Sehnsucht

O komm, o komm, du Morgenstern – Liedpredigt 2. Advent 10.12.17 St. Sebald Nürnberg

 

Schon längst steht sie in der Zimmerecke, die schöne, alte Wiege.

Wie viele Kinder haben schon darin gelegen.

Und nun bald auch ihres!

Die Kommode daneben ist gefüllt mit Wäsche und Windeln,

die Tasche für die Klinik fertig gepackt.

Immer, wenn das Baby sich in ihrem Bauch bewegt, legt sie ihre Hand darauf.

O komm doch endlich, sagt sie dann zu ihrem ungeborenen Kind.

Angst hab ich schon vor der Geburt, aber ich freu mich so.

Ich kann es nicht mehr erwarten, dich endlich im Arm zu halten.

Komm doch!

 

Warten voller Sehnsucht und Hoffnung.

So oder ähnlich wurden wir von unseren Müttern erwartet,

nicht nur unser Taufkind Valentin.

Geduldiges Warten.

Keine Geburt kommt schneller, weil die Mutter ungeduldig ist.

Kein Weihnachtsfest kommt früher,

weil das Kind die Türchen am Kalender alle auf einmal öffnet.

Warten voller Sehnsucht und Hoffnung.

Das ist Advent.

 

Und worauf warten Sie?

Welche Hoffnung, welche Sehnsucht wohnt in einem Winkel Ihres Herzens?

Vielleicht steigt Ihre Sehnsucht auf, wenn wir nun nach und nach ein Sehnsuchtslied singen.

Wunderschön in Wort und Melodie.

Es kommt aus der anglikanischen Kirche und hat eine alte französische Melodie,

O komm, o komm, du Morgenstern, lass uns dich schauen, unsern Herrn.

 

Strophe 1: O komm, o komm du Morgenstern, lass uns dich schauen, unsern Herrn. Vertreib das Dunkel unsrer Nacht durch deines klaren Lichtes Pracht.

Freut euch, freut euch, der Herr ist nah, freut euch und singt Halleluja.

 

Über Nürnberg wird es nie richtig dunkel.

Wer aber im zu Ende gehenden Jahr eine Nacht durchwacht hat,

an einem Krankenbett vielleicht.

Oder wer vor lauter Sorgen bis zum Morgengrauen nicht schlafen konnte,

der weiß um die Sehnsucht dieser Worte:

O komm, o komm, du Morgenstern. Vertreib das Dunkel unsrer Nacht.

Wenn der Morgenstern endlich am Himmel erscheint,

dann ist der Zenit der Nacht überschritten.

Dann naht die Hoffnung: Der Morgen kommt.

Die Nacht des Weinens geht vorüber.

Ein Licht wird aufschimmern am Horizont und sich Bahn brechen

und einen neuen Tag herbeileuchten,

einen neuen Tag und neues Glück, vielleicht, hoffentlich.

 

So hoffen Menschen seit Jahrhunderten auf Rettung und Erlösung.

Eigentlich verrückt. In jedem Advent wieder neu.

Warten auf Jesus, den Morgenstern,

auf Jesus, das Gesicht, mit dem Gott uns ansieht.

Voller Verständnis, voller Liebe:

Was bekümmert Dich? Was fehlt Dir? Worauf wartest Du?

O komm, o komm, du Morgenstern! Vertreib das Dunkel unsrer Nacht!

 

Sehnsucht bricht sich Bahn.

Das ist das Wunder am Advent und sein Rätsel zugleich:

Wir warten auf einen, der kommen wird.

Und wir feiern zugleich, dass er schon da ist.

Wir erwarten den, der schon gekommen ist.

Wunder und Rätsel.

Aber es ist für uns kein Ge­heimnis mehr, wer da kommen wird.

 

 

Strophe 2: O komm, du Sohn aus Davids Stamm,

du Friedensbringer, Osterlamm.

Von Schuld und Knechtschaft mach uns frei und von des Bösen Tyrannei.

 

Wann endlich kommt mein Bescheid?

Jeden Tag geht er zum Pförtner und fragt in seinem gebrochenem Deutsch nach der Post.

Wieder ein Kopfschütteln. Wieder kein Brief für ihn.

Wochen, bald Monate ist das Interview nun schon her – und er will nur eines:

Anerkannt werden. Den Deutschkurs besuchen. Arbeiten dürfen.

Raus aus diesem Heim mit den vielen Betten im Zimmer,

der bedrängenden Enge und geballten Hoffnungslosigkeit.

Wann endlich? Wann kommt der Brief?

 

Das Herz zieht sich zusammen vor Sehnsucht.

Alle Sinne und Gedanken kreisen nur um eines.

Minuten werden zu Stunden, Tage zu Wochen.

