Freude, Gewinn und Sinn im Leben

Liebe Schwestern und Brüder!

Wieder einmal war er im Gefängnis gelandet. Das hatte er sich selbst eingebrockt. In der Provinzhauptstadt Ephesus geschah das, in der es ein römisches Prätorium und Angehörige des kaiserlichen Haushalts gab. Auch ein Gefängnis. Und dort saß er. Er hatte es wieder einmal seinem Charakter, seiner unbändigen Hartnäckigkeit, seiner unaufhörlichen Sturheit und ungewöhnlichen Penetranz zu verdanken.  Er konnte eben das Maul nicht halten. Er musste diese Botschaft immer wieder auf den Marktplätzen und vor den Menschen raushauen. Permanent, mit einem tiefen inneren religiösen Antrieb tat er das. Unermüdlich predigte er  bei und vor den Menschen, auch in Familien und Hauskreisen sprach er davon. Er war ein Mann der mit Worten überzeugen konnte, der argumentierte und vieles aufschrieb, um es seinen neuen Glaubensgeschwistern mitzuteilen, um sie zu stärken und zu unterstützen im Glauben. Das sah er als seine Lebensaufgabe an.

Das brachte ihm nicht nur Freude, Freunde oder Bewunderung ein. Nein auch Ablehnung, Verachtung, Hass , Denunziation wurden im entgegengebracht und noch schlimmer war der Tatbestand des Rädelsführertums  und Aufruf zum Aufruhr wurde unterstellt. Deswegen war er verhaftet worden.  Denn der römische Kaiser und seine Vasallen kannten kein Spaß und  keine Gnade mit denen, die sie für Aufrührer hielten. Das war schon seinem Herrn Jesus selbst zum Verhängnis geworden. Doch dessen universale Botschaft von der grenzenlosen Gnade, Liebe und Erlösung Gottes für die Menschen eben durch diesen seinen Sohn Jesus Christus predigte er mit aller Macht und mit großer Vollmacht.  Und er tat es mit solch einem großen Erfolg über Grenzen, Religionen, Kulturen, Menschen  und Völker hinweg, dass er später mit Fug und Recht der Heidenmissionar und Apostel der Völker genannt wird.  Und jetzt saß er wieder einmal Gefängnis.

Aber er hatte Glück und auch ein Privileg. Er war römischer Staatsbürger. Wenn man ihm den Prozess machen wollte, dann musste man die Regeln des römischen Rechts anwenden. Auch dort kannte man Verleumder und Denunzianten allzugut , die häufig Unschuldige ins Gefängnis bringen konnten und brachten. Bei genauer Prüfung fiel dann auf, dass er kein Rädelsführer war, sondern ein Mann der diesen galiläischen Gott Jesus Christus lauthals verkündete. Der sollte angeblich der Sohn Gottes und der Erlöser der Menschheit sein und neues, sogar ewiges Leben schenken. Das klang nicht in allen Ohren überzeugend, aber es war noch lange kein juristischer Tatbestand, der zubestrafen wäre.  Eben eine Meinung und Religion mehr im römischen Vielvölkerstaat. Und so wurde der Inhaftiert,   dann wieder frei gelassen und konnte weiterreisen auf seinen Missionsstationen in andere große Städte des damaligen römischen Weltreiches. In die Ferne, in die Weite. Auf seinen Reisen schrieb er hin und wieder grandiose und bis heute überlieferte Briefe an seine von ihm gegründeten Gemeinden, um die Gläubigen dort zu stärken und ihnen Orientierung zu geben. Sein römisches Bürgerrechtsprivileg ermöglichte es ihm sogar aus dem Gefängnis zuschreiben. Und auch  dort schien er Unterstützer für seine Sache gefunden zu haben.

Sie werden längst wissen, wird diese Person ist.  Es ist der Apostel Paulus, der dies erlebte.

Und dies ist die Ausgangssituation für den heutigen Predigttext (Philipper 1, 12-21):

12 Ich bin froh, euch mitteilen zu können, Geschwister, dass das, was mit mir geschehen ist, die Ausbreitung des Evangeliums sogar noch gefördert hat.

13 Bei der ganzen kaiserlichen Garde und weit darüber hinaus hat es sich inzwischen herumgesprochen, dass meine Gefangenschaft eine Gefangenschaft wegen Christus ist.

