Von Hirtenamt und Herrenamt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
„Früher war alles besser“ – je schlimmer es hier wird, desto häufiger hört man diesen Satz. Früher, da war das alles nicht so laut und nicht so hektisch. Die Leute hatten mehr Zeit zum Reden. Da gab´s diese ganze Bürokratie noch nicht. Das ist ja ungeheuerlich, wofür es heute alles Gesetze, Vorschriften und Formulare gibt, das geht doch auf keine Kuhhaut!
Früher, da gab es nicht so viel. Man konnte sich nicht einfach alles kaufen, sondern man brauchte einander. Früher konnte niemand alleine leben, heute ist das anders. Früher hielten die Menschen noch mehr zusammen, die Familien waren intakter, man kannte sich besser, die Kinder wuchsen behütet auf und Jugendliche waren nicht so halt- und perspektivlos, wie sie heute oft wirken.

„Früher“ – der pfiffige Junggebliebene weiß sich zu wehren. „Früher hatten wir auch noch einen Kaiser.“ Das meint: Erstmal ist das so lange her, dass das heute keinen Menschen mehr interessiert. Und zweitens weiß auch der älteste Alte, dass früher längst nicht alles besser war. Da war oftmals bittere Armut, es reichte eben manchmal kaum zum Nötigsten. Da war schwere körperliche Arbeit. Und es gab Familien, deren gemeinsames Leben eine Tortour war. Früher, das mag in der Rückschau ja recht romantisch wirken, aber zum Beispiel waren im Winter die schweren Federbetten in den ungeheizten Zimmern klamm und eisekalt, da stellte man sich unter Romantik durchaus noch etwas anderes vor.

Worauf ich hinauswill: Früher gab es noch Hirten. Das waren Männer, die mit ihrer Schafherde durch die Gegend zogen, Weideflächen suchten, die Wölfe fernhielten und für die Tiere sorgten. Dabei kannten sie keinen Acht-Stunden-Tag, keine Gewerkschaft und keine Urlaubsansprüche: Tage- und wochenlang waren sie unterwegs, ernährten sich von dem, was sie fanden und schliefen draußen bei den Tieren.
Ein einsamer Beruf war das. Mal traf man auch andere Hirten, aber die meiste Zeit war man allein, und die Schafe wuchsen einem ans Herz.
Da draußen, auf dem Felde bei den Hürden, da gab es kein Internet, keine Smartphones, keine Fernseher – da musste man mit sich selbst und seinen Gedanken zurechtkommen. Manche machten Schnitzarbeiten an den langen Abenden, viele grübelten einfach nur vor sich hin und manche suchten und fanden Gott.
Solche Hirten gibt es heute nicht mehr.

Ich lese den Predigttext für den Sonntag Misericordias Domini aus dem 1. Petrusbrief:
Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll:2 Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; 3 nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde. 4 So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen. 5 Desgleichen ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter. Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

„Weidet die Herde Gottes“ – eine Ermahnung an die Leitenden der jungen Gemeinden. Sorgt für die Gemeinden wie Hirten, sagt Petrus, achtet darauf, dass nicht die kommen, die wie Wölfe mit ihrer Bosheit und ihrer Habgier sind. Passt auf, dass sich nicht jemand nur aus niederen Beweggründen in die Gemeinde einschleicht, sei es aus Eitelkeit oder Gewinnsucht. Weidet die Herde Gottes! Sorgt dafür, dass es ihnen gut geht. Seid wie Jesus, der hat von sich selbst gesagt: Ich bin der gute Hirte. Ich kenne meine Schafe und meine Schafe kennen mich.

Es gibt keine Hirten mehr. Das haben wir vorhin schon festgestellt. Es gibt sie ja kaum noch im wörtlichen Sinne – man nennt sie heute Schafwirte, und sie sind sehr kluge Wirtschafter und gute Ökonomen. Den guten alten Hirten, wettergegerbt und einsam, gibt es nicht mehr, und es gibt ihn auch kaum mehr in seinem übertragenen Sinne.
Politiker sollten wie Hirten sein. Sie sollten für uns sorgen und für uns Entscheidungen in Dingen treffen, die wir nicht überblicken können. Ihr einziges Ziel sollte sein, dass es ihrem Volk möglichst an nichts fehlt. Aber es gibt eben keine Hirten mehr, die Politiker sind gewählt auf Zeit und ihr Denkraum scheint die Legislaturperiode zu sein. Ihr Dienstherr ist die Partei, um uns sorgen sie sich oft nicht.
Aber auch wir Pastorinnen und Pastoren sind oft viel zu beschäftigt, um unseren Gemeinden noch gute Hirten zu sein. Da ist ein riesiger Verwaltungsberg, genau wie in allen anderen Berufen, da sind Gremien und Sitzungen, Konfirmandenunterricht und neben den Gottesdiensten und Amtshandlungen oft auch interessante Angebote, die die verlorenen Schafe zurück zur Gemeinde holen sollen – da bleibt wenig Zeit für das Hirtenamt. „Weidet die Herde Gottes!“ Die Hirten früherer Zeit kamen aus sozial benachteiligten Schichten, waren schlecht bezahlt und konnten kaum lesen und schreiben. Die Pastoren heute gehören immer noch zu den angesehensten Berufsgruppen, sie sind alle Akademiker, und ganz gut verdienen tun sie auch.

