Warte nicht, bis die Seele weint und der Körper schmerzt (2.Korinther 4, 16-18)

Gähnen steckt an!

Gähnen lässt sich so schwer unterdrücken.

Die Mundwinkel verziehen sich, das Gesicht wird zu einer Grimasse, nur damit die anderen nicht sehen, wie ich von Herzen gähnen möchte…

Habe ich Angst, dass man von mir denkt: wieder nichts in Bett gekommen, zu wenig geschlafen, die Nacht durchgemacht ?

Oder ist es die Frühjahrsmüdigkeit, die man mit viel Obst und viel frischer Luft am besten kuriert?

Wer hätte gedacht, dass man sich intensiv wissenschaftlich mit dem Gähnen beschäftigen kann:

die ansteckende Wirkung hat etwas mit emotionaler Nähe zum Gähnenden zu tun. Von Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten lässt man sich also viel leichter anstecken als von Fremden, selbst das Gähnen der Haustiere kann anstecken und umgekehrt.

Man gähnt in Stresssituationen wie Prüfungen; auch Langeweile oder Hunger können Gähnen auslösen. 

Gähnen erhöht die Sauerstoffaufnahme, weil es mit einem tiefen Atemzug beginnt.

Nicht immer muss ich müde sein, wenn ich gähne. Aber wenn ich müde bin und nicht schlafen kann, dann nützt mir auch das Gähnen nichts mehr.

Mit einem Gähnen kann ich auch zu Verstehen geben, dass mich etwas überhaupt nicht interessiert, es belanglos ist und mir nicht mehr als ein Gähnen, jedenfalls keine gesteigerte Aufmerksamkeit entlocken kann.

Müdigkeit wiederum zeigt ja an, dass wir erschöpft sind, Zeit für die Erholung und Regeneration brauchen, neue Kräfte schöpfen müssen.

Das Bett, die Schlafstatt, ist einer der wichtigsten Lebensorte, an dem wir unglaublich viel Lebenszeit verbringen. Für manche ist es Ausdruck höchsten Wohlbefindens, einen ganzen Tag im Bett verbringen zu dürfen, ohne aufstehen zu müssen. Hab ich mein Schlafdefizit ausgeglichen, bin ich ein neugeborener Mensch!

Schlimm wird es , wenn ich nicht mehr aufstehen kann, wenn ich bettlägerig werde und mein Lebenskreis sich fast unerträglich einengt, aber genauso dramatisch empfinden es viele, wenn der innere Antrieb, die Motivation, die emotionale Kraft fehlt, aufzustehen, sich den Aufgaben des Tages, den angenehmen und den unangenehmen, zu stellen. Erschöpfung ist eben nicht gleich Erschöpfung.

Bei 25 % der Berufstätigen kann man „Burnout“ Symptome diagnostizieren: das Selbstvertrauen lässt nach, die  Einstellung zum Leben und Beruf trübt sch ein, die eigenen Gefühle geraten völlig durcheinander, die gewohnte Leistung lässt sich auch bei bestem Willen nicht mehr erbringen, Selbstzweifel wachsen und schon ist man gefangen in einer Abwärtsspirale, auf die Menschen auch körperlich reagieren mit Kopfschmerz, Schwindel, Rücken- oder Herzbeschwerden,  Tinitus und anderen Symptomen… Wer sich Ruhe ersehnt und nicht zur Ruhe kommt, ist irgendwann am Ende.

Da helfen keine Tabletten, keine Operationen, da gibt es keinen Schalter, den ich einfach nur umlegen muss, um wieder richtig zu funktionieren.

Solche Krisen, Lebenskrisen werden im günstigsten Fall zum Ausgangspunkt eines Neuanfanges. Aber dazu muss ich mich ihnen stellen, sie bearbeiten und innerlich auf die Frage antworten, die Jesus so vielen Kranken, die zu ihm kommen, fast aufdringlich, aber not-wendig stellt: willst du gesund werden?

Psychische Stresssituationen und Erkrankungen können auch geistliche Defizite ans Licht bringen, fehlende Antworten auf die Lebensfragen: was trägt mich und schenkt mir Halt, was schenkt mir das Selbstvertrauen, dass ich brauche, um mit mir im Reinen sein, was ist mein Trost in schwierigen Lebenslagen und meine Perspektive über die Lebensjahre hinaus, wie gehe ich mit Erfolg und Misserfolg, Schuld und Versagen, Glücksmomenten und Niederlagen um? Was bin ich mir und anderen wert? Worüber definiere ich meinen Wert und mein Selbstwertgefühl.

