Gott mit uns

Predigt zur Christmette 2017 in der evangelischen Kirche in Gedern
Predigttext: Jesaja 7-10-14
10. Der HERR sprach weiter zu Ahas und sagte:
11. Erbitte dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, tief zur Unterwelt oder hoch nach oben hin!
12 Ahas antwortete: Ich werde um nichts bitten und den HERRN nicht versuchen.
13 Da sagte er: Hört doch, Haus Davids! Genügt es euch nicht, Menschen zu ermüden, dass ihr auch noch meinen Gott ermüdet?
14 Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.

Liebe Gemeinde,
ich war eigentlich dankbar, dass heute zur Christmette ein Predigttext aus dem Alten Testament vorgeschlagen wurde, sie haben ihn gehört.
Ich war dankbar, weil dieser Text uns nicht in diese Weihnachtsromantik von Krippe und Stall, und der Heiligen Familie mit dem holden Knaben mit lockigem Haar hineinführt. Da gerät man zu schnell ins Kitschige und übersieht, worum es beim Weihnachtsfest im Eigentlichen geht.
Immanuel, nicht Jesus, so war es prophezeit, lange bevor Jesus geboren wurde, aber das ist kein Widerspruch. Immanuel, das heißt übersetzt: Gott mit uns, spricht symbolisch aus, was die Geburt Jesu bedeutete und noch  immer bedeutet.
Damals galten diese Worte dem israelischen König Ahas unmittelbar vor einem Krieg gegen die Könige von Damaskus und Samaria. Aber wir wollen uns nicht lange mit Ahas aufhalten, nur so viel es sollte Ahas die Angst nehmen vor dem was kommen könnte. Mir gefällt das so nicht recht, denn ich denke bei diesem Zusammenhang, wie viele Menschen mit so einem „Gott mit uns“ in den Krieg geschickte werden. 2700 Jahre später erscheint mir diese Deutung eine Gotteslästerung zu sein.
Und trotzdem: „Gott mit uns“, das ist auch 2700 Jahre später ein starkes Zeichen gegen die Angst, ein starkes Zeichen zu seinem Glauben und zu seinen Überzeugungen zu stehen.
Seit Jesus, seit Gott Mensch wurde, dürfen wir sicher sein und darauf vertrauen, dass Gott kein ferner Weltenlenker ist, sondern ein Gott mit uns, ein Immanuel.
Immanuel, Gott mit uns, daran werden auch Josef und Maria gedacht als fromme Juden gedacht haben, als sie nach Bethlehem kamen, denn natürlich kannten sie diese berühmten Worte des Propheten Jesaja, die etwa 800 Jahre zuvor niedergeschrieben wurden.
Gott mit uns, das war auch die Weihnachtsbotschaft für Josef und Maria, die eigentlich nicht wussten, was die Zukunft bringen würde, nur eines war klar, diese kleine Familie würde in eine ungewisse und gefährliche Zukunft aufbrechen. Bald nach der Geburt mussten sie nach Ägypten fliehen.
Angst vor der Zukunft, Flucht in ein anderes Land, Flucht in eine unsichere Zukunft, das war die Realität beim ersten Heiligen Abend und nicht eine Krippenromantik, die Armut und Flucht nur einfach verklärt. Es war nichts Romantisches an diesem ersten Heiligen Abend, liebe Gemeinde, aber immerhin diese Hoffnung, dieser Glaube, dieses Vertrauen war da: Gott mit uns. Immanuel.
Aber ich will mich weder bei Ahas, noch hier bei der Heiligen Familie aufhalten, das ist lange her. Heilige Nacht und Weihnachten zu feiern, das macht nur Sinne, wenn es uns heute etwas sagt, wenn es uns heute anspricht, wenn es uns heute Nacht wichtig ist zu hören, dass Weihnachten bedeutet: Immanuel, Gott ist mit uns.
Denn natürlich stehen auch wir vor einer ungewissen Zukunft, nicht weil Zukunft immer ungewiss ist, sondern weil uns das zurückliegende Jahr durchaus erschüttert hat, in dem was an Terror, an Krieg geschah, indem wie instabil und somit unsicher die Welt geworden ist, und zwar nicht nur für andere, fremde Menschen, sondern hier auch für uns.
Europa in der Krise, keine Regierung in unserem lange Jahre reichen Musterland, wie wird das weitergehen?
Es braucht Menschen, die sich sorgen, aber die gleichwohl furchtlos bleiben, weil sie fest darauf vertrauen, dass Gott mit uns ist, Immanuel.
Es braucht Menschen, die ihren Glauben leben, unerschütterlich auch in dieser Welt. Gott will im Dunkeln wohnen. Immanuel. Nicht Gott ist für die Dunkelheit verantwortlich, sondern, und da hilft uns die Geschichte von dem König Ahas dann doch, weil zwar Gott bei uns Menschen ist, aber die Menschen, sich von Gott, von Jesus und dem was er gelebt und gesagt hat, abgewendet haben.
Wir leben in der Zeit des puren Egoismus. Privat, ist jedem das eigene Hemd am Nächsten, es wird immer schwieriger ehrenamtliche Mitarbeiter in Vereinen und Kirchen zu finden, wirtschaftlich, denn eigentlich geht es doch nur darum Aktionäre glücklich zu machen und die Gewinne in Panama und Paradise Papers am Allgemeinwohl vorbei zu lenken. Wer an die großen Bauvorhaben in Stuttgart, Hamburg und Berlin denkt, der bekommt eine Ahnung wie korrupt und egoistisch das alles geworden ist.
