Über die Wahrheit und Freiheit

Predigt anlässlich des Jubiläums von 500 Jahren Reformation in Deutschland in Widdershausen

am 31.10.2017

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Vor 500 Jahren, am 31.10.1517, hat unser Reformator Martin Luther, zu dieser Zeit noch Augustinermönch und Professor der Theologie in Wittenberg, 95 Thesen zum wissenschaftlichen Disputieren, also dem akademischen Streit über Sinn und Zweck des käuflichen Ablasses, dem Erlass von Sünden an die Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen.

„Wenn das Geld im Kasten springt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“ (These 28), so bringt es eine These als Merksatz auf den Punkt

Der dabei benutzte Hammer hämmerte mit den angeschlagen Thesen den Beginn einer neuen historischen Epoche in die Weltgeschichte. Durch Martin Luther und seinen 95 Thesen über Ablass und Gnade breitete sich die Reformation, die Erneuerung der mittelalterlichen Kirche durch Luthers neue Lehre über die Gnade, die innovativ und radikal war, in  wahnsinnig hoher Geschwindigkeit im 16.Jahrhundert aus.

Der kurz zuvor von Johannes Gutenberg in Mainz erfundene Buchdruck beschleunigte die rasante Verbreitung von Luthers Ideen, Traktaten und Schriften und die seiner Mitstreiter immens.

Das Genie Luthers bestand u.a. darin –nicht als Erster- aber als Erster mit Vehemenz, Ausdauer  und breiter Unterstützung dem Volk aufs Maul zu schauen, und viele seiner Schriften dann in deutscher Sprache zu veröffentlichen.

Er schreibt dazu:

„Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll deutsch reden, sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und den selbigen aufs Maul sehen, wie sie reden, und danach dolmetschen, so verstehen sie es denn und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.“ (Martin Luther, Sendbrief vom Dolmetschen, 1530)

Seine kulturelle, politische und bildungspolitische Leistung –auch und was die grandiose Übersetzungsleistung anbelangt – der Bibel ins Deutsche, ist nicht hoch genug anzusehen.

Allein die schönen Bilder und Redewendungen wie  „Perlen vor die Säue werfen“, „Stein des Anstoßes“,ein Herz und eine Seele, “die Haare zu Berge stehen”, “Himmel und Erde in Bewegung zu setzen“ oder das berühmte “dem Volk aufs Maul schauen, um zu verstehen, was die Menschen denken, fühlen und erleben, sind meisterhafte Sprachschöpfungen.  Oder denken sie an die Bilder, Metaphern und Sprache des 23.Psalms, in dem Gott als der gute Hirte beschrieben wird. So wort- und bildgewaltig wie Martin Luther hat fast niemand die Deutsche Sprache geprägt. Das war ein Jahrtausendwerk, die Übersetzung der Bibel ins Deutsche.

Zunächst hatte er das Neue Testament von 1521 bis 1522, als Junker Jörg getarnt,  hier nicht weit von uns auf der Wartburg übersetzt und dann schlussendlich bis 1534 die komplette Bibel ins Deutsche übertragen. Bis dahin hatte sich die neue lutherische und evangelische Kirchenlehre, die von der seligmachenden Gnade des Glaubens an das Evangelium von Jesus Christus verkündete, in vielen Territorien und weltoffenen Städten des damaligen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, aber bald auch in großen Teilen Europas als Protestantismus rasant verbreitet und sich auch faktisch als neue Glaubenslehre durchgesetzt.

Der Kern der religiösen Lehre Luthers ist die theologische Erkenntnis, dass der Gläubige, der einzelne religiöse Mensch und Christ von Gott in und durch seine unermessliche Gnade schon immer angenommen und als gut befunden ist. Dafür braucht es keine frommen Werke oder gar irgendeinen käuflichen Sündenerlass.  Denn diese im Glauben geschenkte Gnade und Barmherzigkeit wird durch Jesus Christus an uns geschenkt. Die elementare Voraussetzung dafür ist zu glauben. Wer dies glaubt, der wird selig. (Römer 1,16)

Der Gerechte wird aus Glauben leben und von Gott gerecht gesprochen, so heißt es beim Apostel Paulus (Römer 1,16)

Gott in und durch seine Güte spricht mich fehlerhaften, sündigen und korrupten Menschen gut und frei.

Das ist die reformatorische Erkenntnis.

Ich bin frei, Gott schenkt mir seine Gnade und Liebe und das alles geschieht ohne einen Mittler, direkt und konkret im Glauben.

Und dies hat zur Folge, dass niemand  zwischen mir und Gott steht, keine Amtskirche, kein Priester oder Pfarrer, kein Mönch oder Nonne, schon gar keine Bischöfe und/oder der römische Papst.

Diese reformatorische Erkenntnis war so spektakulär und neu, dass sie in ihrer elementaren Grundausrichtung bis heute gilt.

