Kirche mit mir (Motto der Gemeindekirchenratswahl Niedersachsen)

Predigt am Sonntag Lätare am 11.3.2018

Predigttext: Philipper 1, (12-14) 15-21

 

Predigttext lesen

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Lieber Paulus!

Wenn ich Deinen Brief lese, bekomme ich zuerst einmal eine Krise. Na gut, dass Du nur an die Brüder schreibst, ist ja Deiner Zeit geschuldet. Das war damals so üblich, und wir ergänzen ja immer schon auch die Schwestern, wenn wir Deine Texte in der Kirche vorlesen. Liebe Brüder, liebe Schwestern. Obwohl- die erste Christin in Europa soll ja eine Frau gewesen sein, Lydia, in Deiner ersten Gemeinde Philippi, Paulus. Mit ihr hat Deine Gemeindearbeit angefangen. Das solltest Du nicht vergessen- gerade, wo Du an diese Gemeinde schreibst!

 

Dass auch unsere Zeit in Sachen Frauenrechte immer noch nicht so richtig weiterkommt, dass finde ich besorgniserregend. Was ist am Frauentag diese Woche alles wieder aufgezählt worden, wo es hapert. Frauen verdienen in vielen Berufen immer noch deutlich weniger als Männer. Und an wichtigen Entscheidungspositionen sitzen immer noch eher Männer. Man denke nur an den Bundestag. So wenig Frauen wie noch nie. 30 Prozent.

Gut, Paulus, darum geht es nicht in Deinem Predigttext. Jedenfalls nicht direkt. Aber über die Anrede mit den Brüdern stolpere ich doch jedesmal. Und letztlich glaube ich, dass meine Kritik sogar Deinen Zielen entsprechen würde. Nein, für die Frauen hast Du kein großes Herz. Aber Dir ist es wichtig, dass das Evangelium von Christus sehr vielfältig und bunt verkündigt wird.

 

Paulus, wenn Du heute bei uns in der Kirchengemeinde wärst- Du würdest Dich freuen. Wir haben die Wahlen zum neuen Gemeindekirchenrat. Und ob Du es glaubst oder nicht: 18 Leute haben sich in unserer Kirchengemeinde zur Wahl aufstellen lassen. 18! Ist das nicht eine tolle Zahl? 18 Menschen, die sich für die Kirche engagieren wollen. Übrigens 8 Frauen. Alle 18 haben gute Ideen für Wiefelstede. Sie haben Lust, mitzumachen.

Paulus, Du sagst: Wenn Christus verkündigt wird auf jede Weise, so freue ich mich darüber. Ja, dieser Tag ist ein Freudentag. Lätare heißt er auf Lateinisch. Das heißt: Freut euch!

 

Lieber Paulus, nun muss ich Dir aber sagen, was mich an Deinem Brief furchtbar ärgert: Du bist so skeptisch gegenüber Christinnen und Christen, die ihren Glauben anders leben als Du. Das finde ich unmöglich. Es ist arrogant. Ok, Du bist ins Gefängnis gekommen wegen Deines Glaubens. Das ist für Dich eine schlimme Situation. So sehr hast Du Dich für den christlichen Glauben stark gemacht. Und jetzt hast Du in extremer Weise die Folgen zu tragen. Inhaftiert werden für den Glauben- Das wünscht sich keiner. Und wir hoffen und beten dafür, dass Christinnen und Christen in aller Welt ihren Glauben frei leben können, ohne verfolgt zu werden und  ohne gefangen genommen zu werden.

Da hat es Dich schon hart getroffen. Aber irre ich, Paulus, wenn ich ein bisschen Märtyrerhaftes bei Dir höre? Bist Du vielleicht sogar ein bisschen stolz, dass Du für den Glauben leidest? Meinst Du, andere aus Deiner Gemeinde tun nicht genug für den Glauben und für die Gemeinde? Oder sie tun das Falsche?