Wir leben auch gesellschaftlich in einer Zeit des Egoismus pur, wenn sie nur einmal daran denken, dass es offenbar unmöglich ist, in einem nicht geeinten Europa Menschen, die unter erbärmlichsten Verhältnissen in Libyen gedemütigt und gefoltert werden, in andere Länder unterzubringen.
Immanuel , Gott ist mit uns, das ist Weihnachten, aber natürlich darf der Gott der Mensch wurde, dieser Gott mit uns, nicht als Wohlfühlpackung für die eigene Seele verstanden werden, sondern als ein Auftrag dafür zu sorgen, dass Gerechtigkeit und Friede einziehen, nicht nur bei uns, sondern in aller Welt und für alle Menschen.
Gott kann nicht mit uns sein, wenn wir uns dem Elend der Menschen entziehen, Gott kann nicht mit uns sein, wenn wir als Christen mutlos und kleingläubig schweigen zu Ausgrenzung und Nationalismus in unserem Land, weil wir den Gegenwind fürchten, weil wir es dann doch lieber bequem in unserer Kirchenbank haben.
Immanuel, Gott mit uns, das ist die Botschaft von Weihnachten und sie meint, weil Gott Mensch wurde, weil Gott mit uns ist, weil er kein ferner Weltenlenker ist, sondern uns liebt, darum müssen wir uns vor nichts fürchten, darum können und dürfen wir gegen das Unrecht und für Gerechtigkeit in der Welt eintreten und argumentieren.
Auch darum haben wir ihnen heute Nacht diese Postkarten ausgeteilt, in der Kirche und Diakonie dagegen protestieren, dass es in nahezu allen verantwortlichen Parteien gemeinsame Strategie ist, den Familiennachzug bei schutzberechtigten Menschen zu verbieten.
Häufig sind die Familien auf der Flucht getrennt worden, häufig ist dass Kinder hier allein leben, währen der Vater in Schweden ist und die Mutter noch in Italien, und trotzdem will man diese Familienzusammenführung nicht.
Christsein darf unerschrocken sein, weil Gott mit uns ist, Immanuel und darum ist es mir ein völliges Rätsel, wie man sich abends vor die Krippe setzen kann, wie man fröhlich das Fest der Heiligen Familie begehen kann und gleichzeitig dagegen ist, dass Familien hier zusammen und gemeinsam leben dürfen.
Und wenn die Speerspitze dieses familienfeindlichen Handelns, eine bayerische Partei ist, die ihre Christlichkeit im Parteinamen hat, dann ist das und dann bleibt das schlicht und ergreifend Gotteslästerung.
Immanuel, Gott mit uns, kann nicht bedeuten, dass er nur bei uns ist, dass wir ihn als Besitz sehen, sondern dafür eintreten, dass wir im Namen Gottes mit diesen Menschen sind.
Wenn Gott heute zur Welt käme müssten wir ihn nicht in unseren Kirchen und reichen Ländern suchen, wir müssten ihn suchen in einem dieser Lager ins Libyen, auf einem Boot im Mittelmeer, oder irgendwo in den Alpen, wo Menschen selbst im Winter versuchen Italien zu verlassen und in ein sicheres Land zu kommen.
Mit dem Propheten Jesaja damals frage ich alle Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft: Genügt es euch nicht Menschen gleichgültig gegenüber zu sein, müsst ihr auch noch Gott gegenüber gleichgültig sein?
Siehe ich will euch ein Zeichen geben. Eine Jungfrau wird ein Kind gebären und ihm den Namen Immanuel geben.
Gott will im Dunkeln wohnen, damit er es erhellen kann, damit Licht in diese Dunkelheit kommt, Liebe in diese Gleichgültigkeit. Weihnachten findet bei den Ärmsten statt und nicht bei Amazon.
Immanuel, Gott mit uns, als Kind geboren, das ist das Zeichen. Jetzt müssen wir es nur noch verstehen und in unsere Herzen lassen.
Stille Nacht Heilige Nacht, auch das gehört zu Weihnachten dazu und es soll uns nicht genommen werden. Vielleicht mag einer denken, das war keine schöne, romantische Weihnachtspredigt, aber ich hoffe dass mancher auch denkt, das war eine notwendige, eine wichtige, denn es war eine Predigt, die uns heraus aus der Mutlosigkeit und dem Kleinglauben ruft, heraus aus der Bequemlichkeit und heraus aus der Furcht anzuecken.
Gott ist mit uns. Immanuel. Er wurde Mensch, weil er uns liebt, nun dürfen wir beginnen selbst menschlicher zu werden.
Ein Schüler Jesajas, der ihn verstanden hat, wird dreihundert Jahre später schreiben:
Mache dich auf, werde Licht! denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir.
Darum lasst uns Licht bringen in die Dunkelheit dieser Welt, damit nichts im Dunkeln bleibt und damit es Licht wird und hell für Menschen, die aus dem Blickfeld der Welt verschwunden sind.
Amen.

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