Evangelische Christen sind letztlich nur ihrem Glauben und ihrem Gewissen verpflichtet.

In seiner Spitze mit Luthers berühmten Satz auf dem Reichstag zu Worms gesprochen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir . Amen.

Nochmal: Zur evangelischen Lehre gehört bis heute: Nur Jesus Christus mein Bruder und Erlöser ist für mich und mein Seelenheil verantwortlich. Ihm, diesem Herrn Jesus Christus, meinem Heiland und Retter, ihm allein dienen mein Gewissen und mein evangelischer Glaube. Ansonsten bin ich frei. Das bezeugt der Apostel Paulus u.a. im Römerbrief. Für uns Protestanten Quelle und Dreh- und Angelpunkt des Glaubens.

Unendlich frei durch meinen Glauben und Gottes Güte und Gnade. Ich besitze mit Luther gesprochen  die Freiheit eines Christenmenschen.

Das war und ist bis in die heutige Zeit religiös wegweisend und revolutionär. Und dieser existentielle und persönliche und unmittelbare Zugang zu Gott über den persönlichen Glauben, über Gebet und Bibelstudium gilt als Weg des Protestantismus bis in die heutige Zeit.

Diese Form des christlichen Glaubens bietet nicht nur absolute Freiheit, sondern bindet den Gläubigen auch mit einem hohen Maß an Verantwortung für und in dieser Freiheit. Das Gewissen ist entscheidend.

Freiheit geschieht hier nicht im luftleeren Raum oder als anarchistisches Credo, auch nicht im banalen Sinn meine neu gewonnene Freiheit durch Lust- und Laune-Aktionen zu genießen.

Diese Freiheit bindet sich an Gott, sie ist normiert durch Glaube und Gebote und hat darin ihre Verantwortung vor Gott, vor allem gegenüber unserem Nächsten.

Liebe Schwestern und Brüder und Freunde von nah und fern,  wir sind nun nach der religiösen Lehre unserer Kirche, der evangelischen Kirche und dem evangelischen Glauben, der nach offizieller Lesart heute 500 Jahre alt wird,  im religiösen Sinn schon lange erwachsen und auch frei. Unser eigen verantworteter Weg ins Leben beginnt täglich neu, denn wir haben Verantwortung zu übernehmen und Liebe zu üben.

Wir  besitzen mit Martin Luther gesprochen, die Freiheit eines Christenmenschen.

Diese Freiheit  bedeutet einerseits religiöse Bestätigung, seelischen  Halt, gläubige Orientierung und Glaubenskraft, aber auch Freiheit zum eignen Glauben. Wir praktizieren hoffentlich einen Glauben, der voller Hoffnung und Zuversicht ist und bleibt, der auch im Gewissen frei macht und Kraft gibt im und für das Leben, aber vor allem für die Liebe. Dem wichtigsten Sakrament des Lebens. Die erlebte und gelebte, die empfangene und gegebene Liebe im Leben zählen.

Keiner kann über unsere Gedanken, Ideen und Gefühle herrschen, wenn Gott uns im und durch den Glauben an Jesus Christus befreit hat.

Freiheit ist meiner Meinung nach die  zentrale Botschaft unsers Glaubens.

Und diese Freiheit hat auch einen Vers in der Bibel:

Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.

(2.Korinther 3,17)

und ein Wort Jesu: …und ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen. (Johannes 8,32)

Wirkliche Freiheit ist unendlich viel mehr als banal festzustellen „glücklich“ zu sein oder Hauptsache gesund als Lebenscredo von sich zu geben oder sich die banale finanzielle Freiheit zu nehmen sich aus der Verantwortung zu stehlen und aus der Kirche auszutreten, weil es die einzige Steuer ist über deren Zahlung ich selbst bestimmen kann.

Doch ich will das Wort FREIHEIT einmal mit Begriffen, andern Worten und Inhalten füllen und durchbuchstabieren. Immer als Auswahl fürs gute von Gott geschenkte Leben, das frei macht und von uns auch selbst verantwortet:

Alle hier wünschen sich eine Freiheit des Glaubens, eine Freiheit zur Glaubensausübung mit

 

F wie Familie, die wir lieben und die uns liebt. Da kann ich immer wieder hin gehen. Dort bin ich so wie ich bin. Liebe ist das Sakrament des Lebens.

F wie Freunde, am besten von frühster Jugend auf und ein Leben lang. Freunde, die uns manchmal länger begleiten als unsere Partner.

 

Wir beten und hoffen für uns alle um

F wie Frieden, den die Welt bitter nötig hat. Jede Anstrengung für den Frieden ist notwendig. Kein Weg sollte dafür zu weit sein. Frieden lohnt sich immer und ist ein hohes Gut.

F wie Freude. Freude am Leben, Freude an der Liebe, Freude über jeden einzelnen von uns, weil wir so sind wie sind mit Ecken und Kanten, mit Gaben und Talenten. Jeder Einzelne ein Ebenbild Gottes.

