Unter Druck

Predigt 1. Petrus 1,13-21, Sonntag Okuli, Predigtreihe IV, von Pfarrer Johannes Taig

13 Darum umgürtet eure Lenden und stärkt euren Verstand, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch dargeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.
14 Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, in denen ihr früher in eurer Unwissenheit lebtet;
15 sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel.
16 Denn es steht geschrieben (3.Mose 19,2): „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.“
17 Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben in Gottesfurcht, solange ihr hier in der Fremde weilt;
18 denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise,
19 sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.
20 Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt war, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen,
21 die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn von den Toten auferweckt und ihm die Herrlichkeit gegeben hat, sodass ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.


Liebe Gemeinde,

der Sonntag Okuli hat seinen Namen aus dem 25. Psalm, wo es im Vers 15 heißt: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn, denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.“ Die Gemeinden in den römischen Provinzen Kleinasiens, an die der Petrusbrief geschrieben ist, haben sich redlich bemüht, ihren Herrn und Meister Jesus Christus nicht aus den Augen zu verlieren, aber so langsam wachsen ihnen die Probleme über den Kopf.

„Zwar ist die Zeit der großen Christenverfolgungen noch nicht gekommen, aber im Alltag schlägt ihnen Misstrauen entgegen, Gerüchte und Verdächtigungen werden über sie gestreut; sie werden als Störenfriede gebrandmarkt. Damit umzugehen, das auszuhalten, sich davon im Glauben und in der Hoffnung nicht irre machen zu lassen – das fällt vielen Christen in Kleinasien schwer. Wie leicht stellt sich in dieser Situation als bedrängte Minderheit das Grundgefühl ein, auf verlorenem Posten zu stehen, aus Gottes Blick geraten zu sein. Ja, die Versuchung liegt nahe, ihre eigene Ohnmacht als Zeichen der Schwäche und Unterlegenheit Gottes angesichts der Übermacht anderer religiöser und weltanschaulicher Strömungen zu verstehen. Hier und da regt sich bereits die Sehnsucht nach dem früheren Leben, das so viel leichter war – einem Leben ohne Anfeindung, in Konformität mit der Gesellschaft. Die Gefahr ist gegeben, den Weg der Nachfolge nicht durchzuhalten, dem Anpassungsdruck von Seiten der Umwelt nachzugeben.

Möglicherweise ist uns dieses Grundgefühl der Christen in Kleinasien heute nicht ganz fremd. Die gesellschaftliche Bedeutung von Kirche nimmt rapide ab, die Zahl der Kirchenmitglieder schrumpft, wir sind auf dem Wege, von der Volkskirche zu einer Minderheitenkirche zu werden, die es schwer hat, sich auf dem Markt der religiösen Angebote zu behaupten. Das Christentum, so scheint es, ist in die Defensive geraten. Mut und ein gesundes Selbstbewusstsein drohen dabei auf der Strecke zu bleiben.“ (Dr. Gottfried Claß, GPM, 1/2000, Heft 2, S. 173)

Dies schrieb ein Ausleger zu unserem Predigttext vor 18 Jahren! Was kann und will man den Gemeinden damals und heute raten, die sich in der Defensive fühlen? Die heutige Kirche jedenfalls, hat in den letzten gut 10 Jahren immer wieder die Flucht nach vorn angetreten. Ein Reformprogramm jagte das nächste, ein Pilotprojekt das nächste, ein Leuchtfeuer das nächste, ein Jubiläum das nächste. Man hat angeblich in die Zukunft investiert. Und die Ortsgemeinden wurden kurzerhand zum Auslaufmodell für Alte, Kranke und alle anderen nichtmobilen Menschen erklärt und finanziell auf Diät gesetzt. In den Hochglanzbroschüren, die die Kirche herausgibt, kommen sie ebenso nur noch am Rande vor, wie in den aktuellen Reformplänen.

Dabei besteht nicht nur die sehr reale Gefahr, dass Mut und Selbstvertrauen in den Kirchengemeinden auf der Strecke bleiben. Immer wenn die eigenen Probleme über den Kopf wachsen, besteht die Gefahr, dass sie uns den Blick verstellen auf den, der unsere alleinige Hoffnung im Leben und im Sterben ist. Durch das Geschrei der Problemanzeigen dringt die Stimme des guten Hirten nicht mehr.