 

Du hast Recht, Paulus, dass in der Kirche über die richtigen Wege diskutiert werden muss. Ihr Christinnen und Christen wart Euch damals nicht in allem einig, das ist heute nicht anders. Aber, Paulus, Du erscheinst mir so intolerant zu sein. Jedenfalls klingt es mir nach sehr gequälter Toleranz. Das wünsche ich mir für Kirche heute anders! Deshalb haben wir Dienstag im Rudolf-Bultmann-Haus eine Veranstaltung zum Thema: Die Wut der ganz normalen Leute. Es geht um den Ärger, den manche Leute über die Politik verspüren in Bezug auf Zuwanderung. Der NWZ Redakteur Karsten Krogmann kommt dazu aus Oldenburg.

 

Leider ist es so, dass Kirche es heute nicht leichter hat als bei Dir, Paulus, damals. Wir sind natürlich inzwischen ganz anders aufgestellt als Ihr damals. Hier in der Gemeinde Wiefelstede werden wir noch oft angefragt für Taufen, Trauungen und Beerdigungen. Insgesamt gehören wir zur Gesellschaft noch unbedingt dazu, sind auch ein großer Arbeitgeber. Aber unsere Position wird nicht leichter.

 

Die Kirchenältesten, die schon länger mitarbeiten, die sind manchmal über ihre Kirche genauso frustriert wie wir Pfarrerinnen und Pfarrer. Ähnlich wie Du, Paulus, es zu sein scheinst. Du redest von Neid und Streitsucht. Das gibt es in der Kirche leider auch. Heute leiden wir sehr unter Sparmaßnahmen und unter Personalabbau.

 

So distanziert ich Deinen Brief lese, lieber Paulus. Eins nehme ich auf jeden Fall aus Deinen Gedanken mit. Du bist überzeugt, dass Christus durch Freude und Leid verherrlicht werden kann, durch alles, was uns vielleicht gar nicht so richtig christlich oder nicht christlich richtig zu sein scheint. Du traust der guten Nachricht, dem Evangelium, sehr viel zu. Das will ich mir abgucken von Dir.

Ich bin den bisherigen Mitgliedern aus unserem Gemeindekirchenrat so dankbar, dass sie genau wie Du, Paulus, so ein Gottvertrauen bewahrt haben. Sie haben den Glauben behalten, dass sich das Mitmachen lohnt und dass Gott aus den kleinsten Anfängen etwas machen kann. So durften wir durch sie so viel Segensreiches hier in der Gemeinde erfahren. Dass Du die Motivation der neuen Kandidatinnen und Kandidaten bestätigst, Paulus, das freut mich auch. Das Wahlmotto „Kirche mit mir“ spiegelt sich in Deinem Brief. Lebendige Kirche ist genau da, wo wir dabei sind.

 

Paulus, zum Schluss sagst Du noch einen steilen Satz, nämlich, dass Christus nicht nur durch das Leben, sondern auch durch den Tod verherrlicht werden kann. Christus ist mein Leben, sagst du, und Sterben ist mein Gewinn.

Wer wird solche Worte wohl nachsprechen können? Sie sind mir fast ein bisschen unheimlich. Aber auf der anderen Seite bin ich sehr froh, dass Du sie gesagt hast, Paulus.

Denn in der letzten Woche habe ich in der Zeitung gelesen, dass in den Niederlanden so viele Menschen auf eigenen Wunsch von Ärzten getötet werden. Mehr als 4 % sterben durch aktive Sterbehilfe. Die Politik will noch mehr möglich machen.

Mich lässt das schaudern. Ich bin Dir, Paulus, dankbar, dass Du das Denken der Kirche beeinflusst hast und dass bei uns der Hospizgedanke so verbreitet ist, dass alles Leben lebenswert ist.

Das ist so tröstlich, Paulus, dass Du uns das sagst! Für so eine Kirche will ich mich stark machen, in der Raum ist für Schwäche und Unvollkommenheit, für eine Kirche, in der auch der Tod nicht verdrängt wird.

 

Auch wenn ich manches etwas verquer finde, was Du so von Dir gibst. Zum Schluss sage ich Dir Dank für Deinen Brief. Denn Du stärkst unseren Glauben. Die frohe Botschaft von Christus wird ein Segen sein in allem, was wir erleben, in allen Geschehnissen dieser Welt, in allen Geschehnissen in der Kirche. Mit uns. Mit mir. Amen.

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