You’ll never walk alone

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde, Kollegen sind etwas Wunderbares. Meistens zumindest. Kollegen ziehen an einem Strang. Sie wollen miteinander das Bestmögliche erreichen für den Kunden oder das Produkt oder die Gesellschaft, was immer ihre Aufgabe ist.
Kollegen haben ein gemeinsames Thema, das sie beschäftigt. Sie kennen dieselben Leute, sie sprechen auch gerne mal im Fachjargon miteinander. Wenn es gut läuft, helfen sie einander aus, bewahren vor Fehlern oder bügeln, wenns denn doch passiert, Fehler auch gemeinsam wieder aus. Ich mag meine Husumer Kollegen, die alten und die neuen. Ich mag meinen Beruf, meinen Arbeitsplatz, meine „Arbeitskleidung“ – kurz: Ich hab den besten Job der Welt.

Zum Beispiel darf ich Ihnen heute über einen großartigen Text predigen. Er steht im Buch des Propheten Jeremia, ist geschichtsträchtig und verheißungsvoll. Er entsteht in der Zeit des Babylonischen Exils, etwa 600 Jahre vor Christus. Er entführt mich in die Zeit Nebukadnezars, dessen Kunstverstand und dessen Größenwahn man bis heute im Pergamonmuseum Berlin bewundern kann. Er bringt mich dem Volk Israels näher, das nach einem verlorenen Krieg in die Fremde verschleppt wird und sich mit Heimweh und Reue quält. Sie zu trösten, das ist in dieser Situation Jeremias Job:

Hört mit mir die Worte des Propheten Jeremia, Kapitel 31.
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;
sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken. Amen

Ein neuer Bund, ein neues Versprechen. Und Gott wird ganz nah sein. So nah, dass zwischen Gott und Mensch kein Blatt Papier mehr passt. Wenn der neue Bund Gottes kommt, so der Prophet, dann wird niemand mehr andere in religiösen Fragen unterweisen müssen. Der neue Bund Gottes besteht darin, dass Gott in die Herzen der Menschen einzieht. Egal, ob alt oder jung, reich oder arm, klug oder dumm – jeder wird wissen, was gut und richtig ist vor Gott. Die Sünde ist vergeben, der Sund überwunden, es braucht keine Mittler und keine Vermittler mehr.

Das könnte mich meinen Job kosten! Ich sehe schon die Konfirmanden jubeln: Nie wieder Konfirmandenunterricht! Nie wieder am Sonnabendmorgen mit hängenden Lidern und schlaffen Schultern diese übermotivierten Pastorinnen und Pastoren ertragen müssen, die keine Müdigkeit kennen und um kurz nach 9 Uhr schon fröhlicher Lieder singen wollen. Nie wieder am Sonntagmorgen in der viel zu kalten Kirche einem viel zu langen Gottesdienst folgen. Ach, ihr Lieben, es wär doch gar zu schade für euch und für uns.
Keiner wird den anderen mehr lehren und sagen: Erkenne den Herrn. Und wir Christen glauben, dass mit Jesus Christus ist diese neue Welt angebrochen ist. Es gibt nichts, was uns von Gott trennt. Durch den Heiligen Geist sind wir ihm so nah, dass zwischen uns und ihn kein Blatt Papier geht – ohne, dass da irgendein Priester oder Pastor noch was regeln müsste. Martin Luther hat spricht vom „Priestertum aller Getauften“: Es braucht keines geweihten Amtes, um Gott zu erkennen. Ein Pastor, eine Pastorin ist nach lutherischem Verständnis nicht besser als andere, bleibt Mensch unter Menschen. Pastor und Pastorin gehören zum himmlischen Bodenpersonal genau wie Küster, Organist und Sekretärin – so halten wir das in evangelischen Kirchen. Und wir leben miteinander in guter Gemeinschaft von Ehren- und Hauptamt, verbunden durch den Geist Gottes, den wir mit dem Pfingstfest feiern.
Der neue Bund ist in Christus Wirklichkeit. Jeder und jede predigt in seinem Stand, in seinem Beruf, mit seinem Leben von der Liebe Gottes. Das tut der Müllmann und die Briefträgerin, der Verkäufer und die Lehrerin, die Ärztin und der Professor. Jeder und jede ist damit ein Kollege von mir. Und weil ich Kollegen so mag, ist mir das mehr als recht.
Kolleginnen und Kollegen sind wir also auch hier in der Kirche. Sie hier vorne genauso wie Sie da hinten, Konfirmanden, Küster, Organist – wir alle hier sind die Dienstgemeinschaft Gottes, helfen, trösten, raten, begleiten und lieben im täglichen Gottesdienst, der unser Leben ist.

