Keinen Frieden ohne Dialog, kein Verstehen ohne Fragen (Jeremia 31,31-34)

Beschämt, verstohlen und hilflos stehe ich am Rande und höre zu…

Sie kennen dieses Gefühl sicher gut, wenn sie ungewollt Ohren- oder Augenzeugen eines sehr persönlichen Gespräches werden und spontan denken, dass sie dies erst einmal nichts angeht. Sie wollen sich davon stehlen, in der Hoffnung, dass keiner sie bemerkt hat und tun so, als hätten sie auch nichts mitbekommen. Aber schon ruft es zu ihnen herüber: du kannst ruhig hierbleiben und zuhören. Wir haben nichts zu verbergen. Vielleicht geht es dich ja doch bald etwas an.

Immer wenn wir auf den Spuren der Propheten in der hebräischen Bibel sind, werden wir erst zu ungewollten Zuhörern und dann aufgefordert, zu bleiben, uns nicht  davon zu machen: obwohl es eigentlich um etwas sehr persönliches zwischen Israel, dem Gottesvolk und seinem Gott geht. Wir sind nur Zaungäste, nicht Gesprächspartner, wir dürfen bleiben, sollten aber nicht zu schnell Plätze einnehmen, die uns noch nicht angeboten werden. Das haben wir Christen in der Vergangenheit all zu schnell getan. Dass Juden und Christen einander heute auf Augenhöhe begegnen, dass sie einander als Geschwister begreifen und voneinander lernen, dass wir unsere Kultur als jüdisch-christlich geprägt verstehen, dass Christen aufmerken, wenn Juden beleidigt, verunglimpft, verfolgt und misshandelt werden, und mitlaufen, wenn Berlin oder andere Städte „Kippa“ tragen, das ist noch nicht lange und eigentlich bis heute auch nicht wirklich selbstverständlich. Antisemitismus und Judenfeindlichkeit sind Teil unserer Vergangenheit, unserer Schuld – und Solidarität und Schulterschluss sind daher Teil unserer Verantwortung. Die Kirche hat sich als das neue Israel verstanden und das klang lange so, als hätte der neue Bund den alten überflüssig und hinfällig gemacht. Dem ist nicht so!

Der neue Bund ist der erneuerte oder erweiterte Bund. Das Alte ist neu gemacht, nicht einfach ersetzt worden. Manchmal mag es leichter sein, etwas Altes einzureißen, um darauf etwas Neues und vermeintlich moderneres zu bauen. Aber wie könnten wir uns dann sicher sein, dass Gott uns nicht irgendwann auch zum alten Eisen zählt und aussortiert ? Hüten wir uns also sehr vor geistlichem Übermut und üben uns in geistlicher Demut als adoptierte Geschwister Israels, dem Gott liebevoll und treu verbunden bleibt.

Geschwister müsse nicht immer einer Meinung sein und sie müssen auch nicht immer die gleiche Wahrnehmung und Erinnerung haben, aber sie bleiben Geschwister, gemeinsam Kinder ihrer Eltern.

Wir müssen uns in der hohen Kunst der Differenzierung üben.

Gottes Treue Israel gegenüber verbietet nicht politischen Streit um den richtigen Weg zur Sicherung des Existenzrechtes Israels. An diesem Existenzrecht aber kann es keinen Zweifel geben und Antisemitismus ist Gotteslästerung, weil sein Volk geschmäht und beleidigt wird.

Aber „Glaube“, das Erbe, in das ich hineingeboren werde, die Zugehörigkeit zum Volke Gottes, ist mittlerweile nicht mehr eine nationale Kategorie. Deswegen kann das Kreuz übrigens auch kein kulturelles Symbol einer einzelnen Nation sein. Ich bin Teil unseres Volkes – übrigens kein Verdienst, sondern Geschenk und Verpflichtung- und kann selbstverständlich Christ, Jude, Muslim, Agnostiker oder Atheist sein, kann europäische, asiatische, afrikanische, aber auch orientalische Wurzeln haben und doch Teil dieses Volkes sein. Das sind alles keine Ausschlusskriterien. Nach meiner Überzeugung kann der Glauben an einen Gott, bei allen Unterschieden, doch eigentlich Menschen nur verbinden und nicht trennen, weil der eine Gott der Ursprung der einen, aber bunten Menschheit ist, und aller Glaube zumindest der Versuch ist, diesen Gott zu begreifen. Wir sollten uns darauf konzentrieren, nach dem zu suchen, was von Gott unter uns aufleuchtet. Natürlich kann ich das nur tun, in dem ich von Jesus Christus erzähle und wie Gott sich in ihm mir zeigt und ich begegne so dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, weil der Glaube und das Erbe Israels der Glaube und das Erbe Jesu sind. Aber wir werden es weiter unterschiedlich lesen und deuten, können aber lernen, einander in Ruhe zuzuhören. „Sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß,“ die Brüder und Geschwister – sagt der Prophet weiter.

