Eine Frage der Perspektive – Eph 1, 3-14

Ich nehme ein Glas mit auf die Kanzel, das zur Hälfte mit Wasser gefüllt ist.

Liebe Gemeinde,

ich habe Ihnen heute ein Glas mitgebracht, das mit Wasser gefüllt ist. Nicht ganz gefüllt, allerdings.

Was würden Sie sagen?

Ist das Glas halb voll?

Oder halb leer?

 

Darüber ließe sich jetzt trefflich streiten. Es kommt wohl auf die Perspektive an.

 

Die Perspektive – darum geht es auch in unserm Predigttext, den wir eben gehört haben.

Er ist ein einziger langer Satz. Ein einziger langer Satz, der voll des Lobes ist: viermal fällt dieses Wort.

Der Autor des Epheserbriefes nimmt die Perspektive ein, wie Gott handelt an uns Menschen: Gott segnet und erwählt – und zwar nicht, wenn wir uns wohlverhalten haben, sondern von vorn herein. Gott erwählt uns und bestimmt uns vorher, seine Kinder zu sein (V5). Gott schenkt uns Gnade (V 6), erlöst und vergibt uns (V 7).

Wenn Gott uns Menschen sieht, so sieht er das Glas offenbar halb voll – und er selbst schenkt es uns übervoll ein.

Gott teilt uns mit, was eigentlich ein Geheimnis ist: Daß in Christus alle Menschen eins werden. (V 10).

In Christus sind wir denn auch Erben in Gottes Reich geworden. Der Heilige Geist, durch den sich Gott und Christus uns mitteilt – er ist das Siegel darauf, daß diese Zusagen gültig sind und bleiben.

 

Wenn ich Sie jetzt verloren habe, dann liegt das an diesem Text, der so verschachtelt ist, so vollgestopft mit Ideen.

Er erinnert mich an eine Flasche Parfüm, die ausgegossen ist. Der Duft überwältigt, hat so viele verschiedene Noten – es weht wie eine Woge über mich hinweg. Obwohl ich eine gute Nase habe, kann ich nicht heraus-schnuppern, was die einzelnen Gerüche sind. Es sind zu viele Details.

Mir wäre es da lieber, durch den Garten zu gehen, jede Blüte, aus der der Duftstoff gewonnen wurde, einzeln zu betrachten, daran zu schnuppern, dann weiter zu schlendern zur nächsten. Dann würde ich vielleicht einen Strauß pflücken aus drei oder vier verschiedenen duftenden Blumen und Kräutern – Nelke und Rose, Rosmarin und Lavendel. Oder auch Dill, Zitronenmelisse und Phlox.

 

Dieser Strauß heißt dann: Gott liebt uns. Wir sind Gottes Kinder. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern zerreißt nicht, selbst wenn man sich entfremden sollte, sich aus den Augen verlieren oder nichts mehr voneinander wissen sollte. Man bleibt immer Vater oder Mutter, man bleibt immer Kind.

Doch das heißt nicht, daß sich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern nicht verändert. Natürlich tut sie das im Laufe des Lebens. So auch bei uns und Gott. Als Kind sehen wir Gott anders als als Erwachsene. Der Vater, der alles kann und weiß – irgendwann wachsen wir da heraus. Die Mutter, die so wunderbar jeden Schmerz wegpusten kann … irgendwann wirkt das nicht mehr. Doch dafür können wir jetzt genauer um Rat fragen– den wir dann befolgen – oder auch nicht. Wir können uns über eine Erfahrung berichten lassen – und daraus unsere eigenen Schlüsse ziehen – oder auch nicht.

Wir werden unabhängiger – doch die Verbindung bleibt, auch wenn sie sich verändert.

So ist es auch mit Gott. Wir sind Gottes Kinder. Gott ist Vater – und Mutter.

Gott begegnet uns als Schöpfer. Wenn ich durch den Wald gehe, durch die Felder fahre, über einen Gartenzaun luge, gehen mir die Augen auf für die Vielfalt der Schöpfung – gestaltet von Menschenhand. Und ich erahne dahinter die Kraft und Vielfalt dessen, der dies geschaffen hat.

Gott begegnet uns in Jesus. Als Mensch, der uns auf Augenhöhe entgegentritt. Der erlebt, was wir auch erleben: Freundschaft und Verrat; Liebe und Ablehnung; In-Frage-gestellt werden, vor Entscheidungen stehen. Angst und Verzweiflung und Vertrauen. Leiden und Tod – und Gottes Liebe und Treue, die den Tod überwindet. Gott liebt mich und läßt mich nicht allein, selbst wenn es manchmal den Anschein hat.

Und Gott begegnet uns im Heiligen Geist. Der uns tröstet und mahnt. Der uns begeistert, daß wir uns hinterher manchmal fragen: Wo kam das denn her? Der Mut? Die Idee? Die Beharrlichkeit?

 

Das war jetzt kein Parfümflakon wie der Epheser-Text. Das waren jetzt drei oder vier Blüten, einzeln betrachtet, betastet, beschnuppert.

Parfüm mischen, aus vielen Versatzstücken ein komplexes Ganzes zusammen zu stellen – das liegt mir nicht – offenbar auch nicht beim Predigen.

Mir fehlt die Erdung in dem, was der Epheserbrief schreibt. Mir fehlen da die eigenen Erfahrungen, der Alltag.

Doch darum geht es dem Text auch nicht. Der Alltag ist zwar da – doch der Blick wird darüber hinaus gerichtet, auf Gott. Auf Gottes Liebe, mit der er uns Menschen erwählt hat. Wegen der er uns aus dem befreien will, was uns von ihm und voneinander trennt. Deshalb stimmt der Epheserbrief gleich zu Beginn dieses Lob auf Gott an. Gott, der uns begegnet als der Schöpfer und Vater, als Jesus Christus und als der Heilige Geist.

 

Vielleicht ist dieser Blick, diese Perspektive ungewohnt: Der Blick weg von den großen Fragen und dem Klein-Klein unseres Alltags und hin auf Gott.

Der Blick auf Gott verleugnet und entwertet den Alltagsblick nicht. Doch er macht den Blick frei. Und er führt ins Lob.

 

Es ist vielleicht wie beim Handarbeiten: Konzentriert blicke ich auf mein Werkstück, überlege den nächsten Handgriff, führe ihn vorsichtig aus. So geht es fort und fort. Bis mir die Arbeit unter den Augen verschwimmt. Jetzt könnte ich die Augen zusammen kneifen, um weiter zu machen.

Oder ich kann den Blick heben, aus dem Fenster schauen auf den Waldrand, wo die Blätter der Bäume im Wind fächeln, ein Buchfink wie auf Wellen fliegt. Wo der Regen fällt wie ein feiner Schleier. Und ich staune und freue mich. Und lobe Gott. Nicht weil ich es tun muß. Nicht weil Gott es braucht. Sondern, weil ich es brauche. Weil es mir gut tut.

 

Eine Frage der Perspektive.

 

Amen

Vorschlag Predigtlied: EG 401, 1-4 Liebe, die du mich zum Bilde

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