14 Und bei den meisten Geschwistern ist gerade, weil ich inhaftiert bin, das Vertrauen auf den Herrn so gewachsen, dass sie jetzt noch viel mutiger sind und das Evangelium ohne Furcht weitersagen.

15 Bei manchen sind zwar Neid und Streitsucht mit im Spiel, wenn sie die Botschaft von Christus verkünden. Doch es gibt auch solche, die es in der richtigen Haltung tun.

16 Sie handeln aus Liebe ´zu mir`, denn sie wissen, dass ich mit dem Auftrag hier bin, für das Evangelium einzutreten.

17 Die anderen hingegen verkünden Christus aus selbstsüchtigen Motiven. Sie meinen es nicht ehrlich, sondern hoffen, mir in meiner Gefangenschaft noch zusätzliche Schwierigkeiten zu bereiten.

18 Aber was macht das schon? Ob es nun mit Hintergedanken geschieht oder in aller Aufrichtigkeit  – entscheidend ist, dass im einen wie im anderen Fall die Botschaft von Christus verkündet wird, und darüber freue ich mich. Auch in Zukunft wird nichts mir meine Freude nehmen können.

19 Denn ich weiß, dass am Ende von allem, was ich jetzt durchmache, meine Rettung stehen wird, weil ihr für mich betet und weil Jesus Christus mir durch seinen Geist beisteht.

20 Ja, es ist meine sehnliche Erwartung und meine feste Hoffnung, dass ich in keiner Hinsicht beschämt und enttäuscht dastehen werde, sondern dass ich – wie es bisher immer der Fall war – auch jetzt mit ganzer Zuversicht auftreten kann und dass die Größe Christi bei allem sichtbar wird, was mit mir geschieht, ob ich nun am Leben bleibe oder sterbe.

21 Denn der Inhalt meines Lebens ist Christus, und ´deshalb` ist Sterben für mich ein Gewinn. (NGÜ)

Das muss man sich vorstellen: Da freut sich einer, dass er im Gefängnis sitzen darf. Auch wenn ihm Krankheit und Tod drohen.  Es scheint ihm egal, was andere über ihn reden oder sagen. Er ist sogar so euphorisch, dass er die Gefangenschaft als eine Gefangenschaft wegen und für Christus empfindet. Diese Euphorie  über seinen  festen und zuversichtlichen Glauben an den Erlöser und Retter Jesus Christus steigert sich in eine solche Angst- und Sorglosigkeit in Paulus über das, was geschehen kann oder könnte,  in einen fulminanten Spitzensatz:

21 Denn der Inhalt meines Lebens ist Christus, und ´deshalb` ist Sterben für mich ein Gewinn.

Luther übersetzte:

21 Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.

Doch die innere Euphoriebremse sagt sich:

Wer denkt und glaubt schon, dass Sterben ein Gewinn ist?!

Zumal, wenn der Tod nicht schnell und plötzlich kommt. Sondern lange und qualvoll.  Das ist kein Trost für Angehörige. Das sind keine seelsorgerliche und tröstliche Antwort auf die immer wieder auftretenden religiösen Frage: nach dem Sinn von Leben, und vor allem dem Sinn von  Sterben und Tod. Ja man könnte dies alles für moderne Ohren mit der Lebenserfahrung und der biologischen Tatsache lakonisch ausdrücken, dass alles Leben vergeht und das Sterben und Tod zum Kreislauf des Lebens gehören. Aber auch dies ist für trauernde Angehörige häufig auch nur ein schwacher Trost im Angesicht des Todes und der Verzweiflung, weil das Leben und die Liebe für immer weg zu scheinen sein.

Doch ganz anders Paulus, der scheinbar aus einer euphorischen, freudigen Todessehnsucht und Angstlosigkeit an seine Gemeinde damals und heute schreibt:

21 Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.

Nochmal liebe Schwestern und Brüder! Auf den ersten Blick ein frommer und etwas naiv klingender Satz, so möchte man meinen. Ein Glaubensspruch aus einem christlichen Poesiealbum?

Nein. Denn der Mensch, der ihn schreibt, hat wirklich den Tod vor Augen. Einen bitteren, vorzeitigen, gewaltsamen Tod. Nicht ein „seliges Sterben“. Und dennoch: Dieser Mensch sieht in dem ihm drohenden Tod nicht das schreckliche Ende. Er hat die freudige christliche Hoffnung, die über den Tod hinausreicht. Sein Tod, sein Sterben kann den Sinn haben, dass Christus verherrlicht wird. Sein Tod, so sieht es Paulus, wäre keine Niederlage, sondern im Gegenteil: Sein Tod wäre für ihn persönlich ein großer Gewinn.