Du Friedensbringer, Osterlamm.

Von Schuld und Knechtschaft mach uns frei. Und von des Bösen Tyrannei.

 

In zwei Situationen haben Künstler und Bildhauer Jesus am häufigsten dargestellt,

beide Male in absoluter Ohnmacht.

Auch in unserer Kirche, schauen Sie sich nur um.

Was ist hilfloser als ein neugebore­nes Kind?

Und wer ist ohnmächtiger als ein zum Tode Verurteilter?

Nur so kann Friede kommen, in der Wehrlosig­keit Gottes,

der mit allen Kindern ist, die sich selbst nicht wehren können.

Nur so kann Friede kommen, in der Wehrlo­sigkeit Got­tes,

der mit allen Sterbenden ist, die sich selbst nicht helfen können.

Nur so kann Friede kommen –

und diese Wehrlosigkeit Gottes ist schwer zu begreifen und noch schwerer auszuhalten.

 

Du Friedensbringer, Osterlamm.

Ja, wir warten voller Sehnsucht auf Dich, Jesus, und Deinen Frieden,

dass er unsere Welt erwärmt und erleuchtet.

Die große Welt und auch unsere kleine.

Wir warten und geben die Hoffnung nicht auf.

Friedensbringer, Osterlamm.

Du hast doch selbst im Dunkeln gewohnt und hast selbst der Not ins Auge gesehen.

Du weißt, wie es uns geht.

O komm und mach uns frei!

 

Strophe 3: O komm, o Herr, bleib bis ans End,

bis dass uns nichts mehr von dir trennt,

bis dich, wie es dein Wort verheißt, der Freien Lied ohn‘ Ende preist.

 

Die Vorübergehenden müssen schmunzeln.

Dick eingepackt mit Mütze und Schal sitzt er auf dem Pfosten am Gartentor.

Einen Stern aus Glitzerfolie, selbst gebastelt, hält er fest in der Hand.

Ein wenig hat der schon gelitten, leicht verknickt an den Zacken und eingerissen.

Aber er will ihn unbedingt sofort der Oma schenken, wenn sie kommt.

Wenn sie endlich kommt. Wo bleibt sie nur?

Mama hat gesagt: Erst morgen, komm doch wieder rein.

Aber so lange kann er doch nicht im Haus warten.

Ach Oma, komm doch endlich!

 

Was tun Menschen, wenn sie warten?

Abwarten und Tee trinken?

In eilige Geschäftigkeit verfallen?

Die Hände in den Schoß legen?

Oder tätig sein und dem Ziel der Sehnsucht entgegengehen?

 

Diese unsere Kirche und alle alten Kathedralen sind ein Zeugnis dafür.

Für tätiges Warten, für Sehnsucht und Hoffnung:

Gott kommt zu uns, das ist der Kern der Hoffnung

– nicht nur im Advent -, und für ihn bauen wir ein Haus.

Ein Haus, in dem aus Sehnsucht Mauern werden und aus Hoffnung Säulen und Bilder.

 

Sehnen und hoffen, dass Gott hier zu uns spricht,

dass da einer kommt aus unsichtbaren Welten

und mein kleines Herz in die Hand nimmt, tröstet und stärkt.

Weit macht und froh. Verbindet und heilt.

Ein Haus für die Sehnsucht.

 

Und darin erklingen die Lieder, die alten,

die schon unsere Urururgroßeltern gesungen haben mit ihren Eltern.

Weil in der Musik das  Licht die Dunkelheit vertreibt.

Weil Singen die Einsamkeit verscheucht.

Weil Melodien die Traurigkeit verwehen.

Damit wir nicht vergeblich warten.

O komm o komm, du Morgenstern.

 

Sehnsucht wird zum Lied, Sehnsucht wird zum Gebet.

Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir.

So hat es der Kirchenvater Augustin gesagt.

Es ist die Sehnsucht unserer unvollkommenen Herzen,

die nie ganz sind,

bis wir endlich einmal zu Hause sind bei Gott;

nein, bis er endlich einmal zu Hause ist bei uns.

O komm, o Herr, bleib bis ans End, bis dass uns nichts mehr von dir trennt,

 

Sehnsucht bricht sich Bahn.

Bis hin zu dem großen Advent Gottes,  wenn alles Fragen zu Ende ist

und unsere Sehnsucht an ihr großes Ziel kommt.

Auch – und gerade – unsere unerfüllte Sehnsucht,

alles vergebliches Warten, alle Enttäuschung und Leere.

Wir gehen dem entgegen, auf den wir warten.

Nein.

Er geht uns entgegen. Er ist schon auf dem Weg.

Darum: Machet die Tore weit!

Amen.

 

 

Pfarrerin Annette Lichtenfeld lichtenfeld@sebalduskirche.de

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