Das macht mich müde.

(Mit Dank an Christine Hubka und Nikolaus Schneider!)

[TEXT]

Darum werden wir nicht müde!
Ach Paulus, und ob!
Wir werden nicht nur müde, ich für meinen Teil bin es auch!
Denn da ist vieles, was mir Kraft raubt.
Und ich damit meine wirklich nicht den Frühling und die nach ihm benannte Müdigkeit.
Oder die Art Müdigkeit nach getaner Gartenarbeit,
wenn man zufrieden, mit den Händen in den Hüften,
müde aber glücklich,
sein Werk betrachtet

Ich rede von den Sorgen, die auch bei 25 Grad
und blauem Himmel noch da sind
und nicht einfach wegschmelzen,
so wie Strom und Bäche vom Eise befreit.
Der alte Winter mag sich  mit  Frühlingsanfang in rauen Berge zurückziehen,
die ermattenden Themen tun das leider nicht.

Darum werden wir nicht müde!
Hör doch auf, Paulus!
Das macht mich müde:
Die Sorge um die Eltern,
die immer älter werden und unselbstständiger.
Alleine das mitzuerleben macht einen fertig.
Auch wenn es wunderschön ist,
ein paar Tage mit ihnen zu verbringen.
Du siehst die stetig wachsende Anzahl von Altersflecken auf ihrer Haut
und wenn deiner Mutter dieses eine Wort partout nicht einfallen will, fragst du dich,
ist das jetzt das Alter oder schon eine Demenz im Anfangsstadium?

Das macht mich müde:
Die Menschen, die täglich um uns herum sind:
Nachbarinnen, Freunde, Arbeitskollegen, Familie.
Die Leute im Bus, an der Kasse bei Aldi oder die, die sich an der Theke beim Bäcker, beim Metzger, beim Obsthändler vordrängeln,
die machen einen auch müde.
Denn Menschen können ganz schön anstrengend sein mit ihren Eigen-Arten und Unarten.
Manche zumindest.

Das macht mich müde:
Dass ich andere Menschen immer wieder darauf hinweisen muss,
dass man nicht bei Rot über eine Fußgängerampel geht,
wenn auf der anderen Seite Kinder warten.
Da könnte ich richtig ausflippen.
Was ihr macht, wenn ihr alleine seid, ist mir übrigens völlig egal!

Aber dann ärgere ich mich bloß wieder über mich,
darüber dass ich nicht ruhiger geblieben bin.
Und das macht auch wieder müde.
Schlechte Gedanken machen überhaupt müde.

Das gleiche gilt für das Sorgen:
Um die Kinder … was machen die jetzt wohl?
Um den Job… wird alles fertig zur rechten Zeit?
Mit Hartz IV … reicht es diesen Monat?
Was wäre wenn, …
Das macht mich müde.

Und du Paulus, wirst nicht müde?
Schau dir doch mal die Welt an:
Wozu gibt es einen UNO-Sicherheitsrat der Vereinten Nationen,
wenn dieser Rat weder Einheit demonstriert noch für Sicherheit sorgen kann?
Zum Beispiel in Syrien.
Oder in der Ukraine.
Oder im Jemen.
Oder weiß Gott, wo sonst.

All das halte ich nur schwer aus.
Und auch das macht mich müde,
weil es mich fertig macht, mitansehen zu müssen,
wie die Welt täglich versagt.
Und Hoffnungslosigkeit macht müde.
Und Ungerechtigkeit macht müde.
Und Enttäuschung macht müde.
Und Sinnlosigkeit macht müde.
Und Wiederholungen auch.

Darum werden wir nicht müde!
Paulus hält daran fest.
Dabei ist es ja nicht so, als ob er das nicht auch gekannt hat:
Das Anrennen gegen Mauern,
persönliche Verletzungen,
das Scheitern von ehemals guten Beziehungen.
Misstrauen, Missgunst, Neid und Hass.
Und das aus ehemals ihm geneigten Gemeinden…

Und trotzdem:! Darum werden wir nicht müde!
Immer wieder.
Und ich frage ich, wo nimmt er bloß die Kraft her,
das immer wieder zu sagen.