Und auch Jeremia wird in diesem Glauben zum lieben Kollegen. Er tröstet sein verzweifeltes Volk, diese Menschen, die besiegt und in die Fremde verschleppt wurden, und sagt ihnen Gottes gutes Wort. Er tröstet die, die zerschmettert und zerschunden nach 1000 Kilometern Fußmarsch durch das blaustrahlende Ishtar-Tor Babylons getrieben wurden und die eingeschüchtert und ängstlich von den goldenen Löwen, den Symbolen der Göttin, in die babylonische Gefangenschaft flankiert wurden. „Alles wird gut“, sagt Jeremia, der sein Leben lang nichts als Unheil predigten musste. „Alles wird gut. Gott erneuert seinen Bund. Gott will sein Gesetz in euer Herz geben und in euren Sinn schreiben, und ihr sollt sein Volk sein, und er will euer Gott sein.“ Oder: You’ll never walk alone. Es wird keine Einsamkeit mehr geben, keine Ratlosigkeit. Kein Angst. Kein Schmerz, kein Geschrei. Und „er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein“ (Offenbarung 21, 4) – Jeremia gibt den nach Trost Dürstenden seines Volkes Worte, die ihre Sehnsucht stillen und ihre Angst mildern. Alles wird gut. Alles wird gut. Alles wird gut, weil Gott alles gut macht.

You’ll never walk alone – liebe Kolleginnen und Kollegen hier in der Kirche. Durch Pfingsten sind wir sind nicht nur Schwestern und Brüder, sondern Kolleginnen und Kollegen im Dienst an Gottes Wort. You’ll never walk alone – Du gehst niemals alleine – das ist das Trostwort für heute, den wir jede auf seine und ihre Weise zu predigen haben und es auch tun. Die Helferin sagt es dem Pastor, der Chorleiter sagt es seinen Sängern, der Küster sagt es dem Rollstuhlfahrer, die Konfirmanden sagt es ihrer Freundin, die Chefin sagt es ihren Mitarbeitenden. Du gehst nicht alleine. Ich helfe dir, ich unterstütze dich. Ich begleite dich, ich fördere dich. Ich tröste dich, wenn du mutlos wirst. Und wenn du Fehler machst, finden wir gemeinsam eine Lösung. Liebe Kolleginnen und Kollegen, hier vorne in den ersten Reihen bis hinten zu den letzten: Wir sind Mitarbeitende an Gottes Reich, Dienstgemeinschaft der Glaubenden, mit Talar oder ohne. Und ich bin so unendlich froh, dass ich als Pastorin dazu gehören darf.

Und Kollege Herrmann van Veen beschreibt das so:
Als Gott nach langem Zögern wieder mal nach Haus ging, war es schön, sagenhaftes Wetter. Und das erste was Gott tat, war, die Fenster sperrangelweit zu öffnen,
um sein Häuschen gut zu lüften.
Und Gott dachte: Vor dem Essen werde ich mir noch kurz die Beine vertreten. Und er lief den Hügel hinab zu jenem Dorf, von dem er genau wusste, dass es da lag.
Und das erste, was Gott auffiel, war, dass da mitten im Dorf während seiner Abwesenheit
etwas geschehen war, was er nicht erkannte. Mitten auf dem Platz stand eine Masse
mit einer Kuppel und einem Pfeil, der pedantisch nach oben wies.
Und Gott rannte mit Riesenschritten den Hügel hinab, stürmte die monumentale Treppe hinauf und befand sich in einem unheimlichen, nasskalten, halbdunklen, muffigen Raum.
Und dieser Raum hing voll mit allerlei merkwürdige Bilder, viele Mütter mit Kind mit Reifen überm Kopf und ein fast sadistisches Standbild von einem Mann an einem Lattengerüst.
Und der Raum wurde erleuchtet von einer Anzahl fettiger, gelblich- weißer, chamoistriefender Substanzen, aus denen Licht leckte.
Er sah auch eine höchst unwahrscheinliche Menge kleiner Kerle herumlaufen mit dunkelbraunen und schwarzen Kleidern und dicken Büchern unter müden Achseln,
die selbst aus einiger Entfernung leicht modrig rochen.
„Komm mal her! Was ist das hier? Was ist das hier?“
„Das ist eine Kirche, mein Freund. Das ist das Haus Gottes.“
„Ah.Wenn das hier das Haus Gottes ist, Junge, warum blühen hier dann keine Blumen,
warum strömt dann hier kein Wasser und warum scheint dann hier die Sonne nicht, Bürschchen?“
„Das weiß ich nicht.“
„Kommen hier viele Menschen her, Knabe?“
„Hm, es geht in letzter Zeit ein bisschen zurück, mein Freund“
„Und woher kommt das Deiner Meinung nach? Oder hast Du keine?“
„Es ist der Teufel. Der Teufel ist in die Menschen gefahren. Die Menschen denken heutzutage, dass sie selbst Gott sind und sitzen lieber auf ihrem Hintern in der Sonne.“
Und Gott lief fröhlich pfeifend aus Kirche auf den Platz. Da sah er auf einer Bank einen kleinen Kerl in der Sonne sitzen. Und Gott schob sich neben das Männlein,
schlug die Beine übereinander, und sagte: „Kollege.“
Amen

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