Der Glaube sagt: ich habe Ansehen und bin wertvoll, weil Gott mich ansieht und mich würdigt, sein Geschöpf, sein Kind, ihm vertraut zu sein. Für mich war und ist das die grundlegende Erfahrung meines Lebens, die Schlüsselerfahrung, vielleicht mein Bekehrungserlebnis, dass ich dieses Ansehen und diese Würde, die mir kein Menschen geben und auch kein Mensch rauben kann, bei Gott schon längst habe und behalte, egal, was mir widerfährt oder was ich an Schuld auf mich lade! Egal, was ich in meinem Leben vorzuweisen habe, egal, woher ich komme, von wem ich abstamme oder in welchem sozialen Umfeld ich aufwachse.

Diese geistliche Glaubenserfahrung hat mich als Person geprägt und beeinflusst zugleich mein ganzes geistliches, soziales und auch politisches Denken. Kann ich doch alles an der Frage messen, wie jeder und jede Einzelne in seiner oder ihrer Würde wahr- und ernst genommen wird und zu ihrem oder seinem Recht kommt – unabhängig von den äußeren Umständen, von Herkunft, Geschlecht oder Religion.

Sätze wie: „die Würde des Menschen ist unantastbar“ oder : „vor dem Gesetz sind alle gleich“ sind auch Glaubenssätze, die deshalb zu universellen Rechtssätzen werden müssen. Die Allgemeingültigkeit und Allgemeinverbindlichkeit entscheidet sich daran, ob und wie jeder und jede für sich erfahren kann, dass auch und gerade er/sie gemeint ist.

Aber die Würdigung und Wertschätzung beginnt natürlich bei mir und der Achtsamkeit für die eigene Person und das eigene Wohlbefinden.

Der Apostel scheint einen Ort und eine Quelle gefunden zu haben gegen Erschöpfung, Resignation, Enttäuschung und Verzweiflung.

Er scheint aus einer Hoffnung zu leben, die es erlaubt auch fröhlich alt zu werden und sich gelassen der Erfahrung von Leid und Tod zu stellen: wenn der innere Mensch erneuert wird, wenn die Seele jung und frei bleibt, wenn Gott meinen Horizont weitet und über den Rand des eigenen Lebens und der begrenzten Zeit hinausblicken lässt, wenn Ostern nicht nur Frühlingsanfang und Neuerwachen der Natur, sondern auch Aufstand für das Leben und Entzauberung des Todes, Gottes Bekenntnis zum Leben und seine Einladung zur unglaublichen Grenzüberschreitung aus der Zeit in die Ewigkeit ist – dann werde ich nicht müde!

Gehört mir die Ewigkeit, dann muss ich von der Gegenwart nicht alles einfordern, ihr nicht alles abtrotzen, in ihr nicht alles verwirklichen, was möglich ist. Gehört mir die Ewigkeit, darf die Gegenwart und ich  als Person in ihr unvollkommen und unfertig sein und bleiben,  darf ich mir Dinge aufbewahren und von Gott in seiner Zeit und Ewigkeit erhoffen, kann ich mich mit dem Vorläufigen anfreunden, weil es mich neugierig auf das Endgültige macht.

Erreiche ich nicht alle ehrgeizigen Ziele, die ich mir gesetzt habe, stellt das meinen Wert und meine Würde in keiner Weise in Frage. Ich bleibe buchstäblich liebens-wert und liebens-würdig.

Erreiche ich nicht den ewigen Frieden, setze ich mich doch für den vorläufigen und unvollkommenen Frieden ein.

Bleiben Ursachen der Ungerechtigkeit bestehen, versuche ich doch da wo es möglich ist, jedem zu seinem Recht zu verhelfen.

Kann ich den Hunger der Welt nicht stillen, gebe ich doch dem zu essen, der mir begegnet.

Bleibt vieles unausgesprochen und unversöhnlich, will ich in meinen Konflikten die Hand ausstrecken und nicht nachtragen und mein Herz verdunkeln lassen.

Werde ich müde dabei, bitte ich Gott um Erfrischung, Ermutigung, Erneuerung, um seine tröstliche und zärtliche Nähe und seinen lebendigmachenden Geist, der mich wachrüttelt, emahnt und ermuntert!

Werde ich alt, bitte ich um Gelassenheit in allen Veränderungen und um Neugierde auf dieses sich ändernde  Leben in seiner , in  Gottes Gegenwart.

Ich wünsche mir eine Quelle, an der ich Rast machen kann, um auszuruhen.

Ich wünsche mir Nahrung und Stärkung für Leib und Seele, Brot und Wein, Wasser zum Erfrischen und Reinigen der Seele.

Ich wünsche mir Wegbegleiter auf dem manchmal mühsamen Weg des Lebens, die mir auch sagen: nimm und iss, nimm und trink oder halte  inne, wenn ich es mir nicht erlaube, oder: mit mir schweigen, wenn die Seele gerade weint.

Und vor allem wünsche ich mir Gottes schützende Hand, seinen Segen, damit ich es nicht nur beim Apostel Paulus, sondern für mein Leben täglich erfahre: „wir werden nicht müde, sondern wenn auch unserer äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert.“ (2.Korinther 4, 16) Amen 

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