Der Gefangenenchor von Philippi

(Pfarrer zeigt auf die Empore) „Was sind für Geräusche da oben? Ach so, der römische Posten ist von der 2. Nachtwache zurück. Kurz vor Mitternacht. Zeit für den Rundgang. Zu dumm, dass der Azubi auf Lehrgang ist. Jetzt muss der Chef selber durch die Flure. Das hab ich ewig nicht gemacht. Wat mutt dat mutt. Also her mit den Schlüsseln. (nimmt das Bund) Und das Schwert einstecken. Man weiß ja nie.

So ein Kontrollgang ist eigentlich unter meiner Würde als Gefängnisdirektor. Aber es ist ja dunkel und sicher schlafen sie alle. So, jetzt noch die Stufen hinunter zum innerersten Verließ. Richtig gefährlich der Abstieg hier. Die Stufen sind ganz ausgetreten und feucht. Bloß nicht ausrutschen. Zum Glück brennen hier an der Wand einige Kerzen! (steht vorm Altar)

Nanu! ich höre Musik. Laut und fröhlich! Das Stadtfest von Philippi ist doch erst nächste Woche! Und da wird nachts nicht gesungen, sondern gegrölt.

Wo kommen die Klänge her? Von da unten! (Pfr. geht von der Kanzel herunter zur ersten Reihe) Krass! Aus dem Hochsicherheitstrakt. Da sitzen doch die beiden Neuzugänge! Denen hab ich doch zur Begrüßung eine Tracht Prügel verabreichen lassen. Und sie im Holzblick fixiert. Die müssten stöhnen und jammern.

Ich geh mal hin und leg mein Ohr an die Tür. Wovon singen die? Vielleicht kann ich den Text heraushören. (lauscht)

Mmhh, also was ich heraushören kann  ist…“Gloria.“ „Halleluja“. „Kyrie“, also mein Herr. Welcher Herr? Von einem „Jesus Christus singen sie“. Wer kann das sein? Das muss ich heraus finden!“

Liebe Gemeinde! Die wenigstens von uns haben je ein Gefängnis von innen gesehen. Aber etliche, die zur Kur oder Reha nach Bad Steben gekommen sind, wegen Beschwerden an Schulter, Rücken, Knie, die können nachfühlen, wie das ist. Wenn man eingeschränkt ist in den Bewegungen, geradezu gefesselt wie hier die Apostel. Draußen die anderen bewegen sich frei, können wohin sie wollen. Und selber tut einem jeder Schritt weh, macht jede Steigung Mühe.

Wird es besser werden? Hoffentlich schlägt der Mix an aus Ergo, Fango, Radon, Walking? Wenn nicht, hilft wohl nur noch beten!

Paulus und Silas denken anders. Sie falten nicht erst die Hände, wenn alles andere nichts mehr hilft. Sie beten in jeder Lebenslage. Sie singen in jeder Lebenslage.

Vorgestern war ich auf einer Trauerfeier in Bobengrün. Die Kapelle voll. Der Verstorbene war ein  im Dorf sehr beliebter Mann, der hatte ein freundliches Wort für  jeden auf der Straße. Was wird der Pfarrer sagen, um die Familie, die Gemeinde zu trösten?

Die Orgel stimmt die Melodie vom ersten Lied an: Stern auf den ich schaue. Aber dann hören wir die Orgel kaum noch. Weil die Gemeinde so laut und ergriffen singt. Was für ein Trost! Was für ein Zeugnis! Ich dachte, die Predigt gleich ist nur noch Zugabe. In den Texten der Lieder ist schon alles gesagt, bekannt, gebetet.

Wir machen jetzt ein wenig Musikunterricht. Keine Angst, es wird nicht schwer, es muss auch keiner vorsingen. Wir gehen einfach die Buchstaben des Wortes Cantate durch.

Zuerst das C. C wie Christus. Lasset das Wort Christi reichlich unter euch wohnen. Die ersten Gemeinden hatten noch keine Bibeln. Die ersten Christen sagten einander Jesusworte weiter. Sangen sie einander zu.