Dabei mir fällt auf, dass Paulus genau das Gegenteil von dem tut, was unter uns gang und gäbe ist.
Unter uns ist es ja üblich geworden,
den Schein zu wahren.
Nach außen einen guten Eindruck machen.

Lächeln, alles ist easy,
lächeln, alles ist super,
lächeln, alles ist toll.

Aber wenn du genauer hinsiehst, lachen die Augen gar nicht immer mit.
Wahrscheinlich stimmt die Faustformel meiner Oma ja doch:
Je schlechter es einem Menschen geht, umso mehr versucht er, es sich nicht anmerken zu lassen.

Kranke Menschen wollen nicht besucht werden nach der Operation. Nicht, dass noch jemand sieht, wie schlecht es mir geht. Und das muss man sich auch erst mal trauen: Sich erschöpft und ungeschminkt, voller Angst, einem anderen Menschen zu zeigen. Denn in unserer Zeit, in der Opfer ein Schimpfwort ist, geht es ja um Stärke und Haltung geht. Schwachheit ist in unserer Welt ein Makel.
Also: Bloß nichts anmerken lassen, nichts erkennen lassen, schon gar nicht, wie es in meinem Inneren aussieht.

Solange die Frisur sitzt,
die Kleidung gebügelt ist,
die Schuhe geputzt sind,
und der Nacken gerade ist,
solange wird keiner was merken.
Halt den Kopf oben, dann bekommt keiner mit,
wie es um dich steht.
Wie es wirklich um dich steht.
Das macht mich müde!

Kennst du diese Situation?
Du hast den Eindruck,
dass es deinem Gegenüber nicht so gut geht.
Du fragst: Wie geht es dir?
Die Antwort kommt automatisch: Danke gut. Echt?
Du willst es jetzt genauer wissen, weil irgendwas dir sagt,
dass das nicht die ganze Wahrheit ist.
Dein Gegenüber will lieber ausweichen.
Es ist ihm oder ihr nämlich nichtgelungen,
den Zustand des inneren Menschen
mit Hilfe des äußeren zu verbergen.

Aber vielleicht ist dieses
Darum werden wir nicht müde!
nicht bloß eine schnöde Durchhalteparole,
nicht schon wieder eine inhaltleere Vertröstung,
die die Augen vor der Realität verschließt.
Vielleicht ist dieses
Darum werden wir nicht müde!
Ein Appell so lange weiterzumachen,
bis diese Welt der Ort ist,
der er sein könnte?

In einer Welt, die uns täglich Versagen, Vergänglichkeit und Vergeblichkeit präsentiert, ist das doch eine gute Parole: Hör nicht auf, daran zu glauben, dass es beser werden kann. Gott hat zugesagt an deiner Seite zu bleiben. Egal, wie du aussiehst, weil er sagt, dass du einen eigenen Wert bei ihm hast.
Allso gilt: Du musst gar nicht so viel und sooft darüber nachdenken, wie du dich, dein Wirken und dein Handeln am besten „verkaufen“ kannst. Spar dir diese Zeit und verbring sie lieber mit deinen Kindern oder deinen Freunden oder anderen lieben Menschen.

Du kannst auch jeden Tag ein bisschen besser machen und schon mal damit anfangen, dass du beim Bäcker dem älteren Herrn die Tür aufhältst, wenn der vor lauter Brötchentüten keine Hand frei hat. Nutz einfach die Zeit um Dinge zu tun, die die Herzen und Verstand bewegen.

Du kannst beharrlich nach Frieden und Gerechtigkeit suchen – auch wenn unsere Vorstellungen davon in so vielen Kompromissen verwässert werden. Geh doch einfach auf den Fremden zu, gib ihr die Hand und warte ab, was passiert.

Es liegt eben auch an dir, das Gottes unsichtbare Welt inmitten unserer verzwickten und weithin sichtbaren vergänglichen Menschenwelt entdeckt werden kann.
Damit Zuversicht das Leben bestimmt, braucht es Menschen, wie dich,
die Hoffnung ausstrahlen.
Und das wird uns und unsere Welt verändern.
Darum werden wir nicht müde!
AMEN!

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