Aber er sehnt sich nicht naiv nach dem Märtyrertod, sondern weiß auch, dass er noch weiterleben muss. Sein Auftrag ist es Christus weiterhin zu verkündigen. Abere Paulus freut sich mit einer tiefen inneren Glaubensgewißheit, auch im Angesicht von Leid und Tod. Er weiß durch seinen festen Glauben, dass er nicht in ein bloßes Nichts, in eine Sinnlosigkeit und Leere sterben wird, sondern er wird in die selige Nähe Gottes durch die Auferstehung von den Toten kommen wird. Seine Hoffnung wird nicht zuschanden, auch bei allem Leid, bei aller Verzweiflung und allem Schwerem im Leben.

Jesus der Christus ist sein Lebenssinn, im Leben hier und jetzt sowieso und im Sterben und über den Tod hinaus auch.

Liebe Schwestern und Brüder! Doch keiner unter uns ist ein Apostel Paulus, keiner ist ein Dietrich Bonhoeffer oder ein Maximilian Kolbe, also Menschen, die für ihren Glauben starben. Märtyrer, Blutzeugen des Glaubens. Aber für uns gilt ebenso wie für jene, dass Jesus Christus unser Trost im Leben und im Sterben ist, wie es im Heidelberger Katechismus heißt. Und auch viele unter uns tragen ihr schweres Päckchen im Leben. Situationen von Schuld, Angst, Verzweiflung, Trennung und auch der Tod müssen immer wieder ausgehalten werden, die einem das momentane Leben als tot empfinden lassen. Das Kreuz Christi und das Leid  gehören zum Leben und dabei ist das Christentum ganz realistisch im Umgang mit Leid und Angst. Es wird nicht vertuscht oder schön geredet. Probleme und Schuld gibt es genug in unseren irdischen Leben.

Und gerade weil wir dies wissen, haben wir die feste Zuversicht, dass unser Leben nicht der Sinnlosigkeit, der Absurdität und dem Tod preisgegeben ist. Hoffnungslosigkeit ist nicht das Ende aller Dinge, wenn wir Jesus Christus als unseren Retter und Heiland folgen. Insofern kann das Sterben letztendlich paradoxerweise auch als ein Gewinn angesehen werden.

Nämlich als den Gewinn des ewigen Lebens mit und bei Christus im Reich Gottes. Christus ist unser Leben. Im hiesigen Leben und der jenseitigen Welt.

Vertrauen wir darauf und schöpfen daraus Kraft und Zuversicht.

Und mit diesem Glaubensgewinn und „Mehrwert“ können und dürfen wir uns über unser Leben freuen, das größte Geschenk Gottes mit dem Glauben zusammen.

Freut euch über jeden neuen Morgen und seid dankbar. Freut euch über die Liebe und Gemeinschaft im Leben. Freut euch über das neu beginnende Leben jetzt im Frühjahr, an den Blumen und den Vögeln. Freut euch über das viele Gute in euren Familien, die Schönheit und Pracht des Lebens, den Zusammenhalt unter den Menschen und die vielen stillen und kleinen Wunder Gottes in unserem Leben. Und vergesst nicht die Freude über die Anwesenheit Gottes in unserem Leben zu zeigen und zu leben. Christus ist unser Leben und gibt unserem Leben Sinn. Er trägt und hält uns, er gibt uns Kraft zur Vergebung und zum Neuanfang. Er beschützt uns durch sein Segen und führt uns aus dem finstern Tal, wie es im 23.Psalm heißt. Wenn ich Christus als meinen Herrn im Leben habe, wenn ich den Glauben an ihn zum Zentrum meines ach so zerbrechlichen und vergänglichen Lebens mache, dann habe ich den freudigen Gewinn , dass ich ruhiger und gelassener auf das Harren kann, was da kommt. Das Schöne und das Schwere, das Frohe und Traurige, im Leben und im Tod.

Für uns kommt alles im hiesigen Leben aus  Gottes Hand und in seine Hand kehren wir eines Tages zurück. Und das gibt unserem Leben Sinn und wir empfinden dies als Gewinn. Und das gilt für uns im Leben und im Sterben. Und das ist schon ein freudiges Glaubensereignis.

Amen.

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