Jeder kennt Spitzensätze von Promis, die haften geblieben sind. Helmut Kohl sprach von blühenden Landschaften. Margot Käßmann von nichts gutem in Afghanistan. Giovanni Trappatoni von der leeren Flasche. Noch leichter merkt man sich Worte, die gesungen werden. Wenn einer „Yesterday“ anstimmt, oder „We are the champions my friend“, können ganz viele die Fortsetzung singen. Worte Jesu kann man sich auf die gleiche Weise einprägen. Durch Singen.

Manche Alten verdrehen jetzt  sehnsüchtig die Augen und sagen: Genau. Heutzutage müssen die Kinder viel zu wenig auswendig lernen. Wir mussten die Verse von Paul Gerhardt lernen und ich kann sie jetzt noch, Befiehl du deine Wege Str. 1-13.

Andere verdrehen auch die Augen, aber nicht vor Andacht, sondern vor Grausen. Sie sind froh, dass die Konfirmation des Enkels nicht gefährdet ist, nur weil er ein feste Burg nicht aufsagen kann. Trotzdem ist Singen ein wunderbares Lernmittel. Und natürlich ist frei vorgetragener Gesang wirkungsvoller als wenn man gar nicht sieht, singt da hinter dem hoch gehaltenen Notenblatt ein Mann oder eine Frau?

In Bremen bekam unsere Sekretärin bekam zum Geburtstag eine CD mit Kinderliedern geschenkt. Nach wenigen Wochen trällerte ihre Enkelin die Melodien. Eines der Lieder hieß: Ich bin sicher, sicher sicher sicher sicher. Bei meinem Gott. Die kleine rief dauernd. Ich will auch sicher sein. Ich will auch Jesus haben. Darum geht es. In Liedern kommt das Wort Jesu in unsere Herzen und übt Einfluss aus.

Erster Buchstabe C, natürlich auch C wie Chor. Danke euch vom Kirchenchor, dass ihr das Gotteslob anstimmt nicht nur bei besonderen Auftritten wie heute Abend 19 Uhr beim Konzert oder zu hohen Festen. Etliche von Chor helfen Sonntag für Sonntag der Gemeinde bei der Liturgie. In diesem Fall hilft das auch dem Pfarrer, denn in Bremen kennen wir keinen Introitus. Da käme ich total in Tüdel wie geht die Melodie, wann bin ich dran, wann die Gemeinde.

Zweiter Buchstabe. A wie alle. Wer soll singen? Alle. Alles was Odem hat, lobe den Herrn, heißt es in einem Psalm. Es heißt nicht, jeder, der die Tonleiter sauber rauf und runter kommt, sondern jeder der atmen kann. Alle. Das geht immer mehr zurück. Die Leute sind daran gewöhnt, dass Musik aus der Konserve kommt, nicht aus der Kehle. Ob du  in der Therme schwimmst, oder im Supermarkt einkaufst, du wirst berieselt. Diese Gewohnheit, diese Erwartungen bringen viele Leute mit, die nur zu besonderen Anlässen in die Kirche kommen.

Die fragen bei einer Hochzeit: Ist niemand da, der Ave Maria singt? Zur Trauerfeier soll die Lieblings-CD des Verstorbenen erklingen. In Bremen kamen flugs nach meinem Amtsantritt die ersten Beerdigungen.

Der Bestatter fragt: Herr Musiolik, es soll doch wohl nicht gesungen werden? Es gab nicht mal Liederbücher, das bin ich viele Monate mit einem Waschkorb voll Gesangbücher zum Friedhof, bis die nach Erscheinen des neuen Gesangbuchs unsere alten übernommen haben.

Bei Konfirmationen ist die Kirche voll mit Konfirmanden und ihren Verwandten und Gästen. Kaum Kerngemeinde. Die Orgel spielt „Lobe den Herren“, die Gäste bleiben stumm. Die schauen nicht mal ins Gesangbuch. Darum haben wir geworben, zuerst bei der Kerngemeinde. Bleibt bloß nicht zu Hause in der Meinung, ich will niemand den Platz wegnehmen. Wie brauchen euch alle. Ihr seid nötig, damit das Fest gelingt. Dann haben wir die Konfirmandenfamilien eingekreist.

