Das Unsichtbare sehen

Kanzelgruß

Predigttext verlesen:
16 Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert.
17 Denn unsre Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit,
18 uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

Liebe Gemeinde,

jeder Mensch hat seinen Spleen.
Mein Spleen ist es, hin und wieder die Sendung „Bares für Rares“ anzusehen.
Das Konzept dieser Sendung ist einfach: Menschen bringen alte oder kuriose oder vermutlich rare Gegenstände zum Verkauf in ein Studio. Sie werden nach ihrer Preisvorstellung gefragt. Dann beschreibt ein Experte das Objekt, prüft es auf Echtheit und schätzt den Wert ein. Oftmals gehen Preisvorstellung und Wertschätzung weit auseinander –in die eine oder die andere Richtung.
Dann entscheidet der Anbieter, ob er sich zu dem Schätzpreis wirklich von seinem Gegenstand trennen wird. Wenn dem so ist, tritt er in eine Runde von Trödel- und Antiquitätenhändlern, die beginnen, für seinen Gegenstand zu bieten. Manchmal werden sich Anbieter und Händler nicht einig. Manchmal wird weit unter dem Schätzwert verkauft. Manchmal aber steigern sich die Gebote in wahnwitzige Höhen, wenn mehrere Händler den Gegenstand haben möchten. Manche Anbieter sind sehr geschickt, ihren Gegenstand anzupreisen, andere warten eher ab. Manchmal sieht man, wie sie mit sich ringen.
So weit, so gut.
Für mich aber sind die Geschichten, die die Anbieter zu ihren Gegenständen erzählen, das eigentlich interessante. Manchmal handelt es sich um einen Flohmarkt- oder Dachbodenfund. Manchmal ist es ein Urlaubsandenken. Manchmal ein Geschenk oder ein Erbstück.
Dann merke ich: ja, man kann das Schmuckstück oder das Bild oder die Vase beschreiben nach Material, Herkunft, Alter. Man kann dem Gegenstand einen Geldwert zuschreiben.
Doch da ist manchmal mehr.
Mehr als das Auge sieht, die Hand ertastet, die Goldwaage wiegt. Dieser Gegenstand erinnert an einen Menschen oder an einen Ort.
Es ist kein angegrabbeltes Bilderbuch, sondern das Lesen mit dem Opa auf der Gartenbank. Es ist keine Vase mit ausgefallenem Dekor, sondern das Hochzeitsgeschenk der Patentante. Es ist kein blitzender Anhänger in Sterlingsilber gefaßt, sondern das Geschenk eines Verehrers vor einem halben Leben.
Will man sich immer noch davon trennen, obwohl es keinen erkennbaren Zweck erfüllt?
Wir sehen nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig, schreibt Paulus.

* * *

In den letzten Monaten habe ich einige Trauergespräche geführt. Ich besuche die Angehörigen, und wir bereiten die Trauerfeier gemeinsam vor. Bevor ich zu ihnen komme, bitte ich sie gewöhnlich, ein paar Lebensstationen des oder der Verstorbenen zu notieren. Immer bitte ich darum, daß ich ein Foto sehen darf. Ich möchte ein Gesicht, einen Menschen vor Augen haben.
Da betrachten wir dann die Fotos:
Der letzte Geburtstag – da sitzt die Mutter am Kaffeetisch und lächelt ein schiefes Lächeln aus dem runzligen Gesicht. Die knotigen Hände können die Tasse kaum halten.
Da steht der Vater auf der Seepromenade zwischen seinen Söhnen und Enkeln, die ihn um Haupteslänge überragen. Das schüttere Haar weht in der Brise. Alle lächeln in die Kamera.
Manchmal auch das letzte Passfoto des Onkels: Der Kragen ist schon etwas zu weit, der Blick wirkt unsicher. Ich sehe Spuren seiner Krankheit, an der er nun gestorben ist. Es war eine Erlösung für ihn und für seine Familie.
Dann vielleicht noch ein Hochzeitsfoto aus Kasachstan. Ernst blickt das junge Paar aus dem Rahmen. Wie lange ist das jetzt her? 50, 60 Jahre?

Wie anders sehen diese Menschen aus als die Gesichter, die mich überall auf Zeitschriften und Plakaten anblicken. So glatt, mit weißen Zähnen, faltenfreier Kleidung, schlanker Taille. Makellos schön. Sie versprechen Glück, Erfolg, Gesundheit, Liebe. Ich sehe keine Müdigkeit, keine Sorgen, keine Zweifel auf diesen Hochglanzfotos. Ist so das Leben? Soll so das Leben sein?

Ich blicke wieder auf die Erinnerungsfotos. Und lausche den Geschichten der Trauernden. Geschichten von Krieg und Frieden, Liebe und Streit, Streben und Erfolg und manchmal auch Versagen und Trauer. Von guten und bösen Tagen, Gesundheit und Krankheit.
Dazu manchmal ein Gegenstand, der an ein Ereignis erinnert. Ein zerlesenes Buch, ein Souvenir aus dem letzten gemeinsamen Urlaub, das Regal, das er noch im letzten Jahr gebaut hat.
Jedes Leben eine Geschichte. Jedes Leben einzigartig.
In der Kapelle erzähle ich davon, und wir erinnern uns gemeinsam an diesen Menschen. Und am Ende der Feier steht die Zusage: Gott kennt und liebt diesen Menschen mit seiner Geschichte. Gott schenkte ihm das Leben – und schenkt es ihm erneut durch Jesus Christus. Dieser Mensch – auch wenn er nicht in die Geschichte seiner Stadt oder seines Landes eingegangen ist, wenn kein Straßenname und kein Gedenkstein an ihn erinnert – dieser Mensch fällt nicht dem Vergessen anheim, sondern ist aufgehoben und bewahrt bei Gott, bewahrt mit seiner ganzen Person, seiner ganzen Geschichte.
Darauf dürfen wir hoffen und vertrauen, bei allen Fragen, bei allem Zweifel.
Wir sehen nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.
Unsere Erinnerungen – unsichtbar.
Unsere Hoffnung – unsichtbar.
Jesus Christus an der Schwelle zum ewigen Leben – unsichtbar.

So nehmen wir in der Kapelle Abschied. Und lassen uns doch sagen: Dies ist das Ende des Lebens, aber nicht das Ende. Wir dürfen mehr erwarten als dieses Leben uns geben kann, das so schön und bunt sein kann. Es kommt noch mehr. Und sogar: es kommt noch besser.
Sehen können wir das nicht. Ertasten können wir es nicht. Die Goldwaage schlägt nicht aus.
Und doch: da ist es – unsichtbar und ewig.
Gott sei Dank dafür – Jubilate!

Amen

Kanzelsegen

Predigtlied: EG 357, 1+4-5: Ich weiß, woran ich glaube
ODER: Frei Töne 71: Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt

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