Wenn ich einmal reich wäre… (1.Petrus 1, 18-21)

Ein Sechser im Lotto ist so unwahrscheinlich. Die Chancen liegen bei 1: 15.537.573. Und dennoch spielen unzählige Woche für Woche und schauen gespannt auf die Zahlen am Mittwoch oder Samstagabend. Denn Woche für Woche erleben ja Menschen das Unwahrscheinliche. Sie werden Lottomillionäre. 2017 waren es in Brandenburg vier Lottospieler, die das große Glück hatten, vielleicht ja sogar mit Superzahl, da liegt die Wahrscheinlichkeit sogar nur bei ca.   1: 140.000.000 …
Was würde ich wohl mit all dem Geld anfangen ?
Ich wäre erst einmal alle meine Sorgen los, müsste mir um Altersarmut, die Ausbildung der Kinder, die Entwicklung der Zinsen und Immobilienpreise, um mögliche Rezessionen, also wirtschaftliche Abstürze oder Arbeitslosigkeit keine Gedanken mehr machen.
Und ich hätte wahrscheinlich auch auf einen Schlag lauter neue und gute Freunde, die alle nur mein Bestes wollen – mit guten Ratschlägen, Empfehlungen oder Bitten, weil sie ganz dringend Hilfe brauchen und an mein Gewissen und meine christliche Verantwortung appellieren.
Ich könnte soviel Gutes tun: eine Spende für die Kirchturmsanierung oder die neue Orgel oder Glocken, soziale Projekte in nah und fern…ach die Ideen werden schon nicht ausgehen.
Aber leider machen viele die Erfahrung, dass auch eine Million oder zwei Millionen einmal ausgehen können, wenn man nicht gelernt hat mit so viel Geld umzugehen. Lottomillionären wird professionelle Hilfe angeboten, damit sie üben, mit ihrem Gewinn realistisch und verantwortlich umzugehen. Es ist nötig – wie die Erfahrung lehrt.
Silber und Gold, wer hätte es nicht gern.
Und dann?
Dann kommt sicher irgendwann die Erfahrung, dass man manches mit Geld bewegen und erreichen kann, aber viele wichtige Dinge im Leben sich nicht erkaufen lassen, weil sie unbezahlbar sind.
Freundschaft zum Beispiel: einen guten Freund kann ich nicht bezahlen, einen, der mir zuhört, der auf mich acht hat, der mir in schwierigen Zeiten beisteht, der den Mut und die warme Klarheit findet, mir auch unbequeme Dinge so zu sagen, dass ich sie hören und annehmen kann.
Liebe und Anerkennung kann ich mir nicht kaufen. Jeder möchte doch um seinetwillen und nicht um des Geldes willen geliebt werden.
Der Glücksindex steigt nicht proportional mit dem Lottoglück und dem Bankkonto.
Dazu kommt, dass ich auch meine Schulden aus der Vergangenheit, die ich als Ballast im Leben mit mir herum trage, nicht wirklich finanziell regeln kann, auch wenn Entschädigungsklagen und Entschädigungszahlungen für Anwälte und manche Kläger mittlerweile ein lukratives Geschäftsfeld zu sein scheinen.
Was ich womöglich aus Nachlässigkeit oder auch aus Unvermögen an meinen Kindern an liebevoller und klarer Begleitung schuldig geblieben bin, kann ich nur sehr begrenzt später mit Geld wieder gut machen.
Nach dem Scheitern einer Beziehung lassen sich vielleicht Folgen einer Trennung für einzelne abmildern, aber es hilft nicht unbedingt die Wunden,Verletzungen und Enttäuschungen zu heilen, die immer damit verbunden sind, dass alle guten Vorsätze und Absichten nicht aufgegangen sind und aus anfänglicher Liebe Ablehnung, Zorn , vielleicht sogar Hass geworden sind. Und wie soll ich nach einem Augenblick der Unachtsamkeit im Straßenverkehr die Unfallfolgen wieder gutmachen, wenn ein Mensch lebenslang geschädigt bleibt oder gar ums Leben gekommen ist. Bestenfalls ist mein schlechtes Gewissen etwas beruhigt. Es gibt die Augenblicke, in denen wir begreifen, dass Wiedergutmachung schön wäre, aber unmöglich ist. Da wo früher Satisfaktion gefordert und dann duelliert wurde, stand am Ende der Tod. Ist das Wiedergutmachung? Nichts ist gut, wenn es zur Unzeit das Leben kostet.
Vielleicht sind die Sackgassen und die Schulden, die wir ein Leben lang mit uns herum tragen, nicht ganz so dramatisch und gravierend wie die geschilderten Situationen. Das mag entlasten, weil alles auch noch viel schlimmer sein könnte, es wäre aber eben noch viel besser, wenn wir versöhnt und befreit leben dürften. Daran möchte ich all die immer wieder gerne erinnern, die sich mit der zugegebenermaßen in unseren Ohren so fremd klingenden Sühnetradition der Bibel schwer tun und sie immer wieder als unmenschlich ablehnen und verwerfen. Wir denken nicht mehr so wie der 1.Petrusbrief, der vom Loskauf mit dem teuren Blut des unschuldigen und unbefleckten Lammes reden kann und damit ganz an die Opferpraxis und die Opfervorstellung seiner Zeit anknüpft. Blutige, rituelle Tieropfer im Tempel sind uns zutiefst fremd und abstoßend. Dabei mag offen bleiben, ob der Betrieb im Schlachthof ein kultureller Fortschritt ist, nur weil nicht mehr einer Gottheit geopfert, sondern der Konsum bedient wird. Für uns scheint die Zeit der Opfer endgültig und unwiederbringlich vorbei zu sein.
