So wie ich bin …

Wenn jemand gefangen ist, dann versucht man es mit Geld und guten Worten. Wir kennen das von den Menschen, die in der Türkei aber auch in anderen Ländern inhaftiert sind – teilweise ohne erkennbaren Grund. Die Bundesregierung verhandelt, versucht, ihnen zu helfen, freizukommen, bei manchen Unrechtsregimes auch freizukaufen. Und wir bekommen ganz seltsame Beklemmungen, was es für uns bedeuten könnte in einem fremden Land im Gefängnis zu sein, ohne zu wissen, wie es weitergehen kann.

Petrus redet in seinem ersten Brief die Menschen in seiner Gemeinde als Gefangene an. Sie sind nicht in irgendeinem Kerker, sondern in ihrem Alltag. Sie haben sich taufen lassen und verfangen sich nun in Fallstricken, die sie sich selber stellen, in ihrem Egoismus in ihren festgefügten Strukturen von wegen das war schon immer so und Menschen können sich nicht ändern.

18 denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, 19 sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. 20 Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt war, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, 21 die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn von den Toten auferweckt und ihm die Herrlichkeit gegeben hat, sodass ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.

Ihr wisst ja, so beginnt Petrus seinen Brief. Er erinnert sie an ihr Glaubensbekenntnis, er will sie daran erinnern, was Inhalt dessen ist, was sie leben wollen und leben können. Ob er mit seiner Erinnerung auf fruchtbaren Boden gestoßen ist? Aber immerhin fanden Menschen diese Erinnerung so wertvoll, dass sie sie aufbewahrt haben und uns heute überliefern.

Er erinnert sie daran, dass Gott von Anbeginn der Schöpfung einen Plan mit den Menschen hat und dass Gott doch so groß ist, dass er sich verändern kann, dass er seine Gedanken revidieren kann. Er hat gespürt, dass die Menschen mit seinem Willen nicht zurechtkommen, mit seinen Geboten leben wollen, aber es oft nicht vermögen.

Und darum erinnert er sie an Jesus Christus, in dem Gott den Menschen besonders  nahe gekommen ist, sie besucht hat, mit ihnen gelebt und gelitten hat bis zum Tode am Kreuz. Nichts Anderes meint er mit seinem Bild vom Freikaufen. In Jesus Christus will Gott den Menschen den Weg leichter machen, ihm zu begegnen. Er will ihnen neue Wege eröffnen, ihm und seinem Willen zu begegnen. Er schafft eine Versöhnung, die Menschen nicht schaffen können, er bietet Liebe an, die für Menschen unmöglich erscheint. Er ist bereit, an den Menschen zu leiden und an ihnen zu sterben. Er will, dass wir spüren, dass wir als Personen geliebt werden, auch wenn vielleicht manches an uns so wenig liebenswert ist.

Der Schreiber, es ist wohl nicht der Apostel Petrus, schreibt an Gemeinden auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Sie leiden darunter, dass ihre Erwartungen nicht in Erfüllung gehen, dass ihre Hoffnung keine Früchte zeigt, dass ihre Liebe die Welt nicht grundlegend verändert. Sie glauben, lieben und hoffen und sehen, dass die Welt sich nicht verändert, dass für die Glaubenden nicht alles zum Besten steht. Das geht ihrem Glauben an die Substanz. Und darum will der Schreiber Petrus sie erinnern. Er will sie stärken und ihnen Mut machen. Sie dürfen selbstbewusst darauf vertrauen, dass sie Gottes geliebte Kinder sind und dass Gott mit ihnen geht.

Sie sind befreit von Zwängen, etwas sein zu müssen, etwas darstellen zu müssen. Sie sind versehen mit einer Freiheit, die man nicht für Geld kaufen kann. Sie dürfen sie selber sein und so leben als ChristInnen, von denen das Heil für die Welt ausgeht.

Ich muss mich nicht mehr ducken, ich muss mich nicht mehr schämen: ich bin befreit. Gott selber lädt mich an seinen Tisch in seine Gemeinde und darum brauche  ich niemandem mehr etwas vorzuspielen. Vor allem muss ich mir nichts mehr vormachen.

Ich darf so wie ich bin vor meinen Gott treten, darf so wie ich bin an seinen Tisch kommen und darf ihm alles sagen, was falsch ist in meinem Leben, bei mir.

Allerdings: Mit uns ist etwas passiert durch das Kreuz Christi. Unser Wesen hat sich verändert. Das ist das Seltsame am Kreuz Christi. Wer von diesem Kreuz redet und wer dem am Kreuz glaubt, der erlebt Mitleiden = Sympathie. Das Leiden Christi berührt ihn und das Leiden von Menschen berührt ihn. Wer das Kreuz Christi anschaut, kann nicht am Elend dieser Welt, an den vielen Kreuzen der Menschen vorbeisehen.

Das Kreuz zeigt wozu Menschen fähig sind. und das Kreuz zeigt wozu Gott fähig ist. Und das Kreuz verhindert, dass wir Gott nach unserem Bilde gestalten. Gott bleibt Gott. Er ist gerade auch im Leiden Herr des Geschehens und ist da für die Menschen. Von ihm können Menschen lernen, füreinander da zu sein.

Für den Schreiber Petrus ist dabei auch wichtig: Die Verkündigung muss in Schwung bleiben, Hoffnung will gelebt werden. Die Gefahr der Verflachung des Glaubens will ernst genommen werden. Was wissen wir noch davon, dass wir befreit und erlöst sind?

Weil Gott heilig ist, ist seine Gemeinde längst heilig und sie darf heilig leben. Heilig bedeutet: Ich gehöre zu Gott und ich kann aus seinem Wort her leben. Ich kann aus der Kraft des Wortes Gottes heraus, jeden neuen Tag fröhlich in Angriff nehmen, weil ich weiß, ich bin begleitet und behütet. Und weil ich weiß: Was gestern war, ist vorbei. Jeder neue Tag ist auch ein  Neubeginn mit mir in dem Versuch, das richtige zu tun und das Falsche zu lassen. Und weil ich weiß: Gott sieht alle meine Versuche mein Leben nach seinem Willen zu gestalten mit Freuden an.

Es geht um das Durchhalten in der Nachfolge Jesu Christi. Nicht nur Hand an den Pflug legen, auch vorwärts schauen. Ich will mein Leben nicht verpassen und ich will mit Gottes Liebe leben. Darum will ich immer wieder neu nach vorne schauen und meine Aufgaben anpacken, auch wenn ich mich manchmal dabei verhebe.

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