Wir sollten nicht zu schnell Dinge für unvereinbar halten, ehe wir sie nicht wirklich begriffen, also einmal angeschaut und angefasst haben.

Es ist heute unbestritten, dass Christen und Juden an einen Gott glauben und auch wenn Israel Jesus nicht als Christus sieht, so doch mittlerweile als Kind und Sohn Israels. Ich weiß von Muslimen und von ihren Traditionen viel zu wenig, um mit absoluter Gewissheit das dauernd Trennende feststellen zu können. Kann ich nicht zumindest bei vielen das ernsthafte Bemühen um Gottesfurcht und Gottesglauben ernst nehmen? Die radikalen Kräfte dürfen weder bei Christen, noch bei Juden und erst recht nicht bei Muslimen die alleinige Deutungshoheit erhalten. Religionen können zum Frieden beitragen, sie können aber auch Anlass schlimmster gewalttätiger Auseinandersetzungen werden. Religion kann schnell zum Instrument von Herrschaftspolitik und von Machtkämpfen werden und missbraucht werden. In ihnen soll es eigentlich mit Jeremia gesprochen darum gehen, Gott zu erkennen und nicht den Anderen zu belehren, nach dem Sinn des Gesetzes und damit nach dem Fundament des Zusammenlebens im Herzen zu fragen und nicht anderen die ein-zige Lebensweise vorzuschreiben. Der Glaube führt mich zu meinen eigenen Grenzen und Schwächen, meinen eigenen Fehlern und meiner eigenen Verantwortung und ist kein Instrument der Verurteilung und Ausgrenzung anderer. Nur wenn Gott allen barmherzig ist, gibt es Hoffnung auf Frieden, der bei mir beginnt.

Jeremia beschreibt einen Traum von Zukunft, verwurzelt in den Herzen, die Gott erfüllt und bestimmt. Sein Gesetz ist kein Diktat und keine gewaltsame Fremdherrschaft über unser Denken und Handeln, sondern eine Bewegung und eine Idee aufeinander zu, eine Geisteskraft, eine Herrschaft der Ideale, leidenschaftliches Feuer einer Vision, die Menschen zur Klarheit in ihrem Denken und Handeln führt.

Ich muss in diesen Tagen, kurz vor Pfingsten, dem Fest des Heiligen Geistes, des Geistes der Klarheit und der Wahrheit, an Hans Küng denken. Der großen katholische Theologe, der vor kurzem seinen 90. Geburtstag gefeiert hat war nicht nur in der römisch-katholischen Kirche auch wegen seines Projektes Weltehos umstritten. Er  hat 2001 vor der UNO gesagt: „Kein Friede unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen. Kein Friede unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen. Kein Dialog zwischen den Religionen ohne globale ethische Standards. Kein Überleben unseres Globus in Frieden und Gerechtigkeit ohne ein neues Paradigma internationaler Beziehungen auf der Grundlage globaler ethischer Standards.“ 

Ich glaube, dass er damit ganz nah bei Jeremia und damit bei der Hoffnung ist, dass Gott sein Gesetz in das Herz nicht nur seines Volkes, sondern seiner Menschheit schreibt. Das ist Weltethos. Und ich bin mir sicher, dass viele Gedanken Jesu solch Weltethos sind. Das ist unser Gesprächsbeitrag in diesem Dialog.

Wir müssen ihn nicht fürchten, dürfen selbstbewusst und mit Geisteskraft einbringen, was unser Glaube uns lehrt. Das Vater unser kann ich als Vision von Gottes neuer Welt beten und die Bergpredigt als Grundordnung seiner Herrschaft lesen. Das Kreuz ist ein Zeichen der Versöhnung, ein Brückenschlag zwischen drinnen und draußen, zwischen oben und unten, zwischen vermeintlich Gerechten und Schuldigen, es ist ein Symbol der Selbstbescheidung, weil es mir meine Erlösungs- und Versöhnungsbedürftigkeit vor Augen hält, statt über andere zu urteilen. Ich sorge mich in diesen Tagen in besonderer Weise um den Frieden. Die Welt braucht das Gespräch, sie braucht Gottes Weisung und Orientierung an ihr, in den Herzen der Mächtigen und Ohnmächtigen, sie braucht das Gebet aller und die unbedingte Hoffnung, dass Gott seinem Bund und seiner Welt treu bleibt!  Amen

Amen

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