Der Pfarrer Karl Steinbauer, der einer der wenigen war, der es wagte in der Nazizeit seine Stimme gegen das Unrecht zu erheben, beschreibt das Problem treffend: „Oh wahrlich, der Unglaube weiß Bescheid! Er kennt sich aus bis ins Kleinste. Die Riesen kennt er alle genau mit Namen und Ortsangabe (…). Ja, der Unglaube weiß genau Bescheid, er ist informiert. Die Schuhnummern der Riesen kann er dir angeben, wenn du sie wissen willst. Aber dass der Herr auferstanden ist, dass ihm gegeben ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden, dass er zugesagt hat: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende, davon weiß er nichts zu erzählen. Wenngleich solcher Unglaube durchaus in der Lage ist, etwa im theologischen Examen korrekt nach Schrift und Bekenntnis über die Auferstehungstheologie zu prüfen, aber gar kein Gefühl dafür hat, dass er im Umgang und bei den kirchenpolitischen Verhandlungen mit den Riesen von diesen geprüft wird, ob er an den Auferstandenen glaubt. Der Unglaube schaut weg von Gott, weg von Gottes Wort und Gottes Verheißung und Zusage. Wer aber von Gott und Gottes Wort wegschaut, verliert den rechten Maßstab für die Wirklichkeit. Im angstvollen Stieren und Gaffen auf die gegebenen Tatsachen fangen diese plötzlich zu wachsen an und wachsen uns schließlich zu unserem Schrecken über den Kopf, und wir werden von ihnen gebannt wie der Frosch von der Schlange. Wenn wir’s doch sehen könnten, wie der Unglaube Riesen züchtet.“ (Karl Steinbauer, 1906-1988)

Der Verfasser des 1. Petrusbriefes kennt sich damit offensichtlich auch aus. Deshalb empfiehlt er den Gemeinden kein Reformprogramm, sondern erinnert sie an den Herrn der Kirche und ihre Mitglieder an das, was sie sind. Empfohlen wird kein Mentalitätswandel für müde Christenmenschen, sondern der Blickwechsel von den eigenen Problemen weg hin zu dem, dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden. Gearbeitet wird nicht am mangelnden Problembewusstsein, sondern am Bewusstsein für das, was ein Christenmensch eigentlich ist und in welchem Horizont sein Leben auf dieser Welt steht. Der Verfasser des 1. Petrusbriefes betreibt Aufklärung im Licht des Evangeliums.

Wo kommen sie denn her, die „alten Begierden“, der „nichtige Wandel“? Nein, hier wird nicht moralisch gedacht. Was ist denn möglich in einer Welt und in einem Leben, das vom Tod fest eingeschlossen ist? Die Gier nach dem Leben, die Gier nach Reichtum, das sind Symptome einer Welt, in der jede Aufforderung zum Leben endet mit „denn morgen sind wir tot!“ Aber nun hat der Christus dem Tod sein teures Blut, oder sagen wir besser, sein teures Leben entgegengesetzt und hat ihn verschlungen und besiegt. Und seither ist auch unser Leben ein anderes geworden. Es ist seitdem ein Leben, das von Gottes Ewigkeit umschlossen ist.

„Wir kennen ein Leben, dem die Zeit davon läuft und das darum immer in Unruhe, immer auf dem Sprung ist; gekommen ist ein Leben, das auf Gottes Güte und Fürsorge vertraut und darum gelassen und heiter seine Tage bestehen kann. In der Taufe wird den Menschen dieses neue Leben übereignet.

In Frejus, einem Ort an der Cote d’Azur, ist eine alte romanische Taufkapelle zu besichtigen. Besonders eindrücklich sind die zwei Türen. Die Täuflinge betreten die Kapelle durch eine niedrige, gedrungene Tür, durch die sie nur gebeugt hindurchgehen können. Nach ihrer Taufe verlassen sie die Kapelle durch eine hohe Tür, durch die sie aufrecht, erhobenen Hauptes gehen können. So versinnbildlichen die beiden Türen die Taufe als Befreiung zum aufrechten Gang.“ (Dr. Gottfried Claß, aaO. S. 175)

Nichts anderes meint die Heiligung des Christenmenschen! Er ist nicht länger der in seinen Problemen eingemauerte, sondern der in die Freiheit der Kinder Gottes gestellte. Mit einer Welt, in der nach oben gebuckelt und nach unten getreten wird, hat der Christenmensch nicht mehr viel zu schaffen. Wen wundert es, dass der Verfasser des 1. Petrusbriefes die Empfänger seines Schreibens als „Fremdlinge“ anredet. Es ist nicht unsere Aufgabe everybody‘s darling zu sein. Es zählt der aufrechte Gang. Solche Heiligung des Christenmenschen gelingt nur im Blick auf den Christus und im beständigen Hören auf sein Wort. Denn woher sollte denn die Kraft sonst kommen für die bedrängten Gemeinden damals in Kleinasien und für eine bedrängte Kirche heute? Beide sollen sie nicht nur am Sonntag Okuli auf den Herrn schauen, der sie erhält. Aber noch mehr sollen wir daran erinnert werden, wie gnädig und liebevoll der Christus auf jeden von uns schaut.

Die Predigt zum Hören

drucken