

16 So spricht der HERR Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie umdunsten euch, sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN.
17 Sie sagen denen, die des HERRN Wort verachten: Es wird euch wohlgehen -, und allen, die im Starrsinn ihres Herzens wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen.
18 Aber wer hat im Rat des HERRN gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört?
19 Siehe, es wird ein Wetter des HERRN kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen.
20 Und des HERRN Zorn wird nicht ablassen, bis er erstellt hat die Entwürfe seines Herzens; in der Späte der Tage werdet ihr den Sinn dran ersinnen.
21 Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie.
22 Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von der Bosheit ihrer Geschäfte zu bekehren.
23 Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?
24 Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?, spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?, spricht der HERR.
25 Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt.
26 Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen
27 und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, so wie ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal?
28 Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen?, spricht der HERR.
29 Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?
(Kursiv nach der Übersetzung Martin Bubers)


Liebe Gemeinde,

„Aber wir sind voll himmlischer Träume, die uns tränken – und wenn dann die Wonne oder die Erwartung der träumerischen Labung zu groß wird, dann werden wir etwas Besseres als satt – wach!“ Jean Paul hat das im „Quintus Fixlein“ geschrieben.

Natürlich war das analog gemeint. Weder Jean Paul noch der Prophet Jeremia kannten die modernen digitalen Welten und ihre Traumfabriken, mit deren Träumen und Botschaften das ganz große Geld gemacht wird. Immer mehr Menschen beziehen ihr Wissen um das, was der Fall ist, fast ausschließlich aus den sozialen Netzwerken, von denen sie rund um die Uhr mit allen Tricks gefangen gehalten werden. In manchen Städten wird in Fußgängerzonen schon Schaumstoff um Laternenmasten gewickelt, damit Handygucker sich nicht verletzten, wenn sie dagegenlaufen.

Jaron Lanier war einmal einer, der sich von den sozialen Netzwerken fast alles versprach. Mindestens aber eine bessere Welt. Heute ist der Mitarbeiter von Microsoft, der viele Patente eingereicht hat und an der Columbia University gelehrt hat, schwer ernüchtert und fordert eindringlich Korrekturen. Die Überschriften eines seiner Bücher sind Weckrufe und lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig (ich zitiere): „Social Media ist deprimierender Mist. – Social Media macht dich zum Arschloch. – Social Media untergräbt die Wahrheit. – Social Media macht das, was du sagst, bedeutungslos. – Social Media tötet dein Mitgefühl. – Social Media macht dich unglücklich. – Social Media fördert prekäre Arbeitsverhältnisse. – Social Media macht Politik unmöglich. – Social Media hasst deine Seele.“ (SZ vom 31.05.2018)

Hätte der Prophet Jeremia all das sehen können, er wäre nicht eine halbe Stunde zum Brüllen in den Keller gegangen. Das hätte er schon in aller Öffentlichkeit gemacht. So wie damals, als er dem König Zedekia die Worte unseres heutigen Predigttextes wie ein „Hallo wach!“ entgegenschleuderte. Der König hatte es 588 vor Christus satt, noch Abgaben an die Babylonier zu zahlen. Man fühlte sich als Nation wieder stark. Ein Bündnis mit Ägypten sollte die Selbständigkeit sichern. Wir sind wieder wer, Gott ist auf unserer Seite, alles wird gut, so zwitscherten alle, die am Königshof etwas werden wollten, die Geistlichkeit eingeschlossen. Umdunstet von so viel falscher Seligkeit kam eine wirklichkeitsfremde und dumme Politik zustande, für die viele mit dem Leben und die nächsten zwei Generationen mit dem Exil, dem Verlust der Heimat, bezahlten. Der babylonische König Nebukadnezar machte kurzen Prozess und schlug den israelitischen Visionären seine Eisenfaust ins verklärte Gesicht.

Der Rest ist böse Geschichte. Aber wir verstehen so vielleicht besser, warum Gott im Vorfeld dieser Geschichte sein heiliges Donnerwetter aufziehen lässt. Er tut es nicht, weil es ihm Spaß macht, sondern weil er sein Volk vor dem letzten Schritt in den Abgrund aufhalten möchte, den es so gottvergessen und unter Verdrängung aller Realitäten geht. Gottes Wort stellt sich gegen die Träume der falschen Propheten. Gottvergessenheit und Realitätsverlust gehören nicht nur im Gottesvolk immer zusammen, ja, man hat den Eindruck, sie bedingen einander. Im Dunst falscher Visionen geht die Entscheidungsfähigkeit für das Richtige verloren.