Hinten die Kantorei, vorne der Posaunenchor, dazwischen die Gemeinde, weil es gab keine reservierten Bänke außer die ersten drei für die Konfis. Da wurden die alle mitgezogen.

Also hier ist die Christengemeinde gegenüber der Welt im Vorteil. Die Christen singen, die Welt lässt singen. In einem anderen Punkt ist es genau umgekehrt. Darauf weist der dritte Buchstabe: N wie Neu. Singet dem Herrn ein Neues Lied. Die Welt ist daran gewohnt, dass immer etwas Neues kommt. Gerade auf musikalischem Gebiet. Die Hitparaden ändern sich ständig, dauernd kommen neue Künstler mit neuen Songs. Das ist für euch junge Leute aber kein Problem. Ihr kennt die Künstler, ihr kennt die Lieder. Wir Älteren dagegen schätzen die Tradition. Das macht bequem und misstrauisch gegenüber neuem. Dann wird das Gewohnte abgesungen, immer die alte Leier.

Da brauchen wir die Hilfe von euch Jungen. Ihr müsst uns anstecken. Wenn ihr neue Lieder mitbringt von Freizeiten, von Jugendgottesdiensten. Wir wollen die auch lernen, auch singen. Oder wenn einzelne aus dem Chören mitmachen bei Kirchentagen, bei Pro Christ, und begeistert neue Lieder lernen. Bringt sie uns mit, wir wollen sie auch singen.

Vierter Buchstabe T. T wie Trompeten. Was wären die hohen kirchlichen Feste ohne unsere Posaunenchöre. Ich erinnere mich an manche Jubelkonfirmation. Da kam vor dem Gottesdienst keine rechte geistliche Stimmung auf bei mir vor lauter Organisieren von Urkunden und richtig aufstellen zum Einzug. Bei den Jubilaren Hallihallo, Geplapper und Witzelei, wer am längsten nicht mehr in einer Kirche war.

Aber dann ziehen wir in die Kirche ein., Die Glocken verklingen, der Posaunenchor schmettert die festliche Intrade. Wie wenn ein Schalter umgelegt wird. Alle beeindruckt, ergriffen. Jetzt wissen alle, wozu wir zusammen gekommen sind.

Der fünfte Buchstabe nochmal  A wie Anleitung. Wenn wir zu mehreren singen, muss jemand da sein, der anleitet. Posaunenchor oder Orgel müssen das Vorspiel so gestalten, dass wir merken, jetzt sind wir dran. Ist kein Instrument da, muss jemand Anstimmen. Wir sollten im Gebet hinter den Kantoren, hinter den Leitern der Chöre stehen. Die sich viel Mühe geben, die improvisieren müssen, wenn tragende Stimmen auf einmal fehlen, und die können das angekündigte Konzert ja nicht absagen oder den vorgesehenen Beitrag im Festgottesdienst. Dünnt der Chor aus, sind diese Leiter oft in der Zwickmühle. Sie wagen sich an neues Liedgut nicht heran, greifen lieber zu den bekannten Stücken, und mangels Herausforderung verlieren die besseren Chormitglieder die Lust. Da sollten Chorleiter merken, die Gemeinde steht hinter mir. Da kommt Gebet und nicht Gemecker über das Orgelspiel, das den einen zu lang und den andern zu kurz war, dem einen zu schnell dem andern zu langsam.

