In der Stille eine ruhige Geduld (Kolosser 4, 2-4)

Die Kinder hatten sich leise aus dem Zimmer geschlichen und wollten sich auf den Dachboden des Hauses zurückziehen. Vor einigen Wochen hatte der Vater ihnen unter Tränen erzählt, dass er schwer erkrankt sei und vielleicht bald sterben müsse. Aber er hatte ihnen auch versprochen, zu kämpfen, sich nicht einfach davon zu stehlen. Und  sie, die Tochter, wollte mit ihm kämpfen, ringen und ….: beten.

Denn sie wusste: Gott ist da. Sie glaubte es, viel mehr noch: sie wusste es, und zwar seit Kindertagen, als sie am Meer, am Strand ganz allein, ganz für sich und eigentlich dafür noch viel zu klein, eine mit Worten nicht zu fassende Klarheit und Gewissheit von Gott gewonnen hatte, die sie Zeit ihres Lebens nicht mehr los ließ. So schlichen die Kinder auf den Dachboden, hofften, dass keiner es bemerkt und, viel wichtiger noch, dass keiner fragt, wo sie hin wollten und was sie auf dem Dachboden zu tun hätten. „Beten“ wäre doch eine sehr merkwürdige Antwort gewesen, aber genau das hatten sie vor und genau das taten sie auch. Aber erzählen wollten sie davon nicht. Ich kenne auch diese peinliche Stille und dieses merkwürdige Verunsicherung, wenn einer in den Raum fragt, ob man jetzt nicht eigentlich beten sollte, beten müsste. Nicht, dass wir das nicht könnten oder nicht wüssten, wie. Aber das Gebet ist doch etwas sehr persönliches, sehr intimes, jedenfalls das freie und situative Gebet. Wie gut ist es, wenn dann einer das Vater-unser anstimmen kann. Glücklicherweise ist mit diesen Worten, die man nicht überlegen, die man nicht verantworten, die man nicht erklären muss, schon alles gesagt. Mit diesem Gebet können sogar die beten, die behaupten, nie zu beten…Und was noch viel wichtiger ist: mit diesem Gebet bleibt man nicht die ganze Zeit bei sich, sondern tritt ein in einen Chor der Beter, der Raum und Zeit umfasst, und wird mit seinen Gedanken weg von sich hin auf Gottes Reich und die gelenkt, denen wir etwas schulden oder, die uns etwas schuldig geblieben sind. Die ganze Zeit bei sich zu sein, nur um seine Wünsche und Gedanken zu kreisen, ist ja nicht weiter schwer und scheint mir manchmal eine epidemische Erkrankung einer ganzen Generation und Epoche zu sein.

Die Kinder waren aus einem gesunden Egoismus heraus auf dem Weg zum Dachboden. Sie wollte für ihren Vater beten. Sie wollten ihn nicht verlieren, sie brauchten ihn, weil sie seine Kinder waren. Sie spürten seine Liebe, die noch nicht loslassen wollte und loslassen konnte. Ihr vermeintlicher Egoismus, ihre verständliche Ichbezogenheit war zugleich ihre Liebesbedürftigkeit und ihr Versuch, Liebe zu schenken. Einen schöneren Grund zu beten, kann es fast nicht geben, finde ich!

Esther, so heißt das Mädchen, erinnert sich später sehr genau an dieses erste Mal und beschreibt diesen Augenblick auf dem Dachboden zusammen mit ihren Geschwistern in einer Tiefe, die ich kaum fassen kann: „Schweigen. Darin lag unser eigenes Warten, darauf, dass eines der Geschwister anfingen, was zu sagen. Aber diese Augenblicke gingen vorbei. Es war zu ernst, einfach draufloszureden. Einer unserer Mägen machte Geräusche.  Ich dachte über Sätze nach, die ich sagen wollte. Meinen Geschwistern ging es ganz genauso. Aber wir hielten das Schweigen aus. Angespannt. Warten. Keiner sprach.

Wir hatten noch nie so zusammengesessen. Aber überwanden die Sekunden und Minuten, in denen man sonst vielleicht etwas seufzend das eine Bein über das andere legen oder sonst wie die Sitzhaltung ändern, sich räuspern würde, wie es Menschen in der Kirche und in Konzerten immer tun. Wir schwiegen. Minutenlang. Da wurde das Schweigen auf einmal still. Und aus der Stille kam ein Ziehen. Das war nicht das Warten meiner Geschwister darauf, dass ich nun weitersprechen sollte. Sie warteten nicht. Ich wartete auch nicht mehr auf sie, sondern aus der Stille wuchs eine Ruhe, eine ruhige Geduld. Es war nicht mehr unser Warten, Es war seins.

