Wer ist Jesus für mich?

Reformationstag – 500 Jahre Thesenanschlag, dieser Feiertag ist nun vorbei. Aber es wäre schade, wenn uns nicht manches davon erhalten bleibt. Eins davon kann die Frage sein: Wer ist Jesus für mich?

Wer über Reformation nachdenkt, erinnert natürlich auch an Streit und Krieg, Bauernaufstände und 30-jährigen Krieg. Und der Stachel bleibt tief im Fleisch stecken. Hat das Eine was mit dem Anderen zu tun oder waren die Zeiten der Religionskriegen halt nur Zeichen einer Zeit, in der Konflikte weniger mit Verstand und lieber mit Waffen ausgetragen wurden?

Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein, haben die Kirchen nach dem 2. Weltkrieg formuliert. Selbstverständlich richtig, sagen wir heute. Aber stimmt das?

Ist wirklich Frieden um jeden Preis Inhalt christlicher Geisteshaltung. Das kann man fragen, wenn man Jesus zuhört. Aber es lohnt sich auch genau hinzuhören:

34 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. 35 Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. 36 Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. 37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. 38 Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. 39 Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

Ein Teil der Aussendungsrede, der Rede mit der er sie auf die Zeit nach Tod und Auferstehung vorbereitet. Jesus sendet seine Jünger in schwieriges Umfeld. Er bereitet sie darauf vor, dass sie nicht nur Begeisterung und Liebe erwarten. Da erwarten sie die Menschen, die so sind, wie sie sind. Da wird es auch scharfe und schlimme Brüche geben – und das beginnt in der eigenen Familie.
Das sind Erfahrungen, die Menschen machen müssen, dass eine Entscheidung für Christus nicht nur Freude provoziert und nicht nur Freunde macht. Da spüren Menschen, die Jesus nachfolgen, dass es nicht immer nur reicht, friedfertig zu sein, dass man mit der Aggressivität der Menschen umgehen muss, dass man damit rechnen muss, dass Andere wütend werden, unbarmherzig oder einfach nur gedankenlos. Da muss man Kränkungen hinnehmen, Beleidigungen aushalten und auch damit leben, wenn man geschnitten wird.

Aber so ist das, wenn Schwestern und Brüder bedroht werden, wenn ChristInnen Verfolgung und körperliche Gewalt um ihres Glaubens Willen erleben egal ob in der Türke, China oder Saudi-Arabien und Katar.

Das Wort vom Schwert bedeutet allerdings nicht, dass sich die Gemeinde bewaffnen muss. Es bleibt das klare Wort Jesu an Petrus, sein Schwert wieder in die Scheide zu stecken. Und dieses Wort bleibt auch Jesu Wort an seine Gemeinde.

Jesus hinterlässt uns also ein ewiges Dilemma: Um Gottes Willen darf es keinen Krieg geben, um der Menschen willen könnte es sein, dass es Gewalt geben muss, die Menschen in Not und Gefahr hilft ihr Leben würdig zu leben. Diese entscheidende Frage muss sich jeder stellen lassen, wenn er Gewalt verteidigt, egal ob politische Gewalt, staatliche Gewalt private Gewalt. Hilft sie Menschen würdig zu leben? und die andere Hätte es wirklich keine Alternative gegeben?

Und jeder Christenmensch muss sich fragen lassen nach seiner Verantwortung für den Zustand von Gottes Schöpfung. Das, was wir sehen ist nicht die Welt, wie Gott sie gemeint hat. Menschen haben aus ihr einen Ort gemacht, an dem es Einigen immer besser geht – auf Kosten der Vielen, denen es immer schlechter geht.

Und ich denke darum geht es Jesus wirklich, dass er mir deutlich macht, dass ich für Vieles im Leben keinen allgemeingültigen ewigen Regeln gibt, sondern dass ich mein Gewissen schon selber bemühen muss, um herauszufinden, was richtig und was falsch ist – in meinem Leben.

Und ich muss anerkennen, dass mein Leben ein Leben zwischen den Zeiten ist. Der Sohn wohnt mitten unter uns, aber sein Reich ist noch nicht endgültig aufgerichtet unter uns. Es ist noch im Werden und darum ist auch nicht alles, was wir erleben Gottes Wille mit uns. Ja, manches widerspricht ihm sogar.

Aber das passt: Auch Jesus ist nicht einfach Friedensprophet. Er bringt auch Streit und widerspricht allen Menschen, die Frieden und Ruhe um jeden Preis haben wollen. Seine Liebe stößt Menschen vor den Kopf, verärgert Menschen, die der Meinung sind, sie machen alles richtig und verdienten darum eine extragute Behandlung, während Andere sich doch eher hinten anstellen müssten.

Er stößt auch Menschen zurück: damals wie heute. Wir spüren ja heute noch seine Ungerechtigkeit, die er Liebe nennt, wie er sich in besonderem Maße Menschen zuwendet, weil sie ihn brauchen und dafür auch Menschen links liegen lässt, die seine Zuwendung verdient hätten.

Und wir spüren es in unserem Alltag: Wer in Jesu Namen für die Armen kämpft, muss den Reichtum bekämpfen. Zumindest seine Auswüchse. Wer in der Liebe Jesus leben will, kann es nicht gut heißen, dass Menschen arm sind, dass sie kämpfen müssen, um zu überleben, während Andere im Überfluss leben. Wer Liebe lebt, lässt sich nicht mit Erklärungen abspeisen, warum das so sein müsse. Er sieht, dass das nicht dem Willen Gottes entspricht. So wenig wie Krieg nach Gottes Willen sein darf, so wenig darf auch Armut nach Gottes Willen sein.

Das Evangelium von Jesus Christus zwingt mitunter auch in den Kampf für Benachteiligte, für gerechte Lebensverhältnisse. Und es zwingt dazu Widerstände auszuhalten um Gottes Willen und um der Menschen Willen.

Kirche ist kein Wohlfühlverein, sondern manchmal auch Kampfgemeinschaft. Nicht Kampf um Positionen, aber Kampf um Menschlichkeit, um Liebe, die wachsen und blühen kann, wenn wir sie zulassen.

Das Kreuztragen ist Teil der christlichen Existenz heute. Trotzdem sollen JüngerInnen mit dem Friedengruß jedes Haus betreten. Wir dürfen darauf vertrauen, dass überall der Geist Gottes wohnt. Aber wir müssen leider auch damit rechnen, dass Menschen den Wunsch nach Frieden mit Krieg beantworten.

drucken