R wie Religion, unsere Religion, das Christentum und die Religion unserer Vorfahren. Die wir hoffentlich noch lange und mit großer Selbstverständlichkeit auch in ihrer Konfessionalität von katholisch und evangelisch ausüben dürfen.

Es ist schön zu wissen, dass die iro-schottischen Mönche Bonifatius, Lullus und Sturmius das Christentum zum Germanenstamm der Chatten gebracht haben. Ich schätze und liebe am Katholizismus das viele Schöne und Bunte, die Messgewänder und barocken Kirchen, das tiefe Vertrauen der Gläubigen in ihre Kirche.  Deshalb freue ich mich über meine katholischen Freunde aus dem oberen Kinzigtal, die heut hier sind. Wir hören leider in dieser Zeit viel zu häufig zu welchen Unfrieden und Unglück Religion beiträgt, dabei ist und bleibt

Religiosität letztlich nichts anderes, als unser Glaube an Gott und die Mitmenschlichkeit, Humanität von uns Menschen.

Auch der feste Glaube an das viele Gute, zu dem Menschen fähig, durch Glaube und Religion fähig sind.

R wie Ruhe und Gelassenheit durch den Glauben.

E wie Ernst des Lebens, dem Bruder des Spaßes, und was auch nicht mit Angst oder Stress übersetzt werden muss, vielleicht mit Verantwortung, Gewissen und Dienst an sich selbst und für andere.

E wie Empathie, also Einfühlungsvermögen und Mitgefühl für andere, auch ganz viel Empfindlichkeit und Sensibilität für die Ängste, Sorgen und Nöte von Freunden und Mitmenschen.

E wie Erfolg, d.h. dem Glück des Tüchtigen oder dem Lohn der Anstrengung.

I wie Information, die richtigen, korrekten Information, keine fake news, keine alternativen Fakten oder gepostete Lügen, Schmähungen, Diskriminierungen, Unwahrheiten und Mobbing über uns oder von uns über andere.

I wie Interesse am Leben, an den Mitmenschen, am eigenen Ich und natürlich Interesse am Du, auch Interesse am Glauben

H wie Himmel auf Erden und den religiösen Himmel als ewige Heimat, H wie Heimat, den Ort und den Platz, die Region, die Menschen und deren Liebe und Freundschaft, wo man herkommt, der uns Sicherheit, Schutz und Segen schenkt, wo wir uns geborgen fühlen.

H wie Hilfe und Unterstützung, die wir bekommen, wenn sie nötig ist.

H wie Hölle, die wir hoffentlich nicht erleben müssen. Halten wir uns besser fern von bösen Menschen und schlechten, totalitären Ideen.

H wie Hoffnung, die große Schwester des Glaubens und der Liebe. Unsere Hoffnung ist stärker als der Tod und sie stirbt nicht zuletzt, weil sie durch die Liebe immer wieder Kraft bekommt. Auch der Glaube an Jesus Christus schenkt immer wieder Hoffnung.

E wie Europa, das unsere Zukunft ist in Freiheit, Sicherheit und in Gemeinschaft.

E wie Evangelium von Jesus Christus und E wie evangelisch.

Dies Evangelium macht frei und gibt Kraft im Leben und Sterben. Jesus Christus liebt uns und erlöst uns, das sagt schon unsere Religion, das Evangelisch-Sein.

I wie international, tolerant und offen, aber auch informiert und I wie Ich, das auch Sich selber mag und I wie Ich und Du. Wir leben nicht alleine und sehen den gleichen Himmel über uns und die gleiche Erde gehört allen.

Zum Schluss: T wie Treue, Trost, Traum und Toleranz .

Zur Freiheit eines Christen heißt es auch treu, zuverlässig, geduldig zu sein und von tiefem Vertrauen in andere getragen zu werden. Treue ist die ausdauernde Form der Liebe.

T wie Trost durch Worte, Hände und Gesten, wenn ihr traurig sind. Auch das Wissen und die Erfahrung, dass Gott uns tröstet wie ein Vater oder eine Mutter trösten.

T wie Traum vom Leben, weil das Leben schön, einmalig und wunderbar ist und der Traum vom Glück viel näher ist als wir denken.

T wie Toleranz und Miteinander, auch mit Andersdenkenden, Andersgläubigen und ich dadurch im Idealfall Respekt schenke und erfahre und in einer weltoffen Gesellschaft leben darf. Und das Wissen, dass  die Freiheit,  die ich habe und leben darf auch immer die Freiheit der Andersdenkenden ist. (Rosa Luxemburg)

 

Jesus Christus spricht:

Und ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen. (Johannes 8,32)

Ja, das Wort Gottes macht frei, von innen und nach außen.

Und darum geht’s beim christlichen Glauben.

Wahrheit und Freiheit in und durch Jesus Christus.

Amen.

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