Und den Frieden, der in dieser Geduld lag, empfanden wir selbst nicht. Der Frieden war nicht unserer, aber wir wussten, dass er die Wahrheit ist. Und Wahrheit stellt immer nur eine Frage. Und die einzige Antwort darauf ist >Ja< , die gibt sie sich selbst und wir nickten ihr dann nur noch unsere Worte zu.“ (Esther Magnis, Gott braucht dich nicht S. 49f) Was kann man über das Beten erzählen, wenn man es doch nur erleben kann, wie Stille einen umhüllt und mit einem mal in die Gegenwart Gottes und in eine Gewissheit führt, die man nicht erklären kann?

Der Vater übrigens lebte noch zwei Jahre, die Trauer der dann pubertierenden Kinder war im Augenblick seines Todes und angesichts ihrer innigen Gebete und der Gewissheit, bei Gott Gehör gefunden zu haben, unfassbar groß. Aber ich glaube, Esther hätte nicht gesagt, dass Gott ihr Gebet nicht erhört hätte. 

Es geht nicht um Bitte und Erhörung, sondern um den Augenblick und das Leben in der Gegenwart, im Angesicht Gottes, es geht um diese Gewissheit, dass Gott ist, für mich da ist, wenn auch nicht so, wie ich es mir erträume, erhoffe oder wünsche, und dass ich in seiner Gegenwart ganz lebendig und ganz bei mir und meiner Bestimmung angekommen bin. Ich werde im Gebet zu dem, was ich bin und doch zugleich immer noch erst sein und werden soll. 

Das ICH braucht das DU, das DU macht mich erst zum ICH.

„Unruhig ist das Herz, bis es ruht in dir“ hat in seinen Lebensbekenntnissen Augustin gebetet – übrigens  ein großartiges Stück Glaubensliteratur aus der altkirchlichen Antike,  ein einziges Gebet.

Und ich glaube, der Kolosserbrief sagt über das Gebet auch nicht wesentlich anderes, als das es mehr eine Haltung denn ein Tun ist, das ich im Gebet ganz zu mir komme, gerade, weil ich nicht die ganze Zeit bei mir bleibe und dass dieses Leben in der Gegenwart Gottes geschieht und aus der Gewissheit seiner Gegenwart lebt.

Ich darf Gott sagen, was ich mir wünsche, ich darf vor ihm meine ganze Freude und meine ganze Traurigkeit, meine ganzen Hoffnungen und meine ganzen Ängste, meine ganze Sehnsucht, aber auch meine engen Grenzen und Gedanken ausbreiten. Ich darf mein Herz und meine Seele vor ihm weit machen und habe nichts zu befürchten.

Gott ist da und seine Antwort lautet „Ja“, selbst, wenn meine Wünsche nicht in Erfüllung gehen oder meine Ängste wahr werden.

Ich darf im Gebet, mein Leben mit seinen Augen ansehen und mich wundern, staunen über das, was sich von ihm in mir spiegelt. Ich bin in meinem Leben sein Ebenbild, werde ihm zu DU und mir zum ICH. Paulus sagt darum: wacht in Danksagung.

Und ich entdecke meinen Platz in dieser Welt und in Gottes Reich. Denn ich bleibe im Gebet ja nicht bei mir. Esther und ihre Geschwister sind ganz beim Vater und wir sind ganz bei denen, die wir Gott aufs Herz legen:

  • die Geliebten, die Bekannten, die Verwandten, die Freunde, 
  • die, die mir das Leben schwer machen, ebenso wie die, die es mir erleichtern, 
  • die meines Gebetes bedürfen in nah und fern, egal ob ich sie mit Gesicht oder Namen kenne oder nicht
  • die Welt, die mich erfreut oder mir Sorge macht, weil sie in ihrer Schönheit erstrahlt oder in ihrem Frieden bedroht ist, und durch mein  Gebet und Gottes Geduld getragen wird
  • die Kirche und meine Gemeinde, die mir ein zu Hause, eine Familie ist oder meinem Glauben durch Menschen auch einmal im Wege steht

Der Glaube ist Gebet, das Gebet ist Leben und ist Weltverantwortung  und Leben oder Welt brauchen Gottes Gegenwart, sein Angesicht, seine ruhige Geduld. Darum sind wir beharrlich im Gebet, wachen in Danksagung und beten, dass Gott Menschen in Leben und Arbeit, im Alltag und in der Weltverantwortung, eine Tür auftut und sein Trostwort, sein Klar-wort und sein Wahr-wort in das Leben hinein spricht.         Amen

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