A wie Anleitung nicht nur auf musikalischem Gebiet. Hier bittet der Wachtmeister die Apostel um Anleitung. Er fragt nicht, schön habt ihr gesungen, könnt ihr im Gefangenenchor den Bass verstärken. Er fragt: „Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde!“

Wenn Neue sich interessieren für unsere Chöre. Wenn sie singen möchten oder ein Instrument spielen. Das darf uns als Gemeinde nicht genügen. Hauptsache, eine Stimme mehr! Das genügt nicht. Die Leute in den Chören kommen doch mit ihren Sorgen, mit ihren Zweifeln, mit ihrer Sehnsucht nach der Hilfe Gottes. Kirche ist nicht Podium, nicht Konzertsaal, sondern ein Kraftraum.

Alle die hier Musik machen, sollen nicht nur geben, sondern empfangen, im Glauben fest werden und wachsen. Die Texte, die sie singen, sollen sie erfüllen. Was ist das für eine Freude, einen Chor zu erleben mit begeisterten Sängern, und die fröhlichsten und mitreißendsten sind immer die, die gut geübt haben und ihre Lieder frei und ansteckend zusingen.

Vorletzter Buchstabe T wie Treue. Die wenigsten Lieder hört man einmal und kann sie gleich. Kein einziges Instrument nimmt man einmal in die Hand und beherrscht es gleich. Vielleicht verstaubt bei euch Jugendlichen eine Flöte oder ein Keyboard im Regal. Weihnachten geschenkt gekriegt, mit einem Heft dazu, Instant Kurs für Anfänger, Erfolg garantiert. Und dann hast du gemerkt: Äh, ich muss ja üben! Bei der Vorführung des ersten mit Mühe erlernten Stücks verziehen Mama und Opa das Gesicht. Die Flöte fliegt in die Ecke.

Wie wichtig ist Ausdauer, und wie wichtig ist Ermutigung dazu. Unsere Chöre leben von den Treuen. Manche sind schon viele Jahre dabei. Wie wertvoll ein Leiter, der die Treuen belohnt. Durch ein Dankeswort. Durch pünktlichen Beginn, das ist wohltuende Anerkennung, für alle, die rechtzeitig gekommen sind. Ein Leiter, dem auffällt, wer fehlt und der sich hinterher erkundigt, woran es gelegen hat.

Letzter Buchstabe: E wie Ewigkeit. Es war wieder Mal eine sehr anstrengende Arbeitswoche. Bevorstehende Konfirmation, Technik-Ärger mit der Beamerübertragung und vier Beerdigungen. Für eine der Trauerfeiern wünschte sich die Familie den Schlusschor der Deutschen Messe von Johannes Brahms. Leider konnte der vorgesehene Organist nicht kommen.

Für seinen Vertreter waren die Noten zu schwer. Also besorgte ich über das Internet eine Aufnahme zum Einspielen mit einem Chor und Klavierbegleitung. Nun bin ich kein Klassikfreak. Sorry, Herr Dekanatskantor, ich kannte das Stück nicht. Nach dem Download brannte ich das Stück auf CD um es probezuhören. Es war hinreißend. Es war anrührend. Dabei enthielt es vom Wortlaut her nichts anderes als die unveränderten Bibelworte aus dem Buch Offenbarung:

„Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, der Geist spricht, dass sie ruhen von ihrer Arbeit. Denn ihre Werke folgen ihnen nach.“

Diese Worte sprechen für sich. Man braucht ihnen nichts hinzuzufügen. Musik kann ihnen den passenden Rahmen geben. Kann sie transportieren zu unseren Herzen. Kann sie aber nicht übertreffen. Sie sind in sich selbst genug.

Und Worte solcher Art zeigen, dass wir selbst in unserem Schmerz, in der Traurigkeit über den Verlust eines lieben Menschen, nicht sprachlos bleiben müssen. Gott will immer zu uns reden. Und wenn wir einmal nicht mehr sind, bleiben diese Worte.

Wann immer wir herrliche Musik gehört haben, wo man wünschte, das Stück möge gar nicht mehr aufhören, klingt an, was Gott uns schenken möchte durch Jesus:

Ewige Seligkeit.

Harmonie, die nicht aufhört und in einem Wohlklang endet.

Und das will sich ausprägen, will heraus klingen aus deinem Leben.

Dazu helfe uns Gott. Amen.

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