Dabei ist es spannend, zu schauen, wo wir im säkularen Raum, von Religion unberührt also, dennoch in Opferkategorien reden und denken. Wir haben längst nicht aufgehört, Opfer zuzulassen, Opfer zu erwarten, Opfer zu erbringen oder Opfer in Kauf zu nehmen, auch Menschenleben, wir blenden sie nur zur besseren seelischen Hygiene gerne aus unserer Wahrnehmung aus.
Was wir nicht ausblenden, verdrängen oder leugnen können ist die Verletzbarkeit unserer Existenz, unserer Seelen, unserer Beziehungen, unserer Träume und Ideen.
Was wir nicht ausblenden, verdrängen oder leugnen können ist die ständige Gefahr, schuldig zu werden, sich und anderen etwas schuldig zu bleiben oder sich zu verirren im Leben.
Wer glaubt, im Leben immer alles richtig zu machen, wer glaubt immer nur der Gewinner sein zu können, wer meint, anderen moralisch damit überlegen zu sein, oder weniger Schuld auf sich geladen zu haben, der bleibt im Gefängnis der Selbsttäuschung gefangen.
Ich habe es schon öfter gesagt: für mich ist diese Einsicht allerdings und das Bekenntnis, dass wir Sünder sind und dass wir uns aus dem Kreislauf von Schuld, Versagen und verzweifeltem Bemühen um Wiedergutmachung nicht allein befreien können, der erste und entscheidenden Schritt zu wahrer Menschlichkeit. Ich werde, bin und bleibe Mensch, wenn ich meine Grenzen, meine Möglichkeiten und meine Endlichkeit annehmen lerne. Ich kann mich nicht an meinen eigenen Haaren aus dem Sumpf von Schuld und Versagen befreien.
Deswegen ist es zeichenhaft und wegweisend, dass sich Jesus auf seinem Weg als menschenzugewandtes Angesicht Gottes gerade mit solchen Gestalten umgeben hat, deren Grenzen uns ständig vor Augen geführt werden, allen voran der Apostel Petrus, der den Mund zwar voll nehmen kann, dessen Herz aber im Nu in die Hose rutscht, wenn es darauf ankommt und alle Versprechen dann nicht mehr zählen. Aber gerade solchen Menschen hat sich Jesus zugewandt, solche Menschen hat er berufen, mit solchen Menschen ist er seinen Weg gegangen und hat sich ihnen ausgeliefert ohne Tadel, ohne Vorwurf, ohne Widerstand, auch nicht am Kreuz und auch nicht im Tod. Er hat eben nicht Wiedergutmachung gefordert, sondern um alles wieder gut zu machen, gelitten und ertragen, er hat Opfer gebracht, in dem er sich zum Opfer welcher Interessen auch immer machen ließ. Er wollte keine anderen Opfer, anderer Personen, egal ob beteiligt oder unbeteiligt.
Er wollte konsequent bis zum Ende leben, dass Neuanfang, Versöhnung auch mit den eigenen Zerrissenheiten, der eigenen Schuld und der an anderen, in den Beziehungen untereinander, im Leben und im Sterben am ehesten durch Nähe, Geduld und Liebe möglich sind und hat Menschen in allen Lebenslagen der Liebe, Zugewandheit und Aufmerksamkeit Gottes versichert.
Er war kein Buchhalter, der eine Eröffnungs- und eine Abschlussbilanz aufstellt und nach dem Saldo fragt. Ich möchte lieber nicht wissen, wie am Ende die Bilanz meines Lebens mit Soll und Haben aussähe.
Liebe denkt nicht buchhalterisch, sondern verschwenderisch, sie gibt mehr, als sie fordert und hat deshalb immer einen negativen Saldo. Sonst wäre sie keine Liebe, sondern Egoismus.
So hat Jesus sich gegeben aus Liebe, hat sich in das Zentrum der Schuldigen stellen lassen mit seinem Kreuz, mitten unter Verbrechern, und hat nicht Gleiches mit Gleichem , sondern Unrecht mit Versöhnendem vergolten.
Dieses Wissen, meine eigenen Grenzen annehmen zu dürfen, ohne sie verharmlosen zu müssen, diese Erfahrung nicht immer im Kreislauf von Schuld und Versagen stecken zu bleiben, diese Chance jeden Tag zu einem Neuanfang nutzen zu dürfen und zu wissen, dass ich dabei immer gehalten und getragen bin von einer Liebe Gottes, die geduldig auf mich wartet und um ich wirbt, das ist der eigentlich große Schatz im Leben, den ich nicht mit Gold und Silber aufwiegen kann, das ist der Sechser im Lotto für uns alle, vor allem für die, die sonst immer auf der Verliererseite sehen, ein Hauptgewinn obwohl sie nicht im Lotto spielen.
Ihr seid erlöst durch den Glauben an den, der am Kreuz gelitten hat und gestorben ist, den Gott auferweckt, erhöht und verherrlicht hat.
Ich glaube, Hilf meinem Unglauben!
Amen

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