Auf die Situation kommt es an, Jeremia 23,16-29

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

was wird die Zukunft bringen. Wir wissen es nicht. Manche betrachten die Zukunft optimistisch. Es wird immer besser. Andere eher pessimistisch: Es wird immer schlechter. Für beide Sichtweisen gibt es gute Gründe. Aber was die Zukunft bringen wird, wissen wir nicht. Im alten Israel wollten die Menschen auch wissen, was die Zukunft bringen wird. Sie befragten dazu die Profeten. Dabei ging es vor allem um die nahe Zukunft und um die Frage, was man tun soll, damit alles gut geht. Angesehene Profeten lebten am Tempel oder am Hof des Königs. Diese Profeten sagten in der Regel, was der König hören wollte. Also: Alles wird gut. Gott ist gnädig. Sie verkündeten optimistische Prognosen.

Es gab häufig aber auch umherziehende Profeten, die Unheil verkündeten und oft vom Hof verfolgt wurden. Sie sagten zu den Herrschenden: Gott ist unzufrieden mit euren Lebenswandel. Ihr beutet die Armen aus und kümmert euch nicht um das Wohlergehen des Volkes. Später wurden die Profetien aufgeschrieben, die eingetroffen sind. So ein freier Profet mit Namen Jeremia, der sich in Auseinandersetzung mit der Regierung befand, hat folgendes verkündet:

Jeremia 23,16-29

16 So spricht der HERR Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch, sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN.

17 Sie sagen denen, die des HERRN Wort verachten: Es wird euch wohlgehen –, und allen, die im Starrsinn ihres Herzens wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen.

18 Aber wer hat im Rat des HERRN gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört?

19 Siehe, es wird ein Wetter des HERRN kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen.

20 Und des HERRN Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen.

21 Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie.

22 Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.

23 Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?

24 Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?, spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?, spricht der HERR.

25 Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt.

26 Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen

27 und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, so wie ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal?

28 Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen?, spricht der HERR.

29 Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?

Da rechnet einer mit den bezahlten Profeten bei Hof ab. Jeremia ist wütend. Und er ist verständlicherweise wütend, denn er selbst wird von der Regierung mit dem Tod bedroht, weil er die Politik im Namen Gottes kritisiert hat. Er fand, dass der König fahrlässig handelt und überheblich die Existenz seines Landes aufs Spiel setzt, indem er sich an einer Verschwörung gegen die herrschende Großmacht beteiligt.

Texte, die die regierungsnahe Prophetie kritisieren gibt es viele in der Bibel. Es gibt aber auch Texte, die dem Volk Glück und Heil versprechen und die als Wort Gottes bezeichnet werden.

Was stimmt denn nun? Ist es im Sinne Gottes die Zukunft optimistisch oder pessimistisch zu sehen?

Naja, je nachdem. Die prophetischen Texte der Bibel beziehen sich immer nur auf eine bestimmte geschichtliche Situation. Sie sind nicht verallgemeinerbar.

Und was sagt uns so ein Text wie der von Jeremia heute?

Tja, das hängt davon ab, wie man unsere Situation heute sieht. Klar kann man Dinge finden, die heute schief laufen, eine ganze Menge Dinge. Und dann kritisiert man mit Jeremia zusammen, die heutige Politik. Das kann man tun. Das ist eine mögliche Übertragung des Textes.

Jeremia hat ja besonders vor Kriegsgefahr gewarnt. Man kann heute aber auch der Meinung sein, dass unsere Regierung das ganz gut macht, und versucht Kriege so gut es geht zu verhindern. Dafür spricht einiges. Andererseits kann man unsere Regierung auch dafür kritisieren, dass sie Rüstungsexporte in Krisenländer erlaubt.

Das mit der Übertragung von prophetischen Texten auf unsere heutige Situation ist schwierig. Es gibt immer viele Möglichkeiten. Und ich habe selbst keine Träume, die von Gott kommen. Ich habe kein Wort Gottes gehört und ich möchte mir auch nichts zusammen reimen. Deshalb werde ich in dieser Predigt nichts dazu sagen, wie Gott unsere heutige politische Situation beurteilt.

Aber ich möchte etwas über die Situationsabhängigkeit von Handlungsanweisungen für die Zukunft sagen. Diese Handlungsanweisungen sind nicht nur von der aktuellen politischen Lage abhängig. Man muss auch die Person zu der man sie sagt, berücksichtigen.

In einer Familie neigt man dazu, alles laufen zu lassen und möglichst nichts zu tun. Auch wenn es Probleme gibt, die dringend gelöst werden müssten. 

In einer anderen Familie packt man die Dinge an und nimmt sie selbst in die Hand. Hauptsache man tut was, auch wenn es gerade sinnvoller wäre, noch etwas abzuwarten.

Und natürlich haben Mitglieder dieser beiden Familien sehr unterschiedliche Lieblingsbibelverse.

Zum Beispiel findet ein Mitglieder der ersten Familie den Bibelvers: „Den seinen gibt’s der Herr im Schlaf!“ unschlagbar. Er zitiert ihn gerne in alle möglichen und unmöglichen Situationen und rechtfertigt damit, dass er nichts unternehmen muss. Er findet sich in seiner Trägheit bestätigt und schiebt die Probleme ungelöst vor sich her bis sie ihm auf die Füße fallen.

Ein Mitglied der zweiten Familie hält sich lieber an den Spruch: „Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.“ Durch diesen Bibelvers findet das Familienmitglied seine Familientradition bestätigt. Es gibt nichts Gutes außer man tut es. Und zwar sofort. So ein Familienmitglied kann eine Menge Porzellan zerschlagen, weil es sich auf jedes Problem stürzt und etwas tun will, auch wenn noch keine sinnvolle Lösung dieses Problems in Sicht ist und man durch seinen Aktivismus alles nur schlimmer macht.

Beiden Familien tun ihre Lieblingsbibelverse nicht gut. Sie sollten es mal mit dem Lieblingsbibelvers der je anderen Familie probieren.

Die einen müssen lernen in die Pötte zu kommen und ihre Probleme endlich anpacken und nicht immer denken, dass schon alles von alleine gut wird und wegsehen die beste Strategie ist.

Die anderen müssen lernen, sich erst einmal zurückzulehnen, sich die Sache genauer anzusehen und abzuwarten, wenn die richtige Zeit noch nicht gekommen ist. Und sie müssen lernen darauf zu vertrauen, dass Lösungen sich vielleicht erst später zeigen.

Aber etwas haben beide Familientraditionen gemeinsam. Beide vermeiden es genau hinzusehen. Beide nehmen sich nicht die Zeit, sich zu überlegen, was jetzt günstig ist. Das könnte man Mitgliedern beider Familien sagen: Seht hin. Überlegt genau, was gut ist. Und erwägt auch das, was euch nicht auf den ersten Blick gefällt und eurer Familientradition zuwider läuft.

Also liebe Gemeinde,

in der Bibel steht viel Wahrheit. Sie ist voller Weisheit und guter Empfehlungen für ein glückliches Leben. Aber alles, was da steht, ist in eine bestimmte Situation hinein gesagt. Und es wurde zu bestimmten Menschen gesprochen. Und was für den einen richtig ist, ist noch lange nicht gut für jemand anderen. Und was für die eine Situation weise und angemessen ist, ist für die andere möglicherweise ein großer Fehler.

Wir kommen nicht drum rum, was in der Bibel steht für uns heute zu deuten. Und uns das auszusuchen, was für uns gerade passt. Und was das ist, darüber wird es immer Streit geben. Und das ist auch gut so!

 

und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!

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