Lasst euch nicht fertigmachen

500 Jahre sind seit dem Anschlag der Thesen vergangen. Es ist im Übrigen bezeichnend für die Reformation, dass der Termin des Thesenanschlags im Mittelpunkt steht. Es ging bei der Reformation nie um Gründung einer neuen Kirche, sondern immer um Erneuerung, Erneuerung der Kirche, Erneuerung des einzelnen Menschen. Es ging auch nicht um Persönlichkeitskult, obwohl manche nur noch Martin Luther kennen, wenn von Reformation die Rede ist. Im Mittelpunkt stand und steht die Erneuerung, die aus der Rückbesinnung auf Gottes Wort, auf die Bibel kommt. Im Mittelpunkt stehen darum diese Thesen, die Missstände anprangern und reparieren wollen.

Darum ist es für die evangelische Kirche seit 500 Jahren so zentral vor allen Dingen erst einmal auf Gottes Wort zu hören. Was will Gott von uns? Wie kann Kirche nach dem Willen Gottes aussehen? Das sind die zentralen Fragen. Darum dürfen auch wir heute zu Beginn der ‚Nacht der Reformation‘ erst einmal auf das Wort Gottes, auf die Worte Jesu und auch menschliche Gedanken dazu hören:

26 Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. 27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. 28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. 29 Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. 32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. 33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

Diese Predigt Jesu ist auch eine Anleitung, wie man reformatorisch leben kann. Aber sie ist auch eine Warnung: Das Leben im Geiste und in der Nachfolge Christi ist gefährlich. Jesus sagt klar, dass er weiß, wie gefährdet er selber ist und dass er weiß wie gefährdet die Menschen sind, die ihm nachfolgen. Er nimmt das ernst, auch wenn er sagt, es gäbe Schlimmeres als, dass Menschen getötet werden. Das klingt lebensverachtend, ist es aber nicht. Es ist wie in Martin Luthers Lied 362,1-4 Ein feste Burg ist unser Gott in der 4. Strophe: ‚Nehmen sie den Leib …. Lass fahren dahin ..‘

Das ist nicht einfach so daher gedichtet. Das ist ernst gemeint, das hat Martin Luther mit seinem Leben belegt. Das haben auch andere mit ihrem Leben belegt. Menschen, die für ihren Glauben sich und die Ihren in Gefahr gebracht haben. Da gab es Berühmte wie Bonhoeffer, da gibt es aber auch die Namenlosen, die heute noch in Ägypten oder in der Türkei, in Myanmar oder im Iran ihrem Glauben treu bleiben. Und sie stellen mir damit Fragen. Sie stellen die Frage nach meinem Mut, nach meiner Bereitschaft einzutreten für den Glauben, für die Gemeinde, einzustehen mit meinem guten Ruf und mit allem, was mir etwas bedeutet.

Reformationstag ist darum auch immer verbunden mit der Frage Jesu an mich: Was bedeutet dir der Glaube, was wärest du bereit zu investieren? Und: Jesus erwartet keine Antwort von mir, zumindest nicht über die Antwort hinaus, die ich mir selbst gebe.

Stattdessen erzählt er mir etwas über meinen Wert – unabhängig von meiner Antwort: Die Sperlinge, die Spatzen waren der Braten des kleinen Mannes. Klein billig, unbedeutend. Aber auch sie sind in Gottes Hand. Wenn sie schon Gott so viel wert sind und die Haare auf eurem Kopf auch, um wieviel mehr wert seid ihr bei Gott.

Von Jesus hören wir, wie viel wir wert sind, bei Gott. Wir dürfen staunend unser Leben gestalten in dem Bewusstsein, dass Gott mit uns ist.

Und dann spüren wir, was reformatorisches Leben bedeutet: Das Evangelium muss klar und lauter verkündet werden. Das bringt persönliche Risiken. Aber das bringt auch gleichzeitig das Selbstbewusstsein: Ich darf mich darauf verlassen, dass der Gott, der Haare schafft und Sperlinge beschützt, auch über mich seine Hand hält.

Den Jüngern wird zugesagt, dass sie Beistand und Ermutigung haben. Der Geist wird ihnen helfen, die richtigen Worte, die richtigen Gesten, die richtige Einstellung zu haben. Und Gott wird sie begleiten, seine Hand über sie halten, bei ihnen sein, gerade auch dort, wo sie leiden um ihres Glaubens willen.

Darum müssen die JüngerInnen nicht kneifen. Sie dürfen sich mit ihren Defiziten erhobenen Hauptes ChristInnen nennen. Sie dürfen ja sagen auch zu ihren Schwächen. Sie dürfen damit leben, dass durch sie nicht die ganze Welt besser wird.

Und trotzdem dürfen sie dankbar annehmen, was ihrem Glauben alles zugetraut wird. Wie wir uns zu Christus verhalten, so verhält er sich zu uns. Er legt die Verkündigung seines Wortes in unsere Hände und Münder. Und darum sind es nicht einfach Menschenworte, wenn wir von Gott reden. Es sind Worte die uns unser Herr eingibt. Immer da wo Menschen von Gott reden, ist Gottes Geist mit ihnen. Und darum müssen wir uns nicht schwach oder unbedeutend fühlen, sondern dürfen als BotInnen des Herrn seine Botschaft in die Welt tragen.

Die Kirche führt die Predigt Jesu fort, sie darf in seinem Namen Wort Gottes verkünden und Menschen zur Seligkeit verhelfen. Sie darf sich aus der Deckung wagen und von Gott reden und sein Geist wird in ihr sein.

Mit diesem Bewusstsein hat auch Martin Luther geredet. Wir dürfen ihm glauben, dass er an diesem 31.10.1517 nicht wusste, was da beginnt mit der Veröffentlichung seiner Thesen, seiner Ansichten zum Thema Schuldvergebung und Glauben.

Aber er hat angefangen, weil er spürte: Das muss jetzt sein – um Gottes Willen.

Ihm war es dann auch gegeben durchzuhalten, als es schwer wurde. Für ihn war das bitterer Ernst: Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib. Seien wir froh und dankbar, wenn das nicht unsere Situation ist. Und sagen umso fröhlicher, was gesagt werden muss in dieser Welt, die sich so gottlos gebärdet: Die Botschaft von diesem, Herrn, der jedes Haar gezählt hat und jeden Spatzen bewahrt, der darum auch für uns da ist.

Lasst euch nicht fertigmachen, ist die Botschaft Jesu an uns, die wir leben dürfen, heute und alle Tage.

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