Und trotzdem: Weidet die Herde Gottes! Pastoren sind Hirten. Es ist doch unsere Aufgabe, für die Gemeinden da zu sein. Wir müssen sie zusammenhalten, vor den bösen Wölfen unserer Zeit bewahren. Wir müssen dafür sorgen, dass die Seelen satt werden und dafür, dass sich keines verirrt oder gar verloren geht. Ein einsamer Job ist dieses Hirtenamt. Und oftmals weht einem der Wind scharf um die Ohren. Wir müssen die Gemeinde führen – und wenn Sie schon einmal für eine Herde von Schafen verantwortlich waren, dann wissen Sie auch, dass die längst nicht immer so wollen wie man sich das als Hirte so für sie vorgesehen hat.

Aber wie gesagt: Früher war alles besser. Da waren Pastoren noch richtige Pastoren – Politiker allerdings waren schon immer so – und Schafe waren noch Schafe, die taten, was sie sollten und nicht, was sie wollten.
Denn, mal ehrlich, liebe Gemeinde, wer von Ihnen wäre schon bereit, mir blökend hinterherzulaufen, wohin ich auch gehe? Sehen Sie, und das ist gut so. Früher war nämlich keineswegs alles besser. Früher waren Menschen abhängig, sie mussten den Entscheidungen anderer folgen, sie konnten nicht über ihr Leben bestimmen, sie durften bestimmte Fragen nicht stellen und bestimmte Dinge nicht denken, das war keineswegs gut, und viele ließen ihr Leben, um das zu ändern. Es ist gut so, dass Sie keine Schafe sind, dass Sie eigene Wege gehen, dass Sie sich selber Gedanken machen.
Das bedeutet natürlich auch, dass Sie gefährlicher leben. Sie verantworten Ihr Leben, Ihren Glauben, Ihre Zukunft selber, das kann auch mal schief gehen, und dann ist Holland in Not.

Und nun sagen Sie mir mal: Wie soll ich diese Herde von selbständig denkenden Ex-Schafen versorgen und sie vor schlimmem Übel bewahren? Denn ich bin ja Pastorin, ich bin Hirtin und ich will das auch gut machen. Weidet die Herde Gottes! So steht es im Predigttext, da fühle ich mich erst einmal angesprochen.
Aber ich merke auch, dass Gemeinde sich keineswegs nach meinem Willen und Gutdünken lenken lässt. Es ist nicht mehr wie früher. Hirtin sein in einer Zeit, in der es keine Hirten mehr gibt, ist gar nicht so einfach…..

Vielleicht könnte man den Predigttext demokratisieren. Dann stünde da: Weidet einander. Gebt gut aufeinander Acht. Sorgt dafür, dass es dem Nächsten an nichts fehlt, gebt einander die Liebe und die Anerkennung, die jeder und jede braucht. Lest miteinander die Bibel, damit ihr auf dem rechten Weg bleibt. Der Predigttext öffnet diesen Weg. Das Hirtenamt ist kein Herrenamt, steht da, sondern der Hirte soll ein Vorbild für die Gemeinde sein. Wenn nun jeder von uns versuchte, vorbildlich zu leben? Wenn nun jeder seinen Teil an Verantwortung für die Gemeinde übernähme? Wenn nun jeder für jeden Hirte wäre, wenn jeder auf jeden achtete, wenn jeder für jeden sorgte – wären wir dann nicht eine viel bessere Gemeinde als wir selbst mit dem besten Hirten sein könnten?
Ihr habt ja erlebt, wie stark eine solche Gemeinschaft sein kann, wie viel Kraft es einem gibt und wie gut es tut, wenn man nicht alleine ist……

Früher war alles besser, sagen die Alten. Es ist genau das, was sie meinen: Früher, so sagen sie, da stand noch einer für den anderen ein. Da brauchte man kein großes Reglement, keine Gesetze und wenig Vorschriften. Jeder sah die Not des Nächsten und half, so gut er konnte. Früher litten die Menschen weniger seelische Not, denn jeder wurde gebraucht und für jeden wurde gesorgt. Früher war es selbstverständlich, dass Menschen einander in Not beistanden.
Wenn nun nicht ich die Hirtin bin, sondern wir alle die Gemeinde, die Herde Gottes sind, dann orientieren wir uns wieder mehr an dem, der sagte: Ich bin der gute Hirte. Ich kenne meine Schafe und meine Schafe kennen mich.
Dann sind wir alle gleich viel wert und gleich viel bedeutend, keiner erhebt sich über den anderen. Demut – auch das steht im Predigttext – für mich das Geheimnis gelingenden Miteinanders: wenn wir alle ein wenig demütiger wären, würden wir viel besser miteinander zurechtkommen.

Was früher war und heute ist, ist dann gar nicht mehr so wichtig, wenn wir wissen, worauf es ankommt. Gott ist der gute Hirte, der für uns sorgt – wir brauchen uns gar nicht so sehr anzustrengen wie wir es oft tun. Wir sind seine Herde, aber deswegen sind wir noch lange keine Schafsköpfe, sondern wir lernen von ihm, von Jesus. Wir treten füreinander ein, wir lassen es einander an nichts fehlen. Unter uns soll es so sein, wie es früher schon gewesen ist.
Und den Weg, den wir gehen können, finden wir im Bibellesen und im Gebet. Das könnten wir durchaus noch mehr miteinander tun, finde ich immer, da lass ich dann doch gerne die Oberhirtin raushängen. Warum auch nicht? Sonst bin ich eines Tages noch arbeitslos!
Mehr beten und mehr Bibellesen, das würde uns bestimmt nicht schaden. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Amen

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