Allgegenwärtig ist in der Geschichte bis heute auch die Gefahr, Gott zum Kumpan der eigenen Wünsche und Vorstellungen zu machen. Groß ist die Versuchung mit Hilfe des Glaubens das eigene Ego aufzublasen. Was scheinbar in Gottes Namen daherkommt, ist oft nichts als erbärmlicher Eigennutz. Nur mühsam bemäntelt so manche entschiedene Frömmigkeit die eigene Machtgier, die lustvoll und unbarmherzig andere mit dem Terror der Tugend traktiert. Ich sandte diese Propheten nicht, und doch laufen sie (V 21). Deshalb sehen solche falsche Propheten auch nie weiter, als ihre eigene Nase lang ist.

Wer sich mit Gott so kumpelhaft auf Du und Du wähnt, wer ihn vor den eigenen – auch den politischen – Karren spannen will, wer Gott auf solche Art und Weise zu nahe tritt, der wird erleben müssen, was die Worte des Jeremia deutlich sagen. Der wird erleben, wie Gott einen entschiedenen Schritt hinaus aus solch falscher Umarmung tut. Bin ich nicht auch ein Gott der Ferne?, spricht der HERR.

Heute wünschen sich viele eine Kirche, die sich um das innere Gleichgewicht der Menschen verdient macht und ansonsten die Kreise der Macht und Politik nicht stört. Wer das will macht die Kirche zum Trostpflaster, zum Teddybär, zur Schmusedecke für ein Leben in einer ansonsten trostlos sich selbst überlassenen Welt. Wer das will, macht Gott zum Wasserträger für fremde Interessen. Das lässt sich Gott nicht gefallen und eine Kirche, die sein Wort auszurichten hat, darf es sich auch nicht gefallen lassen.

Manchen ist es gar nicht so unrecht, wenn Gott in der Ferne weilt, bis er schließlich ganz in Vergessenheit gerät. Gott nennt sie die, die wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt (V 27). In das Vakuum rücken andere Götter nach. Es sind eben nicht nur die Politiker, die wirkliche Reformen in unserem Land verhindern, sondern ebenso der Wähler, der sich immer dann lautstark zu Wort meldet, wenn das eigene Umdenken gefragt ist.

Hier wird das Rad nicht neu erfunden. Eine solche Politik, wie sie der Prophet gegenüber dem König Zedekia aufs Schärfste kritisiert, ist auch heute daran zu erkennen, dass sie immer zu Lasten der Schwachen und der kommenden Generationen geht. Wer sich auf dieser Welt z.B. immer noch für die Atomkraft einsetzt, streitet um das Recht oder besser um das Unrecht, heute billigen Strom zu konsumieren und künftige Generationen auch dann noch mit dem Müllproblem belasten zu dürfen, wenn die eigenen Knochen längst zu Staub zerfallen sind. Wer die Rente in gewohnter Höhe verspricht, weiß, dass er Geld verteilt, das in Zukunft von immer weniger jungen Menschen durch immer höhere Beiträge aufgebracht werden muss. Wer nur die Ansprüche der Lobbys bedient, macht eine dumme und wirklichkeitsferne Politik zu Lasten der Mitwelt und damit zu Lasten künftiger Generationen und zu Lasten der Bedürftigen, die in unserer Gesellschaft wenn überhaupt nur eine schwache Stimme haben.

Einer solchen Politik fällt Gott mit donnerndem Einspruch in den Arm. Weil sie nicht Frieden schafft, sondern Krieg, nicht Gerechtigkeit, sondern Unrecht, nicht Heil, sondern Unheil, nicht Leben, sondern Tod, nicht Heimat, sondern Obdachlosigkeit. Wie berechtigt der Einspruch Gottes war, darüber hat das Gottesvolk angesichts einer langen und leidvollen Geschichte auf vielen Seiten des Alten Testaments laut nachgedacht. In der Späte der Tage haben sie den Sinn dieses Einspruchs erkannt und die Entwürfe seines Herzens, des Herzens Gottes, der auch noch im Zorn auf das Heil seiner Menschen aus ist.

„Die moderne Geschichte lässt sich begreifen als das Gespräch eines Menschen, der an Gott glaubt mit einem Menschen, der sich selbst für Gott hält.“ Nicolas Gomez Davila hat das gesagt. Wir werden als Menschen, die an Gott glauben, dieses Gespräch nicht abreißen lassen. Weil wir der Überzeugung sind, dass der Mensch, der sich für Gott hält, den Sinn für die Realität verliert. Stroh wird wohl auch von mancher Kanzel herab gedroschen. Das Wort Gottes ist Weizen. Es stellt sich gegen die Träume und Illusionen der falschen Propheten und ihrer Traumfabriken damals und heute. Es hilft wach zu werden und wach zu bleiben. Es ist der beste Freund des gesunden Menschenverstandes.

Mag das Wort Gottes bei vielen auf Granit beißen. Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt? (V 29) Darauf sprechen wir: Amen!

Die Predigt zum Hören

drucken